Aus der Wörtersammlung: glück

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lichtenbergfalter

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echo : 22.01 — Um das Jahr 1790 her­um notiert Georg Chris­toph Lich­ten­berg fol­gen­de Sät­ze: Soll­te sich nicht in ande­ren Kör­pern etwas fin­den, was unse­rer Fan­ta­sie, (unse­rem) Schöp­fungs­ver­mö­gen ana­log ist? (Wie) wür­de unser Gehirn aus­se­hen, wenn wir die Ver­än­de­run­gen bemer­ken könn­ten, die die Gedan­ken in unse­ren Tex­tu­ren her­vor­brin­gen? — Lich­ten­berg zu lesen, begeis­tert mich, wie John Col­tra­ne mich begeis­tert, sobald ich ihn hören und spü­ren kann. Nie aber kann ich bei­de zur glei­chen Zeit wahr­neh­men. Der eine reist durch das Licht zu mir. Kurz dar­auf höre ich ihn mit mei­ner Stim­me spre­chen. Der ande­re kommt durch Ohren und Haut her­ein. Ein Schwin­gen jen­seits der Gedan­ken, aber doch eine Art Spre­chen, das Glück bewirkt, wie ande­rer­seits ein leuch­ten­der Satz aus einer Ent­fer­nung von 220 Jah­ren jene Art von Freu­de ent­ste­hen lässt, die dazu führt, dass ich ein­mal kurz auf der Stel­le in die Luft zu sprin­gen habe. stop – Noch zu tun: Lek­tü­re > Richard Powers Das Buch Ich. — stop

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unter apfelbäumen

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sier­ra : 5.12 — Wir ste­hen auf einem Bahn­steig und war­ten auf einen Zug. D. ist Leh­rer für Geo­gra­fie und Eng­lisch. Er spricht schnell, ich höre, wie er sagt, dass man ihn ein­mal im Alter von 17 Jah­ren an der Gren­ze zu Öster­reich fest­ge­hal­ten und wie­der nach Mün­chen zurück-geschickt habe. Das war im Jahr 1994 gewe­sen, er hat­te sich auf den Weg gemacht, sei­ne kroa­ti­sche Hei­mat zu ver­tei­di­gen. Er woll­te kämp­fen an der Sei­te sei­ner Schul­ka­me­ra­den, kämp­fen für die Frei­heit. Wäh­rend eines frü­he­ren Besu­ches hat­te er im Gar­ten sei­nes Eltern­hau­ses unter blü­hen­den Apfel­bäu­men Lei­chen gefun­den. Er habe die toten Men­schen, die kürz­lich noch gelebt hat­ten, sodass sie nicht tot sein konn­ten, alle per­sön­lich gekannt. Eine furcht­ba­re Erfah­rung. Das Prin­zip sei ein­fach gewe­sen. Zunächst habe die eine Sei­te Spe­zi­al­kräf­te in ein Dorf geschickt. Man habe im Hand­streich alle mensch­li­chen Lebe­we­sen, auch Rin­der und Vögel, umge­bracht. Weni­ge Stun­den oder Tage spä­ter habe die ande­re Sei­te Spe­zi­al­kräf­te in ein wei­te­res Dorf geschickt und man habe im Hand­streich Men­schen und Rin­der und Vögel umge­bracht. So war das gewe­sen, des­halb habe er, als er noch Schü­ler gewe­sen war, kämp­fen wol­len, mit einem Gewehr. Glück habe er gehabt, ver­damm­tes Glück. Er hät­te ums Leben kom­men kön­nen oder Schlim­me­res. — stop
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prypjat

