Aus der Wörtersammlung: wesen

///

wintermütze

2

kili­man­dscha­ro : 8.55 — Seit Tagen fra­ge ich mich, wel­chen Anblick ich dar­ge­bo­ten haben könn­te, nar­ko­ti­siert, ich, Lou­is, über vier Stun­den Zeit im chir­ur­gi­schen Saal auf einem Tisch. Habe ich gespro­chen? Habe ich mich aus eige­ner Kraft bewegt? Wenn ich sage: Mei­ne schla­fen­den Augen, spre­che ich von Augen, die ich nie gese­hen habe. Kann mich an den Moment des Schla­fens nicht erin­nern, als ob die­ser Moment nie exis­tier­te. Möch­te bald mei­nen, unter Nar­ko­se unsicht­bar gewor­den zu sein. Statt­des­sen war ich sicht­bar, wie ich zuvor nie sicht­bar gewe­sen bin. Mein Ellen­bo­gen, von meh­re­ren Sei­ten her geöff­net, aus­ge­leuch­tet, dar­ge­legt. Einer der Chir­ur­gen, die ope­rier­ten, erzähl­te, man habe, sobald Kap­sel, Bän­der, Mus­keln, Seh­nen sor­tiert und genäht wor­den waren, alle übli­chen Bewe­gun­gen eines Ellen­bo­gen­ge­lenks erfolg­reich aus­pro­biert, ich sol­le mir kei­ne Gedan­ken machen, ich kön­ne bald wie­der schrei­ben von Hand, essen, mei­ne Win­ter­müt­ze auf­set­zen. Im Janu­ar spä­tes­tens das beid­hän­di­ge Wer­fen schwe­rer Kof­fer üben. — stop

///

nachtsegeln

pic

echo : 10.15 – Das Nacht­se­geln auf dem Bauch, rück­lings bald, in Sei­ten­la­gen, immer wie­der von einem Arm geweckt, der sich in der Abwe­sen­heit des Schla­fen­den in einen Schiffs­mast ver­wan­delt, in eine Schmerz­trom­pe­te ande­rer­seits, die einen Faden von Wach­heit in den Rei­sen­den spielt. Wie ich bald müde am Früh­stücks­tisch sit­ze. Eine Tas­se Kaf­fee, eine Bre­zel, ein Glas Milch, und mein Arm, aus­ge­packt, das ver­letz­te Wesen, mit dem ich eine Unter­hal­tung füh­re: Wir müs­sen gedul­dig sein, du und ich, wir wer­den das schon schau­keln! Da ist ein Knis­tern, sobald ich mei­nen Arm sacht bewe­ge, ein unbe­kann­tes Gefühl. Wider­stän­de in jede Rich­tung. Irgend­et­was scheint sich in mei­nem Arm nie­der­ge­las­sen zu haben, das ihn auf Posi­ti­on 90° fest­hal­ten möch­te. Erstaun­lich. stop. Zehn Uhr elf in Hama, Syri­en. — stop

