papa : 02.08 — Ich beobachtete, dass ein kleiner Affe, sobald ich mich mit der linken Hand stoßartig von oben kommend näherte, diese linke Hand als einen Raubvogel betrachtete, vor dem er hupend und fauchend mit geblecktem Gebiss rückwärts über den Tisch gehend die Flucht ergriff, ohne sich an meiner rechten Hand zu stören, die in nächster Nähe mit seinen Sultaninen spielte. Derart gründlich habe ich mit meinen Händen auf dem Tisch das Jagen und Sammeln geübt, dass ich sie bisweilen als zwei separate Lebewesen betrachten kann. Wenn ich meine linke Hand mit meiner rechten Hand berühre, durchbreche ich einen Spiegel. Wenn ich sage, meine Hand ohne Haut, habe ich in meinem Kopf ein Bild zur Verfügung, das sich bewegen lässt. Wenn ich sage, meine schlafenden Hände, spreche ich von Händen, die ich nie gesehen habe. Gerade eben noch habe ich eine Apfelsine geschält. Während ich meine Hände beobachtete, wie sie geschickt die Kerne der Frucht voneinander trennten, ohne dass ich ihnen genauere Anweisungen geben musste, dachte ich darüber nach, wie viele Apfelsinen diese Hände in ihrem Leben bereits geschält haben könnten. — Drei Uhr zwölf in Kobani, Syria. — stop

Aus der Wörtersammlung: menschen
von zungenkäfern
sierra : 0.55 — Wenn man einen Zungenkäfer aus der Nähe betrachtet, wird man vielleicht staunend innehalten, wird sagen: Dieser Käfer, dieses vierflügelige Wesen, könnte kürzlich noch eine menschliche Zunge gewesen sein, sie scheint aus einem Mund herausgefallen zu sein. Sofort machen sich weitere Gedanken bemerkbar. Was wäre, wenn die Zunge heimlich im Mund eines Menschen zu einem Käfer wurde, der in einem günstigen Moment, eine sprachlose Person hinterlassend, das Weite suchte. Oder ist es vielleicht möglich, dass es sich bei der Gattung der Zungenkäfer um Erfindungen handelt, die nur deshalb existieren, weil man wünscht Zungen zu ernten. So genau wird es sein, denn Zungenkäfer, ich habe sie während der vergangenen Nacht eine Stunde lang eingehend beobachtet, sind nicht wirklich in der Lage, sich in die Luft zu erheben, zu flüchten, also in den Himmel aufzusteigen und auf und davonzufliegen. Sie liegen vielmehr auf dem Boden herum, oder auf einem Tisch, und brummen mit den Flügeln, die nicht größer als Flügel der Marienkäfer ausgestaltet sind. — stop

sidorno
london tube
echo : 6.50 — In einem Tunnel des Londoner U‑Bahnsystems kauerten Menschen auf dem Boden. Kaum Licht, eine düstere Szene, die ein unbekannter Fotograf aufgenommen hatte, Anfang der 40er-Jahre. Bretter waren über U‑Bahngeleise gelegt. In dieser Weise entstanden unter der Stadt Flächen, die Menschen begehen, auf welchen sie sitzen oder liegen konnten. Auch Kinder waren zu sehen, sie trugen Röcke, Schuluniformjacken und sehr kleine Schuhe. Auf einem Schaukelpferd saß ein Junge, der schon älter gewesen war. Er bewegte sich vielleicht in dem Moment der Aufnahme, weshalb er etwas unscharf wiedergegeben wurde. In seiner unmittelbaren Nähe lehnte eine junge Frau mit dem Rücken zur Wand, sie las in einem Buch oder war eingeschlafen. Ich erinnere mich, dass ich die Fotografie, die ich aus einer Zeitung geschnitten hatte, einmal mit einer Lupe betrachtete. Irgendwann hatte ich sie vergessen. Gestern Abend nun kehrte sie aus meinem Gedächtnis zurück. – Neun Uhr in Luhansk, Ukraine. Zehn Uhr in Mossul, Irak. stop

kleine anatomische geschichte
