nordpol : 0.02 — Oder aber ich hebe meinen Blick vom Bildschirm meiner Schreibmaschine. Ich beobachte wiederum in einem Nachtzug reisend einen Film, der vom Überleben in der Stadt Aleppo erzählt. Plötzlich glaube ich zu erkennen, wie ein Mann im Zug mit einer Pistole um sich schießt. Menschen flüchten und fallen um. Ich werde in die Schulter getroffen, und ich denke noch, ich sollte wütend werden, es wäre gut, wenn man ein Löwe zu werden wünscht, wütend zu sein. Einmal stehe ich auf, im Zug herrscht noch Frieden. Ein älterer Mann wirft in diesem Moment mit Wucht einen Blick auf mich: Bist Du gefährlich? Es ist kein angenehmer Blick, es ist ein kalter Blick, den man nicht befragen kann, weil man weiß, dass man keine korrekte Antwort erhalten würde. Auch so herum ist das also möglich. Seltsame Gedanken. — stop
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Aus der Wörtersammlung: gedanken
von libellen : von zikaden


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olimambo : 0.02 — Dass ich gut denken und erfinden kann, sobald ich Libellen beobachte oder von Libellen beobachtet werde, habe ich vor Jahren bereits bemerkt. Das ist möglicherweise so, weil Libellen sich in der Art und Weise der Gedanken selbst bewegen. Sie scheinen lange Zeit still in der Luft zu stehen und sind doch am Leben, was man daran erkennen kann, dass sie nicht zu Boden fallen. Etwas Zeit vergeht, wie immer. Und plötzlich haben sich die feinen Libellenraubtiere weiterbewegt. Sie sind von einer Sekunde zur nächsten Sekunde an einem anderen Ort angekommen. Genau so scheint es mit Gedanken zu sein. Sie springen weiter und machen neue Gedanken, ohne dass der Weg von da nach dort sichtbar oder spürbar geworden wäre. Irgendjemand müsste sofort Libellen erfinden, die Geräusche der Zikaden erzeugen, dann wär ich zufrieden. — stop

von den zwergseerosen
nordpol : 1.58 — Als ich R. fragte, wie häufig sie ihren Briefkasten besuchen würde, um nachzusehen, ob vielleicht Post für sie eingetroffen sei, dachte ich an Ágota Kristóf, die in einer Geschichte notierte: Meinen Briefkasten gehe ich zweimal täglich leeren. Um elf Uhr morgens und um siebzehn Uhr abends. Der Briefträger kommt normalerweise früher vorbei, morgens zwischen neun und elf, das ist sehr unregelmäßig, und nachmittags gegen sechzehn Uhr. Ich gehe immer so spät wie möglich nachsehen, um sicher zu sein, dass er schon dagewesen ist, sonst würde der leere Briefkasten falsche Hoffnungen in mir wecken und ich würde mir sagen: „Vielleicht war er noch nicht da“, und dann müsste ich später noch mal runtergehen. — R. hörte zu. Kurz darauf erzählte sie, dass sie persönlich überhaupt keinen wirklichen Briefkasten haben würde, aber ein Postfach, und dieses Postfach besuche sie nur einmal in der Woche, weil es für tägliche Besuche viel zu weit entfernt sei, sie müsse durch die halbe Stadt fahren, um ihr Postfach zu erreichen, das sei genau so geplant, ein Postfach in großer Entfernung. Auch E‑Mail würde sie nicht mehr beantworten, oder nur selten, man könne ihr zwar schreiben, aber man dürfe nicht erwarten, dass man eine wirkliche Antwort erhalten würde, immerhin empfange man eine Notiz sofort, nachdem man ihr geschrieben habe, die erwähne, niemand könne sicher sein, dass sie die gerade gesendete Nachricht jemals lesen würde, es sei aber immerhin möglich. Als ich R. zum letzten Mal sah, hatte sie gerade erfolgreich den Versuch unternommen, Zwergseerosen auf dem Rücken ihres rechten Unterarmes anzusiedeln. Das war im Herbst des vergangenen Jahres gewesen, ich konnte R.s Hautgewächse deutlich erkennen, sie blühten in weißer Farbe, ich meinte, einen feinen Duft vernehmen zu können, und machte mir ein paar sorgenvolle Gedanken der Seerosenwurzeln wegen, ihrer Tiefe. — stop

