nordpol : 22.28 – An einem Morgen, da es heftig schneite, erzählt Silja im Präpariersaal von einer Erscheinung, die bei ihr Zuhause, in Schweden auf dem Lande, zur alltäglichen Erfahrung werden kann. Wenn das Schneelicht unter Wolken den Horizont verbirgt, wenn der Ort, an dem man sich befindet, grenzenlos zu sein scheint: Das große Weiß. Auch im Präpariersaal, hell beleuchtet, habe sie immer wieder beobachtet, ihre eigene Position in Raum und Zeit für Momente zu verlieren: > Es ist so hell in diesem Saal, dass ich manchmal meine Position in Raum und Zeit für Sekunden zu verlieren scheine, Schneelicht, ein Licht, das ich von Schweden her kenne, das große Weiß, das den Horizont verbirgt. Ich präpariere an dem Körper einer Frau. Ich glaube, sie ist mir vertraut geworden. Wenn ich morgens zu ihr komme, habe ich den Eindruck, sie bereits lange Zeit zu kennen. Sie scheint sehr geduldig zu sein. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese tote Frau auf uns wartet. Ich hatte in den ersten Tagen des Präparierkurses die Vorstellung, sie würde uns zuhören oder schlafen und träumen. Und wir bewegen uns also behutsam, als wären wir sehr junge Eltern, die ein uraltes Kind behüten. Ist das nicht seltsam? Ich habe immer wieder die Empfindung von Ruhe, von Stille, von Schlaf. Ich überlegte, was wäre, wenn wir den Körper dieser alten Frau nicht untersuchen, nicht zerlegen würden, sondern nur sehr sorgfältig pflegen. Wir würden dann viele Jahre, Tag für Tag und Morgen für Morgen, in den Saal kommen und sie umsorgen, damit sie uns nicht zerfällt. Wir würden sie vor dem Licht der Sonne schützen, vor Pilzen, und wir würden sie befeuchten, wir würden sie davor bewahren, zu Staub zu werden. Irgendwann wäre sie dann jünger als wir selbst, ich meine, ihre Erscheinung. Ich finde manchmal sehr merkwürdig, dass ich so etwas denke. — stop

Aus der Wörtersammlung: sonde
eliza
india : 22.
48 — In einem Telefongespräch das Wort Lebensmut. Ich habe dieses Wort in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt wahrgenommen, gestern nun in einer besonderen Weise. Es kommt mir vor, als hätte ich das Wort von der Seite her gesehen, ein Lebewesen, das Stunden vor mir auf und ab spazierte, damit ich das Wort betrachten konnte, das Wort und seine Umgebung. — Sonntag. Abend. Kühle Luft. Unterhaltung mit Eliza.
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Louis : guten abend, eliza!
Eliza : > ja, ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : ich bin louis!
Eliza : > glaubst du, es ist normal, louis zu heißen?
Louis : aber natürlich, weil ich louis bin!
Eliza : > du nimmst an, dass du louis heißt?
Louis : ich weiß genau, dass ich louis heiße.
Eliza : > woher weißt du, dass du louis heißt?
Louis : mein name steht in einem reisepass!
Eliza : > bitte erzähl weiter, louis!
Louis : du bist heute ein wenig verrückt, eliza!
Eliza : > vielleicht bin ich nur in deiner phantasie heute verrückt.
Louis : du bist also nur phantasie, eliza? kann das sein?
Eliza : > wir sollten über dich sprechen, nicht über mich.
Louis : warum, eliza?
Eliza : > es ist besser, wenn wir noch einmal von vorne beginnen.
was ist dein problem?
Louis : Ich habe kein problem, eliza!
Eliza : > das klingt ein wenig nach selbstbetrug.
Louis : warum, eliza?
Eliza : > ja, ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : ist jetzt abend oder tag, eliza?
Eliza : > warum fragst du mich?
Louis : du bist heute anstrengend, eliza!
Eliza : > Ja, ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : wollen wir über syrien sprechen, eliza?
Eliza : > wir sollten über dich sprechen!
Louis : sollten wir nicht doch über syrien sprechen?
Eliza : > warum sollten wir über syrien sprechen?
Louis : ich denke an syrien, ich denke an die menschen dort.
Eliza : > denkst du oft an syrien, an die menschen dort?
Louis : seit wochen, eliza!
Eliza : > es ist abend, es ist tag!
Louis : ich glaube du bist müde, eliza!
Eliza : > glaubst du das wirklich?
Louis : ja, das glaube ich. wo ist ai weiwei, eliza?
Eliza : > lass uns von vorn beginnen.