ping

///

fasankino

2

tan­go : 0.02 — Ges­tern, Diens­tag, ist Ilse Aichin­ger 90 Jah­re alt gewor­den. Ich erin­ner­te mich an einen Text, den ich vor eini­ger Zeit bereits auf­ge­schrie­ben habe. Der Text scheint noch immer nah zu sein, wes­halb ich ihn an die­ser Stel­le wie­der­ho­len möch­te. Ich betrach­te­te damals, als ich den Text notier­te, eine Film­do­ku­men­ta­ti­on. Es war ein frü­her Mor­gen und ich fuhr in einem Zug. Immer wie­der spul­te ich, Zei­chen für Zei­chen ver­mer­kend, was ich hör­te, den Film zurück, um kein Wort des gespro­che­nen Tex­tes zu ver­lie­ren oder zu ver­dre­hen. Und so kam es, dass auch Ilse Aichin­ger, von einem unru­hi­gen Gelei­se geschüt­telt, immer wie­der auf dem hand­tel­ler­gro­ßen Bild­schirm unter spa­zie­ren­den Men­schen vor mir auf­tauch­te, indem sie von ihrer Kino­lei­den­schaft erzähl­te: Wenn ich mich recht erin­ne­re, hör­te ich in mei­ner frü­hen Kind­heit eine älte­re Frau zu einer ande­ren sagen: – Es soll jetzt Ton­fil­me geben. – Das war ein rät­sel­haf­ter Satz. Und es war einer von den ganz weni­gen rät­sel­haf­ten Sät­zen der Erwach­se­nen, die mich nicht los­lie­ßen. Eini­ge Jah­re spä­ter, ich ging schon zur Schu­le, sag­te die jüngs­te Schwes­ter mei­ner Mut­ter, wenn wir an den Sonn­ta­gen zu mei­ner Groß­mutter gin­gen, bei der sie leb­te, fast regel­mä­ßig am spä­ten Nach­mit­tag: > Ich glau­be, ich gehe jetzt ins Kino. < Sie war Pia­nis­tin, unter­rich­te­te für kur­ze Zeit an der Musik­aka­de­mie in Wien und übte lang und lei­den­schaft­lich, aber sie unter­brach alles, um in ihr Kino zu gehen. Ihr Kino war das Fasan­ki­no. Es war fast immer das Fasan­ki­no, in das sie ging. Sie kam frös­telnd nach Hau­se und erklär­te meis­tens, es hät­te gezo­gen und man kön­ne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasan­ki­no nicht, und sie hol­te sich dort nicht den Tod. Den hol­te sie sich, und der hol­te sie gemein­sam mit mei­ner Groß­mutter im Ver­nich­tungs­la­ger Minsk, in das sie depor­tiert wur­den. Es wäre bes­ser gewe­sen, sie hät­te ihn sich im Fasan­ki­no geholt, denn sie lieb­te es. Aber man hat kei­ne Wahl, was ich nicht nur bezüg­lich des Todes, son­dern auch bezüg­lich der Aus­wahl der Fil­me zuwei­len bedaue­re, wenn mei­ne liebs­ten Fil­me plötz­lich aus den Kino­pro­gram­men ver­schwin­den. Obwohl ich es ger­ne wäre, bin ich lei­der kei­ne Cine­as­tin, son­dern gehe sechs oder sie­ben­mal in den­sel­ben Film, wenn in die­sem Film Schnee fällt oder wenn die Land­schaf­ten von Eng­land oder Neu­eng­land auf­tau­chen oder die von Frank­reich, denen ich fast eben­so zuge­neigt bin. Ilse Aichin­ger: Mitschrift

///

alpenregen

2

echo

~ : oe som
to : lou­is
sub­ject : ALPENREGEN
date : okt 31 11 10.52 p.m.

Bes­ten Dank, lie­ber Lou­is, für das fei­ne Ton­ma­te­ri­al, das Du uns gesen­det hast. Wir haben Dei­ne Alpen­re­gen­ge­räu­sche am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag zu Noe in die Tie­fe über­mit­telt. Gro­ße Freu­de! Gleich­wohl sehnt Noe sich nach wie vor eine Uhr her­bei, die wir ihm lei­der nicht gewäh­ren kön­nen. Es ist nun fol­gen­des gesche­hen. Noe press­te, viel­leicht zunächst ohne einen Vor­satz, sei­ne rech­te Hand gegen die Innen­sei­te sei­nes Tau­cher­an­zu­ges und konn­te in die­ser Wei­se Pul­se erspü­ren. Von die­sem Moment an zähl­te Noe die Schlä­ge sei­nes Her­zens, er zähl­te bis er die Zahl 70 erreich­te, eine Minu­te Zeit, seit zwei Tagen immer­zu der­sel­be Pro­zess der Zäh­lung mit lau­ter Stim­me, eine Demons­tra­ti­on sei­ner Wil­lens­stär­ke, die uns nach und nach unheim­lich wird, Noe, eine Uhr, auch schla­fend, däm­mernd, träu­mend, eine Uhr, ver­dammt, ich war mehr­fach ver­sucht gewe­sen, Noes Mikro­phon aus­zu­schal­ten, Ruhe an Bord, eine Gewalt­tat, die Bewe­gung eines klei­nen Fin­gers nur, Stil­le, und doch nicht Stil­le, weil ich die Fort­set­zung des Zäh­lens in der Tie­fe anneh­men müss­te, ein­und­fünf­zig, zwei­und­fünf­zig, drei­und­fünf­zig. Kurz nach 10 Uhr, eis­kal­te Nacht, auf­kom­men­der Wind von Nord­west, wir haben schwe­ren See­gang zu erwar­ten. Dein OE SOM – Ahoi!

