ulysses : 0.12 UTC — Ein Journalist, der für das Radio arbeitet, erzählte unlängst am Telefon, er habe einmal an einer Reportage gearbeitet, die von der Entdeckung der Regenschirmtiere berichtete. Ungefähr in der Mitte seines Beitrages habe er einen Fehler entdeckt. Er saß vor dem Radiogerät und hörte der Stimme einer Sprecherin zu, die seinen Text sehr deutlich las, es war also zu spät, der Journalist konnte an seinem Fehler nichts ändern. Das versendet sich, wurde er von einer Redakteurin getröstet. Und ich dachte, das ist ein schönes Wort für verlorene Worte oder Gedanken, das ist wie mit Träumen, die sich von der Erinnerung lösen wie Regenwasser, das sich nicht wirklich festhalten, nicht wirklich begreifen lässt mit Händen, dieses helle Wasser, das die Luft erhellte in einem Traum, den ich gerade noch erzählen konnte auf einem Blatt Papier, ehe der Traum sich verflüchtigte, in dem ich mich wunderte, dass ich, beide Hände frei, durch die Stadt gehen konnte, obwohl ich doch allein unter einem Regenschirm spazierte. Als ich an einer Ampel warten musste, betrachtete ich meinen Regenschirm genauer und staunte, weil ich nie zuvor eine Erfindung dieser Art zu Gesicht bekommen hatte. Ich konnte dunkle Haut erkennen, die zwischen bleich schimmernden Knochen aufgespannt war, Haut, ja, Haut von der Art der Flughaut eines Abendseglers. Sie war durchblutet und so dünn, dass die Rinnsale des abfließenden Regens deutlich zu sehen waren. In jener Minute, da ich meinen Schirm betrachtete, hatte ich den Eindruck, er würde sich mit einem weiteren Schirm unterhalten, der sich in nächster Nähe befand. Er vollzog leicht schaukelnde Bewegungen in einem Rhythmus, der dem Rhythmus des Nachbarschirms ähnelte. Dann wachte ich auf. Es regnet noch immer. Ich werde gleich telefonieren. — stop
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Aus der Wörtersammlung: erinnerung
m a r i m b o l o
whiskey : 2.42 UTC — Wenn ich die Stadt New York erfinde oder wiederfinde, gehe ich spazieren. Ich setze mich in meiner Vorstellung auf eine Bank im Tompkins Square Park und dann laufe ich irgendwann los mit den Wörtern, notiere, was ich erinnere, es ist Frühling, heute folgte ich der Avenue A nordwärts. Aber ich bin nicht weit gekommen, da war plötzlich eine Art Loch, ich konnte mich an den Namen eines Perückenladens nicht erinnern. Gestern war der Laden in meiner Erinnerung überhaupt nicht existent, deshalb konnte ich an ihm vorbeispazieren. Und heute blieb ich dort hängen. Das ist schon sehr seltsam. — stop

faltergeschichte
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sierra : 0.55 — Ein Nachtfalter segelte durch mein Arbeitszimmer, als sei er eine Erinnerung. Das Tier war so müde und so schwach, dass es sich der Luft anvertraute. Kurz darauf saß der Falter auf dem Boden und ich hob ihn auf und setzte ihn behutsam an eine Wand. — Es ist jetzt bald 1 Stunde nach Mitternacht. Ein paar Diodenlichter glühen zu mir herüber. Ich werde den Falter füttern, werde ihn mittels Zuckerwasser über den Winter bringen. Er könnte vielleicht 250 Jahre alt, er könnte ein Lichtenbergfalter sein, der bei mir zu Kräften kommen möchte. — stop