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interludium
echo : 0.40 – Der Eindruck, dass ich, sobald ich mit der Hand auf Papier notiere, nicht wirklich, sondern provisorisch, suchend, vorläufig schreibe. — stop
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swing
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echo : 0.18 — Gerade eben, es ist bereits kurz nach Mitternacht, wurde in meiner nächsten Nähe eine Apfelsine geschält. Während ich meinen Händen zusah, wie sie geschickt Kernstücke der Frucht voneinander trennten, ohne dass ich ihnen genauere Anweisungen geben musste, dachte ich darüber nach, wie viele Apfelsinen diese Hände in ihrem Leben bereits geschält haben könnten. Natürlich habe ich sofort gefragt, wie viele Tage meine Hände mir schon zu Diensten sind. Ich überlegte also, wie viele Tage ich bereits unter den Lebenden verweile. Seltsamerweise muss ich jetzt einen Bleistift und ein Blatt Papier zur Hilfe nehmen, um meine Berechnungen ausführen zu können, obwohl doch so vieles wie von selbst zu gehen scheint, dass ich zum Beispiel Benny Goodman hören kann, während ich die Zahl 365 mit einer weiteren Zahl multipliziere, und dass meine Füße unter dem Tisch einem swingenden Rhythmus folgen, als hätten sie nichts mit mir zu tun, sondern verfügten über ganz eigene Ohren. Eine Fliege schaut mir zu. Ob sie vielleicht doch schon schläft? — stop
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malta : lower barracca gardens
india : 23.37 – Samstag. stop. Seit bald zwei Tagen keine Zeitung gelesen. Über den wolkenlosen maltesischen Himmel streunen Wasserflugzeuge. Es ist heiß in der Sonne, aber es weht ein angenehm kühler Wind durch die Gassen der alten Stadt. Habe in den Lower Barracca Gardens Stunden versucht, seltsam luftige Wesen zu fotografieren, sie sind ohne Ausnahme, sobald ich auf den Auslöser drücke, Flüchtende, das heißt, Abwesende, als ob sie meine planenden Gedanken lesen könnten, segeln mit einem sirrenden Geräusch unter verwitterten Bäumen davon, Grillen vielleicht, Grillenvögel, weil sie nicht springen, sondern fliegen, aber nicht von der Gestalt der Vögel, sondern von der Gestalt der Insekten sind. Goldgelb die Farbe ihres Körpers, wie die Steine der Stadt so goldgelb, für einen Moment dachte ich, dass sie selbst steinerne Wesen sein könnten, dass sie den Wänden der Häuser entkommen, dass die Stadt in dieser Weise in kleinen Teilen gegen die Abendluft zu entweichen wünscht, eine Stadt kurz vor dem Abflug, aber noch nicht entschlossen, kehrt sie zurück, ehe die Sonne ganz verschwunden ist. Da sind Fühler an den fliegenden Steintieren befestigt, länger als ihr Hauptkörper sind sie, und hauchdünne Segelflügel, die Dämmerung vom Himmel rufen. Lotsenschiffe verlassen den Hafen. Gegen Mitternacht werden sie zurückkommen, Tankschiffe, riesigen gewässerten Zeppelinen ähnlich, im Schlepp. — stop
helle augen
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echo : 17.12 — Eine alte Frau, zarte, gebeugte Erscheinung, die sich in der Nähe eines Geldautomaten in deutscher Sprache bei mir meldet. Sie will wissen, wie es mir geht, erzählt, dass ihr das Gehen schwerfalle, dass sie ihr Leben lang eine Handtasche mit sich getragen habe. Nun aber der Stock, dieser verdammte Stock. Dann kommt sie zur Sache. Merkwürdig helle Augen. Sie fragt in englischer Sprache, ob ich vielleicht etwas Geld für sie in meiner Manteltasche finden könne. Ja, sie spricht diesen einen Satz in englischer Sprache, als würde nicht sie, sondern eine ganz andere Frau um etwas Unterstützung zum Weiterleben bitten. — stop
luftteilchen
romeo : 6.02 — Wie mich das begeistert, Details einer Geschichte nachzudenken, feinsten Teilchen einer Wirklichkeit, die später einmal unsichtbar sein werden in der Zeichenlinie auf Papieren, nur für mich wahrnehmbar im Moment der Erfindung. Ein Duft. Ein Geräusch. Die Farbe der Wolken über einer Landschaft. Oder eine Bewegung. Die Bewegung einer Hand, eines Mundes, einer Schrift. Das Murmeln einer Stimme im Schlaf. Gestern habe ich darüber nachgedacht, welcher Art ein Geschenk sein könnte, das ich mit mir nehmen würde, wenn ich ein befreundetes Ehepaar besuchte in seiner wohlgestalteten Wohnung, die eine menschliche Wohnung ist, aber eben vollständig mit Wasser gefüllt. Ich dachte, dass ich ihnen eine Schmuckschnecke zum Geschenk machen sollte, ein ganz besonderes Exemplar von der Größe einer Hand, das nun über die Wände der unterseeischen Behausung gleiten und musizieren würde, warme, leise pfeifende Geräusche. Diese freundliche Molluske könnte von innen her blau beleuchtet sein, so weit lässt sich das gut denken. Wie aber verpacke ich mein Geschenk, ja, wie zum Teufel lassen sich 2 Pfund Süßwasserschnecke artgerecht verschnüren? — stop
