sierra : 0.08 — Laure Wyss. Sie bemerkt um 22.38 MESZ, man würde ihre Gesellschaft vermutlich deshalb meiden, weil sie gerne ganze Bücher erzähle. Ihr feines, von der Zeit gewirktes Gesicht. Ja, fährt sie lachend fort, das Älterwerden, das ist ein Prozess, vielleicht der Schwierigste, weil es der letzte ist. Aber er hat auch sein Gutes. Es wird immer klarer, was wichtig ist im Leben. Es ist eine Art Vereinfachung. Es ist auch eine Zeit des Abschieds. Aber merkwürdigerweise bereichernd, nicht nur traurig. – Laure Wyss besaß drei Schreibmaschinen. Mit der weichsten dieser Maschinen, ihrer Bleistiftschreibmaschine, notierte sie Gedichte.
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Aus der Wörtersammlung: maschine
suspense
ginkgo : 0.55 — Im forschenden Gespräch mit Taini*. Vor einiger Zeit hatte sie auf meine Frage hin, ob sie sich jetzt, da sie schon viele Jahre in Europa lebt, als Europäerin wahrnehmen würde, geantwortet, sie sei doch eher noch immer eine Indianerin und das würde sich wohl niemals ändern, schon deshalb nicht ändern, weil ihre Gesichtszüge, weil das tiefe Schwarz ihres Haares und ihre äußerst zierliche Gestalt sie an ihren Ursprung täglich erinnerten. Ich sehe mich, sagt sie, ja, ich sehe mich! Wie sie jetzt lachend erzählt, dass sie einst schleichend ihre Sprache verloren habe, die verbotene Sprache ihrer Kindheit, und dass sie nun die Sprache jener Männer denken und sprechen würde, vor welchen sie sich als Mädchen in die Bäume flüchten musste. Langsam formuliert sie, Wort für Wort, betrachtet auch dann, wenn ich sie nicht ansehe, mein Gesicht, indem ich notiere, was sie erzählt. Selten wirft sie einen Blick auf das Notizbuch, das neben der Tonbandmaschine auf dem Tisch zwischen uns liegt, macht manchmal eine Kopfbewegung, die bewirkt, dass ich mein Werkzeug herumdrehe, damit sie sehen kann, was ich aufgeschrieben habe. Deine Schrift ist nicht zu lesen, bemerkt sie und schüttelt amüsiert den Kopf, vielleicht weil ich noch immer nicht gelernt habe, so zu schreiben, dass sie meine Gedanken entziffern könnte. Also lese ich ihr vor, zum Beispiel die Frage, wie Ameisen schmecken oder das Stichwort Schule. Kannst Du Dich noch an Deinen ersten Schultag erinnern? Ihr Schweigen. Eine anmutige, in sich suchende Erscheinung. Du musst eine spannende Geschichte daraus machen, sagt sie einmal. Ihr Blick, als ich sie frage, was sie denn unter einer spannenden Geschichte verstehen würde. — stop
* Name geändert
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marina abramovic in new york
sierra : 6.32 — Diese seltsame Frau: Marina Abramović. Ich kauerte Stunden auf dem Sofa und beobachtete das Schweigen der Künstlerin in New York, war unruhig und war ruhig zur gleichen Zeit. Hörte dann Henry, meinen Regenkäfer Henry. Summend erwachte das tabakfarbene Wesen aus tiefem Schlaf. Hatte zwei lange Jahre auf Virginia Woolfs Essay A Room of One’s Own liegend zugebracht, war indessen trocken und leicht wie eine Feder geworden, weshalb nicht weiter erstaunlich gewesen, dass der Käfer wie betrunken von unsichtbaren Luftströmungen getragen durchs Arbeitszimmer wirbelte. Eine gute halbe Stunde und Henry war auf meinem Kopf gelandet. Ich sagte: Schön, dass Du wieder unter den Lebenden weilst, Henry! Atmete sanft, atmete gar nicht. Und der Blick wanderte wieder hin zur Stille in der tosenden Stadt. Da saß nun vor Mrs. Abramović eine weitere Frau, sie hatte ihre Schuhe ausgezogen [ warum? ] und Schreibwerkzeug und Hefte unter ihrem Stuhl abgelegt. Über ihrer Beobachtung bin ich eingeschlafen, und jetzt hellt bereits die Nacht, und irgendwie ist das ein wunderbarer Tag, der gleich beginnen wird. Henry, er schwebt im Bad im Regen der Maschinen, eine fliegende Frucht. Guten Morgen! — stop

standardminute