echo : 5.01 — Gestern ist mir wieder einmal etwa Seltsames mit mir selbst passiert. Ich beobachtete im Spiegel ein Augenlid, das flatterte. Ich war noch nicht lange wach gewesen. Als sich das Augenlid beruhigt hatte, bemerkte ich, dass auch ein kleiner Muskel an meiner linken Wange bebte und ich überlegte, welcher Muskel das genau sein könnte. In diesem Moment erinnerte ich mich an eine kleine Geschichte, die ich vor wenigen Jahren in einem Café erlebte. Eine Freundin saß mir gegenüber. Wir sprachen über dies und das. Plötzlich beschwerte sie sich, ich würde sie so seltsam ansehen. Tatsächlich hatte ich Bewegungen ihres Gesichtes beobachtet, in den Momenten genau, da sie sprach oder lachte. Es war ein unwillkürlicher Blick unter die Haut gewesen, ein sozusagen anatomischer Blick, der sie irritierte, ohne zu wissen, weshalb genau. Sie meinte, ich würde ihr nicht zuhören, sondern träumen. In diesem Moment wurde deutlich: Sobald ich einen Menschen in anatomischer Weise betrachte, wird mein Blick in den Augen des Betrachteten kein scharfer Blick sein, wie man vielleicht erwarten würde, sondern ein unscharfer Blick, eine Grenze überschreitend, fantasierend. — stop

wanda
delta : 0.18 — Wie Wanda gerade wieder einmal glücklich ist, weil ihm sein Freund Joseph ein Buch Peter Nadas’ schenkte, 1305 Seiten: Das Buch der Erinnerung. Wenn man das Buch in die Hand nimmt, wird man vermutlich sagen: Das ist ein schweres Buch. Das Papier scheint dünn zu sein, auch die Schatten der Buchstaben sind gut zu erkennen, so dünn sind die Seiten des Buches, dass das Licht sie zu durchdringen vermag. Wanda hat das sofort bemerkt. Seither nimmt er jede Seite, ehe er zu lesen beginnt, zärtlich zwischen seine Finger, fährt ihre Ränder entlang, legt kurz darauf ein Blatt Papier auf einen Tisch, der sein persönlicher Tisch ist, spitzt einen Bleistift und notiert einen weiteren Satz des Buches der Erinnerung. Winzige, wunderbare Schriftzeichen, akkurat gesetzt. Sobald Wanda am Ende des Satzes angekommen ist, hält er inne, um jedes niedergelegte Wort Zeichen für Zeichen zu prüfen: … hatte ich schon Budaörs erreicht, der Weg dorthin war lang, kurvenreich und dunkel gewesen, eine Art Steilpfad führte hinunter in die Ebene ein umgepflasterter Graben mit gefrorenen Wagenspuren, auf beiden Seiten das dichte Spalier hoch aufgeschossenen Gestrüpps … So arbeitet Wanda Stunde um Stunde voran, er beginnt am Morgen um kurz nach Acht, mittags schläft er von Eins bis Drei, Punkt sechs Uhr abends schließt er das Buch und löscht das Licht über dem Tisch. Vorsichtig verlässt er den Saal, er kann kaum noch sehen. Er sagt, er mache noch dieses eine Buch, aber das hat er schon oft gesagt, seinem letzten Buch folgte ein weiteres letztes Buch, das ihm Joseph schenkte. Joseph ist ein Guter unter den Menschen. Joseph sagt: Solange Du Bücher notierst, solange Du arbeitest, wird Dich niemand fragen ... — stop

ohne radioradar
