nordpol : 3.55 — Folgendem Molluskenwesen gilt nachtwärts meine Aufmerksamkeit: MLR X‑867, 10 cm in der Länge, 1 cm in der Höhe, 2 cm in der Breite, samtig schwarzer Körper, 30 Gramm schwer, hohl und höchst beweglich. Dieses Schneckenwesen lebt vornehmlich im Wasser, weswegen es über Kiemen gebietet, wandert dort langsam auf Lamellenbeinen über den Boden hin oder felsige Wände auf und abwärts. Aber auch in Gefangenschaft überlebt es gerne, solange man warme Fliegenlarven füttert, die großzügig über die Oberfläche des Molluskengewässers zu verteilen sind. Es ist vielleicht so, dass in stetiger Erwartung, das kleine Tier in genau jenem Moment, da es der bebenden Larvenkörper ansichtig geworden ist, Hochgeschwindigkeitszungen in Richtung seiner Beute schicken wird, Zungen, die einem schmalen Rücken entkommen, dort reiht sich ein Mund an den nächsten, es sind sieben insgesamt, die geschlossen vollständig unsichtbar bleiben. Nun wäre das noch nichts Besonderes, wenn es sich bei diesem Wesen, nicht um eine Persönlichkeit von hervorragender Musikalität handeln würde, man leuchtet nämlich in jeder erdenklichen Farbe, sobald man Geräusche, noch die leisesten hört. Das Schwarzsein bedeutet also Stille. Art und Position der Schneckenohren sind zu diesem Zeitpunkt, 3 Uhr 28 Minuten, noch nicht bekannt. — stop

Aus der Wörtersammlung: wand
spuren
ulysses : 2.06 — Die Entdeckung, dass ich mich, über die Begrenzung meiner Haut hinaus, in den Raum fortzusetzen scheine. Ständig fällt irgendetwas von mir ab oder steigt irgendetwas von mir auf. Ich hinterlasse eine Spur. Ich hinterlasse eine Spur, wie ein Schiff auf dem Meer eine Spur hinterlässt. Eine Spur, die verschwindet, in dem sie mit den Winden wandert. Eine Spur in einem Universum kleinster Teilchen weiterer Menschen. Eine Spur in einer unvorstellbar großen Sammlung codierten Textes. — stop

ein ohr
sierra : 0.01 — Im Traum hatte eines meiner Ohren seine Position verlassen. Das wandernde Ohr hockte, als ich erwachte, auf meiner linken Wange wie ein wildes Tier, das ich zu bändigen trachtete, in dem ich mit ihm ein Gespräch zu führen versuchte. Beschwörung. Verhandlung. — stop

charles mingus
nordpol : 0.08 — Ich stelle mir eine Stadt ohne Treppen vor, eine Stadt ohne Keller, ohne Aufzüge, eine Stadt ohne Leitern, eine vollständig ebene Stadt. Die Dächer der Stadt sind von durchsichtigen Stoffen gewirkt, Licht fällt zu jeder Tageszeit in jedes ihrer Zimmer. Kaum Bäume, keine größeren Straßen, keine Automobile. In dieser Stadt wohnen 8 oder 10 oder 12 Millionen Menschen. Würde man auf einen der seltenen Bäume klettern, wäre kein Ende, kein Land jenseits der Stadt zu erkennen. Es existieren keine Pläne der Gassen, der Plätze, der Winkel, nach welchen man sich richten könnte. Alle Wege sind schmal, sind verwinkelt, sind ohne Namen. Um sich zu orientieren, wenn sie ihre vertraute Umgebung verlassen, markieren die Bewohner der Stadt ihre Wege an Wänden, die sie passieren, deshalb sind die Häuser der ebenen Stadt über und über von Zeichen bedeckt, diese nachtwärts vorgestellte Stadt ist eine beschriftete Stadt. Man richtet sich wandernd auch nach der Sonne, nach den Sternen, wer sich verläuft, ist verloren, jeder Abschied könnte der letzte sein, die Liebenden gehen immer zu zweit, es ist eine Stadt zum Verschwinden schön, die Häuser sind hell, sind von der Farbe der Kamele, das beständige Rauschen der Stimmen macht einen weichen Himmel. – Es ist drei Uhr. Ich habe wundervolles Chaos zu Gast. Charles Mingus At Carnegie Hall : C Jam Blues — stop

