tango : 22.28 — Von einer Sekunde zur anderen Sekunde. Als wär der Sonntag ohne Augenlicht gewesen. Als hätte ich nur geträumt, über den Atlantik geflogen zu sein, fünftausend Kilometer schlohweißer Wolkendecke bis kurz vor Neufundland. Jamaika-Station. Roosevelt Island. Lexington Avenue. Das helle Zimmer im 22. Stock. Ein kühler Wind bläst über den Balkon. Rauschen von tief unten von der Straße her. Wie ich bald vor das Haus trete, kommt mir eine ältere Frau entgegen, in einen feinen Mantelstoff gehüllt, Hände seitlich gegen den Hals gefaltet. Eigentlich müsste ich ihr unverzüglich folgen, sehen, warum sie das macht, einer Geschichte folgen, und diesem dampfenden, rot und grün und blau blinkenden Diodenhund, der sie begleitet, einem Riesentier, das ich berühren sollte, seine Temperatur zu fühlen. Ich verstehe an diesem Abend kein Wort in meinem Kopf. Ja, dieses Rauschen der Stadt. Südwärts wandern. Aus dem Boden sind die Stimmen der Subwaysprecher zu hören, next station : grand central, das Rumpeln, das Zischen der Züge. Ich könnte ein paar Stunden noch so weitergehen und schlafen. — stop

Aus der Wörtersammlung: straße
geborstene wangen
marimba : 9.28 — Siebenhundert Menschen sollen vor wenigen Wochen während einer Demonstration auf dem Tahrir-Platz verletzt worden sein. Das Trauma der Versehrten, Verbrennung, verätzte Bronchien, steife Hände und Arme, Sprachstörung, blinde Augen, zertrümmerte Kiefer, geborstene Wangen, verlorene Erinnerung. Was bedeutet, der Blick ist in dunkle Seitenstraßen der Stadt gerichtet, in Zimmer versteckter, notdürftig ausgerüsteter Ambulanzen, das Wort der Verletzung in diesen Zusammenhängen? — stop

ein zierliches mädchen
echo : 7.18 — In einem Hospitalpassagenraum saß ein zierliches Mädchen in einem Rollstuhl. Ihr Gesicht war bis unter die Augen hinauf von einem Mundschutz bedeckt, von einem gefalteten Segel, das sich blähte im Rhythmus des Atmens. Sie hatte ihre Hände aus dem Schoß gehoben und drückte sie pulsierend so fest gegeneinander, dass sie zitterten. Schläuche, transparente, gewundene Röhren, führten von einer Sauerstoffflasche, – sie war hinter der Lehne des Rollstuhls befestigt -, zur Nase des Mädchens. Wenn sie hustete, war ein tiefes, feuchtes, ein brummendes Geräusch zu vernehmen, ein Ton, der durch die Luft rollte, ein unsichtbares Wesen, das sich befreite, um sich irgendwo in einer Ecke des Warteraumes zu weiteren unsichtbaren Wesen zu falten. Hinter einem Vorhang, der eine Behandlungskabine verdeckte, zwitscherte ein Radio. Bald wird Schnee fallen, bald Eis auf den Straßen wachsen. Die junge Frau war müde gewesen, von einer Art der Müdigkeit, die ich selbst nie erfahren habe. Immer wieder fielen ihr die Augen zu, sie schwitzte, ihre Hände zu heben, schien ihr alle Kraft abzuverlangen, die zu diesem Zeitpunkt in ihr zu finden war. Einmal bemerkt sie, dass ich sie ansehe, dass ich notiere, dass ich ihre Hände beobachte. — stop

Carson McCullers
nordpol : 20.58 — Carson McCullers faszinierende Ballade vom traurigen Café. Weil ich noch immer nur sehr schwerfällig mit der Hand in mein Notizbuch schreiben kann, notiere ich während des Lesens, indem ich in Gedanken wiederhole, was zu tun ist in den kommenden Stunden. Nachforschen in der Elektrosphäre. Wo genau, in welcher Straße, in welchem Haus wohnte Carson McCullers in Brooklyn? Ist denkbar, dass die junge Dichterin tatsächlich drei Wochen benötigte, um das Subway-System der Stadt New York verlassen zu können? Oder suchte sie in ebendiesem Raum der Zeit nach ihrer Wohnung, die sie nicht wieder finden konnte, weil sie mittellos und ohne genauere Ortskenntnis in einem U‑Bahnwagon zurückgelassen worden war. Wie viele Dollar kostete eine Flasche Whiskey im Jahr 1934? Wie viel ein Taxi? – Wenn ich in Gedanken notiere, wiederhole ich dreifach, was ich mir zu merken wünsche. Verlorenes, das könnte sein, bemerke ich nicht. Oder nur einen Schatten ohne Wörter. — stop
