MELDUNG. Heimtückisch wurde Karl L., 28, Trinker, bereits in der Nacht zum Freitag an einem Strand nahe Paleochora [ Kreta ] von einer zweiten Flasche Gin getötet. — stop

![]()
alpha : 2.28 — Das Museum der Nachthäuser befindet sich am Shore Boulevard nördlich der Hell Gates Bridge befindet, die den New Yorker Stadtteil Queens über den East River hinweg mit Randilis Island verbindet. Ich weiß nicht, ob das Museum noch immer existiert, es war oder ist ein recht kleines Haus, rote Backsteine, ein Schornstein, der an einen Fabrikschlot erinnert, ein Garten, in dem verwitterte Apfelbäume stehen, und der Fluss so nah, dass man ihn riechen konnte. Während eines Spazierganges, zufällig, entdeckte ich dieses Museum, von dem ich nie zuvor hörte. Es war ein später Nachmittag, ich musste etwas warten, weil das Museum nicht vor Einbruch der Dämmerung öffnen würde, ein Museum für Nachtmenschen eben, die in Nachthäusern wohnen, welche erfunden worden waren, um Nachtmenschen artgerechtes Wohnen zu ermöglichen. Als das Museum dann endlich öffnete, war ich schon etwas müde geworden, und weil ich der einzige Besucher gewesen, führte mich ein junger Mann persönlich herum. Er war sehr geduldig, wartete, wenn ich wie wild in mein Notizbuch notierte, weil er spannende Geschichten erzählte von jenen merkwürdigen Gegenständen, die in den Vitrinen des Museums versammelt waren. Von einem dieser Gegenstände will ich kurz berichten, von einem metallenen Wesen, das mich an eine Kreuzung von Gecko und Spinne erinnerte. Das verrostete Ding war von der Größe eines Schuhkartons. An je einer Seite des Objekts saßen Beine fest, die über Saugnäpfe verfügten, eine Kamera thronte obenauf wie ein Reiter. Der junge Mann erzählte, dass es sich bei diesem Gerät um ein Instrument der Verteidigung handelte, aus einer Zeit, da Nachtmenschen mit Tagmenschen noch unter ein und demselben Hausdach wohnten. Das kleine Tier saß in der Vitrine in einer Haltung, als würde er sich ducken, als würde es jederzeit wieder eine Wand besteigen wollen. Das war nämlich seine vornehme Aufgabe gewesen, Zimmerwände zu besteigen in der Nacht, sich an Zimmerdecken zu heften und mit kleinen oder größeren Hammerwerkzeugen Klopf- oder Schlaggeräusche zu erzeugen, um Tagmenschen aus dem Schlaf zu holen, die ihrerseits wenige Stunden zuvor noch durch ihre erbarmungslos harten Schritte den Erfinder der Geckomaschine, einen Nachtarbeiter, aus seinen Träumen gerissen haben mochten. Es war, sagte der junge Mann, immer so gewesen damals in dieser schrecklichen Zeit, dass sich Tagmenschen sicher fühlten vor Nachtmenschen, die unter ihnen lebten, die mit Schritten Zimmerdecken ihrer Wohnung niemals erreichten. Aus und fini! - stop

![]()
sierra : 22.01 — Mein Glück, denken und aufzuschreiben zu können mit eigenen Händen, was ich dachte oder was ich denke. Nachtluft von hellen Schatten, als hätte das Wasser ein Gedächtnis von Licht. — stop

![]()
nordpol : 6.55 — Ich hörte eine Geschichte, die von einer Frau und einem Haus erzählt, das sich in einer alten nordgriechischen Stadt befindet. Es ist ein stattliches, steinernes Haus, die Böden des Hauses sind von Holz wie die Treppen und Türen. Ein hochbetagter Olivenbaum steht unweit des Hauses. Manchmal sitzen dort Sperlinge und pfeifen. Im Winter kann man Wölfe hören, wenn man die Fenster des Hauses öffnet. Gelegentlich kommen Schlangen zu Besuch und Eidechsen und Ameisen und Schildkröten, ja, es gibt sehr viele Schildkröten im Garten des Hauses, aber nicht im Winter, in keinem Winter, soweit Menschen zurückdenken können, hat irgendjemand Schildkröten in der Nähe des Hauses, im Garten oder in der Stadt gesehen. In dem steinernen Haus also wohnt eine Frau. Sie wohnt seit wenigen Wochen allein, weil ihre Mutter gestorben ist. Über zehn Jahre lag die uralte Mutter in ihrem Bett und wurde von ihrer Tochter, die gleichwohl eine ältere Frau ist, gepflegt. Das ist so üblich in Griechenland, dass sich die jüngeren um die älteren Menschen kümmern, auch wenn sie selbst schon alte Menschen geworden sind. Als nun die Mutter der alten Frau starb, war es plötzlich sehr still im Haus. Es war so still, dass die Frau glaubte, ihre Mutter noch zu hören. Nachts vernahm sie den Wind, aber der Wind war draußen gewesen hinter den Fenstern, und sie hörte das Dach, wie es flüsterte. Manchmal schloss die alte Frau ihre Augen in der Dunkelheit und schlief ein. Es war immer dasselbe, sie hörte im Schlaf die Stimme ihrer Mutter, wie sie nach ihr rief, und ihr Atmen und wie ein Glas zu Boden stürzte und wie die Bettdecke gewendet wurde. Davon wurde sie immerzu wach, und sie hörte scharrende Geräusche von der Treppe her, und wieder den Wind. Das ging Wochen so, kaum eine Nacht konnte die alte Frau schlafen, weil sie meinte, ihre Mutter zu hören. Einmal vor wenigen Tagen, nachdem sie wieder einmal wach geworden war, verließ die alte Frau nachts ihr Bett. Sie stieg die Treppe hinab in die Küche. Wie sie das Licht anschaltete, sah sie inmitten der Küche eine kleine, junge Schildkröte sitzen. Gestern erst soll Schnee gefallen sein. — stop

