Aus der Wörtersammlung: ton

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brighton beach : mr. singer

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del­ta : 0.03 — Nach Coney Island eine hal­be Stun­de mit der Sub­way vom Washing­ton Squa­re aus in süd­west­li­che Rich­tung. Der Him­mel hell über dem Meer, hef­ti­ge Sand­wel­len­win­de. Es lässt sich gut gehen auf die­sem Boden, der fest ist. Zer­bro­che­ne Muscheln, Scher­ben von bun­tem Glas, Som­mer­be­stecke, Schu­he, Wod­ka­fla­schen, Lip­pen­stif­te, Holz, Kno­chen. Da und dort haben sich schar­fe Kan­ten gebil­det unter der stren­gen Hand der Win­ter­stür­me, dunk­le, fes­te Struk­tu­ren, in wel­chen sich Spu­ren mensch­li­cher Füße fin­den, als wären sie ver­stei­nert, als wären sie tau­sen­de Jah­re her. Bald Brigh­ton Beach. An den Wän­den der Häu­ser ent­lang der See­pro­me­na­de sit­zen alte rus­si­sche Frau­en, wohl ver­packt, auf­ge­ho­ben in die­sem Bild fros­ti­ger Tem­pe­ra­tur. Aber der Schnee fehlt. Und Mr. Sin­ger, der hier spa­zier­te lang vor mei­ner Zeit. — stop

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manhattan : atome

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tan­go : 1.56 — Ich hat­te in einem Café nahe Times Squa­re ein elek­tro­ni­sches Ton­band­ge­rät aus der Man­tel­ta­sche gezo­gen und rich­te­te es auf ein Fens­ter, um den Tumult mensch­li­cher Stim­men, Sire­nen, Luft­pum­pen und wei­te­rer unbe­stimm­ba­rer Geräu­sche auf­zu­neh­men. Ein jun­ger Mann, der neben mir vor sei­nem Note­book saß, beob­ach­te­te mich eine Wei­le auf­merk­sam. Plötz­lich lacht er: Das ist New York. Ver­rückt, nicht wahr? Ob ich in die­ser Stadt öffent­lich zugäng­li­che Orte von Stil­le fin­den könn­te, woll­te ich wis­sen. Gibt es nicht, ant­wor­te­te der Mann. Es wür­den jedoch Orte exis­tie­ren, die bei­na­he still sind. Dort aber hörst Du Geis­ter! — Sonn­tag. Minus 5° Cel­si­us. Lässt sich viel­leicht errech­nen, aus wie vie­len Ato­men die Stadt New York sich fügt? Wie vie­le Ato­me wer­den die Stadt täg­lich ver­las­sen, wie vie­le Ato­me ein­rei­sen in unse­re Rech­nung? Sub­way 28. Stra­ße war­te­te ein Mann kurz nach Mit­ter­nacht mit Angel­ru­te in hüft­ho­hen Fischer­stie­feln auf dem Bahn­steig. — stop

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chelsea — warten auf schnee

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alpha : 7.21 — New York. Kla­rer Him­mel. Son­ne, die warm ist, eine süd­ita­lie­ni­sche Son­ne, aber der Wind kalt und unbe­re­chen­bar. 8th Ave­nue süd­wärts. Chel­sea. High Line. East Vil­la­ge. Auf den Stu­fen des Zen­tra­len Post­am­tes nahe Penn Sta­ti­on lun­ger­ten Men­schen wie Ech­sen bewe­gungs­los, Gesich­ter zum Stern. Jetzt schma­le Stra­ßen, Häu­ser von mensch­li­cher Grö­ße, Spiel­plät­ze vol­ler Kin­der, kaum Taxis zu sehen, Fahr­rä­der, aus­ge­raubt bis aufs Gerip­pe an bei­na­he jedem Later­nen­mast. Bald Nach­mit­tag, bald frü­her Abend. In Café­häu­sern Wär­me auf­ge­nom­men und in der Sub­way. Ich fah­re eine hal­be Stun­de Rich­tung Har­lem und wie­der zurück und gehe wei­ter, immer der Blick zum Him­mel, Spu­ren von Dach­gär­ten zu ver­zeich­nen. Notier­te: Nach Ful­tonstreet Lich­ter der Tun­nel­ar­bei­ter, Glüh­bir­nen­sträu­ße, der Ein­druck, als wür­de ich einen stei­ner­nen Christ­baum durch­fah­ren. Däm­me­rung, Ground Zero. An einer bron­ze­nen Gedenk­ta­fel mit Kleb­strei­fen befes­tigt, flat­tert ein Zet­tel wie zum Trotz im Wind, mit Namens­zug und Foto­gra­fie eines jun­gen Man­nes, der nach 9/11 an den Dämp­fen des gif­ti­gen Schutt­ber­ges gestor­ben war. Mons­trö­se Bau­stel­le. Glei­ßen­de Hel­le. Ich war­te auf Schnee. – stop
ping

