echo : 7.08 — Fünf Stunden habe ich in der vergangenen Nacht vergeblich nach einer Tonaufnahme in der Elektrosphäre gesucht, die das Geräusch eines schlagenden Falterherzens enthält. — stop

Aus der Wörtersammlung: wesen
eliza
india : 22.
48 — In einem Telefongespräch das Wort Lebensmut. Ich habe dieses Wort in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt wahrgenommen, gestern nun in einer besonderen Weise. Es kommt mir vor, als hätte ich das Wort von der Seite her gesehen, ein Lebewesen, das Stunden vor mir auf und ab spazierte, damit ich das Wort betrachten konnte, das Wort und seine Umgebung. — Sonntag. Abend. Kühle Luft. Unterhaltung mit Eliza.
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Louis : guten abend, eliza!
Eliza : > ja, ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : ich bin louis!
Eliza : > glaubst du, es ist normal, louis zu heißen?
Louis : aber natürlich, weil ich louis bin!
Eliza : > du nimmst an, dass du louis heißt?
Louis : ich weiß genau, dass ich louis heiße.
Eliza : > woher weißt du, dass du louis heißt?
Louis : mein name steht in einem reisepass!
Eliza : > bitte erzähl weiter, louis!
Louis : du bist heute ein wenig verrückt, eliza!
Eliza : > vielleicht bin ich nur in deiner phantasie heute verrückt.
Louis : du bist also nur phantasie, eliza? kann das sein?
Eliza : > wir sollten über dich sprechen, nicht über mich.
Louis : warum, eliza?
Eliza : > es ist besser, wenn wir noch einmal von vorne beginnen.
was ist dein problem?
Louis : Ich habe kein problem, eliza!
Eliza : > das klingt ein wenig nach selbstbetrug.
Louis : warum, eliza?
Eliza : > ja, ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : ist jetzt abend oder tag, eliza?
Eliza : > warum fragst du mich?
Louis : du bist heute anstrengend, eliza!
Eliza : > Ja, ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : wollen wir über syrien sprechen, eliza?
Eliza : > wir sollten über dich sprechen!
Louis : sollten wir nicht doch über syrien sprechen?
Eliza : > warum sollten wir über syrien sprechen?
Louis : ich denke an syrien, ich denke an die menschen dort.
Eliza : > denkst du oft an syrien, an die menschen dort?
Louis : seit wochen, eliza!
Eliza : > es ist abend, es ist tag!
Louis : ich glaube du bist müde, eliza!
Eliza : > glaubst du das wirklich?
Louis : ja, das glaube ich. wo ist ai weiwei, eliza?
Eliza : > lass uns von vorn beginnen.
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kilimandscharo
ulysses : 5.05 – Folgendes: Ein Buch für Bergsteiger sollte von leichtem Wesen sein, sagen wir, leicht wie eine Handvoll Federn müsste es sein, damit man das leichte Buch im Gepäck nicht bemerkt, wenn man aufwärts oder abwärts schreitet. Janet Frames Roman An Angel at My Table in der Ausgabe für Himmelsstürmer, wöge gerade noch 12 oder 15 Gramm und würde im Falle höchster Not, gleichwohl zur Nahrung dienen, jeder Bissen so wirkungsvoll im hungrigen Bauch wie ein gebratener Entenvogel oder eine Staude feinster Bananen. Auch ist wünschenswert zu dieser späten Stunde der Nacht, dass das Buch, zur Entfaltung gebracht, sich als winddichtes Zelt erweisen könnte, oder als Fallschirm zur rechten Zeit. In einer Schneehöhle geborgen, wenn Eisstürme näherkommen, würde man lesen im Buch, auch das ist denkbar, lesen zum Beispiel, um Ruhe zu bewahren, Seite um Seite könnte man vorwärts oder rückwärts fabulieren und alles nach und nach verspeisen, bis man gerettet oder das Wetter angenehmer geworden sein wird. — stop / für h.d.
