nordpol : 6.28 — Man müsste einmal ein Programm erfinden, das in der Lage wäre, E‑Mailbriefe, die man versehentlich verschickte, zu jagen, zu erlegen, oder ganz einfach behutsam wieder zurückzuholen. Ich meine das so: Nehmen wir einmal an, eine E‑Mail wäre vorzeitig entwischt, ohne Gruß und Unterschrift bewegte sie sich rasend schnell durch das World Wide Web von Knoten zu Knoten, ein Brief, der nicht unhöflicher sein könnte, ein lichtschnelles Monstrum, wie glücklich würde man sein, wenn man ihn ungeschehen machen oder nachträglich noch bearbeiten könnte, indem zu jeder E‑Mail ein persönlicher E‑Mailgepard gehörte, der nach dem fehlerhaften Stück hetzen würde, bis das gejagte Zeichenwesen getilgt sein würde, zu einem Nichts geworden, wie nie gewesen. Manche dieser Geparden wären vielleicht in der Lage, sich bis in die E‑Mailprogramme adressierter Computer selbst fortzubewegen, E‑Mailbriefe, die bereits geöffnet wurden, würden vor den Augen der Leser verschwinden oder sehr heimlich später, so dass sie nie wieder gefunden werden könnten, als ob sie nie existierten, Geisterwesen, Täuschung, Gehirnschatten ohne Beweis. Es ist Samstag und es regnet kühles Wasser, als wäre dieser Tag bereits im Herbst. — stop / koffertext

Aus der Wörtersammlung: not
alexandros panagoulis
alpha : 2.58 — Ich beobachtete einen jungen Mann, der lange Zeit neben einer Ampel vor einer Kreuzung stand, eine vornehme und zugleich merkwürdige Erscheinung. Der Mann trug einen eleganten, grauen Anzug, hellbraune, feine Schuhe, ein weißes Hemd und eine Krawatte, feuerrot. Er machte etwas Seltsames, er setzte nämlich seinen rechten Fuß auf die Straße, um ihn sogleich wieder zurückzuziehen, als ob der Belag der Straße zu heiß wäre, um sie tatsächlich betreten zu können. Das ging eine Viertelstunde so entlang, ein früher Nachmittag, es regnete leicht. Der Mann schien nicht zu bemerken, dass ich ihn beobachtete. Um uns herum waren sehr viele Menschen unterwegs gewesen, die die Kreuzung Broadway Ecke 30. Straße schnellfüßig unter sich drehenden Regenschirmen überquerten. Für einen Augenblick hatte ich den Eindruck, der Mann würde sich verhalten wie eine Figur in einem sehr kurzen Film, der sich unablässig wiederholte. Einmal bleibt eine ältere Frau neben ihm stehen, sie schien zu zögern, aber dann trat sie doch entschlossen auf die Straße, um kurz darauf zurückzukehren und dem jungen Mann eine Tüte Nüsse zu überreichen. In genau diesem Augenblick ließ ich los und spazierte weiter in Richtung South Ferry, ohne mich noch einmal nach dem jungen Mann umzudrehen. — Kurz vor drei Uhr. Noch Stille draußen vor den Fenstern, kühle Nacht. Erinnerte mich vor wenigen Stunden an Alexandros Panagoulis, an das vorgestellte Bild des Dichters, wie er im griechischen Militärgefängnis Bogiati in einer Zelle sitzt. Er ist ohne Papier, er notiert Gedichte, die er aufhebt in seinem Kopf. Lange musste ich nach seinem Namen suchen, er war verschwunden gewesen, als hätte ich nie von ihm gelesen. — stop