seltsame geschichte
india : 5.56 — Seit einigen Tagen ereignen sich in oder in der Umgebung meiner Schreibmaschine kuriose Dinge. Es geht darum, dass ein Text, den ich am Montag notierte, sich immer dann, wenn ich schlafe, verändert, und zwar zu seinem Nachteil. Fehlerhafte Wörter, die ich bereits korrigierte, kehren wieder oder ich entdecke vollständig neuartige Missbildungen, verdrehte Buchstaben, Worterfindungen, Punkte oder Kommata verschwinden, aus der Farbe ROT wird die Farbe BLAU, aus Schnee wird Regen, aus Kindern werden Greise. Es ist eine eigenartige Situation, ich gestehe, ich beginne mich zu fürchten. Selbstverständlich habe ich mir die Frage gestellt, ob sich vielleicht ein weiterer Mensch, den ich bislang nicht entdeckte, in meiner Wohnung befindet, oder ob ich vielleicht selbst schlafwandelnd mich an meine Schreibmaschine setze. In diesem Zusammenhang könnte die unheimlichste Aussicht der Gedanke sein, dass meine Schreibmaschine selbst oder gar der Text machen, was sie wollen. Von außen jedenfalls ist ihm nicht anzusehen, ob irgendetwas mit ihm nicht in Ordnung sein könnte. Zur Prüfung, der Text beginnt so: Der Rasen in Zyp’s Garten war ein Teppich von Moos, auf dem immer irgendetwas blühte. Selbst in den kalten Monaten des Winters, wenn es schneite, wenn das Eis an die Küste schindelte, glaubte Zyp Wesley, die Geräusche des Wachsens und Vergehens zu hören aus dem unsichtbaren Raum unter dem Weiß. Er verfügte über ein hervorragendes Gehör, obwohl er seit Jahren Posaune spielte, wohnte deshalb etwas abseits. Das nächste Haus, indem eine Familie mit Kindern siedelte, war etwa zweihundert Meter weit entfernt, hinter einer Anhöhe passierten die Geleise der Staten Island Rail seine Gegend. Man konnte von dort das Scheppern der Subwayzüge leise hören bei Tag und bei Nacht. – stop
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lenox hill : vertikal
zoulou : 20.25 — Es ist jedes Mal ein aufregender Moment, wenn sich die Kabine des Aufzuges vom 22. Stockwerk aus nach unten zu bewegen beginnt. Ich werde etwas größer für ein oder zwei Sekunden, ich kann das im Spiegel, der die Rückwand meines Reisebehälters vollständig bedeckt, genau erkennen, ich werde etwas größer, oder ich verliere den Boden unter den Füßen, es ist ein wirklicher Moment des Fallens, ein Raum der Zeit, der bereits vorüber ist, ehe man ihn mit Wortbedeutung ausgesprochen haben mag: Sekunde. Aber dann stehe ich schon wieder fest auf dem Boden, bin so groß wie zuvor, ein Irrtum natürlich, nicht die Größe, aber dass ich sicheren Boden unter meinen Schuhen haben würde, weil ich doch abwärts rase, was ich am wandernden Licht der Zahlenreihe, die sich neben der Kabinentüre befindet, erkenne. Außerdem knistern meine Ohren und ich habe den Eindruck, dass auch mit meinen Augen etwas anders geworden sein könnte, ein Drama vielleicht, das sich hier gerade zu entfalten beginnt. Vor vier Wochen noch hatte ich einmal im Aufzug einen Spaziergang unternommen, rasch, wie ein Tier in seinem Käfig hin und her, ich wollte mich sehen, wie ich im Fallen zu gehen vermag, ein lustiger Anblick, nehme ich an, weil ich kurz darauf den Eindruck hatte, der kleine Wächter im Foyer habe ein ironisches Lächeln im Gesicht getragen, vielleicht weil er mich beobachtet hatte mittels einer Kamera, die sich in einer der oberen Winkel der Kabine befindet. Seltsam ist, man wird scheinbar nicht kleiner, wenn man das Erdgeschoss erreicht, obwohl man doch schnell langsamer wird, gestaucht, meine ich, gepresst und diese Dinge. Ich habe weiterhin beobachtet, dass ich, indem ich den Aufzug verlasse, je eine leichte Linkskurve nehme, die so nicht geplant ist. Meine Schneckengänge, meine Labyrinthe im Kopf, daran könnte es liegen. — stop

