Aus der Wörtersammlung: kinder

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nabous zunge

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echo : 5.12 — Nabou*, ja, Nabou, Frau aus dem Süden, wie sie nachts vor einer Tas­se Kaf­fee am Flug­ha­fen in groß­zü­gi­gen Sprün­gen durch die Zeit erzählt. Das Bar­fuß­mäd­chen Nabou, für Minu­ten ist sie wie­der zum Flücht­lings­kind gewor­den, erin­nert, fins­te­res Gesicht, einen suda­ne­si­schen Herr­scher, jenen Herrn, der Bars einer Stadt räu­men und den Alko­hol in den Nil schüt­ten ließ. In der sel­ben Stadt, nur weni­ge Stun­den spä­ter, wur­den im Namen des sel­ben Man­nes, Hän­de von Armen geschla­gen für dies oder das zur Stra­fe. Das Feu­er in den Augen der Erzäh­le­rin, wie sie berich­tet von einer Zeit, da mus­li­mi­sche und christ­li­che Kin­der noch gemein­sam die Schu­le besuch­ten und hei­ra­te­ten kreuz und quer. Undenk­bar heu­te, undenk­bar, raschelt Nabou mit ihrer selt­sam rau­en Stim­me, alle Men­schen, wo auch immer, rücken nach rechts. Dann die­ser ver­damm­te Abend als Nabou eine bos­ni­sche Freun­din besucht. Man sitzt mit Fami­lie in Mit­tel­eu­ro­pa um einen Tisch, es ist kurz vor Weih­nach­ten. Die Atta­cke auf den christ­li­chen Glau­ben kommt ohne Vor­be­rei­tung wäh­rend der Nach­spei­se. Als Nabou sich als Chris­tin zu erken­nen gibt, das Stau­nen der Freun­din: Aber Ihr habt doch ein Glas Was­ser neben der Schüs­sel im Bad, und Du, Nabou, sprichst die ara­bi­sche Spra­che! Wie von die­sem Moment an das Gespräch zu Ende war. Ver­kno­te­te Zun­gen, sagt Nabou, nach all den trau­ten Jah­ren, ver­kno­te­te Zungen.

* Name geän­dert
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taschenspielzeug

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romeo : 2.01 — Träum­te, obwohl ich New York besu­chen woll­te, nahe Montauk gelan­det zu sein. Hat­te mei­nen Impf­pass ver­ges­sen und man sag­te mir noch an Bord des Flug­zeu­ges, dass ich ohne Impf­pass nie­mals nach New York hin­ein­ge­las­sen wer­den wür­de. Man lan­de­te also rasch an nächs­ter Küs­te und setz­te mich dort ab. Die Stadt Montauk nun bestand aus fla­chen Hüt­ten. Selt­sa­me Men­schen leb­ten in die­sen Hüt­ten. Sobald ich mich einer Hüt­te näher­te, tra­ten sie zu mir auf die Stra­ße und erzähl­ten, wie ich den Flug­ha­fen wie­der fin­den könn­te, weil ich mich in der Stadt sofort ver­irrt hat­te. Als sie hör­ten, dass ich ohne Impf­pass sei, sag­ten sie: Ver­ges­sen Sie New York. Alle die­se freund­li­chen Men­schen, denen ich auf der Stra­ße vor ihren höl­zer­nen Häu­sern begeg­ne­te, führ­ten eine Plas­tik­ta­sche mit sich, die sie an einem Leder­rie­men nahe der Ach­sel­höh­le befes­tigt hat­ten. In die­ser Tasche leb­ten ihre Kin­der in einer wei­te­ren Stadt, die den Namen Montauk trug. Die Stadt muss­te jeweils sehr leicht gewe­sen sein, weil die Men­schen weder gebückt gin­gen, noch ihre Taschen auf den Boden stell­ten, um sich mit mir über mei­ne ver­geb­li­che Rei­se nach New York zu unter­hal­ten. Manch­mal, wenn es lei­se wur­de, wenn die Wel­len des nahen atlan­ti­schen Mee­res gera­de ein­mal Pau­se mach­ten, konn­te ich sehr fei­ne, hel­le Stim­men ver­neh­men, Auto­mo­bil­hu­pen und Flug­zeu­ge, Geräu­sche direkt von der nächs­ten Tasche her. — stop