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new york — hurricane deck

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tango : 22.28 — Von einer Sekun­de zur ande­ren Sekun­de. Als wär der Sonn­tag ohne Augen­licht gewe­sen. Als hät­te ich nur geträumt, über den Atlan­tik geflo­gen zu sein, fünf­tau­send Kilo­me­ter schloh­wei­ßer Wol­ken­de­cke bis kurz vor Neu­fund­land. Jamai­ka-Sta­ti­on. Roo­se­velt Island. Lex­ing­ton Ave­nue. Das hel­le Zim­mer im 22. Stock. Ein küh­ler Wind bläst über den Bal­kon. Rau­schen von tief unten von der Stra­ße her. Wie ich bald vor das Haus tre­te, kommt mir eine älte­re Frau ent­ge­gen, in einen fei­nen Man­tel­stoff gehüllt, Hän­de seit­lich gegen den Hals gefal­tet. Eigent­lich müss­te ich ihr unver­züg­lich fol­gen, sehen, war­um sie das macht, einer Geschich­te fol­gen, und die­sem damp­fen­den, rot und grün und blau blin­ken­den Dioden­hund, der sie beglei­tet, einem Rie­sen­tier, das ich berüh­ren soll­te, sei­ne Tem­pe­ra­tur zu füh­len. Ich ver­ste­he an die­sem Abend kein Wort in mei­nem Kopf. Ja, die­ses Rau­schen der Stadt. Süd­wärts wan­dern. Aus dem Boden sind die Stim­men der Sub­way­spre­cher zu hören, next sta­ti­on : grand cen­tral, das Rum­peln, das Zischen der Züge. Ich könn­te ein paar Stun­den noch so wei­ter­ge­hen und schla­fen. — stop

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102 minuten

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nord­pol

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : 102 MINUTEN

Vor­mit­tag. Der Him­mel son­nig, die Spit­zen der Ber­ge weiß seit Tagen. Weni­ge Wochen vor mei­ner Rei­se nach New York, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, will ich Euch berich­ten von einer klei­nen Pro­be, die ich unter­nom­men habe, um vor­zu­prü­fen, ob ich in der Lage sein wer­de, in der gro­ßen Stadt mit mei­nen Unter­su­chun­gen der Wirk­lich­keit rasch vor­an­zu­kom­men. Ich habe näm­lich gera­de einen Kof­fer mit allen mög­li­chen Gegen­stän­den gefüllt, die ich vor­ha­be mit­zu­neh­men, ein Jackett, Pull­over, Wild­le­der­fäust­lin­ge, einen Schal, Wan­der­schu­he, zwei Nor­we­ger­müt­zen, sowie einen Schnee­schirm, der in der Lage sein soll­te über mei­nem Kopf durch die Luft zu schwe­ben. Des Wei­te­ren eine Schreib­ma­schi­ne, eine elek­tri­sche Maus, zwei Foto­ap­pa­ra­te, ein Ton­band­ge­rät, das gera­de so groß ist, dass ich es mit einer Hand umfas­sen kann. Außer­dem einen Rei­se­be­häl­ter, wie unlängst berich­tet, für Trom­pe­ten­kä­fer pola­ren Ursprungs, Spa­zier­plä­ne, Sub­way­kar­ten, Bücher für Ruhe­zei­ten abends und nachts. Da wären Robert Fal­con Scotts Auf­zeich­nun­gen einer letz­ten Rei­se, Wil­helm Gen­a­zi­nos Roman Wenn wir Tie­re wären, das Buch der 102 Minu­ten, das mich seit Tagen fes­selt, weil es auch von Hol­ly erzählt. Kurz­um, die­se Gegen­stän­de nun waren in einem gro­ßen und einem wei­te­ren, klei­ne­ren Kof­fer auf­ge­ho­ben. Ich habe bei­de Rei­se­ob­jek­te neben mich gestellt und ange­ho­ben für zwei Minu­ten. Ich sage Euch, es geht. Was machen die Sim­mons? Ist alles o. k.? Ahoi – Euer Louis

gesen­det am
10.12.2011
18.30 MEZ
1433 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

