echo : 18.25 — Hatte gerade noch von einem schnarrenden Geräusch erzählt, das meinem Arm entkommt, sobald ich ihn horizontal bewege, um zur Geschmeidigkeit zu überreden. Ein Raspeln, das ich spüre und höre zur selben Zeit. Ich legte den Telefonhörer zur Seite. Genau in diesem Moment war das Geräusch, von dem ich einem weit entfernten Menschen berichtet hatte, wieder im Raum gewesen, als ob es sich behaupten wollte, beweisen, bestätigen, dass es tatsächlich existiert. Ich überlegte, ob das Schnarren in meinem Arm vorübergehender Natur oder doch eher dauerhaft sein könnte, sagen wir, für immer, zeit meines Lebens ein Raspeln, ein Knarzen, sehr leise, eigentlich nur hörbar in der Stille bei Bewegung. Sturm vor den Fenstern. Regen knistert an den Scheiben. Ich entdecke in diesen Minuten, dass ich Geräusche, die in meinem Körper unter der Haut sich ereignen, auch dann zu hören vermag, wenn ich sie nicht hören kann, weil sie zu leise sind in einer Regenwindumgebung. Es knirscht die Erinnerung an ein Geräusch, oder ich höre, – das ist denkbar -, das Geräusch durch meinen Körper wandern. — stop
Aus der Wörtersammlung: erinnerung
geborstene wangen
marimba : 9.28 — Siebenhundert Menschen sollen vor wenigen Wochen während einer Demonstration auf dem Tahrir-Platz verletzt worden sein. Das Trauma der Versehrten, Verbrennung, verätzte Bronchien, steife Hände und Arme, Sprachstörung, blinde Augen, zertrümmerte Kiefer, geborstene Wangen, verlorene Erinnerung. Was bedeutet, der Blick ist in dunkle Seitenstraßen der Stadt gerichtet, in Zimmer versteckter, notdürftig ausgerüsteter Ambulanzen, das Wort der Verletzung in diesen Zusammenhängen? — stop

bojen
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romeo : 0.03 — Für diesen Tag, es ist der 4. November, habe ich mir vorgenommen, kein Wort aufzuschreiben, sondern alles das, was ich mir denke, alles was zu mir hereinfällt, im Kopf aufzubewahren. Ich sollte unverzüglich eine Methode entwickeln, jeden Gedanken oder jede Erinnerung, die mir wichtig zu sein scheint, mit einer Boje zu versehen, die ich wiederfinden werde und damit den Gedanken, der an ihr befestigt ist. – Null Uhr und fünf Minuten: Ich schalte jetzt die Schreibmaschine aus. — stop

segelfalterschatten
romeo : 8.15 — In einem Protokoll der Googlesuchmaschine finde ich den Hinweis, dass ich am 3. Mai 2007 nach einer Fotografie des Dichters Julio Cortazar gesucht haben soll, dann, erfolglos, nach einem Segelfalterschatten der Gattung Iphiclides podalirius 5, nach Spuren Patrick Modianos, nach Schimären und Matchboxautomobilen. Keine Erinnerung an den Ausgangspunkt meiner Suche. — stop

naturbeobachtung
india : 8.12 — Sagen wir so, sagen wir: Savanne. Sagen wir: Abend. Sagen wir: vorschriftliche Zeit. Dort – zwei Männer. Der eine der beiden Männer liegt auf dem Rücken. Dieser Mann, von Staub bedeckt, – ein toter Mann. Sein Bauch ist geöffnet. Vielleicht ist der Mann gestürzt, vielleicht wurde der Mann von einem Raubtier angefallen. Der zweite vorgestellte Mann kniet vor dem Toten und betrachtet die Wunde. Nun zieht dieser Mann seine Waffe und hebt einen Lappen Haut zur Seite. Er setzt das Werkzeug in der Wunde an und schneidet so lange in die Muskulatur des Bauches, bis die Bauchhöhle des Toten offen liegt. Eine Geste der Untersuchung, eine Geste des Eindringens, der Invasion, eine vorsichtige Bewegung ohne ein bestimmtes Ziel. Da ist der Wunsch, Tiefe zu gewinnen, Unsichtbares, Verdecktes, Unbekanntes sichtbar zu machen. Vielleicht wird sich dieser Mann zunächst von dem Toten entfernen, vielleicht deshalb, weil eine weitere Raubkatze sich nähert. Vielleicht wird der Mann, aus der Erinnerung heraus, den Umriss eines Mannes, der tot ist, in eine Felswand ritzen. Vielleicht wird er in diesen Umriss eines Mannes, der steht oder liegt, die Form eines Organs eintragen, – genaue Lage, exakte Größe. Die Abbildung eines Organs, für dessen Existenz zum Zeitpunkt der Entstehung weder ein Zeichen noch ein Begriff erfunden wurde. — stop