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code-schirme

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echo : 20.55 - title / 2 LN child­ren WIA beschleu­nigt title / 2 local natio­nal child­ren woun­ded in action. stop. Jeder Wör­ter­code ein Man­tel. stop. Haben ver­wun­de­te Kin­der ihr Gesicht, ihr Augen­licht, Arme oder Bei­ne ver­lo­ren? stop. Ein Buch­sta­be noch unter­schei­det für sich Leben von Tod: title / 2 LN child­ren KIA beschleu­nigt title / 2 local natio­nal child­ren kil­led in action. stop /aus gehei­men Feld­be­rich­ten der US-Armee zum Irak-Krieg, ver­öf­fent­licht auf der Platt­form Wiki­leaks

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edison

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oli­mam­bo : 3.15 — Vari­an­ten, Bewe­gun­gen einer Hand zu beschrei­ben, die sich spie­le­risch über einer Kla­ri­net­te bewegt. — Müde. — Viel­leicht die­se Art Sand­au­gen­mü­dig­keit, die Nacht­ar­beit bewir­ken kann. Wann ist Mit­tag in der Nacht? Wann beginnt der Abend? Ich ste­he auf, ver­tre­te mir die Bei­ne, lau­fe vor dem Bücher­re­gal hin und her, ent­de­cke ein Buch, das von Edi­son erzählt, ein Buch aus der Kin­der­zeit, sit­ze auf dem Sofa, lese und schaue. — Wie man Glüh­bir­nen macht? Zunächst macht man einen glä­ser­nen Behäl­ter für das Licht und die­ses Glas nun glüht in einem sehr war­men oran­ge­far­be­nen Ton und ist flüs­sig und irgend­wie sehr heiß, denn die Män­ner, die an ihm arbei­ten, tra­gen kräf­ti­ge Hand­schu­he, ihre Gesich­ter sind zum Schutz mit feuch­ten Tüchern ver­bun­den. Jetzt bin ich ein­ge­schla­fen. — stop
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voyager

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ulys­ses : 22.00 — Wie ich lern­te, mei­ne Schu­he zu bin­den. Eine Sekun­de­n­erin­ne­rung an den Tag, als ich zum ers­ten Mal mit einer Dampf­lo­ko­mo­ti­ve aus der Stadt Mün­chen her­aus über Land gefah­ren bin. Abends sit­ze ich unter einem Apfel­baum nahe Land­au. Ich bin müde, aber ich habe den Wunsch, im Leben wei­ter­zu­kom­men. Irre Bewe­gun­gen mei­ner Kin­der­hän­de über klei­nen blau­en Schu­hen. Der Ein­druck for­schen­der Unsi­cher­heit, der in die­sem Moment, Fin­ger für Fin­ger, wie­der zu spü­ren ist, als wür­de jede Hand für sich über ein eige­nes Gedächt­nis ver­fü­gen. — Viel­leicht ist es sinn­voll zu sagen, dass die Raum­son­den Voy­a­ger 1 und Voy­a­ger 2 in der Sekun­de ihres Starts gebo­ren wur­den. — stop

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lichtbilder

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tan­go : 22.55 — Pro­zes­si­on der Holz­koh­le­wa­gen abends in der Däm­me­rung auf der Fifth Ave­nue süd­wärts. Fäden wei­ßen Rau­ches, die sich den Luft­be­we­gun­gen der Sei­ten­stra­ßen beu­gen. Im Café, am Neben­tisch, eine Frau, die gegen den Him­mel foto­gra­fiert. Das künst­li­che Geräusch der Kame­ra im Moment der Auf­nah­me, ein weg­wer­fen­des Geräusch, visie­ren, fest­hal­ten, ver­ges­sen. Wie vie­le Bil­der sind genom­men, ohne je betrach­tet wor­den zu sein? — Zur Mit­tags­zeit ein grie­chi­scher Mann auf dem Fähr­schiff nach Ellis Island. Scheue Bli­cke der Enkel­kin­der, die sein uraltes Gesicht betas­ten, wäh­rend er schläft. Sie hal­ten Wind­rä­der in Hän­den, die sich schnur­rend dre­hen. Ihre Mut­ter, die Toch­ter, lehnt an der Reling. — stop
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winde