von marienkäfern und wodka
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tango : 2.00 — Vor drei Wochen entdeckte ich in einem Münchener Antiquariat ein schweres Notizbuch DIN A3, in welches ein Mann, der für einige Monate in einem Bergwald lebte, mit winzigen Schriftzeichen Beobachtungen, Erlebnisse, Gedanken verzeichnete. Es muss zur Sommerzeit gewesen sein, das Jahr der Aufzeichnungen wurde nicht vermerkt, auch nicht der volle Name des Mannes, nur sein Vorname, der war Ludwig. Das Dokument umfasst beinahe siebenhundert Seiten, es scheint mehrfach feucht geworden zu sein, da und dort sind zwischen den Blättern getrocknete Wiesenblumen zu finden, die mittels des Buchgewichtes präpariert worden waren, auch habe ich mehrere Ameisen vollkommen leblos aufgefunden, sowie Marienkäfer, die den Anschein erweckten, als würden sie gerade noch versucht haben, auf und davonzufliegen, als sie von einer Buchseite, die umgeblättert wurde, gefangen genommen wurden. Was war es gewesen, das den Mann in den Wald lockte? Vielleicht die Stille und das wunderbare Licht der Höhe? An einem Julitag, es war der 5., folgender Eintrag: Höhe 1258 m. Kein Wind, keine Wolke am Himmel. Ich sitze und beobachte Schafe, wie sie unter mir über eine Wiese spazieren. Wunderbare Geräusche der kleinen Halsglocken. Zum Wodka ist mir heute Morgen eingefallen, dass Menschen existieren, die Wodka bevorzugt in Mineralwasserflaschen füllen. Es handelt sich hierbei um einen Vorgang der Verkleidung oder des Verheimlichens. Der Wodka ist versteckt, obwohl er sichtbar ist. Das eigentliche Versteck ist die Methode der Behauptung, etwas anderes zu sein. Ähnlich verhält es sich mit Mixturen, die üblicherweise an Arbeitsplätzen zur Anwendung kommen. Eine Thermoskanne ist Aufenthaltsort einer guten Begründung, diese Begründung besteht aus der Flüssigkeit des Kaffees. In diese Begründung ist das Eigentliche, der Cognac, eingewickelt. — stop
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minutenzeitung
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himalaya : 5.16 — Gestern erzählte Mutter, nein, nein, sie lese keineswegs langsamer durch ihre morgendliche Zeitung als früher noch, vielmehr seien die Zeitungen selbst schwerer, das heißt, umfangreicher oder dicker geworden. Das könne niemand mehr lesen, jeden Tag eine neue dicke Zeitung. Ich dachte, man müsste einmal die Zeit anhalten, sagen wir für zwei oder drei Monate. Alles würde zitternd stillstehen auf unserer Erdkugel, allein Journalistinnen und Journalisten wären noch beweglich. Sie reisen nun herum, betrachteten fünf Minuten Zeit weltweit, die sich überall so lange wiederholt, bis sie von Sprache und Fotografie erfasst sein wird. In einem Flüchtlingslager hält eine Großmutter ein gerade geborenes Kind aus einem Zelt heraus, der Vater kippt etwas Regenwasser über den kleinen rosafarbenen Leib, und schon sind fünf Minuten Zeit vergangen und das Kind wieder in den Leib der Mutter zurückgekehrt. Als das Kind unverzüglich erneut geboren wird, sind drei weitere Fotografen vor das Zelt getreten, um das Kind zu fotografieren, wie es von seinem Vater gewaschen wird. In Oslo stoßen zwei Straßenbahnen so lange gegeneinander, bis endlich über sie berichtet wird. Auf Neuseeland, nahe Parapara, fällt ein Kind von einem