delta : 6.05 — Wie ich abends im Warenhaus eine moderne Standardminute erlebte, das will ich rasch noch berichten, eh mir die Augen zufallen, müde vom Wundern. Eine ganze Minute also. In dieser Minute, an ihrem Anfang genauer, befindet sich eine Kassiererin mittleren Alters, unruhig sind Augen und Mund, und ihre flatternden Hände, Werkzeuge, die Waren über Lichttaster ziehen. Eine alte Dame ist da noch, eine Dame mit Hut, die sich sehr langsam bewegt, ein wahres Reptil, würdevoll, bedächtig. Ein wenig zerstreut scheint sie zu sein, hebt immer wieder den Blick, beobachtet scheu die Bewegung des Bandes, die Reise ihrer persönlichen Ware: eine Schachtel Pralinen, ein Fläschchen Jägermeister, Salzstangen, drei Dosen Katzenfutter, ein duzend Schokoladenostereier in Grün, in Gelb, in Rot, und ein weiteres Fläschchen noch hinterher. Das alles muss jetzt in die Tasche, sofort, und doch ist es schon zu spät. Zwei Aprikosensafttüten schieben sich, einem Eisbrecher ähnlich, in den wartenden Bezirk der alten Frau hinein, falten Eier, Salzstangen und andere Warenteile steil zur Seite. Man kann jetzt hören, wie das klingt, wenn eine Dame höflich um Geduld bittet, um Nachsicht, eine freundliche, eine herzerwärmende Stimme, und das Geräusch einer Flasche, die zu Boden fällt. Wie sich die alte Dame nun aufrichtet, wie ihre hellen Augen meine Hände beobachten, die versuchen, weiteres Unglück abzuwenden. Ungläubig schaut sie mich an, dann das Förderband entlang, das weitere Waren voran transportiert. Ja, bald stehen wir und staunen zu zweit, und auch die Verkäuferin ist zur mitfühlenden Beobachterin geworden. Sie lurt zum Warenstrom hin, der über die Kante der Rollbandtheke in die Tiefe stürzt. Ihre Hände, diese seltsamen Hände, sie arbeiten weiter und weiter, schieben und schieben, als führten sie ein eigenes Leben oder gehörten schon der Maschine mit ihrem Rotlichtaugengehirn. stop. Minute zu Ende. stop. Guten Morgen. — stop

handkuss
olimambo : 0.02 — Wieder einmal wahrgenommen, dass ich meine Gegenwart nicht in modernen Signalwörtern erzählen kann. Wenn ich Gegenwart erzähle, verwende ich Wörter einer Zeit, die mir eine alte Zeit zu sein scheint: Automobil stop Hospital stop Grammophon stop Schreibmaschine stop Traummechanik stop Sprechapparat stop Schallplatte stop Handkuss stop. – Da ist noch etwas Weiteres an diesem Abend, ein Gerücht, das mich fröhlich stimmt, sobald ich darüber nachzudenken beginne. Man erzählt, Autoren des New Journalism sollen lange, sollen viele Jahre dauernde Zeit unter ihren Figuren gelebt haben: Gay Talese stop Truman Capote stop Tom Wolfe stop. Man ist demzufolge nicht verrückt. Oder man ist verrückt, aber nicht allein verrückt. — Warum nur duftet dieser Abend nach Zimt und Fröschen? — stop
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schneekamille
nordpol : 0.02 — Deine schneeweiße Hand, die an einem Sommernachmittag auf meinem Unterarm liegt. Wir wandern durch einen Wald. Klein bist Du geworden und leicht, und ich gehe, Du führst mich, mit geschlossenen Augen neben Dir her. Und plötzlich bist Du nicht mehr da. Ich sehe Dich, unsicher Deine Schritte über das Moos. Und wie Du kniest vor den lichten Blumen unserer Wiese. Deine weinende Stimme. Dein Klagen ohne Worte. Dein Schreien gegen den Himmel. Dein Beben in meinen Armen. Und wie Du flüsterst: Ich will nicht sterben. - Dann ist Nacht wie an vielen Tagen Nacht geworden. Ich stehe im halben Dunkel Deines Zimmers, so still, so still, und lausche nach Deinem Atem, sitze und lese und schau Dich an. Deine lächelnden Augen im Schlaf, der süße Himbeerduft des Morphiums, das Schnurren der Sauerstoffmaschine, Dein Seufzen, und wie Du wach geworden bist, Dein Blick für mich, wie Du mit Deinen tiefen Augen vom Wunder des Lebens erzählst. Nie wieder, erinnerst Du Dich, haben wir vom Tod gesprochen.