union square : funkempfänger
ulysses : 0.08 — Im Taxi, in eine Wand eingelassen, die den Raum des Fahrers von meinem Raum sorgfältig trennt, ein Fernsehgerät, das sich nicht ausschalten lässt. Überhaupt scheppert das Fahrzeug in einer Weise, als wären sämtliche Schrauben, die am Morgen dieses schönen Tages zu lösen gewesen waren, mit Absicht freigelassen. Es ist ein altes Taxi, eines, das man fotografieren könnte, es wäre nicht möglich, zu sagen, in welchem Jahr in New York man sich genau befindet, nicht einmal das Jahrzehnt wäre eindeutig festzustellen, in diesem Taxi könnte mein Vater noch gefahren sein, zu einer Zeit, da ich selbst noch kaum des Laufens mächtig gewesen war. Vielleicht lässt sich das Fernsehgerät deshalb nicht ausschalten, weil es eigentlich nicht in dieses Fahrzeug gehört, es ist eine nachträglich eingebaute Persönlichkeit, die Sequenzen einer aktuellen Wirklichkeit empfängt und wiedergibt. Irgendwo muss das Auto über einen Funkempfänger verfüge für Fernsehwellen. Gerade sehen wir Mr. Romney, aber wir hören ihn nicht, weil das Automobil scheppert und weil der Fahrer versucht sich mit mir zu unterhalten, während ich versuche, ihm mitzuteilen, dass ich das Fernsehgerät gerne leiser stellen würde, oder ausschalten noch viel lieber, um ihn, den Fahrer verstehen zu können. Am Union Square halten wir an, und der Mann, der mich fährt, ein sehr junger, sehr korpulenter schwarzer Mann verlässt sein Automobil, um sich die Sache mit dem Fernsehgerät näher anzusehen. Eine besondere Situation ist nun entstanden, weil der Fahrer eigentlich sein Fahrzeug nie verlässt, so sieht er jedenfalls aus, es könnte sein, dass er nicht wieder hineinfindet in seinen Wagen und es ist noch dazu keine Zeit für solche Dinge, wir stehen inmitten des Verkehrs, es könnte alles mögliche passieren an dieser Stelle. – stop

