Aus der Wörtersammlung: wort

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kalkutta

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echo : 0.25 UTC — Ein­mal woll­te ich nach Kal­kut­ta rei­sen. Ich dach­te, das ist jetzt eine beschlos­se­ne Sache. Ich mach­te mich unver­züg­lich an die Vor­be­rei­tung mei­ner Rei­se: Kof­fer, Regen­schirm, Aus­weis, Apo­the­ke, Imp­fun­gen, Notiz­bü­cher, Schreib­ma­schi­ne, Foto­ap­pa­ra­te, Flug hin und zurück, Hotel­zim­mer, Stadt­plan, Lite­ra­tur, Son­nen­hut. Weni­ge Tage spä­ter erreich­te mich ein ers­tes Paket des Doku­men­tar­films Phan­tom Indi­en von Lou­is Mal­le. Ich las, der Film habe ins­ge­samt eine Spiel­zeit von 6 Stun­den und 3 Minu­ten. Solan­ge Zeit, stell­te ich mir vor, könn­te eine Fahrt quer durch Kal­kut­ta mit dem Taxi dau­ern. Es ist nun über­haupt die Fra­ge, wie lan­ge Zeit soll­te ich mich mit der Vor­be­rei­tung mei­ner Rei­se nach Kal­kut­ta beschäf­ti­gen? — Lan­ge Zeit in der ver­gan­ge­nen Nacht das nord­ame­ri­ka­ni­sche Fern­se­hen beob­ach­tet. Wie man sich in den Wor­ten, wenn man sie spürt, fin­den kann, kann man sich im Rau­schen rasen­der Wor­te ver­lie­ren. — stop
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nachgang

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hima­la­ya : 23.07 UTC — So wenig wie mög­lich spre­chen hin­ter der Mas­ke hin­ter dem Häub­chen im Zelt vor Nase und Mund. Nur so viel spre­chen, wie ich mer­ken kann, dass ich abends sagen könn­te, davon habe ich gespro­chen, davon habe ich berich­tet, die­ses habe ich geant­wor­tet, und davon habe ich nicht erzählt. Bemer­ken also auch, was nicht zur Spra­che gebracht, aber gedacht wur­de, still sein, Stil­le, obwohl Lau­te, Luft, Wind mög­lich gewe­sen wären im Zelt. — stop

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am telefon abends

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del­ta : 0.25 UTC — Vor lan­ger Zeit habe ich eine lus­ti­ge Geschich­te erlebt. In die­ser Geschich­te kom­men ein Mäd­chen vor, die Mut­ter des Mäd­chens, die mei­ne Schwes­ter ist, ein Tele­fon, ein Foto­ap­pa­rat, außer­dem ein Fahr­rad, das pink ist und ich. Die Geschich­te ereig­ne­te sich abends. Das Mäd­chen rief mich an. Sie sag­te ihren Namen und dann erzähl­te sie ein­fach dar­auf los, zum Bei­spiel, dass sie ein Fahr­rad besit­ze, das pink­far­ben ist, und dass sie mit dem Fahr­rad schon allei­ne her­um­fah­ren kön­ne, ohne umzu­fal­len, und zwar durch den Wald. Plötz­lich spricht sie nicht mehr, es ist still, aber ich höre sie atmen. Ich den­ke noch: Vor weni­gen Mona­ten konn­te sie nicht so gut erzäh­len, wie rasend schnell das geht, dass sich die Wör­ter for­mie­ren. Das Mäd­chen erzähl­te jetzt in gan­zen Sät­zen, es scheint so zu sein, dass sie nun, da sie über gan­ze Sät­ze ver­fü­gen kann, end­lich alle ihre Geschich­ten sofort erzäh­len möch­te. Eine hel­le, fröh­li­che Stim­me. Aber dann doch die­se selt­sa­me Stil­le am Tele­fon, nur ihr Atem. Ich fra­ge: Bist Du noch dran? Hal­lo! Kannst Du mich hören? Aber das Mäd­chen ant­wor­tet nicht. Immer noch ihr Atmen. Nach einer Minu­te plötz­lich wie­der ihre Stim­me. Ich erfah­re, dass ihre Mut­ter sie gera­de foto­gra­fiert, wie sie mit mir tele­fo­niert. Ich sage: Das freut mich. Wun­der­bar, wir wer­den foto­gra­fiert, Du und ich, ich bin in dem Tele­fon. Wie­der Stil­le. Eine Pau­se. Eine sehr kur­ze Pau­se. Sagt das Mäd­chen: Quatsch mit Soße. — Ges­tern, es war Abend, als mich ein Freund anrief. Er sag­te: Du klingst sehr nah an mei­nem Ohr. Trägst Du eine Mas­ke? Wir soll­ten einen Schritt zurück­tre­ten! — stop
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fred im zug

