himalaya : 7.32 — Ein Lichtbild auf einem Tisch. Die Aufnahme zeigt das Innere meines Armes. Es ist zunächst nicht einfach, in den dargestellten Knochenstrukturen, meine eigenen Strukturen zu erkennen. Ich weiß, das bin ich, aber ich sehe mich nicht. Das, was ich sehe, habe ich immer schon mit mir geführt, und trotzdem betrachte ich unbekanntes Gebiet. Diese kleine Schraube hier, sie leuchtet, ich kann ihr Gewinde erkennen, ist jetzt meine Schraube. Im abgedunkelten Röntgenraum arbeitet eine Frau, die meinen Arm auf den Tisch bettet, sodass er präzise auf der Fotoplatte zu liegen kommt. Ich solle ganz still sitzen, sagt sie, weswegen ich die Luft anhalte und meine Augen weit öffne, weil ich nachschauen will, ob ich nicht doch vom radiologischen Licht einen Schimmer wahrnehmen kann. Eine Sekunde Atemstille. Und noch eine Sekunde Atemstille. Ein Summen hinter Bleiglasfenstern. — Ich hatte die Existenz der Zehnstreifen-Leichtfuß-Käfer vergessen. — stop

Aus der Wörtersammlung: maschine
bojen
![]()
romeo : 0.03 — Für diesen Tag, es ist der 4. November, habe ich mir vorgenommen, kein Wort aufzuschreiben, sondern alles das, was ich mir denke, alles was zu mir hereinfällt, im Kopf aufzubewahren. Ich sollte unverzüglich eine Methode entwickeln, jeden Gedanken oder jede Erinnerung, die mir wichtig zu sein scheint, mit einer Boje zu versehen, die ich wiederfinden werde und damit den Gedanken, der an ihr befestigt ist. – Null Uhr und fünf Minuten: Ich schalte jetzt die Schreibmaschine aus. — stop

abschnitt montauk
Abschnitt Montauk meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 2078, Luftfahrt — 703, Automobile — 6044 ], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 5, 19. Jahrhundert – 102, 20. Jahrhundert – 865 , 21. Jahrhundert — 23 ], physical memories [ bespielt — 17, gelöscht : 28 ], Telefonbücher [ Chicago — 5, New Orleans — 2 ] Lichtfangmaschinen [ Minox AF X 5 : 3 ], Öle [ 0.8 Tonnen ], Prothesen [ Herzrhythmusbeschleuniger – 16, Kniegelenke – 8, Hüftkugeln – 32, Brillen – 1071 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 1001, Größen 38 — 45 : 178 ], Kühlschränke [ 321 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 8, mit Taucher – 22 ], Engelszungen [ 158 ] — stop
segelfalterschatten
romeo : 8.15 — In einem Protokoll der Googlesuchmaschine finde ich den Hinweis, dass ich am 3. Mai 2007 nach einer Fotografie des Dichters Julio Cortazar gesucht haben soll, dann, erfolglos, nach einem Segelfalterschatten der Gattung Iphiclides podalirius 5, nach Spuren Patrick Modianos, nach Schimären und Matchboxautomobilen. Keine Erinnerung an den Ausgangspunkt meiner Suche. — stop