mercato
echo : 22.08 UTC — Immer der Nase entlang spazierte ich zum Markt, wo nachmittags Seemöwen stolzierten über den Boden, den sie längst so gründlich durchsucht hatten, dass Fisch gerade noch als Erinnerung feinster Moleküle in der Luft zu finden war. Da lag noch etwas Eis auf dem Boden, erstaunlich. In diesem Augenblick erinnerte ich mich an einen frühen Morgen vor vielen Jahren. Ich trat damals zur Zeit der Dämmerung auf den Markusplatz. So dicht ruhte Nebel über der Lagune, dass ich nur wenige Meter weit sehen konnte. Ich ging sehr vorsichtig voran. Vor einem Kaffeehaus hielt ich an, setzte mich auf einen Stuhl und wartete. Im Luftwasserzimmer, in dem ich Platz genommen hatte, hörte ich Stimmen von Männern, die miteinander sprachen. Auch waren immer wieder Pfiffe zu hören, wie Radare oder Signaltöne. Es waren Männer mit vermutlich Reisigbesen, die den riesigen Platz kraft ihrer Arme und Hände fegten. Auch Melodien waren zu hören gewesen. Ich wartete ungefähr eine Stunde und lauschte. Nie habe ich einen dieser Männer gesehen, aber ich habe von ihnen vielfach erzählt. Es scheint überhaupt die Zeit, da man sich in Venedig noch verlaufen konnte, vorüber zu sein für alle Menschen, die über eine Schreibmaschine mit GPS-Verbindung verfügen. Es ist, glaubt mir, ein Vergnügen, diese Radarschreibmaschine auszuschalten und loszugehen und nach da und dort zu laufen, stets in dem Glauben, man wüsste, wo man sich befindet. Es bleibt dann nichts weiter zu tun, als nach einer halben Stunde die Schreibmaschine hervorzuholen und nachzusehen und sich zu wundern und zu freuen. — stop
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samia yusuf omar
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delta : 0.05 — Exakt 2142 Tage zurück, am Montag, dem 20. August 2012, meldeten Nachrichtenagenturen, die somalische Sprinterin Samia Yusuf Omar sei auf dem Weg nach London zu den Olympischen Spielen ertrunken. Sie reiste auf einem Flüchtlingsschiff von Libyen aus nordwärts. Die Havarie des Bootes soll sich im Kanal von Sizilien nahe der Insel Malta bereits Anfang April ereignet haben. Einzige Vertreterin ihres Heimatlandes während der Olympischen Spiele 2008 in Peking, hatte sich Samia Yusuf Omar allein auf den gefährlichen Weg nach Europa begeben. Sie lebte 22 Jahre. — Und all die Namenlosen. — stop / Koffertext

souiga
ginkgo : 6.58 UTC — Lieselotte, die eigentlich ganz anders heißt, erzählte mir gestern im Schnellzug eine berührende Geschichte. Sie sagte, sie habe in ihrem Leben sehr viel Alkohol getrunken, das habe schon zur Kinderzeit angefangen. Sie habe ungefähr vierzig Jahre ihres Lebens in leichten oder schweren Rauschzuständen verbracht. Es existieren Zeiträume, die seien vollständig dunkel, ohne Erinnerung, die kenne sie nur von Erzählungen anderer her, sie habe in diesen dunklen Zeiträumen je keine gute Figur gemacht. Sie besuche nun, da sie abstinent lebe, manchmal Orte, an welchen sie betrunken gewesen war, das Münchener Oktoberfest, beispielsweise, oder die Stadt Souiga an der südlichen Küste Kretas, Manhattan im Mai, Turku. Sie reise herum, um nachzusehen, wie es wirklich ist. Oder die Wieskirche. — stop