![]()
mantelstille
ubu : 15.07 – Vor wenigen Tagen habe ich einen Spaziergang durch die Stadt unternommen am helllichten Tag. Alles bewegte sich, auch die Straßen, Häuser, Brücken bewegten sich unter den Händen der Arbeiter und ihren hämmernden Werkzeugen. In einem Park wurden Bäume gefällt, billige Jazzmusik in Warenhäusern, Straßenfeger trieben mit Windmaschinen Blätter und Papiere vor sich her, unaufhörlicher Lärm von Ecke zu Ecke. Plötzlich, so im Gehen, versuchte ich mir Stille vorzustellen. Ich dachte, dass ich, wenn ich den Eindruck von Stille erinnern könnte, den Lärm um mich herum vergessen könnte, sozusagen Nichthören, weil das eigentliche Echogeräusch des Lärms, das schmerzt, im Kopf entsteht, ein Geräusch, das ich hoffte, mit einer Idee von Ruhe ummanteln zu können. Es gab kein Entrinnen. Ich muss das weiter üben. — stop
![]()
time
hibiskus : 22.25 — Wenn ich mich sehr langsam bewege, so langsam, sagen wir, wie möglich bewege, ohne umzufallen oder einzuschlafen, meine ich, einer Person nachspüren zu können, deren Leben auf 2800 Jahre Zeit ausgedehnt worden ist. Drei Pulse pro Minute an einem Tag von 840 Stunden Dauer. Ich hörte die Wetterfrage (Regen?) eines Freundes, der sich in jener anderen, in jener für Menschen üblichen Lebensgeschwindigkeit befindet. Ich antwortete 5 weitere Minuten später in einem kaum noch wahrnehmbaren Geräusch. Wie nur unbeschadet eine Straße überqueren? — stop
PRÄPARIERSAAL — so haben wir angefangen
delta : 22.20 — Sobald ich mein Tonbandgerät betrachte, wenn ich beobachte, wie sich zierliche Rädchen hinter einer Scheibe bewegen, Lust, die kleine Maschine auseinanderzunehmen, alles zu betrachten und dann wieder zusammenzusetzen, auch wenn vielleicht Jahre vergehen, bis die Zusammenhänge der Maschine wieder fehlerlos hergestellt sein werden. An diesem Abend, da im Hintergrund eine weitere, eine digitale Tonbandmaschine Joshua Redman wiederholt, ist alles noch in Ordnung, unberührt, sagen wir. Tom erzählt: > Man geht also vorsichtig los, man kommt durch eine Klapptür in den Saal und sieht sofort, dass da sehr viele Menschen sind. Ich hatte zunächst ein paar Probleme damit, die Knöpfe meines Kittels in die Finger zu bekommen, weil ich einen Atlas unter den Arm geklemmt hatte und ein Paar Latexhandschuhe in der einen Hand und in der anderen meinen Werkzeugkasten, eine hölzerne Schachtel mit Pinzetten und Skalpellen. Ich habe mir gedacht, du musst jetzt nicht besonders souverän sein, mein Junge, sondern zunächst einmal deinen Tisch finden und deine Leute und dann wirst Du ganz einfach anfangen. Also bin ich gleich nach links gelaufen, weil ich wusste, dass ich in einer Abteilung arbeiten werde, die links liegt, wenn man das von der Tür aus betrachtet. Aber dann hatten wir natürlich keine Ahnung, wie wir anfangen sollten. Wir standen um einen Tisch herum und haben zunächst einmal abgewartet. Wir waren acht Leute. Weil wir uns noch nicht alle kannten, haben wir uns erst einmal vorgestellt. Vielleicht bekomm ich sie grad schnell zusammen. Da war, zum Beispiel, Mika, eine Norwegerin, und Michael, der mir am Tisch gleich gegenüber