2 + 5 = 8
alpha : 7.12 — Seit einigen Tagen werde ich von meiner Particles-Wordpressmaschine, sobald ich die Seite der Anmeldung öffne, aufgefordert, unverzüglich nachzuweisen, dass ich ein Mensch bin: Prove your humanity. Dieser prägnanten Aufforderung ist je eine Rechenaufgabe nachgestellt, Zahlen sind zu addieren, etwa die Zahl 4 zur Zahl 6, weswegen ich mir zu diesem Zeitpunkt noch keine Sorgen mache. Eigentümlicherweise jedoch empfinde ich die Aufforderung, meine menschliche Eigenart darzustellen, als eine Zumutung. Einmal unterläuft mir ein Rechenfehler, und tatsächlich werde ich nicht weiter vorgelassen, obwohl ich meinen korrekten Benutzernamen und mein korrektes Passwort, mehrfach geprüft, in die Maske des Log-ins notierte. Es ist seltsam, seit ich mich beweisen muss, habe ich den Eindruck, meine Particles-Wordpressmaschine sei selbst mächtiger oder menschlicher geworden, eine Persönlichkeit, die mir vielleicht in wenigen Tagen zum Beweis meines menschlichen Ursprungs die Lösung eines Dreisatzes abverlangen wird. — stop

schatten
echo : 0.22 — Vor einigen Jahren stellte ich mir vor, wie ich eines Tages erwache und jedes Wort erinnern könne, das ich von diesem Moment des Erwachens an denken würde, erinnern jedes meiner Selbstgespräche, auch jene Gedanken, die ich nie wirklich bemerke, weil sie so schnell vorüberziehen, dass ich sie vordem bereits vergessen habe, in dem ich mich schon in dem nächsten Gedankenzimmer befinde. Nichts, überlegte ich, würde von diesem Moment an noch verloren gehen. Auch alle Sätze nicht, die ich hören oder lesen werde, sobald ich das Haus verlasse, Notizzettel, Einkaufslisten, Fragmente von Zeile zu Zeile fallender Anzeigetafeln an Flughäfen oder Bahnhöfen, Zeitungsartikel, Filmdialoge, alles das würde gespeichert sein und könnte zu jeder Zeit in genau der Reihenfolge wiederholt werden, in der es von leisen Wörterstimmen aufgezeichnet wurde. Ich fragte, was würde mit mir geschehen? Wie lange Zeit könnte ich mit diesem Vermögen ausgestattet überleben? In welcher Art und Weise würde ich mich erinnernd durch meine Verzeichnisse bewegen? Würde ich nicht vielleicht in einem dieser Magazine auf der Suche nach einem Wort, einem Satz, einer Erinnerung, für immer verschwinden? — stop

eine chinesin
echo : 1.24 — Im Zug saß ich einer alten Frau gegenüber, die in einer chinesischen Zeitung las, ohne eine Brille zu verwenden. Das war deshalb bemerkenswert, weil die Zeichen der Zeitung sehr klein waren, aber nicht nur die Zeichen der Zeitung, sondern auch jene Schriftzeichen, die die alte Frau neben die Zeilen der Zeitung setzte, waren außerordentlich kleine Zeichen. Sie notierte mit einem Bleistift, den sie immer wieder spitzte. Und obwohl der Zug uns Reisende beständig erschütterte, wurden ihre komplizierten Schriftzeichen mit je einer schnellen Handbewegung sicher auf das Papier gesetzt. Kein Blick zu mir hin. Aber ich spürte, dass sie meine beobachtenden Blicke selbst bemerkte. Nach zwei Stunden verließ die alte chinesische Frau den Zug. Sie sagte: Auf Wiedersehen! — Helle Stimme. — stop

terminal 1
india : 7.02 — Eine kugelrunde Frau sitzt am Flughafen sehr aufrecht auf einer Bank. Sie hält in jeder Hand ein Telefon. Einmal betrachtet sie das eine Telefon, dann wieder das andere Telefon. Wie ich sie so beobachte, glaube ich zu bemerken, dass sie für beide Telefone zärtliche Gefühle zu hegen scheint, als seien sie kleine Tiere, die manchmal zu ihr sprechen. Ich spüre plötzlich selbst zärtliche Gefühle in mir wachsen für diese Frau oder dieses Bild der Frau mit ihren Telefonen. Unvermittelt schaut sie mich an, und ich senke meinen Blick, öffne schnell meine Schreibmaschine und beginne zu notieren, obwohl ich nichts im Kopf habe, das ich notieren könnte. Also schreibe ich zunächst, dass ich soeben notiere, obwohl ich nichts zu notieren habe, weil ich verlegen bin. Ich schreibe, eine kugelrunde Frau sitzt frühmorgens sehr aufrecht auf einer Bank. Bald wird Sommer werden. Am Flughafen existieren weder Vögel noch Mäuse. — stop