gesen­det am
31.10.2011
1166 zeichen

oe som to louis »

ping

///

papierlicht

2

marim­ba : 14.08 — Die Beob­ach­tung, dass ein Gedan­ke, sobald ich ihn wahr­neh­men kann, immer bereits voll­stän­dig anwe­send ist. Nie ver­mag ich einen Gedan­ken zu betrach­ten, wie er lang­sam, nach und nach, Wort für Wort, Zei­chen für Zei­chen, erscheint. Es denkt sich, blitzt, sagen wir, nahe Licht­ge­schwin­dig­keit vor­wärts, die Wahr­neh­mung eines Gedan­kens, sein Echo, voll­zieht sich dage­gen zögernd, behut­sam, hörend, also mit­tels gehei­mer Ohren im Kopf. – Ob es mög­lich ist, die Zeit lang­sa­mer ver­ge­hen zu las­sen, indem ich mich zu ihr ver­hal­te, wie ein Domp­teur zu einem Löwen? Zei­chen für Zei­chen eine Geschich­te notie­ren, bis die­se Geschich­te zu Ende geschrie­ben sein wird im Jahr 2517 oder im Jahr 2518 viel­leicht. Nebel­son­ne. Papier­licht. — stop

///

vorwinterzeit : beobachtung in der warenwelt

9

india: 12.05 — Ein wesent­li­ches Merk­mal, das in der Waren­welt eine ver­kau­fen­de Per­son von einer ein­kau­fen­den Per­son unter­schei­det, scheint die Art und Wei­se zu sein, mit Stof­fen, zum Bei­spiel, mit Win­ter­pull­overn umzu­ge­hen. Die einen, jene, die hin­zu­ge­tre­ten sind, weil sie sich, in Ahnung des Win­ters, einen Pull­over wünsch­ten, ent­fal­ten und ver­rü­cken, was ande­re, jene, die schon da gewe­sen sind, weil sie hier arbei­ten, geord­net, das heißt, gefal­tet haben und getürmt. Weil zwi­schen die­sen sich offen­sicht­lich ent­ge­gen­wir­ken­den Per­so­nen­grup­pen ein Gefäl­le besteht, [die einen sind zahl­reich, die ande­ren nicht], han­delt es sich sowohl bei der Fal­tung, als auch bei der Sor­tie­rung der Ware nach Grö­ße, um einen sehr ernst zu neh­men­den und zeit­auf­wen­di­gen Vor­gang. Aus die­sem Grund ins­be­son­de­re scheint der Zustand der fal­tend sor­tie­ren­den Per­so­nen ein sta­tio­nä­rer Zustand zu sein, wäh­rend jene ande­ren ent­fal­ten­den Per­so­nen, Unord­nung sozu­sa­gen im Vor­über­kom­men pro­du­zie­ren. Die­ser gera­de eben erwähn­te Pro­duk­ti­ons­vor­gang ist nun genau genom­men ein Akt der Zer­stö­rung oder aber beschleu­nig­ter Entro­pie. Zer­stört wird, was vor­aus­ge­setzt, was erwar­tet ist, Über­sicht­lich­keit, sagen wir, Bere­chen­bar­keit und Kon­zen­tra­ti­on. Alle roten Pull­over, Kasch­mir­wol­le, lie­gen süd­lich syn­the­ti­scher Model­le von blau­er Far­be auf dem Aus­la­ge­tisch. Weil die einen im Vor­über­ge­hen zer­stö­ren, was die ande­ren mit Lie­be oder pflicht­ge­mäß errich­tet haben, sind letz­te­re weder glück­lich noch zufrie­den, übli­cher­wei­se viel­mehr von einer vor­aus­ah­nen­den Mor­gen­wut oder von einem gut ver­ständ­li­chen Abend­zorn besetzt. — stop