~ : malcolm
to : louis
subject : SCHNEE
date : dec 2 12 0.15 p.m.
Über Nacht ist Schnee gefallen. Ein harter, böiger Wind fegt vom East River her durch die Straßen in den Park. Wir sind die ersten Spaziergänger heute Morgen. Es ist beinahe still in der Dämmerung. Weithin sehen wir hinter uns unsere eigene Spur auf dem Weg, den wir nordwärts gehen. Immer wieder bleiben wir stehen, um nach Frankie zu sehen. Er scheint sich wohlzufühlen, man könnte sagen, dass es sich bei diesem Eichhörnchen um einen Schneetaucher handeln könnte. Für Minuten ist nichts von ihm zu sehen, aber dann plötzlich sein Kopf, der aus dem Schnee ragt, er schüttelt sich, seine Ohren beben, ja, Frankie scheint glücklich zu sein in dieser neuen weißen Welt. Auch Möwen sind in den Central Park gekommen. Sie hocken auf Sitzbänken und Mauern, ich glaube, sie haben es auf Zwerge wie Frankie abgesehen, denkbar, dass sie den Schnee als Gewässer betrachten und jene Tiere, die sich für einen kurzen Moment an der Oberfläche zeigen, für Fische, die sie jagen müssen. Es sind große Vögel, gelbe Augen, riesige Schnäbel, die uns heute Morgen tatsächlich Sorge bereiten, sie könnten Frankie erlegen und mit ihm aufs Meer hinausfliegen, mit all seinen Sensoren, die uns dann nicht weiterhelfen werden. Wann werden Sie uns besuchen, Mr. Louis? Wir hoffen noch in diesem Winter! Einmal Frankie mit eigenen Augen betrachten, nicht wahr! Schnell ist er geworden. In der kommenden Woche wollen wir zum ersten Mal erproben, ob wir in der Lage sind, ihn mit unserer Fernsteuerung beeinflussen zu können. Wir haben vor, Frankie in Kreisen durch den Park laufen zu lassen. – Allerbeste Grüße sendet ihn Malcolm / codewort : hillarystep
empfangen am
03.12.2012
1630 zeichen

![]()
delta : 6.58 — Gegen 2 Uhr heute Nacht folgende Beobachtung. Wenn ich um die Wortgruppe schweres Wasser ein Verzeichnis leichtsinniger Assoziationen lege, verschwindet der Begriff in der Gestalt eines Atolls. Ob nicht vielleicht Erinnerung in dieser Form organisiert sein könnte? Gedankenkreise um untergegangene, ursprüngliche Landschaften. — stop

![]()
ulysses : 6.02 — Einen Tag lang habe mit meiner Antwort an Jennifer 7 gewartet. Vor wenigen Stunden folgende kurze E‑Mail-Notiz: Liebe Jennifer, ich verstehe, dass Sie unruhig geworden sind. Bitte haben Sie etwas Geduld, ich weiß um Ihr Leid, ahne, was es bedeutet, wenn man nicht schlafen kann, weil Schritte von Menschen in nächster Nähe über die Decke spazieren. Man glaubt ihre Schatten zu sehen jenseits der Bastmatten, der Steine, der Hölzer. Wenn es einmal still ist, dann wartet man in dieser Stille auf das nächste Geräusch, das den Schlaf zerreißen wird, alles schon da todsicher in der Zukunft, all das Getöse, weil man an es denkt, weil es nicht anders sein kann, jede leise Erschütterung des Bodens eine Erschütterung der Welt, Erdbeben, Tragödie. Man möchte sich erheben, man möchte sich kämmen, Hemd und Hose sind bereits übergeworfen, so tritt man auf den Flur, um sich zur Beschwerde aufwärts zu begeben. Man klopft an eine Tür. Man sieht einen Schatten hinter dem Bullauge des Spions: BIST DU ALSO DA! Aber niemand öffnet die Tür. Auch nach Minuten des Wartens nicht. Und dann ist man doch noch eingeschlafen, meine liebe Jennifer 7, man schläft vor Erschöpfung, man schläft mit geöffneten Augen unter dem Schwanenhals. — Donnerstag. Leichter Regen. Es ist kalt geworden über Nacht. Noch immer habe ich keine Antwort auf die Frage gefunden, weshalb Kiemenmenschen, sobald sie schlafen oder sich küssen, Kopf nach unten in ihren Wasserwohnungen schweben. — stop