licht
alpha : 22.01 UTC — Im Freiluftkino abends jagen Fledermäuse durchs Bild, werden für Sekundenbruchteile vom Filmlicht erfasst, federlose Vögel, hellbraun, rosa, aber blitzende Zähnchen, die ich mir hinzudichte, es geht alles so schnell, dass ich allein Erinnerung wahrnehme, die gestaltet werden kann. Auf der Leinwand uralte riesige Eichen, von welchen Louisiana Moose wehen, wie gefroren. Ein Mädchen sitzt auf einem Ast in großer Höhe, sie trägt ein weißes, knöchellanges Kleid. Auf dem Fluss hinter der Leinwand zieht ein Dampfer vorüber, buntes Glühbirnenlicht, Menschen, die Salsa tanzen. — stop
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tibet
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alpha : 8.02 UTC — In einem feinen Gespräch über das Schreiben tauchte plötzlich Dürrenmatt auf, seine Geschichte vom Winterkrieg in Tibet, dort ein einarmiger Söldner, der in einem Tunnelsystem im Rollstuhl sitzend entlang feuchter Wände vor- und rückwärts fährt. Er ritzt einen Textfaden von mehreren Kilometern Länge in die Felswand eines Bergmassives. Ich erzählte von dieser Geschichte, wenige Stunden später war ich mir nicht sicher, ob meine Erinnerung präzise gewesen war. Sofort suchte ich nach dem Buch in meiner Bibliothek, dann erinnerte ich mich, das Buch verliehen zu haben, aber nicht an wen. Wenn ich versuche, mich zu erinnern, gehe ich gern auf und ab. Ich gehe so lange, bis ich ahne, dass ich mich nicht erinnern werde. Kurz darauf sitze ich auf einem Stuhl und plane an etwas anderes zu denken. Es regnet, ein Gewitter, oder es regnet nicht. — stop

tokiozug
charlie : 22.25 UTC — Vor wenigen Minuten noch habe ich mit einem Bleistift in meiner rechten Hand versucht, den Namen Dostojewski’s in mein Notizbuch einzutragen. Das ist vielleicht tatsächlich eine kleine Meldung wert. Der letzte Eintrag in mein Notizbuch ist nämlich mit dem Monat April verbunden, das war, ich erinnere mich, an einem Sonntag gewesen, ein stürmischer und regnerischer Tag, die Papiere meines Notizbuches waren feucht geworden, wellten sich, wellen sich noch immer. Ich habe damals die Frage notiert, ob Fledermäuse auch bei Regen fliegen. Nun ging es heute um etwas ganz anderes, ich wollte eine Notiz zum Roman Der Spieler verzeichnen. Leider fuhr ich in diesem Augenblick meines Wunsches in einem Zug voller Menschen, die sich dicht aneinander drängten, weswegen ich meine Schreibmaschine nicht erreichen konnte. Also suchte in der linken Hosentasche nach meinem Notizbuch für Notfälle. Dieses Buch ist, wie ich erwähnte, von Papier, wurde mehrfach gefaltet, ebenso mehrfach feucht und wieder getrocknet, ein Heftchen, in welchem ich beizeiten mit wilder, ungeübter Schrift notiere, sodass ich manchmal nur noch erahnen kann, was ich vermerken wollte. So habe ich heute also aus der Erinnerung Variationen eines berühmten Namens notiert, mehrfach habe ich angesetzt, dann wieder nachgedacht. Ich frage mich, was würde Fjodor M. Dostojewski vielleicht gedacht haben, hätte er mich beobachtet in diesen aufregenden Minuten einer kurzen Zugreise? — Heute ist Dienstag, es ist warm, es ist Sumatra. — stop
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turingluftmaschine
sierra : 0.05 UTC — Bis in den späten Abend bei geöffneten Fenstern über das Wesen nichtdeterministischer Algorithmen nachgedacht. Da war plötzlich wieder ein helles Propellergeräusch an meinem Ohr, ein vertrauter Ton, den ich seit Kinderzeit erfinde, aber immer dann, wenn ich dieses Geräusch summieren wollte zu einem Geräusch hunderttausender Fliegentiere, der Verdacht, dass mit meiner Erinnerung etwas nicht ganz in Ordnung sein könnte. Ein Schwarm der Ordnung Ephemeroptera ist in der Luft kaum zu vernehmen. Habe fünf oder sechs Schwarmerscheinungen in der Wirklichkeit beobachtet, sie sind lautlos wie wirbelnder Schnee. Und doch war da stets ein besonderer Ton, sobald eine Fliege dicht an meinem Ohr vorüber gekommen war oder in nächster Nähe auf mir landete. – Ein zartes Klappern vielleicht? – Weiterhin Luftgeräuschworte erfinden. — stop