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echo : 5.57 — Die Stadt Pryp­jat an einem son­ni­gen April­tag des Jah­res 1986. Duns­ti­ge Haut lag über far­bi­gen Bil­dern des Films, spie­len­de Kin­der vor Häu­ser­blocks, ein Karus­sell, ein Rie­sen­rad, fla­nie­ren­de Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, All­tag, Frie­den. Man­che der Men­schen tru­gen Taschen, ande­re hiel­ten ihre Söh­ne und Töch­ter an der Hand, ein Drei­rad glaub­te ich gese­hen zu haben, Bäu­me von hel­lem Grün, und den Him­mel, wol­ken­los. Aber da war noch etwas ande­res gewe­sen, etwas Unheim­li­ches, da waren Punk­te, Krei­se, hel­le Erschei­nun­gen, in Bruch­tei­len rasen­der Zeit tauch­ten sie auf und waren sofort wie­der ver­schwun­den. So rasch und so uner­war­tet tra­ten sie aus der Bewe­gung des Films her­vor, dass ein mensch­li­cher Betrach­ter nicht sicher sein konn­te, ob die Erschei­nung, die er gera­de wahr­ge­nom­men hat­te, tat­säch­lich zu sehen oder nicht ein Irr­tum sei­nes Gehirns gewe­sen war, hel­le Schir­me, pel­zig, weich. Die­ses blit­zen­de Licht, das ich vor eini­gen Jah­ren beob­ach­te­te, zeig­te Ver­let­zun­gen des bild­tra­gen­den Mate­ri­als an, Ver­hee­run­gen, die durch strah­len­de Teil­chen des bren­nen­den Gra­phit­re­ak­tors zu Tscher­no­byl ver­ur­sacht wur­den, Teil­chen­spur­licht, des­halb so unheim­lich, so tra­gisch, weil die­ses Licht in den Augen des Film­be­trach­ters von einer spä­te­ren Wirk­lich­keit aus wahr­ge­nom­men wer­den konn­te, nicht aber von jenen Men­schen, die sich in der Wirk­lich­keit der Auf­nah­me vor der Kame­ra beweg­ten durch einen lebens­ge­fähr­li­chen Tag, den sie für einen glück­li­chen Tag ihres Lebens gehal­ten haben moch­ten, weil nie­mand sie vor der unsicht­ba­ren Bedro­hung, die sich in der Atmo­sphä­re befand, warn­te. — Ich muss mei­ne Erin­ne­rung sofort über­prü­fen. — stop

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motel chronicles

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echo

~ : louis
to : Mr. Shepard
sub­ject : MOTEL CHRONICLES

Eine Depe­sche, ver­ehr­ter Mr. She­pard, an die­sem frü­hen Mor­gen in Euro­pa. Bei Ihnen da drü­ben in Ame­ri­ka wirds gera­de dun­kel wer­den. Notie­re begeis­tert, dass ich Ihre Motel Chro­nic­les geöff­net habe. Obwohl äußerst müde gewe­sen, las ich eine Halb­stun­de vor­an, ohne eine Pau­se ein­zu­le­gen. Ihre prä­zi­se Spra­che, die leicht ist wie Bims­stein, vul­ka­nisch, von Zeit­höh­len durch­wach­sen. Ob es viel­leicht mög­lich ist, ihre Geschich­ten zu neh­men, um sie in eines der Bücher zu über­tra­gen, die ich erfin­de für Nacht­per­so­nen, oder eine Zei­le nur wie die­se, da das Glück fällt auf die lin­ke Sei­te des Zufalls? Viel­leicht wer­den Sie fra­gen, wel­che Eigen­schaf­ten ein Nacht­buch von Tage­bü­chern unter­schei­den. Nun, ein Nacht­buch gebie­tet über wan­dern­des Licht in sei­nen Zei­chen, wel­ches müde Leser kaum merk­lich wei­ter lockt. Sobald sich näm­lich stu­die­ren­de Augen schlie­ßen, leuch­tet das Licht im nächs­ten Zei­chen, im nächs­ten Wort vor­aus, sodass man nicht auf­hö­ren möch­te, die­sem Licht durch die Zei­len zu fol­gen. Eine Ver­füh­rung, das könn­te sein, ein Appell des Buches, das in den Buch­sta­ben­sen­so­ren, das Augen­licht der Lesen­den zu spü­ren ver­mag. Eines die­ser Nacht­bü­cher könn­te Ihres wer­den, lie­ber Mr. She­pard, Motel Chro­nic­les, unsicht­ba­re Zei­chen des Tages, Licht in der Nacht. Erwar­te Ihre Ant­wort oder Fra­gen mit Freu­de, wie auch immer sie sich für mich dar­stel­len wer­den. Mit herz­li­chen Grü­ßen — Ihr Louis