![]()
romeo : 6.25 — Gestern am späten Abend erreichte mich eine E‑Mail von einer Person namens Jennifer 7. Ich wunderte mich, dass dieses Schreiben nicht sofort in einem Spamordner verschwunden war, immerhin kenne ich niemanden, der diesen Namen trägt. Aber ich bin nun doch sehr froh, dass mich der kleine Brief aus der Ferne erreichte. Er war in englischer Sprache verfasst, und ich sitze noch immer vor ihm und überlege, was zu tun ist, was ich notieren soll, weil, das ist ganz sicher so, dass ich Jennifer 7 antworten sollte, morgen oder übermorgen. Vielleicht werde ich ihr eine Frage stellen, wo genau sie denn wohnt, in welcher Stadt, in welchem Haus, wie das Haus beschaffen ist, welcher Art Menschen in diesem Haus wohnen Tür an Tür. Jennifer 7 schrieb so: Lieber Mr. Louis, ich bin sehr müde, ich habe über eine ganze Woche lang kaum geschlafen, weil ich in einer Mietwohnung lebe im 22. Stock, was noch kein Grund ist nicht zu schlafen, aber ich arbeite nachts in einem Krankenhaus und trage sehr viel Verantwortung und muss schlafen am Tag. Neuerdings kann ich nicht schlafen, weil man mich nicht schlafen lässt. Wenn es den 23. Stock nicht geben würde, dann wäre dort nichts als ein Dach, auf dem ein paar Tauben sitzen würden und ich könnte schlafen, weil Vögel leise, behutsame, kultivierte Tiere sind. Nun aber ist das so, dass in den 23. Stock ein Mann und eine Frau eingezogen sind, Menschenpersonen, die sich nicht kümmern um den Lärm, den sie machen. Und so kann ich, das ist der Grund, nicht schlafen. Vorgestern war ich zum ersten Mal dort oben im 23. Stock, um mich vorzustellen. Ich habe mich gefürchtet. Der Mann war nicht zu sehen, dafür aber die Frau, sie stand auf Schuhen, mein Gott waren die wuchtig. Sie sagte, dass ich Pech haben würde, weil sie im Moment nicht arbeite, deshalb würde ich ihre Schritte hören und alles Weitere. Pech, sagte die Frau, Pech. Und so kann ich nicht schlafen. Ich höre ihre Schritte. Stündlich lassen sie irgendetwas fallen auf den schönen hölzernen Boden, oder sie schreien sich an, obwohl sie noch jung und frisch verheiratet sind. Das ist ein wirkliches Unglück, Mr. Louis, ich bin fast schon verzweifelt und so habe ich an Sie gedacht, weil Sie doch so schöne Käfer erfinden, die in Ohren wohnen, damit man nichts hören muss. Ob Sie mir wohl helfen, Mr. Louis! – stop

alpha : 6.55 — Ich forsche gern in meinem digitalen Analyseprogramm nach Fragen an Suchmaschinen, die zu meiner Particlesarbeit führten. Merkwürdige, verrückte, poetische Sentenzen sind zu finden. In der vergangenen Woche zum Beispiel folgende: meine schreibmaschine schreibt buchstaben übereinander . kleine rote fliegen in der küche . käfer der auf unserem körper wohnt . lustige geschichten über ohren . ägyptisches frauzeichen mit flügeln . schimpansen im weltall . schlafende elefanten . männer mit kleinen köpfen . ist albert sanchez pinol ein mann . louis’ lichtgeschichte. stop — Über Nacht ist es kalt geworden. An der Straßenbahnhaltestelle beobachte ich einen älteren Herrn, aus dessen Ohren Dampf zu treten scheint. Man könnte sagen, es handelt sich um den ersten rauchenden Kopf, den ich in meinem Leben persönlich gesehen habe. Als ich näher herantrete, erkenne ich, dass sich in den Ohren des dampfenden Herrn je ein Tier befand. Ich fragte, ob ich vielleicht einmal genauer betrachten dürfte, was dort in seinen Ohren existiert. Weil der alte Mann nichts hörte, trug ich mein Anliegen in Zeichensprache vor. Er schien mich zu verstehen und neigte unverzüglich seinen Kopf, sodass ich eine gute Aussicht hatte auf das rechte seiner Ohren. Tatsächlich waren dort Augen und Zangen eines Käfers zu erkennen. Als ich mich näherte, zog sich das Wesen ein wenig in die Tiefe des Ohres zurück, das von weißem flaumigen Haar besetzt war, wie von einem kostbaren Pelz. Der dünne Faden des Käferatems, den ich kurz zuvor beobachtet hatte, war nun gut zu sehen, aber ich konnte nicht eindeutig identifizieren, woher der Atem des Käfers eigentlich kam, wo der Atem, der in der kalten Luft kondensierte, den Käferkörper präzise verließ. Noch ehe ich meine Frage zur Konstruktion des Käfers stellen konnte, war der alte Herr in eine Straßenbahn gestiegen und davongefahren. — Dienstag. — stop.

