5.26 — Gestern Abend einen langen Spaziergang durch eisige Luft unternommen. Gegen 1 Uhr im indischen Café eine Tasse Schokolade, dann nach Hause aufs Sofa unter Andrej Tarkowskijs versiegelte Zeit. Das war natürlich ein Fehler gewesen. Sofort eingeschlafen. Gegen halb 3 werd ich wach. Kentaur Billy zupft am Kragen meines Hemdes: Haben Sie, verdammt, endlich die Farbe meiner Augen entschieden? — Eine wunderbare späte Nacht mit Billy vor der Computermaschine. Ich sitze auf einem Stuhl, Billy auf seinen Hinterläufen. Lese dem kleinen Kentaur aus meinen Entwürfen vor. Gelb, sage ich, ein dunkles, goldenes Gelb, und Billy sieht mich an und schweigt, sitzt schweigend zwei weitere Stunden an meiner Seite, aber dann werde ich müde und sage: Ok, Billy! Blau, und Billy lässt etwas Luft aus seinem schönen Mund entweichen, erhebt sich und springt mit einem Satz ins Nachtsofazimmer, und schon ist er weg. – Kurz nach 5 Uhr. Während ich in die Küche gehe, leichter Seegang. Denkbar, dass ich etwas Fieber bekommen habe. — stop
Aus der Wörtersammlung: eiche
ludwig wittgenstein
5.27 — Bemerke immer wieder, dass ich nicht spüren kann, wo genau im Kopf ich denke. Da sind durch Worte gehemmte [ Ludwig Wittgenstein ] Gedanken, präzise vernehmbare Geräusche, die in blauen, in roten, in gelben Farbtönen erscheinen. – Einmal CNN. | stop | Nachtfernsehen. | stop | New Orleans. | stop | Alte Menschen, die aus Fenstern, von Balkonen ihrer Wohnungen her in Boote steigen. | stop | Junge Männer in Uniformen der Nationalgarde, die ihnen die Hände reichen. | stop | Gesten, als wären sie Gondoliere. | stop | Das Gesicht eines Mannes, — erschöpft, leer, ausgezehrt, geschlossen. | stop | Ja, ein geschlossenes, lichtloses Gesicht. | stop | Nichts mehr darf hinein. | stop | Nichts kann heraus. | stop | Vielleicht die Ahnung, dass er nicht wieder zurückkehren wird? | stop | Vielleicht reicht mein Blick, mein Kamerablick, nicht ausreichend tief in die Wohnung? | stop | Ich könnte ein Ohr fest auf den Boden legen und dem Meer lauschen, wie es in der Wohnung unter meiner Wohnung mit den Möbeln spielt. | stop | In Schiffen, in Städten, auf Bäumen wohnen arme Menschen tief oder an steilen Erdsegelhängen. | stop |
kolibri
3.01 — Ich wurde, noch nicht lang her, gefragt, worin denn die Vorzüge eines Lebens auf Bäumen zu sehen seien. Hört zu, habe ich geantwortet, keine Zeitung, kein TV. Ruhe. Fast Stille. Etwas Pfeifen, etwas Schnattern. Käfer. Ameisentiere. Und Affen, größere Gruppen frecher Affen. Tamarine. Die Kerle drohen mit längst vergorenen Früchten, die sie für Geschenke halten. Moskitos. Fauchende Schaben. Kein Besteck, keine Waffen, keine Telefone. Abendsegler. Leichtere Fliegen. Fliegen in Blau, in Rot, in Schwarz. Schnelle Spinnen. Abwartende Spinnen. Regen. Warmes Wasser. Die Stämme der Bäume, die so hoch aufragen, dass man ihre Kronen nicht mit Blicken erreichen kann, auf und ab, auf und ab, Schiffsmasten im Hafen vor Sturm. Deshalb Seekrankheit, deshalb Höhenangst. Aber Vögel, sehr kleine Vögel. Flügel. Unschärfen der Luft. Öffnet man vorsichtig den Mund, wird man für eine Blüte gehalten. — stop
mandelkern
1.38 — Gegen Mitternacht eine Viertelstunde lang das Wort Mandelkern, 10 Zeichen, in meinem Kopf hin und her geschoben. Ein Gefühl, federleicht, vielleicht deshalb, weil sich die arbeitende Struktur im Wort wieder erkannte. — stop
fragezeichen
16.01 — Spreche ich, indem ich schreibe? — stop
panthergeschichte
18.15 – Da ist mir doch tatsächlich ein junger Panther zugelaufen, ein zierliches Wesen, das mühelos vom Boden her auf meine Schulter springen kann, ohne dabei auch nur den geringsten Anlauf nehmen zu müssen. Seine Zunge ist rau, seine Zähne kühl, ich bin stark, auch im Gesicht, gezeichnet von seinen wilden Gefühlen. Der Panther schläft, unterdessen ich arbeite. So glücklich sieht er dort aus, auf der Decke unter der Lampe liegend, dass ich selbst ein wenig schläfrig werde, auch wenn ich nur an ihn denke, an das Licht seiner Augen, das gelb ist, wie er zu mir herüberschaut bis in den Kopf. Spätabends, wenn es lange schon dunkel geworden ist, gehen wir spazieren. Ich lege mein Ohr an die Tür und lausche, das ist das Zeichen. Gleich neben mir hat er sich aufgerichtet, schärft an der Wand seine Krallen, dann fegt er hinaus über die Straße, um einen vom Nachtlicht schon müden Vögel zu verspeisen. Daran sind wir gewöhnt, an das leise Krachen der Gebeine, an schaukelnde Federn in der Luft. Dann weiter die heimliche Route unter der Sternwarte hindurch in den Palmengarten. Es ist ein großes Glück, ihm beim Jagen zuhören zu dürfen. Ich sitze, die Beine übereinander geschlagen, auf einer Bank am See, schaue gegen die Sterne, und vernehme die Wanderung des Jägers entlang der Uferstrecke. Ein Rascheln, ein Krächzen, ein Schlag ins Wasser. Wenn er genug hat, gehn wir nach Hause. — Donnerstag. 