Baum, Minutenweise klettert es wieder hinauf und fällt wieder zu Boden, ehe ein Reporter vorüber kommen wird, um vielleicht gerade noch rechtzeitig das Kind aufzufangen. Auch die alte Martha will bemerkt werden, sie hat wieder einmal ein paar Matchboxautos verschluckt in London im Kaufhaus bei Harrods. Eine umfangreiche Zeitung könnte entstehen, eine Weltzeitung von 5 Minuten Zeit, die von zehntausenden Journalisten notiert wurde, die wie Wanderameisen Blätter, Wörter, Gedanken, Fotografien sammelten, um zu erzählen, was der Fall ist. – Fünf Uhr sechzehn in Idomeni, Griechenland. – stop
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herzhaut
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victory : 0.55 — Ein griechischer Minister soll geäußert haben, sein Land sei doch kein Lagerort menschlicher Seelen. In der Zeitung, die von diesem Ereignis berichtete, waren auf einer Fotografie Fernsehkameras und eben ein kleiner, runder Herr zu sehen, der im Moment der Aufnahme zu sprechen schien. Tatsächlich würde der Ausdruck seines Gesichtes sich gut seinem dokumentierten Gedanken fügen, der in der Bildunterschrift verzeichnet ist, ein wenig Wut dort, Empörung, gleichwohl eine Traurigkeit, die nahe der Wahrnehmung tausender Rettungswesten, die an griechischen Stränden liegen, wohltuend authentisch wirkt. Erinnerte mich an einen Satz, den Thomas Bernhard einer Kamera erzählte: Das, was niemand sieht, das hat einen Sinn aufzuschreiben. Aber zunächst ist alles noch gut sichtbar. Menschen sitzen in einem Bus, vor dem Bus tobt eine dunkle Menschenkopfwolke, die giftige Wörter spukt. Reisegenuss in gelber Leuchtschrift, wie eine Verhöhnung, ist an der Kopfseite des Busses anstatt einer Zielangabe zu lesen, wo Clausnitz stehen könnte. Einen Tag später wird der Versuch unternommen, Schuldlast in den Bus zu verschieben, es werde, sagt ein Polizeioffizier, auch gegen Geflüchtete ermittelt. Wenn man nun lange genug sprechen und schreiben wird in den Räumen der Bewegung, wird das Gewünschte zur wirklichen Wirklichkeit werden. Es ist zum Fürchten, wie früher, alles noch da, der harte Blick auf Menschen in Not, auf Menschen mit Koffern in der Hand. — stop

ai : IRAN

MENSCH IN GEFAHR: „Der Oberste Gerichtshof des Irans hat das Todesurteil von Mohammad Ali Taheri im Dezember 2015 aufgehoben und seinen Fall zur weiteren Untersuchung zurück an das Revolutionsgericht verwiesen. Er befindet sich nun seit mehr als vier Jahren in Einzelhaft und ist in den Hungerstreik getreten. / Mohammad Ali Taheri ist am 30. Januar in den Hungerstreik getreten, nachdem ihm Angehörige des Gefängnispersonals in dem den Revolutionsgarden unterstellten Trakt 2A des Evin-Gefängnisses in Teheran gesagt hatten, dass “er sich den Gedanken, er würde freigelassen, aus dem Kopf schlagen soll”. Nach sieben Tagen Hungerstreik verlor er das Bewusstsein und wurde in ein Krankenhaus verlegt. Am 10. Februar brachte man ihn zurück in das Gefängnis. Trotz seines schlechten gesundheitlichen Zustands setzte er seinen Hungerstreik fort. / Mohammad Ali Taheri befindet sich seit Mai 2011 in Einzelhaft. Ihm wird unter anderem die “Förderung von Verdorbenheit auf Erden” sowie die “Beleidigung islamischer Heiligkeiten” vorgeworfen. Für Letzteres verurteilte ihn ein Revolutionsgericht im Oktober 2011 zu fünf Jahren Gefängnis, während das Gericht im Fall der ersten Anklage die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen sah. Die Revolutionsgarden nahmen daraufhin ihre Ermittlungen wieder auf. In dieser Zeit wurde seine