ping

///

sekundenzeit

9

india : 10.01 — Ich habe eine lus­ti­ge Geschich­te mit mir selbst erlebt. Ich stand in einem Gar­ten am spä­ten Abend und ver­such­te, indem ich mich kon­zen­trier­te, die Umris­se mei­nes Kör­pers wahr­zu­neh­men, nicht die Umris­se einer bestimm­ten, einer aus­ge­wähl­ten Regi­on mei­nes Kör­pers, son­dern die Umris­se mei­nes Kör­pers ins­ge­samt. Plötz­lich mein­te ich, mich in einem Film zu befin­den, einem Film, der sich sehr lang­sam beweg­te, mit einem Bild pro Jahr­hun­dert, sagen wir, sodass ich mich nicht erin­nern konn­te, über­haupt schon ein­mal in Bewe­gung gewe­sen zu sein. Auch der wol­ken­lo­se Him­mel über mir hat­te sich noch nie zuvor bewegt, und die gefro­re­nen Blät­ter der Bäu­me und ihre Nacht­schat­ten. Wie ich in die­ser Wei­se ver­harr­te und mich in die Vor­stel­lung der Bewe­gungs­lo­sig­keit ver­tief­te, für einen Moment der Ein­druck, Minu­ten­zeit wahr­neh­men zu kön­nen. — stop

ping

///

coleoptera rasura

2

tan­go : 10.12 — Eine zier­li­che Frau von hohem Alter. Sie schob einen Roll­wa­gen vor sich her, auf dem zwei Kof­fer ruh­ten. Ele­gan­te Klei­dung, sand­far­ben, leich­te Som­mer­schu­he, links in der Hand eine Tasche von gel­bem Leder, der ein Kabel ent­kam, das ein paar Kopf­hö­rer und ein Mikro­fon mit einem Tele­fon ver­band. Das Tele­fon war nicht sicht­bar gewe­sen, aber die Frau sprach in das Mikro­fon, das sich in der Nähe ihres Mun­des befand, als wür­de sie tele­fo­nie­ren. Hin und wie­der blieb sie ste­hen, ihre wei­ßen Hän­de flat­tern dann in der Luft her­um, als woll­te sie zur Unter­stüt­zung ihrer Zun­ge mit Fin­gern arti­ku­lie­ren. Ich ver­such­te, sie anzu­spre­chen, zu grü­ßen, ihr nahe­zu­kom­men, um hören zu kön­nen, in wel­cher Spra­che sie kor­re­spon­dier­te. Ich sage Euch, sie flüs­ter­te unbe­kann­te Wör­ter. Ein­mal öff­ne­te sie einen ihrer Kof­fer. Sie gab mir ein Zei­chen, ich knie­te nie­der. In dem Kof­fer hock­ten Käfer in Fächern, zwei Käfer je in einem Fach. Ihre Kör­per waren von der Far­be und Zeich­nung der Bruyè­re­höl­zer gewe­sen, und sie brumm­ten, viel­leicht des­halb, weil an der Stel­le, da sich übli­cher­wei­se Käfer­zan­gen befin­den, knö­cher­ne Trom­meln in rasen­der Geschwin­dig­keit rotier­ten. Gegen Vier­tel nach zwei Uhr erwacht. Wol­ken­lo­ser Him­mel, Ster­ne, eis­kal­te Luft nahe der Ber­ge über dem Dach. — stop