arbeitete, und Susan, die sich ein Tuch um ihren Kopf gebunden hatte, damit das Haar ihr nicht ins Gesicht fallen konnte. Und da waren Zue natürlich, eine Afrikanerin von der Elfenbeinküste, die uns nicht immer verstehen konnte, weil sie die englische und französische Sprache flüssiger sprechen konnte als die deutsche Sprache, und Ismene, eine Griechin, die uns sofort erzählt hatte, dass sie Chirurgin werden wolle. Ich erinnere mich, Ihre Augen waren stark gerötet, vielleicht weil ein scharfer Geruch in der Luft hing, irgendetwas, das die Augen reizte. Ich konnte diesen Geruch bereits auf der Straße wahrnehmen, und später, am Abend, zu Hause, hatte ich ihn an den Händen. Kurzum, wir haben dann also gewartet. Ich kann nicht genau sagen, wie lange wir so gewartet haben. Das war eine seltsame Situation. Wir haben uns immer wieder angelächelt. Ich glaube, wir waren alle sehr verlegen und standen zu diesem Zeitpunkt unter einer großen Spannung. Der Tisch hatte die Nummer 4/12. Eine rote Plane war über diesen Tisch ausgebreitet und wir konnten eine Kontur erkennen, eine Erhebung. Wir wussten, dass da ein Körper lag und dass dieser Körper eher klein sein musste, zierlich, sagen wir. Ich hatte die Vorstellung, dass dort unter der Decke eine Frau liegen könnte. Und ich erinnere mich, dass ich in diesem Moment überlegte, ob das Geschlecht des Körpers, den ich in den kommenden Wochen auseinander nehmen würde, eine Bedeutung für mich haben würde oder nicht. Und dann ging alles sehr schnell. Unser Coassistent kam zu uns an den Tisch und erkundigte sich, ob alles o. k. sei. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und schaute jeden einzelnen von uns an und lachte sehr freundlich. Wir haben dann damit begonnen, das rote Tuch vom Tisch zu nehmen. So haben wir angefangen.

PRÄPARIERSAAL : zeppelin
echo : 2.16 — Wallstreet gestern Abend auf Fernsehbildschirm. Hinter einem Reporter, der vom abwärts strebenden Verhalten der Kurse erzählte, warteten japanische Menschen. Sie winkten fröhlich in die Kamera, grüßten, fächelten sich Luft zu mit fleischfarbenen Zeitungspapieren. Es schien warm zu sein in New York, schwül. Wäre ich jetzt dort, dachte ich, würde ich südwärts laufen zur nahegelegenen Hafenstation, würde mich auf das obere Deck eines der alten Fährschiffe begeben, würde bald im kühlenden Fahrtwind sitzen, eine Coke in der linken, eine Teigtasche mit Hummerfleisch in der rechten Hand, das Tonbandgerät in der Tasche und Mels Stimme im Kopfhörerohr, wie sie erzählt von anatomischer Zeit. — 2 Uhr und zwanzig Minuten. Regen. Blitze. Donner. Gerade eben hörte ich mich selbst, meine eigene Stimme. Ich formulierte vorsichtig eine Frage, wollte wissen, ob Mel sich im anatomischen Saal gefürchtet habe? Nein, antwortete Mel ohne zu zögern, sie habe sich nicht eine Sekunde lang vor den Toten gefürchtet. > Ich hatte in diesen 6 Wochen keine Zeit, Angst zu haben. Ich habe mich auf meine Aufgabe konzentriert. Ich habe mich vor Testaten ein wenig gefürchtet, und ganz am Anfang vielleicht davor einmal rasch umzufallen. Nur deshalb hatte ich wirklich Angst, umzufallen, das heißt nicht arbeiten zu können, aber davon erzählte ich bereits. Wenn ich mir das jetzt genau überlege, dann kann ich mich nicht erinnern, dass im Präpariersaal überhaupt irgendjemand umgefallen ist. Vielleicht musste man mal aus dem Saal gehen und sich setzen, weil man die Nacht zuvor nur kurz geschlafen hatte und deshalb müde war und weil die Augen brannten vom Formaldehyd in der Luft. Aber umgefallen, ich meine, ohnmächtig