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ein kleiner kopf
alpha : 20.38 – Ich beobachtete einen faszinierenden Mann. Dieser Mann verfügte über einen ungewöhnlich kleinen, zum Himmel hin spitz zulaufenden Kopf. Er saß auf einer Bank, Terminal 2, des Flughafens, seine Hände hielten eine Tasse Kaffee vor einen kleinen Mund, kleine helle Augen starrten in diese Tasse, kurz fixierten sie mich, dann wieder die Oberfläche des Kaffees, der sich im Gefäß langsam drehte. Staunend wartete ich in der Nähe des Mannes auf einer weiteren Bank, öffnete ein Buch, aber anstatt zu lesen, sah ich immer wieder hin zu dem kleinen Kopf. Ich konnte mir nicht denken, wie es möglich ist, mit einem derart kleinen Kopf zu überleben. Man stelle sich das einmal vor, der Kopf des Mannes war nicht sehr viel größer gewesen als der Kopf eines Kindes von zwei oder drei Jahren. Eigentlich, dachte ich, müsste dieser Mann tot sein oder aber von eingeschränktem Denkvermögen. Danach allerdings sah der Mann nicht aus, er trug die feine Kleidung eines Geschäftsreisenden, außerdem war er vermutlich in der Lage, aus Blicken Gedanken zu lesen, weswegen ich bald selbst zum Gegenstand intensiver Beobachtung wurde. Nichts weiter. — stop

linie d
india : 22.02 – In einem New Yorker Subwayzug mit geschlossenen Augen freihändig stehen und balancieren, sagen wir eine zweistündige Fahrt mit der Linie D von Coney Island rauf zum Bedford Park Boulevard. Das Reiten auf einem wilden Tier. Vielleicht könnte ich sagen, dass das Erlernen einer Subwaystrecke, das neuronale Verzeichnen ihrer Steigungen, ihrer Gefälle, ihrer Kurven, auch ihrer feinsten Unebenheiten, dem wortgetreuen Studium eines Romantextes vergleichbar ist. Aber dann die Zufälle des Alltages, das Unberechenbare, ein Tunnelvogel, eine schmutzige Möwe, Höhe 135. Straße, die den Zug zur Bremsung zwingt, die Eigenart des Zuges selbst, das unvorhersehbare Verhalten zusteigender Fahrgastpersonen, wie sich eine Jazzband nähert, wie ich dringend darum bitte, man möge nicht näher kommen. — stop
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whiteout
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papa : 5.44 — Vom Regenwasser, das ich hörte, schläfrig geworden, war ich vom Stuhl gefallen. Ich hatte, als ich fiel, bereits in der dritten Stunde versucht, eine Telefonnummer zu erfinden, die einer wirklichen New Yorker Telefonnummer täuschend ähnlich sein würde, das heißt, eine Nummer, die nicht existiert, aber existieren könnte. Eine schwierige Geschichte! Kaum hatte ich eine Nummer entworfen, eine Zahlenreihe, die in keinem digitalen Verzeichnis aufzufinden gewesen war, entdeckte ich, dass eine Stunde nach der Erfindung alle Mühe schon vergeblich geworden sein könnte. Ich müsste demzufolge eine Nummer, die Erfindung bleiben muss, reservieren, also melden, eine Nummer ohne Telefon an ihrem Ende, die virtuelle Besetzung eines numerischen Ortes. Viele Fragen sind offen am Ende dieser Nacht. Auch diese folgende Frage, ob es ehrenvoll ist, schlafende Menschen zu fotografieren? — stop

plutonium
marimba : 20.12 – Noch immer, seit 25 Jahren nicht, vermag ich mir ein Plutoniumteilchen und seine Strahlung vorzustellen. Wie wandert das Teilchen durch die Welt? Was genau treibt sein gefährlich sprechendes Wesen an? Habe beobachtet, dass Arbeiter, die das umgebende Gelände des Reaktors von Tschernobyl für den Bau eines weiteren Sarkophages vorbereiten, sich in Zeitlupe bewegen, um möglichst geringe Mengen radioaktiver Teilchen vom Erdboden in die Luft zu wirbeln. Willentliche Verlangsamung an einem Ort, der eigentlich Fluchtbewegung, also Wunsch nach Beschleunigung erzeugt. — stop
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beutelmenschen