wassermelone
MELDUNG. Roboter E‑Minature-Z88 [ Serie lH78328 ] flüchtet zehnfünfzehn in Wassermelone. Wütende Passanten [ Fleischwunden : Waden und Gesäß ] haben der feingliedrigen Flugmaschine heftig zugesetzt. Kurzschluß, zehnachtzehn. [ Milano Statione Centrale : Südseite ] — stop
ein Millionstel Gramm Wort
tango : 16.22 — Meine neue Schreibmaschine ist leicht und flach, ihr Atem geht leise. So fein ist sie gebaut, dass ich sie unter meinem Hemd verbergen könnte, niemand würde sie bemerken. Wenn das so weiter geht mit dem Leichterwerden der Maschinen, werde ich bald Schreibwerke zur Verfügung haben, die von geringerer Schwere sind als die Papiere, die ich mit ihren Zeichen fülle. — Wie viel genau wiegt eigentlich dieses elektrische Wort, das gerade vor mir auf dem Bildschirm erscheint? L i m a. Wie viele Male wird es heute oder morgen auf weiteren Bildschirmen aufgerufen, wie lange Zeit jeweils sichtbar sein? Es ist denkbar, dass das Wort L i m a, das in Europa vor wenigen Minuten verzeichnet wurde, schwerer wiegt, sobald es in Australien auf einem Bildschirm erscheint, als dasselbe Wort, wenn wir es in Europa lesen, 1 Millionstel Gramm schwerer, sagen wir, um 1 Millionstel Gramm Kohle schwerer und um den Bruchteil einer Sekunde. — stop
![]()
tonwellenschrauben
echo : 22.18 – Lungerte im Wald unter Louisiana-Moosen. Sturmgeräusche, auch Zikaden waren zu hören gewesen, ihre Flügelstimmen, hell, schrill, gläsern, Tonwellenschrauben. Auf Knien kroch ich bald jagend durchs Unterholz, wollte eines der lockenden Tiere fangen. Anstatt Insekten entdeckte ich Spieldosen, hunderte, ja tausende, kreisende Lärmmaschinen. Sie leuchteten, feuerrot und blau, je nach Höhe oder Tiefe ihres Gesangs. Sobald ich mich näherte, um eines der Wesen zu ergreifen, schossen sie senkrecht in die Luft, ganz so als würden sie über prall gefüllte Druckluftbäuche fürs flüchtende Reisen gebieten. Dann wurde ich wach. Es war Abend geworden. Samstag. Ein Orkan näherte sich von Westen, knisternde Fenster, Frösche schwebten summend vor den Fenstern. Zwei Stunden lang dachte ich über die Erfindung dienstbarer Käfer nach, Gattung, die Stille zu erzeugen vermag, wann immer gewünscht. Ich stellte mir vor, wie sie sich rückwärts über meine Wangen hin zu meinen Ohren bewegen, wie sie ihre kühlen Leiber in meine Gehörgänge versenken, wie sie sich dehnen und strecken, sanft, sanft, bis sie nahezu verschwunden sein werden. Zwei Fühler noch, ein Paar kleinster Augen links, ein Paar kleinster Augen rechts, Dochte, nein, Diodenlichter. Ich hörte nichts. — stop

mantelstille
ubu : 15.07 – Vor wenigen Tagen habe ich einen Spaziergang durch die Stadt unternommen am helllichten Tag. Alles bewegte sich, auch die Straßen, Häuser, Brücken bewegten sich unter den Händen der Arbeiter und ihren hämmernden Werkzeugen. In einem Park wurden Bäume gefällt, billige Jazzmusik in Warenhäusern, Straßenfeger trieben mit Windmaschinen Blätter und Papiere vor sich her, unaufhörlicher Lärm von Ecke zu Ecke. Plötzlich, so im Gehen, versuchte ich mir Stille vorzustellen. Ich dachte, dass ich, wenn ich den Eindruck von Stille erinnern könnte, den Lärm um mich herum vergessen könnte, sozusagen Nichthören, weil das eigentliche Echogeräusch des Lärms, das schmerzt, im Kopf entsteht, ein Geräusch, das ich hoffte, mit einer Idee von Ruhe ummanteln zu können. Es gab kein Entrinnen. Ich muss das weiter üben. — stop
![]()
venenstern
![]()
echo : 20.55 — Ein Schatten von Wörtern existiert in der elektrischen Welt, Anfragen der Suchmaschine g o o g l e, die particles mittelbar oder unmittelbar berührten: > Fliege : Mondfisch : Schreibmaschine : Roman Opalka : Kolibri gezeichnet : DNA : Doppelhelix : Trompetenkäfer : Venenstern : Brummkreisel : Geräuschwörter : Pergamenthaut : Chirurg : Pyramidenbahn : > 2345 Begriffe im Monat August. stop. Feuerkäfer. stop. Ich könnte vielleicht sagen, dass Wörter dieser Art Lockstoffen ähnlich sind. Oder Landebahnen. Oder Fliegenfallen. — stop