///

radiusköpfchen

2

echo : 10.18 — Neh­men wir ein­mal an, ich wäre nachts über eine däm­mern­de Kat­ze gestol­pert, wäre eine Trep­pe hin­un­ter­ge­stürzt, unsanft gelan­det, ich hät­te mir viel­leicht den Arm gebro­chen, und zwar den rech­ten in sei­ner Beu­ge, das Ellen­bo­gen­ge­lenk, Radi­us­köpf­chen zer­trüm­mert, Bän­der geris­sen, Mus­keln, im geschwol­le­nen Gewe­be suchen­de Struk­tu­ren. Bald Über­land­fahrt ins Hos­pi­tal, Minu­ten­schlaf im grel­len Licht einer chir­ur­gi­schen Ambu­lanz, vier Stun­den Zeit in Abwe­sen­heit, das Unter­su­chen, Beu­gen, Dre­hen, Zer­ren, Sägen, Boh­ren, Fei­len, Dis­ku­tie­ren, Nähen, ich hör­te, ich spür­te nichts. Wie ich, es ist Mit­tag gewor­den, mit mei­nem Namen von Fer­ne her geru­fen wer­de, Geis­ter­stim­men, Geis­ter­hän­de. Das stren­ge Kor­sett von dun­kel­blau­er Far­be, in dem der kran­ke Arm gebor­gen liegt in einer grü­ßen­den Hal­tung. Sand­au­gen­mü­dig­keit der Mor­phi­ne. Die Bewe­gung der Fin­ger, die mich glück­lich macht, einer nach dem ande­ren Fin­ger spür­bar, aber mei­ne Nase, mein Mund uner­reich­bar plötz­lich wie die Ober­flä­che des Mon­des. — stop

///

PRÄPARIERSAAL : periskop

9

echo : 8.15 — Zur Win­ter­zeit mit einer jun­gen Frau, einer Male­rin, in einem bota­ni­schen Gar­ten spa­ziert. Sie erzähl­te von ers­ten Beob­ach­tun­gen im Prä­pa­rier­saal. Ihre lei­se Stim­me, tief, die hel­le Wölk­chen in der eis­kal­ten Luft erzeug­te. Und ein Blick, wenn sie mich ansah, der wie durch ein Seh­rohr zu kom­men schien. Auf dem Dach eines Glas­schau­hau­ses balan­cier­te ein Mann mit einer Schau­fel. Schwä­ne klap­per­ten Schnä­bel durch knie­ho­hen Schnee. Ent­deck­te eine Notiz, die sie mir weni­ge Wochen spä­ter über­mit­telt hat­te, weil ihr Kopf nach unse­rem Spa­zier­gang wei­ter­hin ana­to­mi­sche Sät­ze erzeug­te. Ein Aus­schnitt. Sophie schreibt: > Was ich sah, war Cha­os. Merk­wür­digs­te, fremd­ar­ti­ge For­men auf Tischen, die von Stu­die­ren­den bewegt wur­den. Es war absto­ßend und ängs­ti­gend. Ich dach­te dar­an, dass dies ein­mal Men­schen gewe­sen waren. Dann aber wur­den in mei­nen Gedan­ken aus jenen gewe­se­nen Men­schen Kör­per, und es wur­de mög­lich, das, was ich sah, mit Begrif­fen zu ver­se­hen. Ganz mecha­nisch sag­te ich Bezeich­nun­gen für Kör­per­tei­le, die ich iden­ti­fi­zie­ren konn­te, vor mich hin. Ich glau­be, dass sich in die­sem Moment mei­ne Emo­tio­na­li­tät von mei­nem Intel­lekt trenn­te und sich irgend­wo – sicher vor wei­te­ren Ein­drü­cken – ver­steck­te. Und ich war erleich­tert, zu sehen, dass das Geheim­nis des Todes ein Geheim­nis geblie­ben war. Ich beob­ach­te­te mit Ver­stand. Trotz­dem sah ich tief aus mir selbst her­aus. Ich wan­der­te zwi­schen Lei­chen umher, die von wei­ßen Kit­teln umringt waren, wie in einer Bla­se, die mich schütz­te, und doch war ich sehr zer­brech­lich. In der Mit­te der Kör­per, dort wo nor­ma­ler­wei­se der Bauch ist, war jeweils ein Loch zu sehen. Neu­gie­rig gewor­den, muss­te ich näher an die toten Kör­per her­an­tre­ten. Ich sah das vie­le Fleisch, gel­be fet­ti­ge Far­be unter farb­lo­ser Haut. Ich war über­haupt über­rascht von der Farb­lo­sig­keit der Kör­per und stell­te fest, wie wenig Mensch­li­ches, wie wenig Per­sön­li­ches noch an ihnen zu erken­nen gewe­sen war. Obwohl ich die­sen Ort besuch­te, um zu zeich­nen, hat­te ich bei mei­nen ers­ten Besu­chen weder Papier noch Blei­stift dabei. Ich woll­te zunächst nur sehen. — stop



ping

ping