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sier­ra : 22.32 UTC — Im Zug, es war Sams­tag, saßen nur weni­ge Men­schen. Sie tru­gen alle eine Mas­ke vor Mund und Nase. Ein selt­sa­mer, berüh­ren­der Anblick. Gera­de des­halb, weil sie schlie­fen, wirk­ten sie ver­letz­lich. Wie ich lang­sam an den Schla­fen­den vor­über­ging, die Ver­su­chung je einer Foto­gra­fie. Plötz­lich dach­te ich an den Posau­nis­ten Fred Wes­ley: Wie geht es Dir, Fred? Ich erin­ner­te mich so im Gehen an eine Nacht vor Jah­ren, da ich Fred Wes­ley mit­tels eines Film­do­ku­ments so lan­ge beob­ach­tet hat­te, bis ich der fes­ten Über­zeu­gung gewe­sen sein konn­te, eine Posau­ne habe auf Fred Wes­leys Schul­ter wie ein Tier Platz genom­men, sie habe den kor­pu­len­ten, alten Herrn sozu­sa­gen okku­piert:  Fun­ky! Fun­ky! Mit Fred Wes­ley ist das hof­fent­lich noch immer so: Er bewegt sich geschmei­dig und ele­gant, er scheint zu tan­zen, selbst dann noch, wenn er reg­los, wie schein­bar ange­hal­ten, für Sekun­den vor einem Mikro­fon ver­harrt. Ich hat­te damals den Ver­dacht, der alte Posau­nist ver­fü­ge über die Fähig­keit, außer­ge­wöhn­lich lan­ge Zeit die Luft anzu­hal­ten. Des­halb notier­te ich unver­züg­lich fol­gen­de E‑Mail: Sehr geehr­ter Mr. Wes­ley, es ist Mit­ter­nacht in Euro­pa. Ich hei­ße Lou­is, und ich wüss­te ger­ne, wo Sie sich gera­de befin­den, weil ich ein Gespräch mit Ihnen zu füh­ren wün­sche über das Anhal­ten der Luft und die­se Din­ge, die einem Posau­nis­ten, wie sie einer sind, viel­leicht außer­or­dent­lich gut gelin­gen. Ges­tern auf dem Weg von einem Zim­mer in ein ande­res Zim­mer, wäre ich um Haa­res­brei­te umge­fal­len, weil mir schwin­de­lig wur­de, weil ich kurz zuvor eine Minu­te und eine hal­be Minu­te nicht geat­met hat­te. Ich fra­ge mich, ob ich viel­leicht etwas falsch gemacht haben könn­te. Wie trai­nie­re ich am bes­ten und was sind sinn­vol­le Zie­le, die ein Mensch in die­sem Sport errei­chen kann, ohne sein Leben aufs Spiel zu set­zen? Soll ich mir eine Posau­ne kau­fen? Wie auch immer, ver­ehr­ter Mr. Wes­ley, ich wäre Ihnen dank­bar, wenn Sie mir recht bald ant­wor­ten wür­den, damit ich sogleich mit mei­nen Übun­gen fort­fah­ren kann. Ihr Lou­is — stop
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eine flasche gin

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nord­pol : 0.18 UTC — Wes­halb Georg jene selt­sa­me Geschich­te, die er mir unlängst erzähl­te, gera­de jetzt in die­sen Tagen träum­te, da er ängst­lich in der Welt her­um­spa­ziert wie vie­le von uns, wird viel­leicht nie­man­den wirk­lich wun­dern. Im Traum näm­lich war Georg krank gewor­den vom Virus, vor dem er seit Wochen flüch­tet. Er war im Hos­pi­tal gewe­sen, konn­te kaum noch atmen, saß schweiß­nass im Bett. Da trat eine Ärz­tin in sein Zim­mer. Sie hielt eine Fla­sche Gin in der Hand. Sie war wirk­lich sehr höf­lich. Sie sag­te, er sol­le die Fla­sche unver­züg­lich lee­ren, das hel­fe, sag­te sie, die ame­ri­ka­ni­sche Metho­de. Georg ant­wor­te­te, er flüs­ter­te, dass er seit über zwan­zig Jah­ren kei­nen Alko­hol getrun­ken habe, das wür­de ihn nun doch ganz sicher unter die Erde brin­gen. Er wach­te, Gott sei Dank, bald auf. Georg war betrun­ken. Aber das war nicht wirk­lich der Fall, es war eine Ver­mu­tung, wes­halb unver­züg­lich not­wen­dig gewor­den war, den auf­rech­ten Gang zu pro­bie­ren, wes­halb Georg in die Küche spa­zier­te, das Fens­ter öff­ne­te, um nach den Vögeln zu sehen. Dann rief er mich an, um mir sei­ne Geschich­te zu erzäh­len. — stop