für marikki im himmel
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transkriptionen
alpha : 0.05 — Ein Datenspeicher, in dem alle je von Menschenhand geschriebenen Zeichensätze versammelt sein werden. Meine Schreibmaschine, ein Albtraum, könnte mit diesem frei schwebenden Gedächtnis in Verbindung stehen. Und während ich nun notiere, würde unverzüglich angezeigt, ob der gerade gedachte Satz bereits aufgeschrieben wurde oder nicht. — Schneeflocken, Früchte, leiseleicht, die aus Nachtbäumen fallen. — stop
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j.d.salinger : 160 west 71st street
tango : 2.15 — Kurz nach Mitternacht beginnt es zu schneien. Sitze mit Schreibmaschine vor dem Fenster und übe das Fangen einzelner Flocken mit den Augen. Ich mache das genau so, wie ich’s als Kind schon machte, aber die Lichtpelze dieser Stunden fallen aus der Dunkelheit, während sie sich damals aus hellen Wolkenräumen lösten, deren Tiefe nie zu ermessen gewesen war. — Eine seltsame Nacht ist das heute. Ich habe eigentlich viel zu tun, und doch sitze ich hier am Fenster und schaue himmelwärts und denke an Salinger, an den großen geheimnisvollen Schriftsteller, der gestern gestorben sein soll. Ich hatte vor wenigen Wochen noch einen Ballon in meine Spazierkarte der Stadt New York eingetragen, um ein Gebäude in der 71. Straße West zu markieren, das Hotel Alamac genauer, Handlungsort der Geschichten um Franny und Zooey. Ich dachte mir, hier wirst Du einmal in den kommenden Jahren für Tage lungern und notieren und warten, auf J.D. Salinger warten, darauf warten, dass Dir der alte Mann erscheinen möge. Und so wird das nun also anders werden. Aber wirklich merkwürdig ist folgende Einsicht, die ich gewonnen habe in den vergangenen Stunden. Menschen, die so bescheiden lebten, dass man sie für nicht wirkliche Wesen ansehen konnte, werden wahrhaftig, werden lebendig, sobald man ihr Lebensende meldet. – Und jetzt wieder der Himmel und sein Licht. Zwanzig Uhr zwölf in Port-au-Prince, Haiti. — stop
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marie
alpha : 0.02 — Zwei Stunden mit Anna Thomson, mit Sue in New York, mit einer Frau, die an Einsamkeit und Alkohol zugrunde geht. Wollt gern hinter die elektrische Haut meiner Filmmaschine springen, um der Geschichte eine glückliche Wendung zu geben. Einmal hielt ich die Geschichte einfach an, in dem ich ihr weiteren Strom verweigerte. Aber das ergab natürlich keinen Sinn, weil Geschichten, wie diese Geschichte, sich so lange fortsetzen im Kopf, bis sie zu Ende gekommen sind. Und an Marie habe ich gedacht, an Marie, jawohl. Wie sie verrückt geworden ist. Als ich Marie zuletzt gesehen habe, lag sie im Flur ihrer Wohnung auf dem Boden herum und sah Geckos an den Wänden sitzen und ihre Zähne klapperten und ich musste aus der Bar im Erdgeschoss eine Flasche Cognac holen und sie damit füttern, damit sie wieder so ruhig werden wollte, dass ich sie zu ihrem Bett führen konnte. Aber dort kamen ihr die Geckos sofort wieder und spazierten über die Decke und sie musste sie mit einem weiteren Glas aus dem Zimmer fegen und ihr Körper gab restlos nach und sie schämte sich, obwohl ich ihr flüsterte, dass das nicht so schlimm sei, dass ich ihr helfen würde, sich zu waschen, dass sie jetzt endlich aufhören müsse, diese verdammten Filme zu drehen, und dass sie den Schweizer zum Teufel jagen solle, der nicht ein Freund sei, sondern ein mieser, kleiner Kunde, der nur dann in ihrem Wohnzimmer über sie herfallen wolle, wenn sie so betrunken geworden sei, dass er sich vor ihr nicht mehr fürchten müsse. Aber Marie hörte mich nicht, sondern weinte und verlor schnell das Bewusstsein und ich holte den Notarzt und wir fuhren in ein Hospital, wo man sie schon kannte. Und wie ich das jetzt so schreibe, erinnere ich mich, dass Marie einmal über das Telefon eine uralte Geschichte erzählte. Sie habe zu sich gesagt, so die Geschichte, dass sie jetzt aufhören werde. Schluss mit dem ganzen Wahnsinn, Schluss mit Pornobangbang, Schluss mit der Trinkerei. Sie habe alte Schulfreundinnen eingeladen zu sich in die Wohnung. Sie habe zunächst einen Apfelstrudel gebacken und alles habe sehr schön nach Vanille geduftet. Sie habe noch die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt und nur ein ganz klein wenig getrunken und kaum sei sie fertig gewesen mit der Putzerei, seien die Freundinnen angekommen, so seien sie hereinspaziert, als würden sie einen zoologischen Garten besuchen. Sie haben, sagte Marie, Marie gefragt, ob Marie ihre Wohnung shampooniert habe. Die haben sich nicht mal gesetzt! Und so ist Marie also verrückt geworden. — Ich geh’ jetzt noch ein paar Schritte wandern im Schnee. — stop
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nachtstraße
marimba : 2.24 — Ein Eichhörnchen querte hüpfend die feuchte Straße. Genau dieses Eichhörnchen, eine Fantasie, hatte ich in der vergangenen Nacht schon einmal gesehen, die Straße war tief verschneit gewesen. Jetzt hielt das kleine Tier mitten auf der Straße inne und sah sich um. In diesem Moment begegneten sich unsere Blicke: Ja, etwas ist anders geworden! stop. Noch zu tun. stop. Das geheime Augenwissen der Computermaschinen besprechen. — stop
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