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sier­ra : 0.02 — Ver­gan­ge­ne Nacht ein fei­ner Traum. Pen­del­te unter rie­si­ger Stadt in einem U‑Bahnzug. Kost­bar geschmück­te saßen zwi­schen zer­lump­ten Men­schen. Amei­sen pro­zes­sier­ten, kreis­run­de Papie­re in ihren Zan­gen, ein zer­teil­tes Buch durchs Abteil. Kin­der spiel­ten mit Ping­pong­bäl­len, feder­lo­se Täub­chen fackel­ten über offe­nen Koh­le­feu­ern. Und da waren Libel­len von vor­neh­mer Grö­ße, bit­ter duf­ten­de, blau­häu­ti­ge Tie­re, sie schweb­ten mit der rei­sen­den Luft. Nie wur­de Dun­kel im Zug, Jah­re fuh­ren wir so dahin, ohne je ein­mal anzu­hal­ten. Eine Laut­spre­cher­stim­me, schep­pernd, pfei­fend. Immer wie­der der­sel­be Satz: It was a wrong num­ber that star­ted it. – stop. — Mein Hand­no­tiz­com­pu­ter, so lei­se, so lei­se, dass ich mich zu ihm nei­ge, um sei­nen Wind wahr­neh­men zu kön­nen. — stop
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dämmerschritte

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kili­man­dscha­ro : 6.26 — Tief­see­ele­fan­ten, wo auch immer sie sich befin­den, schla­fen gemein­sam zur sel­ben Zeit. Sie gehen dann lang­sam, step by step, träu­mend rück­wärts über den Mee­res­bo­den hin. — Selt­sa­me Sache. – An die­sem frü­hen Mor­gen denk ich noch etwas ande­res von Schla­fes­din­gen. Gera­de öff­net Ber­fin die Tür ihrer Woh­nung. Sie kommt von einer Nacht­schicht zurück. Fünf Stun­den Arbeit. Jetzt wird sie noch eine hal­be Stun­de schla­fen, dann auf­ste­hen, ihre Kin­der, drei Mäd­chen, mit Küs­sen auf klei­ne hei­ße Ohren wecken, Früh­stück berei­ten und sie zur Schu­le brin­gen. Ber­fin schläft 21 Stun­den pro Woche. Sie lacht gern. Ein zar­tes Gesicht. Augen, die viel Krieg gese­hen haben. Meis­tens pla­gen sie Kopf­schmer­zen. Müde bin ich, sagt sie, dafür gibt’s kein Wort. 
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hispaniola

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sier­ra : 22.02 — Män­ner, die mit blo­ßen Hän­den Trüm­mer­ber­ge durch­su­chen. Der Fuß eines Kin­des, stau­big, das unter einer Beton­de­cke gefan­gen liegt. Erdi­ge Stra­ßen, gesäumt von ver­we­sen­den Kör­pern. Eine tote Frau, die auf einem Stuhl sitzt. Ein Mäd­chen, wie im Traum, nicht ansprech­bar, ihr Blick in die Fer­ne gerich­tet, wie sie durch eine Men­ge stam­meln­der Men­schen schrei­tet. Wei­nen­de Stim­men. Ver­stör­te Kin­der­ge­sich­ter. Rufen. Durst. Ver­zweif­lung. Infer­no. Flim­mer­bil­der. — Im Zug nach Süden erzählt eine Frau, die in Hai­ti gebo­ren wur­de und vie­le Jah­re dort leb­te, von dem Land, von dem Volk, das sie liebt, und alle Rei­sen­den, die in ihrer Nähe sit­zen, hören ihr zu, gebannt, mit­füh­lend, fra­gend. Ein­mal sagt sie, dass die Bewoh­ner der Stadt Port-au-Prin­ce, die ihr Leben unter Kor­rup­ti­on in größ­ter Armut auf einer hei­ßen Erd­man­tel­fal­te zei­ti­gen, nie an die Gefahr gedacht haben wür­den, in der sie sich in jeder Minu­te ihrer Exis­tenz befan­den. Nie­mand habe mit einem Erd­be­ben die­ser Stär­ke gerech­net, obwohl ein Erd­be­ben genau die­ser Inten­si­tät lan­ge vor­her­ge­sagt wor­den sei. Eine Fra­ge der Zeit, alles eine Fra­ge der Zeit, sagt die Frau, und sieht aus dem Fens­ter des Zuges, auf Schnee, der in der Däm­me­rung bläu­lich schim­mert. Man denkt, ver­ste­hen Sie, man denkt nicht an Erd­be­ben, an eine Gefahr, die nicht sicht­bar ist, wenn man in Ster­bens­ar­mut lebt. Man denkt an sau­be­res Was­ser. Man denkt an Brot. Man denkt an das Über­le­ben der Kin­der von Abend zu Abend.



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