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ein zierliches mädchen

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echo : 7.18 — In einem Hos­pi­tal­pas­sa­gen­raum saß ein zier­li­ches Mäd­chen in einem Roll­stuhl. Ihr Gesicht war bis unter die Augen hin­auf von einem Mund­schutz bedeckt, von einem gefal­te­ten Segel, das sich bläh­te im Rhyth­mus des Atmens. Sie hat­te ihre Hän­de aus dem Schoß geho­ben und drück­te sie pul­sie­rend so fest gegen­ein­an­der, dass sie zit­ter­ten. Schläu­che, trans­pa­ren­te, gewun­de­ne Röh­ren, führ­ten von einer Sau­er­stoff­fla­sche, – sie war hin­ter der Leh­ne des Roll­stuhls befes­tigt -, zur Nase des Mäd­chens. Wenn sie hus­te­te, war ein tie­fes, feuch­tes, ein brum­men­des Geräusch zu ver­neh­men, ein Ton, der durch die Luft roll­te, ein unsicht­ba­res Wesen, das sich befrei­te, um sich irgend­wo in einer Ecke des War­te­rau­mes zu wei­te­ren unsicht­ba­ren Wesen zu fal­ten. Hin­ter einem Vor­hang, der eine Behand­lungs­ka­bi­ne ver­deck­te, zwit­scher­te ein Radio. Bald wird Schnee fal­len, bald Eis auf den Stra­ßen wach­sen. Die jun­ge Frau war müde gewe­sen, von einer Art der Müdig­keit, die ich selbst nie erfah­ren habe. Immer wie­der fie­len ihr die Augen zu, sie schwitz­te, ihre Hän­de zu heben, schien ihr alle Kraft abzu­ver­lan­gen, die zu die­sem Zeit­punkt in ihr zu fin­den war. Ein­mal bemerkt sie, dass ich sie anse­he, dass ich notie­re, dass ich ihre Hän­de beob­ach­te. — stop

ping

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obersalzberg : kentauren

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sier­ra : 12.10 — Man soll­te mei­nen, ein Buch sei aus­schließ­lich zum Lesen geeig­net, eine Sub­stanz hel­len Papiers, Zei­chen in gefal­te­ter Linie, die mit den Augen stu­die­rend ent­lang­zu­ar­bei­ten ist, Far­ben, Gerü­che, Klän­ge, Dra­ma. Seit eini­gen Stun­den nun weiß ich, Bücher hel­fen gleich­wohl in mecha­ni­scher Wei­se ana­to­misch wie­der beweg­lich zu wer­den. Toni Mor­ri­sons Roman Jazz, zum Bei­spiel, 402 Gramm Gewicht für Minu­ten in mei­ner Hand am Ende eines Unter­ar­mes, den ich zu stre­cken wün­sche, wider­spens­tig ist er noch, bewegt sich nicht von eige­ner Kraft in jede der von mir gewünsch­ten Rich­tun­gen. Wie er jetzt von der Schwer­kraft der Dich­tung nach unten gezo­gen wird, behut­sam, in der Art und Wei­se lang­sam fal­len­der Äpfel, sagen wir, eine Bewe­gung, mit den Augen nicht wahr­nehm­bar. – Kurz vor 12 Uhr. Mit­tag. Jen­seits des Tales, das ich vom Hos­pi­tal aus über­schau­en kann, spa­ziert glei­ßen­des Son­nen­licht über den Ober­salz­berg hin, unheim­li­che Gegend. Ich mein­te für Sekun­den ein Rudel Ken­tau­ren gese­hen zu haben, die den Saum eines Buchen­wal­des ent­lang galop­pier­ten. stop. Groß­ar­ti­ge ers­te Sät­ze im Kopf. stop. Toni Mor­ri­son. stop. STH, I know that woman. She used to live with an flock of birds on Len­ox Ave­nue. Know her hus­band, too. He fell for an eigh­te­en-year-old girl with one of tho­se deep­down, spoo­ky loves that made him so sad and hap­py he shot her just to keep the fee­ling going. When the woman, her name is vio­let, went to the fun­e­ral to the the girl and to cut her dead face they threw her to the flo­or and out of the church. She ran, then, through all that snow, and when she got back to her apart­ment she took the birds from their cages and set them out the win­dows to free­ze or fly, inclu­ding the par­rot that said, „I love you.“

