ginkgo : 20.58 — Palmengarten. Die Sonne geht gegen sechs Uhr unter, Enten gehen schlafen. Der Schirm ihrer Augen, der sich regelmäßig öffnet, als würden sich in ihren kleinen Köpfen Halbschalen von Perlmutthaut langsam drehen. Gehen und Kommen, Wiederholung, Rhythmus, Radare. Transferierte in der Dämmerung handschriftliche Texte aus Notizbüchern in die Schreibmaschine, das kann man jetzt drucken, die Bewegung der Subwayzüge, die sich in den Zeichen zur Unleserlichkeit fortsetzte, verschwunden. — Wie sprechen, wie erzählen? — Erinnerte mich an den Moment, da ich erfahren habe, dass Buckelwale zur Paarungszeit über eine Sprache verfügen, die einfachen menschlichen Sprachen ähnlich ist. Seither, von Zeit zu Zeit, die Wiederholung der Frage, was ich unter einer einfachen menschlichen Sprache verstehen sollte, die atemlose Sprache der Lust vielleicht oder die Sprache der Chaträume? Ob eine dieser menschlichen Sprachen vielleicht geeignet wäre, sich mittels einer Prozedur der Übersetzung von Wal zu Mensch zu verständigen? Wir könnten uns vom Land und von der Tiefsee erzählen. Eine grandiose Vorstellung, auf hoher See Luft perlend vor einem Wal zu schweben und zu warten und zu wissen, dass er gleich, nach ein wenig Denkzeit, zu mir sprechen wird. Etwas also sagen oder singen, das nur für mich bestimmt ist. Vielleicht eine weitere Frage: Wie heißt Du, mein Freund? — Oder: Ich hörte von Bäumen!
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Aus der Wörtersammlung: chat
ventilatorpocken
nordpol : 9.16 — Dämmerung des Morgens. In den blaugrauen Schatten der Häuserspitzen, die sich über Kreuzungen bewegen, scheint die Zeit schneller zu werden. Ein Waschbär hastet Richtung Central Park geduckt der Bordsteinkante entlang. Am siamesischen Hydranten hält er kurz an, trinkt, dreht sich immer wieder nach mir um, unsicher vielleicht, weil er bemerkte, dass ich ihm folge durch die Seewindluft, die noch kühl ist von der Nacht. Das Rauschen der Ventilatorpocken an den Häuserwänden, sanft. Vereinzeltes Hupen. Eine Minutengeschichte im Warten auf Uwe Johnsons Wörterlicht, die Sohle der Lexington Avenue noch verschattet. — stop
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manhattan — bellevue hospital
alpha : 14.15 — Auf einer Bank im Schatten kühlender Bäume gleich neben dem Bellevue Hospital sitzt ein alter Mann in einem blau und weiß gestreiften Pyjama. Er versucht eine Mineralwasserflasche zu öffnen, schimpft vor sich hin in dieser schweren Arbeit, sagt, dass das doch nicht möglich sei, warum sich das verdammte Ding nicht öffnen ließe, er habe die Flasche vor einer Stunde noch selbst zugedreht. Ein graues Eichhörnchen hockt auf mächtigen Hinterbeinen neben ihm, beobachtet die Hände des alten Mannes, bleibt auch dann ganz still, als ich mich nähere und meine Hilfe anbiete. — Ein angenehmer Nachmittag, die Luft ist etwas kühler geworden und trocken, ein leichter Wind raschelt in den Bäumen, die so alt zu sein scheinen, dass der Schriftsteller Malcolm Lowry sich an ihren Stämmen festgehalten haben könnte, damals, im Jahr 1936, als er schwer alkoholsüchtig in enger werdenden Kreisen auf das Krankenhaus zustürzte, um in einem Tage währenden Delirium, Wale über den East River fliegen zu sehen. Der Dichter, der Trinker auf hoher See. Bellevue war in Lowry’s Kopf zu einem Schiff geworden, dessen Planken unter ihm ächzten, in den Stürmen, die sein armes Gehirn durchleben musste, in Fieberschüben, unter den schwitzenden Händen der Matrosenärzte, die ihn an sein Bett fesselten. Und wie er dann selbst, oder jene Figur, die Malcolm Lowry in seiner großartigen Erzählung Lunar Caustic gegen das Alkoholungetüm antreten lässt, nach Wochen der Abstinenz aufrecht und leichtfüßig gehend durch den Haupteingang des Hospitals wieder festen Boden betritt, schon die nächste Flasche Absinth vor Augen hier am East River, an einem Tag wie diesem Tag vor langer, langer Zeit.
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lexingtonlineparticle
echo : 2.32 — Subway 86 St., Linie 4, spätester Abend: Menschenstille. Aber das Brausen tausender Ventilatoren, die kühle Luft durch blecherne Arterien blasen. Eine Rolltreppe, einsam quietschend, selbstgenügsames Wesen. Und das Wasser, woher, an den Wänden. Hier muss nicht geatmet werden, solange der Boden bebt von der Erwartung des Zuges. Man hört ihn schon von weit her kommen, dumpfe, pochende Erschütterung. Und wenn er dann hereinfliegt aus den Schatten, das rote, das gelbe, das blaue Zahlenauge. Luft zischt, Menschen treten hervor oder bleiben. Jede Kammer, jeder Waggon, hinter jedem Fenster, eine eigene, einzigartige Versammlung lebender Geschichten. stop. Wie sich die Türen schließen. stop. Wie man verschwindet. — stop