Untersuchungshaft, die er in Einzelhaft verbringt, mehrfach verlängert. Im Juli 2015 wurde Mohammad Ali Taheri schließlich wegen “Förderung von Verdorbenheit auf Erden” zum Tode verurteilt. Grund dafür war die Gründung der spirituellen Gruppe Erfan-e-Halgheh und seine spirituellen Lehren und Praktiken, die von den Behörden als “pervers” bezeichneten wurden und ihnen zufolge dazu dienten, einen “langsamen Umsturz” der Regierung durch die Schwächung der religiösen Überzeugungen der Menschen herbeizuführen. Im Dezember 2015 hob der Oberste Gerichtshof das Todesurteil auf und führte an, dass der Tatbestand der “Förderung von Verdorbenheit auf Erden” nach dem zum Zeitpunkt seiner Aktivitäten geltenden Recht nicht erfüllt worden sei. Der Fall wurde kürzlich zur Durchführung weiterer Ermittlungen, die zur Erhärtung des Vorwurfs führten könnten, wieder an die zuständigen Ermittlungsbehörden übergeben. Am 7. Februar 2016 wurde die fünfjährige Haftstrafe unter Berücksichtigung der noch immer andauernden Untersuchungshaft als verbüßt angesehen.“ — Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen, möglichst unverzüglich und nicht über den 30. März 2016 hinaus, unter > ai : urgent action
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5 Uhr 8
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echo : 5.08 — Ich komme niemals auf die Idee, Menschen, die wach sind, mittels meiner Gedanken anzusprechen, aber wenn sie schlafen, warum? — stop
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gedankenstimme
tango : 1.03 — Ein schlafender Mensch. Er schläft nun seit 132 Stunden ohne Unterbrechung. Maschinen schnurren und piepsen in seiner Nähe. Ich hatte die Vorstellung, der schlafende Mensch wäre vielleicht nicht in der Lage zu hören, wie ich laut aus einem Buch vorlese, ich dachte, dass er aber möglicherweise meine Gedanken empfangen könne, wenn ich lese und die Wörter, die ich lese, nicht spreche, sondern denke. Also lese ich wie immer, wenn ich ein Buch studiere, ich bewege nur meine Augen und meine Gedanken, meinen Mund bewege ich nicht. Und wie ich mich so beobachte, bemerke ich, dass ich die Wörter im Kopf so nachdrücklich denke, dass ich den Mund meiner Gedankenstimme zu spüren meine. — stop
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vordämmerungsbesuch
india : 5.16 — Wusste ich es doch, entgegen der Behauptung, Libellen flögen niemals in der Nacht umher, kam gerade vor einer Stunde noch eine Libelle durchs Fenster, stockfinster draußen, vielleicht hielt sie das Licht in meinem Zimmer für einen Tag, den zu besuchen lohnte. Es war so still zu dieser Stunde, dass ich zum ersten Mal hörte, wie es klingt, wenn Libellen in nächster Nähe fliegen, sie rauschen nämlich, während sie scheinbar bewegungslos in der Luft stehen. Ich habe früher schon einmal bemerkt, dass ich gut denken und erfinden kann, sobald ich Libellen beobachte. Das ist möglicherweise deshalb so, weil Libellen sich in der Art und Weise der Gedanken selbst bewegen. Sie scheinen lange Zeit still in der Luft zu stehen und sind doch am Leben, was man daran erkennen kann, dass sie nicht zu Boden fallen. Etwas Zeit vergeht, wie immer. Und plötzlich haben sich die feinen Libellenraubtiere weiterbewegt. Sie sind von einer Sekunde zur nächsten Sekunde an einem anderen Ort angekommen. Genau so scheint es mit Gedanken zu sein. Sie springen weiter und machen neue Gedanken, ohne dass der Weg von da nach dort sichtbar oder spürbar geworden wäre. — stop
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