nordpol : 1.55 — Eine stille Arbeitsnacht. Auf dem Tisch in der hölzernen Küche unter dem Dach stapeln sich Tonspulen, die ich nach Zeitpunkt der Aufnahme oder den Namen der Personen, die ich befragte, sortierte: Katinka 1 — 3. Vor wenigen Minuten war ich kurz eingeschlafen, ohne vom Stuhl zu fallen. Balance scheint möglich zu sein, oder ich habe nicht sehr tief geschlafen. Als ich erwachte, saß Esmeralda vor mir auf dem Tisch. Sie betrachtete mich. Ihre Fühleraugen bewegten sich äußerst langsam auf und ab. Dann setzte sie sich in Bewegung, wendete sich einer Banane zu, die auf dem Teller lag, dort schien sie bald eingeschlafen zu sein. Ich kann sie derzeit berühren, ihren schimmernden Leib, sie flüchtet nicht, sie ist kühl und sie riecht nach Eisen und Regen und etwas nach Salz. Gestern hatte ich mich wieder einmal gefragt, ob Esmeralda vielleicht in der Lage sei, zu hören. Ich machte mich sofort auf den Weg zum Computer, um nachzuforschen, ob Schnecken über ein Gehör verfügen. Dann klingelte das Telefon, eine Stunde später erinnerte ich mich, dass ich nach den Ohren der Schnecken fragen wollte. Heute aber ist eine solche Nacht, da ich nichts wissen will, auch nicht ob Esmeralda hören kann, wenn ich pfeife oder spreche. In meiner Nähe, sie schlafen vermutlich gerade, existieren Personen, die nichts ahnen vom Morden in der Ukraine, von Viren, die in Afrika Menschen befallen, von Flüchtlingen, die durch das Singschar — Gebirge irren. Sie lesen keine Zeitung, sie besitzen weder Radio noch Fernsehgerät, aber sie lesen Bücher, die sich immer sehr weit hinter der Jetztzeit bewegen. — stop
shanghai
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india : 6.52 — Haruki, der in einer kleinen europäischen Stadt zu Hause ist, erzählte eine Geschichte, die ich kaum glauben mochte. Schon sein Name schien seltsam zu sein. Er habe, sagte er, manchmal das Bedürfnis, mitten in der Nacht zu telefonieren. Nicht weil er fürchte, sterben zu wollen, sondern weil er glücklich sei, wenn er einfach nur los erzählen könne, wenn ihm seine Worte von einem aufmerksamen Ohr sozusagen aus dem Mund gezogen würden. Genau dieses Bild eines Ohres habe er vor Augen, sobald er sich an wunderbare Gelegenheiten erinnere, als er im Erzählen Geschichten entdeckte, die ihm ohne diese Art des Sprechens niemals eingefallen wären. Leider würde ihm inmitten der Nacht niemand mehr zuhören, Menschen, die er persönlich kenne, eilten längst nicht mehr ans Telefon, wenn er sich bei ihnen melde. Er habe deshalb andere, wildfremde Menschen angerufen, die sich bei ihm beschwerten, ob er denn noch bei Verstand sei. Das war der Grund gewesen, weswegen er vor wenigen Wochen damit begonnen habe, Rufnummern in Übersee zu kontaktieren. Es meldeten sich dort Menschen, die Haruki in englischer, französischer, chinesischer oder spanischer Sprache begrüßten. Sobald die Stimme eines Menschen hörbar wurde, begann Haruki zu erzählen. Er formulierte in einer so hohen Geschwindigkeit, dass er sich selbst kaum noch verstehen konnte. 15 Minuten, länger durfte ein Gespräch mit Shanghai nicht dauern. Manchmal vernehme er Stimmen von der anderen Seite her, helle Stimmen, zitternde, wispernde Töne, weshalb er das Telefongerät ein wenig von seinem Ohr entferne, ohne indessen zu verstummen. Nach 15 Minuten verabschiede er sich. Er sage dann: Gute Nacht! — stop
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mr. ruby