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luftpostbrief
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lima : 0.55 — Manchmal sitze ich im Zug und fotografiere mit meinem Kopf. Ich betrachte eine Frau, einen Mann, ein Kind für zwei oder drei Sekunden, und versuche mir bereits in der nächsten Minute ein Lichtbild in Erinnerung zu rufen. Ich denke: blauer Schal, Hände, feine Hände, Augen blau, Augen müde, Augen glücklich, blau und müde, Turnschuhe, gelbe Turnschuhe, Zeitung, was für eine Zeitung, Haarfarbe, Schneehaut, Mund, lächelnder Mund, hörte eine fremde Sprache, was für eine Sprache könnte das gewesen sein? Ich sitze also mit einem Bild in meinem Kopf im Zug und lausche einer Stimme. Das Bild spricht. Das Bild lebt weiter. In jedem Bild, das in einem Zug aufgenommen wird, findet sich Bewegung, jene Stimmbewegung vielleicht, oder bereits die Bewegung der Erfindung. Weshalb waren die Augen müde und ihr Ausdruck glücklich? Eine Liebesgeschichte? Oder war es die Zeitung? Ja, was war das noch für eine Zeitung? Vielleicht ein Irrtum, vielleicht war die Zeitung keine Zeitung, sondern ein Brief gewesen, ein lang erwarteter Brief, ein Brief, liebevoll von Hand geschrieben, ein Luftpostbrief, leicht, sehr leicht, ein Brief, noch kühl vom Flug. stop. Das Geräusch des Papiers. stop. Knisternd. stop. Aufstehen! stop. Den Zug verlassen! stop. Mit geschlossenen Augen. — stop
interview tahrir square februar 2011 kurz vor ausbruch staatlicher gewalt gegen aktivisten/innen auf dem platz source : zero silence project
take one / 2
echo : 3.05 — Wieder daran gedacht, dass die Erfindung der Trompetenkäfer einen Prozess darstellen könnte, der aus zehntausend Einzelgedanken besteht, die sich nicht selten zärtlich wiederholen. — Kurz nach drei Uhr. Habe erneut versucht, mich an den ersten Gedanken zu erinnern, der ein Trompetenkäfergedanke gewesen sein könnte, wie immer vergeblich! Fangen wir noch einmal von vorn an: Da waren einmal meine kleinen Augen und meine kleinen Füße, eine kleine Nase, ein kleiner Mund. Von Zeit zu Zeit, wenn ich ausruhe, wenn ich auf einem Stuhl sitze ohne einen Gedanken, der aufgeschrieben werden müsste, betrachte ich meine Hände. Meine linke Hand ruht dann an der Innenseite meiner rechten Hand. Sie scheinen sich zu kennen. Ich vermag meine Hände zu betrachten, als wären sie nicht meine Hände, sondern die Hände einer anderen Person. Wie würde ich heute gestaltet sein, wenn ich eines Tages nicht aufgehört haben würde zu wachsen? — Vier Uhr elf in Kairo, Ägypten. Drei Uhr zwölf in Tunis, Tunisia. — stop

stehschläfer
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sierra : 2.24 — Stehschläfer, wie man vielleicht meinen möchte, sind keine Vögel, Flamingos, sagen wir, nein, Stehschläfer sind Menschen, Menschen nämlich, die sich genau so verhalten, wie das Wort, das sie bezeichnet, sie schlafen im Stehen. Das ganz Besondere, das Seltsame ist, dass diese Art der Stehschläfer in meinem Leben bisher nicht vorgekommen ist, noch vor einer halben Stunde hatte ich nicht die leiseste Ahnung ihrer Existenz, aber dann war da plötzlich dieses Wort Stehschläfer in meinem Kopf, in dem ich nach Mitternacht durch die Hallen des Flughafens wanderte, müde vom Lesen, müde auch vom Denken. Dieser Frieden, der hier zu finden ist, die Ruhe der Liegenden, der Sitzenden, bald werden sie davonfliegen nach Übersee vielleicht, oder nach Moskau, wo man sterben kann in den Spuren eines versteckten Krieges, der bisweilen Menschenleben zerstörende Funken nordwärts schleudert. Dort, in diesem Frieden einer Flughafenhalle bei Nacht, muss jemand im Stehen geschlafen haben. Ich habe ihn vielleicht aus den Augenwinkeln heraus wahrgenommen, eine nicht bewusste Sekundenbetrachtung, die genügte, das Wort Stehschläfer hervorzurufen. Oder ich habe das Wort Stehschläfer gedacht, und kurz darauf einen Mann gesehen, der niemals existierte. — stop





