Aus der Wörtersammlung: os

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jakob

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marim­ba : 18.18 UTC — Unser Kater hieß Jakob. Er war ein gro­ßes Tier, bei­na­he so groß war Jakob wie ein klei­ner Luchs. Er war in Paris gebo­ren wor­den und reis­te bald in einer klei­nen Schach­tel per Post nach Fer­ney Vol­taire, wo er in einer Woh­nung leb­te im sechs­ten Stock. Da war ihm die Welt bald zu klein gewor­den, wes­we­gen er lern­te, mit dem Auf­zug zu fah­ren. Manch­mal hock­te Jakob in den Bäu­men vor dem Haus. Er mach­te Geräu­sche in der Kat­zen­spra­che zu uns hin, da fuh­ren wir hin­un­ter, um ihn abzu­ho­len. Ich erin­ne­re mich, dass mein Vater, Jakob, den Kater, nicht anneh­men woll­te. Eben, eben, ein Raub­tier in einer Woh­nung. Er sag­te, als er den Spat­zen­ka­ter, der damals bei sei­ner Anrei­se noch so groß gewe­sen war wie ein Spatz, auf dem Wohn­zim­mer­tisch sit­zen sah: Nein! Kurz dar­auf hock­te er selbst mit sei­nem Foto­ap­pa­rat vor dem Kat­zen­tisch. Er beob­ach­te­te, wie der klei­ne Jakob mit sei­nen Tat­zen nach noch klei­ne­ren Luft­fi­schen angel­te, die im Grun­de nicht exis­tier­ten, aber sich wie klei­ne Fische anfühl­ten, weil sie von Gas waren, das aus einem Mine­ral­was­ser­glas hüpf­te. Kaum war Vater aus der Dun­kel­kam­mer zurück, da war ein Bild ent­stan­den, das Jakob noch lan­ge Zeit zeig­te, nach­dem er längst nicht mehr exis­tier­te nach 24 Jah­ren Kat­zen­zeit. Er kann blei­ben, sag­te Vater. Wie soll er hei­ßen? — stop

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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land mel­det fol­gen­de gegen Küs­te gewor­fe­ne Arte­fak­te : Wrack­tei­le [ See­fahrt – 28, Luft­fahrt — 1, Auto­mo­bi­le — 38 ], Gruß­bot­schaf­ten in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert — 22, 19. Jahr­hun­dert – 17, 20. Jahr­hun­dert – 521, 21. Jahr­hun­dert — 12211 ], Trol­ley­kof­fer [ blau : 8, rot : 32, gelb : 55, schwarz : 1002 ], See­not­ret­tungs­wes­ten [ 22309 ], phy­si­cal memo­ries [ bespielt — 211, gelöscht : 877 ], Amei­sen [ Arbei­ter ] auf Treib­holz [ 3558 ], 7 höl­zer­ne Damen­hand­ta­schen [ Bau­jahr 1968 ], Brumm­krei­sel : 58, Öle [ 1.56 Ton­nen ], Pro­the­sen [ Herz — Rhyth­mus­be­schleu­ni­ger – 18, Knie­ge­len­ke – 17, Hüft­ku­geln – 453, Bril­len – 1588 ], Halb­schu­he [ Grö­ßen 28 – 39 : 112, Grö­ßen 38 — 45 : 12 ], Plas­tik­san­da­len [ 345 ], Rei­se­do­ku­men­te [ 128 ], Kühl­schrän­ke [ 7 ], Tele­fo­ne [ 134 ], Ste­tho­sko­pe [ 116 ], Pup­pen­köp­fe [ 28 ] Mas­ken [ 358 ], Tief­see­tauch­an­zü­ge [ ohne Tau­cher – 2, mit Tau­cher – 18 ], Engels­zun­gen [ 33568 ] | stop |