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sierra : 0.02 — Eine Dachwohnung im 32. Stock eines Hauses an der Madison Avenue. Aufzüge fahren nur noch bis zum 20. Stock, das Gebäude scheint langsam zu verfallen, irgendjemand will Ratten in der 15. Etage gesehen haben. Der Bewohner des kleinen Habitats, ein Mann von 72 Jahren, geht kaum noch vor die Tür. Er kann sich glücklicherweise einen Boten leisten, der seine Hemden und Hosen zur Reinigung bringt, Einkäufe erledigt, Post aus dem Briefkasten holt, seinen Kühlschrank füllt. Zudem genießt er einen großartigen Ausblick auf die Stadt. Vor den Fenstern der Wohnung warten Teleskope, die wie größere Stelzjagdvögel auf langen Beine stehen. Es geht ihm nicht darum, in der Nacht heimlich Menschen zu betrachten, in Wohnungen zu spähen, wie man vielleicht meinen möchte, nein, es geht darum, das Licht zu beobachten, dort, wo zu viel Licht ist, wo man versäumte, das Licht auszuschalten. Zum Beispiel am vergangenen Samstag, da brannten in einem Gebäude der Hafenbehörde Höhe 48. Straße im sechsten Stock noch ein paar Birnen. Unverzüglich wurde von der Madison Avenue aus ein Telefongespräch geführt: Hallo, guten Abend, hier Ruby, spreche ich mit Mr. Bale, oh, leiten sich mich doch bitte an die Hausverwaltung weiter! Kurz darauf sehe ich Ruby nach Südwesten spähen. Ich bemerke ihn überhaupt zum ersten Mal in voller Größe. Ein kleiner Mann, der immer einen Hut trägt, einen Cameron Pork Pie, mehrfach gewaschen, ich kann nicht sagen, warum ich das weiß. Ich sehe ihn genau, er ist barfuß, seine Kontur, seinen Umriss, fast bewegungslos vor dem Lichtmeer der großen Stadt stehen. Und ich höre ihn seufzen als im 8. Stock der Hafenbehörde das Licht erlischt, eines nach dem anderen, Zimmer für Zimmer. Und schon wechselt er das Fenster und späht wieder in die Stadt hinaus. Stadtpläne liegen auf dem Boden der Wohnung herum. Es ist kurz vor Mitternacht. Ein Frachtschiff fährt den Hudson herauf. Natürlich scheint diese Geschichte aus sehr unterschiedlichen Gründen nicht möglich zu sein. Erster Versuch. — stop
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moskau
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bamako : 6.55 — Vor einem Schalter am Zentralbahnhof stand eine alte Dame mit einem Koffer, den sie hinter sich herziehen konnte. Sie trug ein blaues Hütchen auf dem Kopf, und sie war grell geschminkt und lachte. Auf den ersten Blick schien sie fröhlich zu warten wie ihr kleiner Koffer, auf den zweiten Blick allerdings war zu sehen, dass sie nicht nur wartete, sondern bewacht wurde von einer weiteren, sehr viel jüngeren Frau und einem Mann, der die Uniform der Bahngesellschaft trug. Wie Säulen standen sie links und rechts der alten Dame, die junge Frau hatte überdies die Handtasche der Bewachten an sich genommen, um sie zu durchsuchen. Eine ihrer Hände wühlte so heftig in der Tasche herum, dass ein Rascheln weithin zu vernehmen war. Sie forschte ein oder zwei Minuten in dieser wilden Art und Weise. Weil sich aber in der Börse der alten Dame kein Dokument zur Identifizierung aufspüren ließ, schüttelte sie den Kopf, beugte sich noch einmal herab, sprach leise zu der alten Dame hin, um sich kurz darauf an einen Schalter zu wenden. Dort saß hinter spiegelndem Glas ein Schatten, der ein Mikrofon an seinen Mund führte, kurz darauf war eine warme, melodische Stimme zu hören, die durch die Bahnhofshalle schallte, sie sagte: Achtung! Wir bitten um ihre Aufmerksamkeit, vor dem Informationsschalter Gleis 24 wartet ein Personenfundstück. Bitte melden Sie sich! — Diese Geschichte ereignete sich gestern am frühen Abend, kurz bevor der Fernzug aus Moskau via Warschau den Bahnhof erreichte. Auf dem Bahnsteig warteten viele Menschen. Manche hielten Blumen in ihren Händen. Andere fotografierten. — stop