schnecken
~ : oe som
to : louis
subject : SCHNECKEN
date : sept 24 11 7.12 p.m.
Früher Abend, ruhige See. Möwen, die unser Schiff wie eine Insel bewohnen, kreisen dicht über dem Wasser. Gerade eben meldete Noe, zwei Schnecken näherten sich seinem Gesicht. Er müsse jetzt vorsichtig sein, um sie nicht zu verletzen, sollten sie in seinen Mund gelangen. Noe wohlauf. Seit zwei Wochen senden wir Jazz, wann immer Noe Jazz zu hören wünscht. Wir haben zunächst Charlie Parker geladen, das machte ihn nervös, weil er sich nicht bewegen kann im Taucheranzug, im Rhythmus, der schnell geht, ruhelos. Wir proben, forschen nach sanfteren Takes. Er könne, das sei neu, berichtet Noe, wenn er das Wort Regen lese, sich das Geräusch des Regens nicht länger in Erinnerung rufen, als würde sich das Wort Regen nach und nach entleeren. Wir haben versprochen, Regen für ihn aufzuzeichnen und in die Tiefe zu schicken. Gestern, als wir nachts alleine miteinander sprechen konnten, wünschte Noe, dass ich ihm das Schiff beschreibe, unter welchem er schwebt. Er sei glücklich, sagte Noe, aber er sehne sich nach einer Uhr. — Dein OE SOM
gesendet am
24.09.2011
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kokons
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echo : 22.58 — Im botanischen Garten das leise, das Nichtdenken geübt. Ich legte mein Ohr auf einen hölzernen Tisch und dachte nichts. Aber da war etwas merkwürdig: Mein Ohr auf dem Tisch hörte sich selbst. Und das andere, zum Himmel gerichtete Ohr, erlebte den Besuch einer Ameise. Also dachte ich doch an die Ameise, wie sie meine Ohrmuschel untersuchte. Wie gut, an Ameisen und an nichts Weiteres denken zu müssen. Dann schlief ich ein. Als ich erwachte, dachte ich sofort weiter an nichts. Die Ameise war verschwunden, aber ich hörte mein Ohr auf dem Tisch, und ich hörte den Gesang einer Nachtigall, die zunächst geschwiegen, dann aber meinen Besuch vielleicht vergessen hatte, weil ich reglos zu einer Pflanze unter anderen Pflanzen geworden war. Ich fragte mich, denke ich, indem ich der Stimme eines Vogels lausche? Ist das Denken nur dann gedacht, wenn ich meiner denkenden Stimme zuhöre, mich und meine denkende Stimme also wahrnehme? Immer wieder bemerkt, dass ich Sekunden zuvor noch an etwas oder über etwas gedacht habe, obwohl ich mir nicht zugehört hatte. Eine Gedankenerinnerung. Manchmal verhalten sich Gedanken wie Räume, Kokons, die verwickelte Gedankenpakete enthalten. Schallplattengedanken. Ich könnte demnach Schallplatten verzeichnen, die angenehme Stimmen und Stimmungen wiederholen, frohe Begegnungen und gelungene Gespräche. — stop