gesen­det am
17.02.2011
4.08 MEZ
1407 zeichen

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luftpostbrief

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lima : 0.55 — Manch­mal sit­ze ich im Zug und foto­gra­fie­re mit mei­nem Kopf. Ich betrach­te eine Frau, einen Mann, ein Kind für zwei oder drei Sekun­den, und ver­su­che mir bereits in der nächs­ten Minu­te ein Licht­bild in Erin­ne­rung zu rufen. Ich den­ke: blau­er Schal, Hän­de, fei­ne Hän­de, Augen blau, Augen müde, Augen glück­lich, blau und müde, Turn­schu­he, gel­be Turn­schu­he, Zei­tung, was für eine Zei­tung, Haar­far­be, Schnee­haut, Mund, lächeln­der Mund, hör­te eine frem­de Spra­che, was für eine Spra­che könn­te das gewe­sen sein? Ich sit­ze also mit einem Bild in mei­nem Kopf im Zug und lau­sche einer Stim­me. Das Bild spricht. Das Bild lebt wei­ter. In jedem Bild, das in einem Zug auf­ge­nom­men wird, fin­det sich Bewe­gung, jene Stimm­be­we­gung viel­leicht, oder bereits die Bewe­gung der Erfin­dung. Wes­halb waren die Augen müde und ihr Aus­druck glück­lich? Eine Lie­bes­ge­schich­te? Oder war es die Zei­tung? Ja, was war das noch für eine Zei­tung? Viel­leicht ein Irr­tum, viel­leicht war die Zei­tung kei­ne Zei­tung, son­dern ein Brief gewe­sen, ein lang erwar­te­ter Brief, ein Brief, lie­be­voll von Hand geschrie­ben, ein Luft­post­brief, leicht, sehr leicht, ein Brief, noch kühl vom Flug. stop. Das Geräusch des Papiers. stop. Knis­ternd. stop. Auf­ste­hen! stop. Den Zug ver­las­sen! stop. Mit geschlos­se­nen Augen. — stop

interview
tahrir square
februar 2011
kurz vor ausbruch
staatlicher gewalt gegen
aktivisten/innen auf dem platz
source : zero silence project
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sekundenromane : nachts

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alpha

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : SEKUNDENROMANE : NACHTS

Für Stun­den ver­sucht, zwei Buch­sta­ben zur sel­ben Zeit auf elek­tri­scher Schreib­ma­schi­ne zu notie­ren, immer ist ein Zei­chen um Bruch­tei­le von Sekun­den schnel­ler als das ande­re Zei­chen auf dem Bild­schirm sicht­bar gewor­den, nie­mals lie­gen sie über­ein­an­der. — Guten Abend, Ihr Zwei! Wenn Euch die­se Nach­richt errei­chen wird, habe ich drei oder vier Tage bereits wei­ter­ge­lebt, das hof­fe ich jeden­falls, bin glück­lich mit sehr wesent­li­chen Fra­gen beschäf­tigt, die mei­ne Wahr­neh­mung der Zeit betref­fen oder die Wahr­neh­mung einer mensch­li­chen Stim­me im Schlaf, genau­er, die Stim­me eines schla­fen­den Men­schen, in dem sie hör­bar wird in den Ohren eines wachen­den Men­schen für Sekun­den, Wort­ge­räu­sche, wel­che sehr viel mehr als nur ein Wort in sich ber­gen, eine gan­ze Geschich­te viel­leicht in jedem die­ser Lau­te, wie sie zärt­lich aus nächs­ter Nähe zu mir durch den dunk­len Raum geflo­gen kom­men, unver­gess­lich und doch nicht wie­der­hol­bar, das Zir­pen schnells­ter Erzäh­lung, Roma­ne in Sekun­den­zeit, dann wie­der Atem­zü­ge, Mel­dun­gen des Lebens. >

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich hat­te eine selt­sa­me Idee, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, ich über­leg­te, in dem ich nacht­wärts mit mei­ner Stirn an einem sanft­war­men, an einem träu­men­den Rücken leh­nend lausch­te, ob ich nicht einen die­ser beson­de­ren Lau­te auf­zeich­nen und an Euch über­mit­teln könn­te, dort­hin wo man viel­leicht zu spie­len ver­mag mit der Geschwin­dig­keit der Zeit, wie sie sich bewegt, so dass Ihr mir bald ein­mal erzäh­len könn­tet, wovon gespro­chen wur­de in die­ser einen oder ande­ren Sekun­de, an die sich die Schla­fen­de, nach­dem sie erwach­te, nicht erin­nern konn­te. Und so habe ich eine klei­ne Samm­lung der Wort­ge­räusch­ro­ma­ne für Euch auf­ge­zeich­net. Ich bit­te Euch herz­lich, sie lang­sa­mer, sie les­bar zu machen für mich. Anbei, wie ver­spro­chen, eine Minu­te gefilm­ter Zeit vom Lau­fen über den East River von Brook­lyn aus nach Man­hat­tan. Euer Lou­is, cucur­ru­cu, wünscht eine gute Nacht! 

gesen­det am
14.01.2011
22.08 MEZ
1785 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