ein ball
whiskey : 0.12 — Einmal beobachtete ich in New York einen Mann, wie er das Verhalten eines Balles in einem Waggon der Subway studierte. Es war ein sonniger Tag im Januar, ich fuhr gerade mit der Linie N Richtung Coney Island, als der Mann, der mir im Zug unmittelbar gegenüber Platz genommen hatte, einen roten Ball, von weißen Punkten bedeckt wie ein Fliegenpilz, aus einer Tasche holte und auf den Boden legte. Sofort rollte der Ball gegen die Fahrtrichtung davon, verlor sich zunächst zwischen den gestiefelten Beinen einiger Reisender, war dann für einen Moment nicht zu sehen, sodass der Mann, der den Ball freigelassen hatte, sich nach vorn beugen musste, um ihn wieder in den Blick zu bekommen. Kurz darauf kehrte der Ball zurück, beschrieb einen weiten Bogen, stieß mehrfach gegen die Füße einer schlafenden Frau, die die Berührungen des Balles aber nicht zu bemerken schien und einfach weiterschlief. Indessen verzeichnete der Mann mittels eines Bleistiftes den Weg des Balles durch den Waggon in ein Notizbuch, scharfe Richtungswechsel, enge Kreise, oder auch ruhigere Bewegungen des Balles über den Gang des Waggons wurden in dieser Weise präzise dokumentiert. Einmal nahm ein Kind den Ball in seine Hände, da machte der Mann an dem Ort, da der Ball den Boden verließ, ein Kreuz auf sein Papier. Nach einer halben Stunde stieg der Mann aus dem Zug, und ich dachte noch, dass ich diesem Mann und seinem Ball vielleicht nie wieder begegnen würde. Ich notierte: Hier in New York begegnet man ständig Menschen, die man nie wieder sehen wird. Drei Tage später bemerkte ich einen roten Ball mit weißen Punkten auf einer Fähre nach Staten Island, er rollte langsam über das Hurricane-Deck. — stop

vor neufundland 1.16.28 uhr : kirschblüten
zoulou : 0.08 — Die Nachricht, ein afrikanischer Mann von der Elfenbeinküste habe bereits am vergangenen Mittwoch seinen 8 Jahre alten Sohn in einem Rollkoffer über die marokkanisch – spanische Grenze nach Europa transferiert. Das Kind wurde während einer Kofferdurchleuchtung lebend entdeckt, sein Vater festgenommen. Ich erinnere mich, vor zwanzig Jahren einmal beobachtet zu haben, wie am Zentralbahnhof ein Kind in ein Gepäckschließfach kletterte, eine Frau, vielleicht die Mutter des Kindes, klappte die Tür des Schließfaches zu, wartete einige Sekunden, dann öffnete sie die Tür wieder und das Kind kletterte aus dem Fach. Das Kind lachte. — Meldung von Noe aus 805 Fuß Meerestiefe vor Neufundland. ANFANG 01.14.02 | | | > s t o p habe das wort sommerzeit notiert. s t o p kurz darauf eingeschlafen. s t o p als ich erwache liegt meine hand noch auf der tastatur der maschine. s t o p ein gelber fisch. s t o p behutsam. s t o p als ob er mit meinem handschuh sprechen wollte. s t o p werde bald ohne luft sein. s t o p das ist denkbar, s t o p ohne erinnerung. h u n t i n g r e d f i s h f r o m a b o v e. s t o p planlos. s t o p ein lautloses ende. s t o p der duft der kirschblüten. s t o p von einem atemzug zum anderen. s t o p stark. s t o p süß. s t o p vielleicht flieder? t w o y e l l o w f i s h e s l e f t h a n d. s t o p | | | ENDE 01.16.28