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katzenauge

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marim­ba : 15.01 UTC – Ich konn­te bereits ste­hen, aber ich sit­ze lie­ber, weil ich gera­de mit mei­ner höl­zer­nen Eisen­bahn spie­le. Mein Vater steht in die­sem Augen­blick vor mir. Ich erin­ne­re ich an sei­nen roten Pull­over. Er hält ein Käst­chen in der Hand, das an einer sei­ner Sei­ten fun­kelt, eine Art farb­lo­sen Kat­zen­au­ges. Ich ken­ne die­ses Käst­chen, ich konn­te es ein­mal fan­gen, als es über mir in der Luft pen­del­te, da war ich noch so klein gewe­sen, dass ich das Käst­chen in den Mund neh­men woll­te. Ich weiß, dass mein Vater sich dar­auf vor­be­rei­tet, mich zu foto­gra­fie­ren, des­halb hält er das Käst­chen in der Hand. Ich wer­de spä­ter ein­mal erfah­ren, dass mein Vater das Licht misst, wenn er das Käst­chen in Hän­den hält. Er will wis­sen, wie weit er das Auge des Foto­ap­pa­ra­tes öff­nen muss, um sei­nen Sohn, der Eisen­bahn spielt, auf­neh­men zu kön­nen. Manch­mal sagt Vater: Lou­is, schau her. — stop

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ai : KASACHSTAN

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MENSCH IN GEFAHR: „Aigul Ute­po­va ist eine bekann­te Blog­ge­rin und Akti­vis­tin. Sie hat 8.000 Fol­lower auf Face­book und eine gro­ße Fan­ge­mein­de sieht die Bei­trä­ge auf ihrem You­Tube-Kanal. 2015 kan­di­dier­te sie bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len, doch zog sie ihre Kan­di­da­tur spä­ter wie­der zurück. Sie wird beschul­digt, eine Anhän­ge­rin der Oppo­si­ti­ons­par­tei Demo­kra­ti­schen Wahl Kasach­stans zu sein. Am 13. März 2018 wur­de die Par­tei will­kür­lich zu einer “extre­mis­ti­schen” Orga­ni­sa­ti­on erklärt, weil sie “zur natio­na­len Zwie­tracht auf­sta­chel­te”. Grund­la­ge für die­se Ein­ord­nung sind die vage for­mu­lier­ten Anti-Extre­mis­mus-Geset­ze in Kasach­stan. / Nach der Zwangs­ein­wei­sung von Aigul Ute­po­va in die Psych­ia­trie fürch­tet ihr Rechts­bei­stand, dass eine will­kür­li­che psych­ia­tri­sche Dia­gno­se zum Vor­wand genom­men wird, um sie zwangs­wei­se “behan­deln” und lan­ge in der Anstalt fest­hal­ten zu kön­nen. Bei einem Ver­such, Aigul Ute­po­va am 23. Novem­ber zu besu­chen, wur­de dem Rechts­bei­stand und einer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen mit­ge­teilt, dass die Jor­u­na­lis­tin kei­nen Kon­takt zur Außen­welt haben dür­fe. / Dass Per­so­nen, die die Regie­rung kri­ti­sie­ren oder sich gegen bestimm­te Inter­es­sen­grup­pen stel­len, zwangs­wei­se unter psych­ia­tri­sche Beob­ach­tung gestellt wer­den, ist in Kasach­stan nicht unge­wöhn­lich. 2019 ent­schied der UN-Men­schen­rechts­aus­schuss, dass Zina­idi Muk­hor­to­va will­kür­li­cher Inhaf­tie­rung, Fol­ter und ande­rer Miss­hand­lung aus­ge­setzt war. Die Anwäl­tin war fünf Mal gegen ihren Wil­len in eine psych­ia­tri­sche Ein­rich­tung ein­ge­wie­sen und dort “behan­delt” wor­den. / Aigul Ute­po­va hät­te nie­mals straf­recht­lich ver­folgt und unter Haus­ar­rest gestellt wer­den dür­fen. Die­se Maß­nah­me ver­stößt gegen kasa­chi­sches Recht, das Haus­ar­rest nur in Fäl­len vor­sieht, bei denen die Höchst­stra­fe fünf Jah­re oder mehr beträgt. Außer­dem muss sach­lich begrün­det wer­den, wes­halb weni­ger restrik­ti­ve Maß­nah­men nicht ange­wen­det wer­den kön­nen. Die Ver­fol­gung und der Haus­ar­rest von Aigul Ute­po­va sind als Ver­gel­tungs­maß­nah­men für ihre unver­blüm­te Kri­tik an der Regie­rung ein­zu­ord­nen.” - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen bis spä­tes­tens zum 18.1.2021 unter > ai : urgent action