geworden, davon habe ich nichts mitbekommen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass ich das alles nur geträumt habe. Auch in der Zeit, als ich noch präparierte, hatte ich bisweilen den Eindruck, dass dieser Saal nicht wirklich war. Ich konnte meine Eindrücke nicht mit der Straße, über die ich nach Hause spazierte oder mit den Gesprächen der Menschen, die ich in der U‑Bahn gehört habe, in Verbindung bringen. Ich hatte den Eindruck, dass der Saal, dass die ganze Situation irgendwie frei schwebte, also ganz für sich war, isoliert. Und so reiste ich also hin und her, von da nach dort und wieder zurück, aber das war nicht schwer gewesen, so hin und her zu springen. Ich habe von dem ein oder anderen meiner Freunde gehört, dass sie Albträume gehabt hätten. Ich selbst habe aber nie geträumt. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, geträumt zu haben. Ich glaube, ich war in irgendeiner Weise geschützt. Ich kann nicht genau sagen, was mich geschützt hat, vielleicht war es die Dichte der Aufgaben, die mir gestellt waren. Ich hatte keine Zeit, lange über diese merkwürdige Situation nachzudenken. Ich meine, ich habe nicht lange darüber nachgedacht, dass ich, Mel, hier den Körper einer alten Frau so lange zerlege und betrachte, dass er fast verschwunden sein wird, wenn ich fertig sein werde. Ja, – es war sehr viel zu tun. Das hat es leichter gemacht.

time
tango : 22.01 — Einmal, vielleicht auf Papieren, eine Stadt äußerst langsamer Menschen besuchen, eine Stadt, deren Bürger sich unter rasenden Vögeln, rasenden Wolken, rasenden Straßenbahnen, wie in Zeitlupe bewegen. Jeder Gedanke dort ein Stundengedanke, die Stimmen der Menschen, sonore Linien, ich selbst kaum noch sichtbar, Augen, Arme, Mund, Unschärfen der Luft. — stop
![]()
segelohren
![]()
~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : SEGELOHREN
Liebe Daisy, liebe Violet! Kühl ist die Luft geworden in den vergangenen Tagen. Als ob Herbst geworden sei, eine Luft voller Regen und Wind. Auf der Straße laufen Menschen herum, die haben sich Tropfenfänger unter ihre Nasen gebunden, die wund sind und geschwollen. Ich selbst noch wohlauf, was vielleicht darin begründet sein könnte, dass ich bereits jetzt schon kräftige Wanderschuhe trage für den kommenden Winter in New York. Will Euch eine Geschichte notieren, an diesem schönen, nassen Sonntag, die ich tatsächlich genauso erlebt habe, wie ich sie erzähle, ob Ihr mir nun glauben werdet oder nicht. Stellt Euch ein geräumiges Zimmer vor. Ein gutes Dutzend Ohren propellerten dort durch die Luft, sie waren Gästen entkommen, die in nächster Nähe eines Rundfunkempfängers Platz genommen hatten, um Ella Fitzgerald zu lauschen: It Don’t Mean a Thing If It Ain’t Got That Swing. Ein merkwürdiger Anblick war das gewesen, bald lagen kämpfende Ohren in Schichten über zwei Lautsprechern des Radios, wie Footballspieler, sagen wir, eine rangelnde Bande zwitschernder Ohren, sodass in dem Zimmer der Versammlung vom Konzert kaum noch etwas zu hören gewesen war, als diese Geräusche des Kampfes. Man kämpfte auch dann noch verbissen weiter, als das Radio längst ausgeschaltet worden war, vermutlich deshalb, weil man meinte, die nun auftretende Stille sei nicht wirklich vorhanden. Ich habe drei Stunden in der Beobachtung des Tumultes zugebracht. Dann bin ich nach Hause zurück ohne meine Ohren. Seither warte ich geradezu taub geworden auf ihre Rückkehr. Bis bald einmal wieder. Cuccurrucu! – Euer Louis
gesendet am
03.07.2011
20.05 MESZ
1587 zeichen
![]()