von der sekundenzeit
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delta : 0.02 — Wie jetzt der Sommer näherkommt, ändert sich alles. Im Winter erfrieren Menschen, im Sommer fallen sie versehentlich aus Fenstern, die sie zum Vergnügen geöffnet haben. Bernhardt L., der mich besuchte, erzählte von seinen Erfahrungen, die er mit Todesursachen betrunkener Menschen sammelte. Es war ein angenehmer Abend. Eigentlich wollten wir nicht von traurigen Geschichten sprechen, aber dann wurde es doch wieder einmal ernst. Wir saßen auf Gartenstühlen vor dem Fenster zu den Bäumen, die in den Himmel staubten, und beobachteten meine Schnecke Esmeralda, die sich der frischen Abendluft näherte. Sie kroch zielstrebig über den Boden hin, dann die Wand hinauf und ließ sich auf dem Fensterbrett draußen nieder. Wenn sich Schnecken setzen, bewegen sie sich kaum noch, ihr feuchter Körper scheint indessen etwas breiter zu werden. Mein Bekannter Bernhardt L. war sehr interessiert an der Existenz Esmeraldas in meiner Wohnung, er hatte sie noch nie zuvor gesehen und nie von ihr gehört. Er wollte wissen, woher sie gekommen war, wie alt sie wohl sei, und warum sie diesen schönen Namen Esmeralda von mir erhalten habe. Ich erinnere mich, wie er mit einem Finger zärtlich über Esmeraldas Häuschen strich, während er von einem unglücklichen Mann erzählte, der ein Zeitwirtschaftler von Beruf gewesen sein soll. Dieser Mann habe Minuten gezählt, Sekunden, in der Beobachtung arbeitender Menschen in einer Fabrik. Seine Aufgabe sei gewesen, Zeiträume aufzuspüren, die durch Veränderungen in den Bewegungen der beobachteten Menschen eingespart werden könnten. In einem Brief, der sehr ausführlich sein Unglück notiert, habe er berichtet, dass es ihm zuletzt nicht möglich gewesen sei, eine Tasse Kaffee von der Küche in sein Wohnzimmer zu tragen, ohne darüber nachzudenken, ob es wirtschaftlich sei, mit nur einer Tasse Kaffee in der Hand die Räume zu wechseln, wenn es doch möglich wäre, zwei Tassen Kaffee zur gleichen Zeit zu transportieren. — stop
chicago
tango : 6.05 — Im Palmengarten abends bei leichtem Regen auf einer Bank. Neben mir saß ein Mann, der mich nicht sehen, aber hören konnte. Ich bemerkte nicht sofort, dass er blind war, weil ich unter einem Regenschirm saß, auch der Mann hatte einen Regenschirm über sich aufgespannt. Kaum hatte ich Platz genommen, notierte ich zunächst eine Liste von Büchern in mein Notebook, die sich mit der Arbeitswelt der Menschen beschäftigen. Sie schreiben schnell, sagte der Mann plötzlich, sie sind wohl geübt. Sie haben vielleicht etwas im Kopf, das sie loswerden wollen. Als ich mich dem Mann zuwendete, bemerkte ich, dass er den Regenschirm in eine langsame Drehung versetzt hatte, sein Gesicht konnte ich nicht erkennen. Wenn das meine Schreibmaschine wäre, könnte ich Ihnen genau sagen, was sie gerade geschrieben haben. Ich kann hören, was meine Schreibmaschine schreibt. Der Mann machte eine kurze Pause. Was haben sie denn aufgeschrieben, wollte er dann wissen. Ich antworte: Einige Namen, Namen, die sie vielleicht schon einmal gelesen haben. Melville. Bukowski. Upton Sinclair. Max von der Grün. – Gelesen nicht, antwortete der Mann, aber gehört habe ich zwei der Namen. Upton Sinclairs Dschungelbuch existiert in englischer Sprache als Hörbuch für Blinde oder für Menschen, die nicht lesen wollen. Ich würde gerne lesen, aber das geht ja nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Der Mann lachte. Ich höre dem Regen gerne zu, aus meiner Sicht der Dinge ist das so, als würde der Regen schreiben, hören Sie, wie es regnet, wie es schreibt. Ist das nicht wunderbar! – Ich fragte den Mann, ob er denn lesen oder hören könne, was der Regen genau notiert in diesem Augenblick. – Aber natürlich, antwortete der Mann, es ist mit jedem Regen etwas anderes, nicht wahr, der Regen, der auf das Meer fällt, erzählt etwas anderes, als dieser Regen hier, der über einem kleinen See niedergeht. Für einen Moment stand der Regenschirm neben mir ganz still. Ich hörte ein Flüstern: Dieser Regen hier erzählt von Chicago. — stop
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