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samuel beckett : 16 steine

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india : 3.25 UTC – Hört zu! Ich nut­ze die­sen Auf­ent­halt, um mich mit Stei­nen zum Lut­schen zu ver­sor­gen. Es waren klei­ne Kie­sel, aber ich nen­ne sie Stei­ne. Ja, die­ses Mal brach­te ich einen bedeu­ten­den Vor­rat von ihnen zusam­men. Ich ver­teil­te sie gleich­mä­ßig in mei­nen vier Taschen und lutsch­te sie nach­ein­an­der. Dadurch ent­stand ein Pro­blem, das ich zunächst auf fol­gen­de Art lös­te: Ange­nom­men, ich hat­te sech­zehn Stei­ne und vier davon in jeder mei­ner vier Taschen, näm­lich in den zwei Taschen mei­ner Hose und den zwei­en mei­nes Man­tels. Wenn ich einen Stein aus der rech­ten Man­tel­ta­sche nahm und in den Mund steck­te, so ersetz­te ich ihn in der rech­ten Man­tel­ta­sche durch einen Stein aus der rech­ten Hosen­ta­sche, den ich durch einen Stein aus der lin­ken Hosen­ta­sche ersetz­te, den ich durch einen Stein aus der lin­ken Man­tel­ta­sche ersetz­te, den ich wie­der­um durch den Stein in mei­nem Mund ersetz­te, sobald ich mit dem Lut­schen fer­tig war. Auf die­se Wei­se befan­den sich immer vier Stei­ne in jeder mei­ner vier Taschen, aber nicht genau die­sel­ben… / Es ist Sams­tag. Ich notie­re die­sen Text, weil ich ihn schon ein­mal notiert habe, um an Samu­el Beckett zu erin­nern. Damals war Mitt­woch. Es war Som­mer und es war dun­kel. Schwe­re, wür­zi­ge Luft der Kas­ta­ni­en­blü­te. Nacht­bie­nen summ­ten am Fens­ter vor­über. Mut­ter leb­te noch, Vater war schon tot. — stop

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maschinengespräch

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india : 9.56 UTC — Mel­dung mei­ner Appli­ka­ti­on plötz­lich, ich sei 5 Male mit gerin­gem Risi­ko einem oder meh­re­ren Men­schen begeg­net, der oder die posi­tiv auf den SARS-CoV‑2 Erre­ger hin getes­tet wor­den sind. Ein Reflex sofort, der Blick zurück, ver­su­che zu iden­ti­fi­zie­ren, wer mein Kon­takt gewe­sen sein könn­te. Ein Radar, das wie von selbst immer wie­der ein­setzt, auch die Unter­su­chung der Zei­chen­ket­te: Gerin­ges Risi­ko. Über die­se Beob­ach­tung ein Gespräch mit M., der sich über­haupt wei­gert, die Exis­tenz der SARS-CoV-2-Viren anzu­er­ken­nen. Hast Du schon eines die­ser Viren gese­hen? fragt er, wel­che Far­be haben sie denn? Selt­sa­me Geschich­te. Ges­tern habe ich dar­über nach­ge­dacht, ob es viel­leicht mög­lich sein wird, einen Algo­rith­mus zu notie­ren, der argu­men­tie­rend in der Lage wäre, Per­so­nen wie M. zu über­zeu­gen, eine jah­re­lang gedul­dig zuhö­ren­de und eben­so gedul­dig spre­chen­de Maschi­ne. — stop
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dunkelkammer

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echo : 0.06 UTC — Ich ste­he vor einer Tür. Ich bin groß genug gewor­den, um die Klin­ke der Tür mit einer Hand zu errei­chen. Ich ver­su­che die Tür zu öff­nen, da ruft Mut­ter, nicht Lou­is, Papi arbei­tet. Aber das war selt­sam, weil das Zim­mer hin­ter der Tür das Bade­zim­mer gewe­sen war, nicht das Arbeits­zim­mer, das gab es auch. Mut­ter sag­te: Dein Vater ent­wi­ckelt Bil­der, es muss dun­kel, stock­dun­kel sein im Zim­mer, Du musst etwas war­ten, mein Schatz, Papi wird bald her­aus­kom­men. Ich erin­ne­re mich, dass ich mich auf den Boden leg­te und unter der Tür zum Bade­zim­mer hin­durch späh­te. Ich konn­te Vaters Radio hören, und ich beob­ach­te rotes Licht, das im Bade­zim­mer leuch­te­te, sodass ich dach­te, das Radio wür­de viel­leicht rot leuch­ten. Es ist nicht dun­kel, sag­te ich, Mut­ter ant­wor­te, doch, doch, das ist Vaters Dun­kel­kam­mer. Ver­mut­lich weil ich erleb­te, was ich gera­de erzähl­te, bewirk­te, dass ich mit Radio­ap­pa­ra­ten noch Jah­re spä­ter rotes Licht in Ver­bin­dung brach­te. Dann, bald, wur­den Radi­os grün, wegen ihres leuch­ten­den Auges. Es waren Röh­ren­ge­rä­te. — stop