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herr auf bahnsteig

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echo : 6.28 — Ein älte­rer Herr abends spät auf dem Bahn­steig einer Metro­sta­ti­on. Der Mann ist offen­sicht­lich glück­lich. Gera­de noch, vor weni­gen Minu­ten, pas­sier­te er mit einem Kof­fer in der lin­ken Hand eine Bild­schirm­wand, las im lang­sa­men Gehen einen Text, der eine hal­be Minu­te zuvor dort erschien. Die­ser Text, eine Mel­dung, berich­tet von For­schungs­er­geb­nis­sen eines nord­ame­ri­ka­ni­schen Insti­tu­tes, man habe näm­lich her­aus­ge­fun­den, dass die Inten­si­tät der Gefüh­le mit dem wach­sen­den Alter eines Men­schen stei­gen wür­de, man kön­ne sich mit 60 Jah­ren am bes­ten in eine ande­re Per­son hin­ein­ver­set­zen, gleich­wohl schwie­ri­gen Zei­ten etwas Gutes abge­win­nen. Wie er die­sen Text nun liest, wird der alte Mann lang­sa­mer, hält schließ­lich an, wen­det sich dem Licht des Bild­schir­mes zu, setzt den Kof­fer neben sich auf den Boden ab. Leicht nach vor­ne gebeugt steht er da, ein Schat­ten, eine Sil­hou­et­te, die sich auch dann nicht bewegt, als die Nach­richt, die von der Natur, vom elek­tri­schen Wesen des alten Man­nes per­sön­lich erzählt, ver­schwin­det und statt­des­sen ein Wet­ter­be­richt (Eis und Schnee), eine Rei­se­emp­feh­lung (Ägyp­ten), sowie aktu­el­le Devi­sen­kur­se (Dol­lar stei­gend) erschei­nen. Der alte Mann war­tet, er war­tet zwei oder drei Minu­ten, bis der Text, den er stu­dier­te, wie­der­kehrt. Wei­te­re Minu­ten ver­ge­hen, dann nimmt der alte Mann sei­nen Kof­fer vom Boden, dreht sich auf dem Absatz her­um, sieht mich an, er lächelt und geht wei­ter. Eine Frau nähert sich in die­sem Moment, da ich notie­re, dem Luft­raum vor dem Bild­schirm. Sie trägt einen läng­li­chen Papp­kar­ton, in dem sich, einer Zeich­nung fol­gend, ein Weih­nachts­baum (Tan­ne) befin­den soll. Aber das ist schon eine ganz ande­re Geschich­te. Guten Mor­gen! — stop

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lufteisschrift

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romeo : 2.18 — Ein Eis­buch besit­zen, ein Eis­buch lesen, eines jener schim­mern­den, küh­len, uralten Bücher, die knis­tern, sobald sie aus ihrem Schnee­schu­ber glei­ten. Wie man sie für Sekun­den lie­be­voll betrach­tet, ihre pola­re Dich­te bewun­dert, wie man sie dreht und wen­det, wie man einen scheu­en Blick auf die Tex­tu­ren ihrer Gas­zei­chen wirft. Bald sitzt man in einer U‑Bahn, den lei­se sum­men­den Eis­buch­rei­se­kof­fer auf dem Schoß, man sieht sich um, man bemerkt die begeis­ter­ten Bli­cke der Fahr­gäs­te, wie sie flüs­tern: Seht, dort ist einer, der ein Eis­buch besitzt! Schaut, die­ser glück­li­che Mensch, gleich wird er lesen in sei­nem Buch. Was dort wohl hin­ein­ge­schrie­ben sein mag? Man soll­te sich fürch­ten, man wird sei­nen Eis­buch­rei­se­kof­fer viel­leicht etwas fes­ter umar­men und man wird mit einem wil­den, mit einem ent­schlos­se­nen Blick, ein gie­ri­ges Auge, nach dem ande­ren gegen den Boden zwin­gen, solan­ge man noch nicht ange­kom­men ist in den fros­ti­gen Zim­mern und Hal­len der Eis­ma­ga­zi­ne, wo man sich auf Eis­stüh­len vor Eis­ti­sche set­zen kann. Hier end­lich ist Zeit, unter dem Pelz wird nicht gefro­ren, hier sitzt man mit wei­te­ren Eis­buch­be­sit­zern ver­traut. Man erzählt sich die neu­es­ten ark­ti­schen Tief­see­eis­ge­schich­ten, auch jene ver­lo­re­nen Geschich­ten, die aus purer Unacht­sam­keit im Lau­fe eines Tages, einer Woche zu Was­ser gewor­den sind: Haben sie schon gehört? Nein! Haben sie nicht? Und doch ist kei­ne Zeit für alle die­se Din­ge. Es ist immer die ers­te Sei­te, die zu öff­nen man fürch­tet, sie könn­te zer­bre­chen. Aber dann kommt man schnell vor­an. Man liest von uner­hör­ten Gestal­ten, und könn­te doch nie­mals sagen, von wem nur die­se fei­ne Luft­eis­schrift erfun­den wor­den ist. – Guten Mor­gen. Heu­te ist Mitt­woch. — stop



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