PRÄPARIERSAAL — so haben wir angefangen
delta : 22.20 — Sobald ich mein Tonbandgerät betrachte, wenn ich beobachte, wie sich zierliche Rädchen hinter einer Scheibe bewegen, Lust, die kleine Maschine auseinanderzunehmen, alles zu betrachten und dann wieder zusammenzusetzen, auch wenn vielleicht Jahre vergehen, bis die Zusammenhänge der Maschine wieder fehlerlos hergestellt sein werden. An diesem Abend, da im Hintergrund eine weitere, eine digitale Tonbandmaschine Joshua Redman wiederholt, ist alles noch in Ordnung, unberührt, sagen wir. Tom erzählt: > Man geht also vorsichtig los, man kommt durch eine Klapptür in den Saal und sieht sofort, dass da sehr viele Menschen sind. Ich hatte zunächst ein paar Probleme damit, die Knöpfe meines Kittels in die Finger zu bekommen, weil ich einen Atlas unter den Arm geklemmt hatte und ein Paar Latexhandschuhe in der einen Hand und in der anderen meinen Werkzeugkasten, eine hölzerne Schachtel mit Pinzetten und Skalpellen. Ich habe mir gedacht, du musst jetzt nicht besonders souverän sein, mein Junge, sondern zunächst einmal deinen Tisch finden und deine Leute und dann wirst Du ganz einfach anfangen. Also bin ich gleich nach links gelaufen, weil ich wusste, dass ich in einer Abteilung arbeiten werde, die links liegt, wenn man das von der Tür aus betrachtet. Aber dann hatten wir natürlich keine Ahnung, wie wir anfangen sollten. Wir standen um einen Tisch herum und haben zunächst einmal abgewartet. Wir waren acht Leute. Weil wir uns noch nicht alle kannten, haben wir uns erst einmal vorgestellt. Vielleicht bekomm ich sie grad schnell zusammen. Da war, zum Beispiel, Mika, eine Norwegerin, und Michael, der mir am Tisch gleich gegenüber arbeitete, und Susan, die sich ein Tuch um ihren Kopf gebunden hatte, damit das Haar ihr nicht ins Gesicht fallen konnte. Und da waren Zue natürlich, eine Afrikanerin von der Elfenbeinküste, die uns nicht immer verstehen konnte, weil sie die englische und französische Sprache flüssiger sprechen konnte als die deutsche Sprache, und Ismene, eine Griechin, die uns sofort erzählt hatte, dass sie Chirurgin werden wolle. Ich erinnere mich, Ihre Augen waren stark gerötet, vielleicht weil ein scharfer Geruch in der Luft hing, irgendetwas, das die Augen reizte. Ich konnte diesen Geruch bereits auf der Straße wahrnehmen, und später, am Abend, zu Hause, hatte ich ihn an den Händen. Kurzum, wir haben dann also gewartet. Ich kann nicht genau sagen, wie lange wir so gewartet haben. Das war eine seltsame Situation. Wir haben uns immer wieder angelächelt. Ich glaube, wir waren alle sehr verlegen und standen zu diesem Zeitpunkt unter einer großen Spannung. Der Tisch hatte die Nummer 4/12. Eine rote Plane war über diesen Tisch ausgebreitet und wir konnten eine Kontur erkennen, eine Erhebung. Wir wussten, dass da ein Körper lag und dass dieser Körper eher klein sein musste, zierlich, sagen wir. Ich hatte die Vorstellung, dass dort unter der Decke eine Frau liegen könnte. Und ich erinnere mich, dass ich in diesem Moment überlegte, ob das Geschlecht des Körpers, den ich in den kommenden Wochen auseinander nehmen würde, eine Bedeutung für mich haben würde oder nicht. Und dann ging alles sehr schnell. Unser Coassistent kam zu uns an den Tisch und erkundigte sich, ob alles o. k. sei. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und schaute jeden einzelnen von uns an und lachte sehr freundlich. Wir haben dann damit begonnen, das rote Tuch vom Tisch zu nehmen. So haben wir angefangen.