downtown south ferry : lorra
nordpol : 0.22 — Elendsmenschen unter Decken, unter Mänteln, unter Kartons verborgene Personenwesen, zerschlagene, gefrorene, eiternde Gesichter zu Tausenden auf der Straße, in Tunnels, Hauseingängen, Parks. Ich kann nicht erkennen, ob sie Frauen oder Männer sind, sie sprechen und bewegen sich nicht, oder nur sehr langsam, als würden sie sich in einer anderen Zeit befinden. Wer noch gehen kann, wer noch über Kraft zu sprechen verfügt, wandert in der Subway, eine äußerst schwierige Arbeit, das Erzählen immer wieder ein und derselben Geschichte: Guten Abend, meine Damen und Herren! Ich bitte um ihre Aufmerksamkeit! Ich bin Lorra, ich bin 32 Jahre alt, ich bin wohnungslos, ich habe keine Arbeit, ich habe Kinder, wir müssen über den Winter kommen. Von Waggon zu Waggon. Von Zug zu Zug. Stunde um Stunde. Sie nimmt auch zu essen, zu trinken, Papier oder leere Flaschen an. Alles hilft, sagt Lorra, alles hilft. Sie wird nicht verhöhnt, vertrieben oder missachtet, sie bekommt, sooft ich ihr in der Linie 5 downtown South Ferry begegnete, zwei oder drei Dollar überreicht. Abends sitzt sie im Wartesaal der Fähre und schläft. Einmal nähert sich ein Polizist. Lorra war ein wenig zur Seite gefallen. Er spricht sie an, er berührt sie an der Schulter: Mam, ist alles in Ordnung? Aber Lorra antwortet nicht. Ein zweiter Polizist kommt hinzu. Er fragt: Ist sie noch am Leben? Sie richten die schlafende Frau gemeinsam auf. Sie tragen jetzt Handschuhe von Plastik. Sie sprechen so lange leise auf Lorra ein, bis sie die Augen öffnet. Dann macht sie die Augen wieder zu. — stop

upper east side : mail
india : 2.08 — Im 22. Stock des Hauses in Manhattan, in dem ich wohne, befindet sich vor Aufzügen ein Briefkasten der United States Postal Services, ein Schlitz, der in die Wand eingelassen wurde, ein gusseiserner Mund, genauer, mit einem schweren Häubchen von roter Farbe. Ich war im Postoffice an der Penn Station gewesen, um eine Briefmarke zu besorgen und einen Briefumschlag, eine Postkarte hatte ich schon, sie zeigt eine Fotografie der Mundharmonika Jack Kerouacs. Ich habe nun Folgendes unternommen. Ich habe auf die Postkarte einen Satz für mich selbst notiert, der natürlich geheim bleiben muss. Dann habe ich die Postkarte in den Briefumschlag gesteckt, meine Adresse notiert und den Brief in den kleinen Mund vor den Aufzügen gesteckt. In dem Moment, da ich den Brief aus den Händen in die Tiefe gleiten ließ, mein Ohr hatte ich dicht an den Schlitz herangeführt, war kein Geräusch zu hören gewesen, als ob der Brief in einem Nichts verschwinden würde. — Spaziert im Central Park. Leichter Regen. Eine Stadt voller Menschen unter Schirmen, die miteinander zu sprechen scheinen. – stop

saint george ferry terminal : tiefseeelefanten
echo : 0.02 — Gestern, Dienstag, 24. Januar, hatte ich Gelegenheit mich genau so zu verhalten, als würde ich schlafen, obwohl ich doch hellwach gewesen war. War in der zentralen Halle des Saint George Ferry Terminals, erinnerte mich an einen Traum, den ich vor zwei Jahren erlebte. Ich wartete in diesem Traum an einem späten Abend an genau derselben Stelle auf das nächste Schiff nach Manhattan zurück. Ich wartete lange, ich wartete die halbe Nacht, begeistert vom Anblick einer Herde filigraner Tiefseeelefanten, die über den hellen sandigen Boden eines Aquariums wanderten. Sie hatten ihre meterlangen Rüssel zur Wasseroberfläche hin ausgestreckt, suchten in der kühlen Luft herum und berührten einander in einer äußerst zärtlichen Art und Weise. Ein faszinierendes Geräusch war zu hören gewesen, sobald ich eines meiner Ohren an das hautwarme Glas des Geheges legte. Und auch gestern wartete ich wieder lange Zeit und beobachtete den sandigen Boden des Aquariums, von dem ich geträumt hatte. Bisweilen, nicht ganz wach und nicht im Schlaf, war das Signalhorn eines Fährschiffs zu hören. Glückliche Stunden. — stop