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PRÄPARIERSAAL : cerebum

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nord­pol : 8.02 — TONAUFNAHME / Mai 2005 — Yomo : Als wir das Gehirn ent­nah­men, haben wir uns zunächst kei­ne Gedan­ken dar­über gemacht, was für ein fas­zi­nie­ren­des Teil des mensch­li­chen Kör­pers wir gera­de in der Hand hiel­ten. Wir hat­ten das näm­lich so ver­stan­den, dass die Stu­die­ren­den das Gehirn selbst ent­neh­men dür­fen und wir haben das dann auch gemacht. Aber bald haben wir fest­ge­stellt, dass die Assis­ten­ten, nicht die Stu­die­ren­den, das an den ande­ren Tischen mach­ten. Wir hat­ten bei der Ent­nah­me einen Feh­ler gemacht und das Gehirn an der fal­schen Stel­le durch­trennt. Wir waren sofort damit beschäf­tigt, zu über­le­gen, was wir jetzt machen sol­len, um kei­nen Ärger zu bekom­men. Wir haben des­halb in die­ser Situa­ti­on nicht so sehr an das Gehirn gedacht. Zum Glück kam dann aber eine net­te Assis­ten­tin und hat das Gehirn voll­stän­dig ent­nom­men, ohne uns wei­ter Vor­wür­fe zu machen. Sie fand unse­re Art der Ent­nah­me fast noch bes­ser als die vor­ge­ge­be­ne Metho­de, da man vie­le Struk­tu­ren sehen konn­te, die wir anders nicht gese­hen hät­ten. Wir waren auf jeden Fall ziem­lich froh, dass wir kei­nen Ärger bekom­men haben. Ich habe erst etwas spä­ter ein beson­de­res Gefühl gespürt, als ich das Gehirn in den Hän­den hat­te. Viel­leicht lag das auch dar­an, dass wir uns am Anfang auch noch gar nicht so genau mit dem Gehirn aus­kann­ten. Ein paar Din­ge über das Gehirn wuss­te ich zwar schon aus der Schu­le, aber wie genau es auf­ge­baut ist, aus wie vie­len Struk­tu­ren das Gehirn besteht und was man alles an einem Gehirn sehen kann, das habe ich erst in der Ana­to­mie gelernt. So wur­de das Gehirn im Lauf Zeit zu einem immer inter­es­san­te­ren und fas­zi­nie­ren­de­ren Kör­per­teil für mich. An dem Tag, als wir die Sul­ci mit bun­ten Fäden aus­le­gen soll­ten, hat­te ich das Gehirn dann län­ger in der Hand. Das ist jener Tag, an den ich mich beson­ders inten­siv erin­nern kann, da ich ein beson­de­res Gefühl hat­te, als ich das Gehirn in der Hand gehal­ten habe. Ich war ein wenig glück­lich und stolz auch, denn wer hat schon die Mög­lich­keit ein Gehirn in der Hand zu hal­ten. Für mich war kaum vor­stell­bar, dass die­se Struk­tur in mei­ner Hand ein­mal so vie­le und wich­ti­ge Auf­ga­ben erfüllt hatte.