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polio

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echo : 15.08 UTC — Nach Alko­hol bit­ter duf­ten­de Wol­ke, Erin­ne­rung einer Turn­hal­le mit höl­zer­nem Boden, vor Klet­ter­sei­len Tische, hin­ter wel­chen Leh­rer hock­ten. Sie führ­ten Namens­lis­ten, und jene wei­te­ren Per­so­nen in wei­ßen Kit­teln, die nicht bekannt gewe­sen waren, berei­te­ten den Impf­stoff vor, der uns, wir waren Kin­der, vor Polio schüt­zen soll­te, vor der Läh­mung unse­rer Bei­ne, unse­rer Arme, vor eiser­nen Lun­gen und vor den schreck­li­chen Krü­cken aus Metall oder Holz. Ich erin­ne­re mich an einen dun­kel­braun gefärb­ten Trop­fen, der auf einen Zucker­wür­fel fällt. Wir albern her­um, eine wogen­de, kichern­de Schlan­ge von Kin­dern in Som­mer­kleid­chen und Som­mer­ho­sen. Sehr ernst, der Moment, da sich der Löf­fel nähert. Zucker. Bit­ter. Süß. Das Schlu­cken. Es war kurz vor der Zeit der Kar­tof­fel­feu­er. Gestor­ben ist damals nie­mand, nicht an Polio. Heu­te, da ich begin­ne Phil­lip Roth Roman Neme­sis zu lesen, war die­ses selt­sa­mes Wort mei­ner Kind­heit wie­der gegen­wär­tig gewor­den. — stop

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missing flamingos

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sier­ra : 22.58 — Sanf­te Frau­en­stim­me spricht: Ach­tung! Hal­ten Sie 1 Meter 50 Abstand. Mei­den Sie Men­schen­an­samm­lun­gen! In der Hal­le, indes­sen kein Mensch zu sehen, kein Kof­fer, kein Hund, kei­ne Kat­ze, aber Mäu­se, ein gutes Dut­zend Mäu­se, die über den spie­geln­den Mar­mor­bo­den flitz­ten, als hät­ten sie Schlitt­schu­he an ihren Füßen. Ich war die ein­zi­ge mensch­li­che Per­son an einem Ort, der ver­mut­lich nie ohne Men­schen gewe­sen ist. Ich erin­ne­re mich, selbst inmit­ten der Nacht habe ich im Ter­mi­nal immer­zu flüs­tern­de Men­schen wahr­ge­nom­men, auch Schla­fen­de auf Sitz­bän­ken oder Stüh­len der Cafés. Nun war Stil­le, kein Traum wur­de erzählt. Sel­ten ein­mal das Geräusch sich bewe­gen­der Zei­chen auf einer Anzei­ge­ta­fel. Aus Neu­see­land kom­mend soll­te Minu­ten spä­ter ein Flug­zeug lan­den, ein Hin­weis wie ein letz­ter Reflex. Jene über den spie­geln­den Boden dahin­glei­ten­den Mäu­se jedoch, unbe­irrt, ob sie sich wun­der­ten über die­se eine war­ten­de Per­son im Saal, die ich selbst gewe­sen war in einem Moment des Notie­rens auf mei­ner fla­chen Schreib­ma­schi­ne? Wie ich sie ver­miss­te, Steh­schlä­fer, mei­ne Steh­schlä­fer, wel­che nicht Vögel sind, Fla­min­gos, sagen wir, nein, Steh­schlä­fer, die Men­schen sind, gegen­wär­ti­ge Per­so­nen, die sich, soll­ten sie ein­mal zurück­keh­ren, genau so ver­hal­ten wer­den, wie das Wort, das sie bezeich­net: Sie schla­fen im Ste­hen. — stop

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im zug

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vic­to­ry : 22.02 – Ich habe mich auf den Weg gemacht durch mei­ne Stadt. Ich dach­te noch, Du wirst die­se Stadt spa­zie­ren, ohne sie zu berüh­ren, mit Dei­nen Hän­den, kei­nen Men­schen berüh­ren, kei­ne Stra­ßen­bahn, kei­ne Häu­ser­wand, kei­ne Kaf­fee­tas­se, kei­nen Knopf, kei­ne Gelän­der. Mit die­ser Vor­stel­lung im Kopf ging ich los, Hän­de in den Hosen­ta­schen. Schon ein­mal habe ich so etwas ver­sucht, da war es nur ein Spiel, in einem New Yor­ker Sub­way­zug mit geschlos­se­nen Augen frei­hän­dig zu ste­hen und zu balan­cie­ren, sagen wir eine zwei­stün­di­ge Fahrt mit der Linie D von Coney Island rauf zum Bedford Park Bou­le­vard. Das Rei­ten auf einem wil­den Tier. Viel­leicht könn­te ich sagen, dass das Erler­nen einer Sub­waystre­cke, das neu­ro­na­le Ver­zeich­nen ihrer Stei­gun­gen, ihrer Gefäl­le, ihrer Kur­ven, auch ihrer feins­ten Uneben­hei­ten, dem wort­ge­treu­en Stu­di­um eines Roman­tex­tes ver­gleich­bar ist. Aber dann die Zufäl­le des All­ta­ges, das nicht bere­chen­ba­re, ein Tun­nel­vo­gel, eine schmut­zi­ge Möwe, Höhe 135. Stra­ße, die den Zug zur Brem­sung zwingt, Eigen­ar­ten des Zuges selbst, das unvor­her­seh­ba­re Ver­hal­ten zustei­gen­der Fahr­gast­per­so­nen, eine Jazz­band, wie ich drin­gend dar­um bit­te, man möge nicht näher kom­men. — stop
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