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vom winterflieder

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sier­ra : 20.01 UTC — Manch­mal, wenn es reg­ne­te an Nach­mit­ta­gen, wur­de Nacht gemacht. Das Licht des Tages drau­ßen aus­ge­sperrt, nah­men wir Kin­der im Wohn­zim­mer Platz auf dem Sofa, auf dem Boden, auf Stüh­len und war­te­ten, dass Vater sei­ne Licht­ma­schi­ne, die er längst vor­be­rei­tet hat­te, end­lich star­ten wür­de. Da war eine Lein­wand, und da waren beschrif­te­te und geripp­te Behäl­ter von Kunst­stoff, in wel­chen sich Sekun­den­zeit reih­te, Zeit­ab­tei­le, die wir bald anse­hen wür­den und davon berich­ten, wann das war und wo das war und wer das gewe­sen war auf der Lein­wand bewe­gungs­los. Da dach­te ich ein­mal, da hast Du Lou­is aber streng geschaut, da hät­test du viel­leicht ein Lächeln der Kame­ra schen­ken sol­len, da kann man jetzt nichts mehr machen. Du schaust aber melan­cho­lisch drein, sag­te mein Bru­der, und ich sag­te: Das nächs­te Bild, wei­ter, bit­te wei­ter! Und da war dann ein Flie­der­baum zu sehen, es war Win­ter, und der Flie­der brü­te­te Schnee­flo­cken aus, und das Licht­ge­rät rausch­te und das blü­hen­de Bild stand so lan­ge still, bis mein Vater auf jenen roten Knopf sei­ner Fern­steue­rung drück­te. — stop

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jagende lichter

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echo : 23.58 UTC — Im Park am Abend in der Dun­kel­heit unter Regen­schir­men unsicht­ba­re Men­schen, paar­wei­se oder allein. Und da flit­zen Lich­ter her­um, grün, blau oder rot leuch­ten­de Rei­fen oder blin­ken­de Perl­ket­ten, die die Posi­ti­on spie­len­der Hun­de ver­mer­ken. Man möch­te mei­nen, dass sie fern­ge­steu­er­te Krea­tu­ren sind, die sich jagen nach dem Wil­len jener im Dun­keln ste­hen­den schwei­gen­den Men­schen. Ich dach­te noch, in Brook­lyn sol­len Feu­er ent­zün­det wor­den sein, um Mas­ken zu ver­bren­nen. Der Wahn­sinn bricht aus, jen­seits ruhi­gen, ver­nünf­ti­gen Han­dels, Men­schen dicht gedrängt wie Amei­sen. Kaum noch ein Gespräch ist mög­lich, ohne sich gefähr­lich nahe­zu­kom­men. Aber hier im Park am Abend unter Regen­schir­men sind die Räu­me weit, das Gespräch der ahnungs­lo­sen unsicht­ba­ren Tie­re, die ihren Licht­schmuck über die Wie­sen tra­gen. — stop
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über den atlantik

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india : 0.28 UTC — Im Ter­mi­nal 1 des Flug­ha­fens mor­gens eine jun­ge Frau, erkäl­tet. Leich­tes Rei­se­ge­päck. Sie schüt­tet aus einer Tüte drei­ßig oder vier­zig Tele­fon­kar­ten­chips in ihren Schoß. Ich stell­te mir vor, sie sei viel­leicht aus Argen­ti­ni­en gekom­men, Bue­nos Aires. War­um? Viel­leicht ihre Schu­he? Viel­leicht Ihr Haar? Eine Vor­stel­lung, fest wie ein Fel­sen. — stop



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