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india : 16.23 — n a s e n r a c h e n
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juli 14
romeo : 22.38 — Stunde um Stunde auf Fährschiffen zwischen Staten Island und der südlichen Spitze Manhattans hin und her. Ein schaukelnder Ort. Ein Ort, der im Moment meiner ersten Begegnung schon vertraut gewesen war, als ob ich vor langer Zeit geboren wurde auf einer der brummenden Bänke, ein früher Blick, Schatten riesiger Möwen hinter Scheiben, auf welchen Salzkristalle funkelten, der Klang der Nebelhörner, und wieder oder immer noch seither dieser rote Ball, den die Bewegung des Meeres über das untere Deck der Fähre spielt. Heiß und stickig, der Tag meiner Notiz, auch über der Upper Bay ruhte bewegungslos die Luft, bereit zu sinken. Lungerte mit Reiseschreibmaschine auf den Knien hechelnd, Luvseite, herum und wartete. — stop

gespräch
india : 4.18 — Wie in die Leere, die ein geliebter Mensch im Leben hinterlässt, nach und nach tröstend erzählte Geschichten fließen, feinstes Gewebe, Licht und Schatten, eine Stimme aus den Stimmen, Land. — stop
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fliegende berge
india : 2.24 — Im Schlaf eine interessante Erfahrung der Zeit. Das war gestern, nachdem ich mir vorgenommen hatte, eine Zugfahrt nach Montauk zu träumen. Stattdessen, feine Sache, träumte ich, Stanisław Lem habe mir einen Brief geschrieben. Und weil ich die kleine Geschichte nun ganz genau erzählen möchte, muss ich an dieser Stelle notieren, dass Herr Lem im Nachtgeschehen keinen unmittelbaren Kontakt aufzunehmen vermochte, dass vielmehr ein geheimnisvolles Büro den ersten und einzigen Buchstaben einer Nachricht mit dem Hinweis übermittelte, ich müsse mich fortan gedulden, da die Zeit der jenseits Lebenden sehr viel langsamer vergehen würde, als die Zeit der diesseits lebenden Menschen. Mit einem weiteren Zeichen, einem zweiten Zeichen des Briefes, sei im Juni, und zwar doch im Juni des laufenden Jahres, zu rechnen. Ich wachte dann auf und war fröhlich und machte mich unverzüglich an die Beobachtung eines Nachrichtenschattens, den fliegende vulkanische Mikrogebirge derzeit über Europa erzeugen. – Abwarten. stop. Teetrinken. — stop
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feuerblume
marimba : 6.28 — Kurz nach Mitternacht. Hunderte gestrandeter Menschen liegen, Flughafenterminal 2, auf Feldbetten, schlafen unter grauen Decken, still, als seien sie ohne Träume, bewegungslos, verpuppt. Saß auf einer Bank in nächster Nähe, wartete, notierte: Die Augen der Papiertierchen befinden sich im Zentrum ihrer Körperscheibe, eines erhaben aufwärts, das andere erhaben abwärts gerichtet. Licht und Schatten, Bewegung und Stillstand, so ist ihre Welt beschaffen. stop – Nie werden diese Augen sehen, was ich in vergangenen Stunden mit menschlichen Augen auf dem Bildschirm meines Computers beobachtete. Fotografien einer Feuerblume aus dem Eis, ihr tiefschwarzer Atem, das Blut der Erde, ursprünglichste Kraft. — Bleibt noch, mit den Winden zu sprechen.

coltrane coltrane
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : COLTRANE COLTRANE
Ich habe von Ihnen geträumt, mein lieber Kekkola, gestern habe ich von Ihnen geträumt. Kein Wunder, wenn man so viele Tage an einen Menschen denkt und wartet und wartet, dann füllen sich die Nächte mit den Schatten der Wachtraumgedanken. Sie sammelten blaue Beeren im Schnee. Und da war ein Fisch mit Flügeln, er lag still zu Ihren Füßen und dampfte. Nachmittags, jenseits meines Traumes, habe ich mit einer Versorgungsstation im Bear Mt. State Park telefoniert. Man sagte mir, dass Schnee bisher nicht gefallen sei. Von Ihnen hatte man auch nichts gehört. Man wird nun meine Bitte um einen Anruf an Sie weitergeben, sobald Sie dort eingetroffen. Nur für den Fall, Jonathan, dass Sie nicht in der Lage sein sollten, zu lesen, was ich notiere. Darf ich Ihnen sagen, dass ich ein sehr feines Weihnachtsgeschenk für Sie ersteigern konnte. Eine seltene Liveaufnahme John Coltrane’s aus den 60er-Jahren. Halten Sie die Ohren steif, mein Lieber. Ich freu mich, Sie in Zeiten der Kirschbaumblüte wiederzusehen. – Ihr Louis.
gesendet am
10.12.2009
22.58 MEZ
1072 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
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