PRÄPARIERSAAL : ismene
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sierra : 18.02 — Abend. Die Fenster geöffnet, es regnet, für einen Moment ist Herbst geworden. Höre ein Interview, das ich mit Ismene, einer Medizinstudentin, in München führte. Sie erzählt mit ruhiger Stimme folgende Geschichte: > Wie wir angefangen haben? Ich erinnere mich gut. Ich hatte kaum geschlafen. Endlich sollte es losgehen. Als ich dann im Präpariersaal vor dem Tisch stand, war ich erst einmal irritiert vom Anblick des Leichnams. Ich glaube, alle meine Kolleginnen und Kollegen waren irritiert gewesen, mindestens waren sie beeindruckt. Wenn man unsicher ist, schaut man nach, was die anderen tun. Und wenn die Blicke einander begegnen, lächelt man. Ich habe diese erste Situation vor dem Tisch als sehr authentisch empfunden, als ehrlich und unmittelbar. Wir hatten nur unsere Augen, unsere Hände, also unseren Tastsinn, ein Skalpell und eine Pinzette, um den Körper, der uns zur Verfügung gestellt war, zu untersuchen. Natürlich arbeiteten wir auch mit unserem Gehörsinn. Wir waren acht Leute an jedem der 52 Tische, und wir diskutierten, was wir gesehen haben. An diesem ersten Tag aber waren wir eher still gewesen. Ich glaube, jeder von uns musste zunächst einmal mit sich selbst zurechtkommen. Das waren ja sehr kräftige Eindrücke. Ich habe mir, um mich vor dem scharfen Geruch zu schützen, ein Tuch in die Brusttasche gesteckt, das ich in Eukalyptusöl getaucht hatte. Und da war nun diese alte Frau gewesen. Sie lag vollkommen unbekleidet auf dem Tisch vor uns. Ich habe gewusst, dass dieser Moment kommen würde, aber man kann sich auf den Augenblick einer ersten Begegnung dieser Art nicht wirklich vorbereiten. Vielleicht hatten wir deshalb mit hoher, zupackender Geschwindigkeit die rote Decke und das weiße Tuch, die den Leichnam vor Austrocknung schützen, angehoben, weil wir unserer Unsicherheit Aktivität entgegensetzen wollten. Ich war sehr bewegt und ich war unruhig und ich schämte mich für meinen sachlichen Blick, der das Gewicht der alten Dame schätzte und ihre Größe. Sie lag rücklings auf dem Tisch. Ihre Beine und Arme waren ausgestreckt. Wenn sie noch am Leben gewesen wäre, würde sie vermutlich versucht haben, sich zu schützen. Sie hätte ihre kleinen, flachen Brüste mit Händen bedeckt und ihre Scham, und sie hätte vielleicht irgendeine abwehrende Geste unternommen. Ich sehe ihr Gesicht, ihre geschlossenen Augen noch sehr genau vor mir. Ein feines Gesicht. Das Formalin hatte ihr kaum zugesetzt, an ihrem Körper war keine weitere Narbe zu finden als ein Schnitt an der Innenseite des linken Oberschenkels, der von einer Kanüle der Präparatoren verursacht worden war. Und wenn ich jetzt sage, dass sie sehr echt aussah, wirklich, verletzlich, dann komme ich der Ursache meiner Irritation vielleicht näher. Verstehen Sie, die alte Dame war mir ähnlich. Ich bemerkte eine Frau, eine Frau, die nur durch ein wenig Zeit von mir getrennt war. Ich sah eine Person und ich fürchtete, sie in ihrer Ruhe zu stören, und deshalb sprach ich leise. Auch meine jungen Freunde am Tisch sprachen sehr leise, zurückhaltend, behutsam. Ich sah, dass ihre Hände in den Latexhandschuhen schwitzten und auch, dass sie ein wenig zitterten, während sie arbeiteten. Die Hände der alten Dame wirkten, als hätte sie zu lange gebadet. Das waren sehr feine Hände. Sie hatte zuletzt noch ihre Fingernägel bemalt in einem hellen Rot. Sie hatte sich noch geschmückt. Sie wollte schön sein! Immerzu musste ich ihre Hände betrachten. — stop

ohren gebraten
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : OHREN
In der vergangenen Nacht hab ich von Euch geträumt. Hört zu! Wir spazierten am Atlantik an einem frühen Abend in der Dämmerung. Schnee war gefallen. Eis schindelte in der Bucht vor Coney Island, ein verrücktes Geräusch, eines, das ich nicht beschreiben kann, vielleicht weil das Geräusch so flüchtig gewesen war, dass ich nichts festhalten konnte von seiner Substanz in meiner Erinnerung, obwohl uns das Geräusch über Stunden begleitete. Ihr hattet rote Stiefel an den Füßen und wart in Pelze gewickelt, viel zu groß, sodass man Euch kaum noch sehen konnte. Einmal wachte ich auf, sah mich im Zimmer um, schlief dann sofort weiter, weil ich Euere hellen Stimmen noch hören konnte. Ihr hattet Euch in der Nähe einer fahrbaren Bude in den Schnee gesetzt. Feuer flackerten in Fässern. Unweit lag ein Walfisch im Wasser ohne Haut. Über den Flammen schaukelten Pfannen, in welchen menschliche Ohrmuscheln in der Hitze sausten. Das Krachen, das Knistern des knusprigen Fleisches zwischen unseren Zähnen begleitete mich durch den vergangenen Tag, der ein Tag gewesen war, da ich bald stündlich die Gegenwart meiner Wachohren prüfte. Nie zuvor habe ich mir vorzustellen versucht, wie ich selbst oder meine Ohren, – nein, das ist schon eine ganz andere Geschichte, die ich Euch nur dann erzählen werde, wenn Ihr mir schreiben solltet, dass ihr sie unbedingt hören wollt. Euer Louis, gute Nacht!
gesendet am
27.05.2011
8.48 MESZ
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sarajevokoffer
lima : 3.43 — Einmal für Stunden nur, das geheime, schmerzende Gepäck der Menschen, die mir begegnen, wahrnehmen zu können. Hoch aufragende Kopfgefäße, steinerne Taschen, Rucksäcke, Beutel, Flaschengürtel, Truhen, Handkarren. All das, gefüllt mit der Last der Erinnerung. — stop