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fasankino

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tan­go : 0.02 — Ges­tern, Diens­tag, ist Ilse Aichin­ger 90 Jah­re alt gewor­den. Ich erin­ner­te mich an einen Text, den ich vor eini­ger Zeit bereits auf­ge­schrie­ben habe. Der Text scheint noch immer nah zu sein, wes­halb ich ihn an die­ser Stel­le wie­der­ho­len möch­te. Ich betrach­te­te damals, als ich den Text notier­te, eine Film­do­ku­men­ta­ti­on. Es war ein frü­her Mor­gen und ich fuhr in einem Zug. Immer wie­der spul­te ich, Zei­chen für Zei­chen ver­mer­kend, was ich hör­te, den Film zurück, um kein Wort des gespro­che­nen Tex­tes zu ver­lie­ren oder zu ver­dre­hen. Und so kam es, dass auch Ilse Aichin­ger, von einem unru­hi­gen Gelei­se geschüt­telt, immer wie­der auf dem hand­tel­ler­gro­ßen Bild­schirm unter spa­zie­ren­den Men­schen vor mir auf­tauch­te, indem sie von ihrer Kino­lei­den­schaft erzähl­te: Wenn ich mich recht erin­ne­re, hör­te ich in mei­ner frü­hen Kind­heit eine älte­re Frau zu einer ande­ren sagen: – Es soll jetzt Ton­fil­me geben. – Das war ein rät­sel­haf­ter Satz. Und es war einer von den ganz weni­gen rät­sel­haf­ten Sät­zen der Erwach­se­nen, die mich nicht los­lie­ßen. Eini­ge Jah­re spä­ter, ich ging schon zur Schu­le, sag­te die jüngs­te Schwes­ter mei­ner Mut­ter, wenn wir an den Sonn­ta­gen zu mei­ner Groß­mutter gin­gen, bei der sie leb­te, fast regel­mä­ßig am spä­ten Nach­mit­tag: > Ich glau­be, ich gehe jetzt ins Kino. < Sie war Pia­nis­tin, unter­rich­te­te für kur­ze Zeit an der Musik­aka­de­mie in Wien und übte lang und lei­den­schaft­lich, aber sie unter­brach alles, um in ihr Kino zu gehen. Ihr Kino war das Fasan­ki­no. Es war fast immer das Fasan­ki­no, in das sie ging. Sie kam frös­telnd nach Hau­se und erklär­te meis­tens, es hät­te gezo­gen und man kön­ne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasan­ki­no nicht, und sie hol­te sich dort nicht den Tod. Den hol­te sie sich, und der hol­te sie gemein­sam mit mei­ner Groß­mutter im Ver­nich­tungs­la­ger Minsk, in das sie depor­tiert wur­den. Es wäre bes­ser gewe­sen, sie hät­te ihn sich im Fasan­ki­no geholt, denn sie lieb­te es. Aber man hat kei­ne Wahl, was ich nicht nur bezüg­lich des Todes, son­dern auch bezüg­lich der Aus­wahl der Fil­me zuwei­len bedaue­re, wenn mei­ne liebs­ten Fil­me plötz­lich aus den Kino­pro­gram­men ver­schwin­den. Obwohl ich es ger­ne wäre, bin ich lei­der kei­ne Cine­as­tin, son­dern gehe sechs oder sie­ben­mal in den­sel­ben Film, wenn in die­sem Film Schnee fällt oder wenn die Land­schaf­ten von Eng­land oder Neu­eng­land auf­tau­chen oder die von Frank­reich, denen ich fast eben­so zuge­neigt bin. Ilse Aichin­ger: Mitschrift

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alpenregen

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echo

~ : oe som
to : louis
sub­ject : ALPENREGEN
date : okt 31 11 10.52 p.m.

Bes­ten Dank, lie­ber Lou­is, für das fei­ne Ton­ma­te­ri­al, das Du uns gesen­det hast. Wir haben Dei­ne Alpen­re­gen­ge­räu­sche am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag zu Noe in die Tie­fe über­mit­telt. Gro­ße Freu­de! Gleich­wohl sehnt Noe sich nach wie vor eine Uhr her­bei, die wir ihm lei­der nicht gewäh­ren kön­nen. Es ist nun fol­gen­des gesche­hen. Noe press­te, viel­leicht zunächst ohne einen Vor­satz, sei­ne rech­te Hand gegen die Innen­sei­te sei­nes Tau­cher­an­zu­ges und konn­te in die­ser Wei­se Pul­se erspü­ren. Von die­sem Moment an zähl­te Noe die Schlä­ge sei­nes Her­zens, er zähl­te bis er die Zahl 70 erreich­te, eine Minu­te Zeit, seit zwei Tagen immer­zu der­sel­be Pro­zess der Zäh­lung mit lau­ter Stim­me, eine Demons­tra­ti­on sei­ner Wil­lens­stär­ke, die uns nach und nach unheim­lich wird, Noe, eine Uhr, auch schla­fend, däm­mernd, träu­mend, eine Uhr, ver­dammt, ich war mehr­fach ver­sucht gewe­sen, Noes Mikro­phon aus­zu­schal­ten, Ruhe an Bord, eine Gewalt­tat, die Bewe­gung eines klei­nen Fin­gers nur, Stil­le, und doch nicht Stil­le, weil ich die Fort­set­zung des Zäh­lens in der Tie­fe anneh­men müss­te, ein­und­fünf­zig, zwei­und­fünf­zig, drei­und­fünf­zig. Kurz nach 10 Uhr, eis­kal­te Nacht, auf­kom­men­der Wind von Nord­west, wir haben schwe­ren See­gang zu erwar­ten. Dein OE SOM – Ahoi!

gesen­det am
31.10.2011
1166 zeichen

oe som to louis »

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