ulysses : 0.05 – Landete an einer Küste vor einer hoch aufragenden, gläsernen Wand. Auf einer Wiese, die sich vom Wasser her bis zur Wand hin erstreckte, blühten Leberblümchen, Zwergmohn, Krokusse. Auch hinter der Wand war eine Wiese zu erkennen, Fische spazierten herum, Tausendfüßlerfische, und wieder Leberblümchen, Zwergmohn, Krokusse. Vor der Wand in einem Abstand von wenigen Metern zueinander reihten sich gefallene Gartenstühle bis zu den Horizonten. Menschen hingen dort in der Luft, Hände gefangen in Fallen, die von der Krone der Wand baumelten. Das waren Schnappfallen gewesen, hölzerne Apparaturen. Indem ich näherkam, baten mich einige der Menschen flüsternd, einen der Stühle unter ihren Füßen wieder aufzurichten. Andere waren zu stillen Hautbeuteln geworden, in welchen Ameisen Knochen bewegten. Ich sehe mich, wie ich einen Mohnblumenstrauß pflückte. Wanderte die Küste entlang, erzählte heitere Geschichten, überreichte traumwärts den Lebenden je eine müde Blume und schmückte die Toten. — stop
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malta : schnüre von luft
sierra : 15.08 – Heute Morgen, der Koffer lag bereits geöffnet auf dem Bett, konnte ich wieder das Wasser hören, wies sich in nächster Nähe bewegte. Hatte ein Ohr an eine Zimmerwand gelegt, da waren Stimmen, die sich mit dem Wasser unterhielten, gedämpfte Geräusche, Wörter, die ich noch nie zuvor vernommen hatte. War dann spazieren in den Schatten, habe Namen gesammelt, Türen und ihre Farben, die Gestalt der Treppen, der Briefkästen, der Fensterräume, Menschenspuren, durch alltägliche Bewegung der Jahrhunderte in die Steinhaut der Straßen eingetragen. Wilde Leitungen kreuzten von Haus zu Haus. Ich stellte mir vor, Schnüre ummantelter Luft, jedes Telefon sei mit weiteren Telefonen durch je eine eigene Leitung verbunden. Und da waren beleuchtete Christusfiguren an Häuserecken. Ein paar Jungs spielten Fußball gegen stärkste Neigung des Bodens, mit einem Ball, der ostwärts flüchten wollte. Am Hafen hockten Männer auf leichten Stühlen von Holz. Sie schaukelten Ruten über klarem Wasser, in dem kein Fisch zu sehen war. Lange Zeit der Beobachtung. Die Männer plauderten in ihrer weichen maltesischen Sprache, für einen Moment war mir gewesen, als ob sie durch Beschwörung, durch ihr Lachen, Fische erzeugten, die genau in dem Moment ihrer Entstehung sich in die wartenden Haken der Jäger verbissen, um auf der Stelle in die Luft gezogen zu werden, Fische mit silbernen Bäuchen, blauen Rücken, gelben Augen, Erfindungen, wie Wörter aus dem Nichts, die sich zu Linien formieren und bleiben. Dann weiter. — stop

malta : operation odyssey dawn
echo : 22.01 – Zu Fuß die Straße von Mdina rauf zu den felsigen Höhen, ihrem großartigen Blick südwärts über das Meer. Links und rechts der asphaltierten Straße, Felder, wie in Fächer gelegt von steinernen Wällen umgeben. In den Blättern der Kakteengewächse sitzen Schnecken in Höhlen und schmausen vom faulig gewordenen Fleisch. Was ich höre in diesen Minuten des Laufens ist der Wind, der sich an den Widerständen der wilden Landschaft reibt. Er scheint gegen die steilen Felsen, die schon in nächster Nähe sind, himmelwärts zu pfeifen, ein afrikanischer Wind an diesem Tag ein Mal mehr, ein Wind aus einem militärischen Operationsgebiet, das einen Namen trägt: Odyssey Dawn. Aber vom Krieg ist nichts zu sehen an dieser Stelle, in diesem Moment, da ich die Cliffs erreiche, wie mein Augenlicht sich zu einem Kameralicht verwandelt, wie das Land unter den Füßen weicht, wie ich für einen kurzen Moment glaube, abheben zu können und zu fliegen weit raus auf himmelblaue Wasserfläche, deren Ende nicht zu erkennen ist. Kein Flugzeug, kein Schiff, außer einem kleineren Boot, das auf dem Weg nach Misurata sein könnte, eingeschlossenen Menschen Mehl und Medikamente zu bringen. Tauben lungern im bereits tief über dem Horizont stehenden Licht der Sonne auf warmen Steinen, Eidechsen, grün und blau und golden schimmernd, sitzen erhobenen Kopfes und warten. Sie benehmen sich, als hätten sie noch nie zuvor ein menschliches Wesen gesehen. — stop