24. Januar 2008. Kurz nachdem ich diese kleine Geschichte mit Vergnügen erfunden habe, die Nachricht, die komplette DNA eines Bakteriums sei zum ersten Mal von Menschenhand wiederholt, das heißt montiert worden ist. — stop
malcolm lowry
3.18 — Ich erinnerte mich an eine Geschichte, die von Malcolm Lowry erzählt, genau genommen von seiner Art und Weise zu schreiben, nachdrücklicher noch von der Methode zu verlieren, was gerade eben noch notiert worden war. Malcolm, so der Erzähler der Geschichte, soll Gedanken auf jedes Stück Papier geschrieben haben, das in seine Reichweite gekommen war, auf Rechnungen, Speisekarten, Billetts beispielsweise, sofern er in einem Café oder in einer Bar Platz genommen hatte, um so lange notierend zu arbeiten, bis er ausreichend betrunken war damit aufzuhören. Wie viele Wörter und Sätze sind wohl vom Wind in Wüsten oder auf Meere hinausgetragen worden, wie viele Bücher haben sich in Luft aufgelöst? Ich stelle mir immer wieder leidenschaftlich gerne vor, wie Malcolm Lowry in unserer Zeit seine Zeichenketten für die Welt abgelegt haben könnte. Sagen wir so: Lowry arbeitet nie wieder mit einem Bleistift. Er notiert seine Gedanken in eine federleichte elektrische Maschine, die am Gürtel seiner Hose fest verankert wird. Sorgfältig von seiner Ehefrau Margerie Bonner programmiert, verbindet Malcolms persönliches Notizgerät unverzüglich Tastatur mit digitaler Sphäre, sobald sich der Autor, gleich welcher geistigen Verfassung, mit der einen oder der anderen Hand nähert. Nun schreibt der Autor. Er arbeitet, vielleicht stehend, vielleicht sitzend, vielleicht liegend. Und während er so arbeitet, wird Zeichen für Zeichen unverzüglich an einen geheimen Ort der Speicherung gesendet. Dort, Dropzone, könnte man sitzen und warten und betrachten, wie der Text, um den Bruchteil einer Atomsekunde in der Zeit verrückt, vollzogen wird. — stop
hello
15.12 — Ein Chatraum, in dem seit 200 Jahren eine Person mit sich selbst kommuniziert. Plötzlich erscheint das erste Zeichen einer weiteren Person, dann ein ganzes Wort in diesem Raum. — HELLO! — Langes Schweigen. — Jahre andauerndes, schweigendes Warten. — stop
unschärfe
0.26 — Jedes Erzählen, jedes Lesen scheint ein Vorrücken in einer Zeit zu sein, in der ich selbst gehalten bin wie ein Fisch im Wasser gehalten ist. Immer, auch dann, wenn es um Jahre zurückgeht im Text, liegt die wahrzunehmende Vergangenheit bis zu einem letzten Punkt je um ein Zeichen, um ein Wort, um Zeilen oder Seiten später, das heißt in der Zukunft. — stop
inszenierungsmaschine
2.26 — Sobald ich im Bauch einer elektrischen Inszenierungsmaschine 100 frei schwebende Textparticles von je 100 Wörtern über einen Zufallsgenerator miteinander verbinde, wird mit jedem weiteren Aufruf eines Textparticles jedes andere der 100 Textparticles möglich. Ich habe also eine Textversammlung, die sich wie eine Flüssigkeit verhält. Wie könnte ich nun eine Vereisung dieser Flüssigkeit erzeugen? Ich könnte zum Beispiel je 10 Textparticles zu einer Gruppe setzen und über einen Generator verschalten, sodass in einem ersten Schritt 10 Textparticles aus 100 Textparticles möglich wären. Oder ich bilde zwei Gruppen zu je 50 Textparticles und komme in dieser Weise auf zwei mögliche Textparticles einer ersten Wahl. Zwei Linien. Eine Weiche. Oder sehr gutes Eis. — Vielleicht sollte ich, wenn ich vom Schreiben eines linearen Textes spreche, zunächst an das Spinnen eines Eisfadens denken. Das Lesen, ein Vorgang der Enteisung. — Heute Nacht habe ich von 0 Uhr 12 bis 1 Uhr 52 Julio Llamazares wundervolle Stummfilmszenen aufgetaut.- stop