romeo : 18.52 — Im Traum vergangene Nacht mit Geraldine im Central Park spaziert. Ich erinnere mich, es schneite. Ein Regenschirmtierchen schwebte fröstelnd über uns, und ich wunderte mich, dass Geraldine das Wesen, das sich langsam um die eigene Achse drehte, nicht zu bemerken schien. Das lag vielleicht daran, dass sie in einer pausenlosen Art und Weise erzählte, als ob sie ahnte, dass wir jederzeit erwachen und dann nie wieder zueinanderfinden könnten. Im Übrigen bewegte sie sich rückwärts hüpfend vor mir her, war sommerlich gekleidet, froh und glücklich. Ich glaube, ich habe in diesem Traum zum ersten Mal Geraldine’s Stimme gehört und ihr Lachen. Sie berichtete, dass sie in der Nähe des Hauses, in dem sie vor ihrer Reise nach Europa gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Zwillingsschwester wohnte, Audrey Hepburn bei der Arbeit an dem Film Breakfast at Tiffany’s beobachten konnte, und dass sie diese Schauspielerin sehr bewundern würde, aber doch viel lieber Forscherin sein wolle. Kurz darauf weckte mich eine Feuerwehrsirene und ich war erleichtert, dass mir im Traum Geraldine’s Schicksal nicht bekannt gewesen war. – Heute ist also Sonntag, und es schneit schon wieder. Vor wenigen Minuten habe ich etwas entdeckt, über das ich mich freue. Ich habe bemerkt, dass in meinem Leben das pressende Denken immer seltener, das lauschende Denken hingegen immer häufiger zur Anwendung kommt. Guten Abend, gute Nacht! — stop

Aus der Wörtersammlung: traum
coltrane coltrane
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : COLTRANE COLTRANE
Ich habe von Ihnen geträumt, mein lieber Kekkola, gestern habe ich von Ihnen geträumt. Kein Wunder, wenn man so viele Tage an einen Menschen denkt und wartet und wartet, dann füllen sich die Nächte mit den Schatten der Wachtraumgedanken. Sie sammelten blaue Beeren im Schnee. Und da war ein Fisch mit Flügeln, er lag still zu Ihren Füßen und dampfte. Nachmittags, jenseits meines Traumes, habe ich mit einer Versorgungsstation im Bear Mt. State Park telefoniert. Man sagte mir, dass Schnee bisher nicht gefallen sei. Von Ihnen hatte man auch nichts gehört. Man wird nun meine Bitte um einen Anruf an Sie weitergeben, sobald Sie dort eingetroffen. Nur für den Fall, Jonathan, dass Sie nicht in der Lage sein sollten, zu lesen, was ich notiere. Darf ich Ihnen sagen, dass ich ein sehr feines Weihnachtsgeschenk für Sie ersteigern konnte. Eine seltene Liveaufnahme John Coltrane’s aus den 60er-Jahren. Halten Sie die Ohren steif, mein Lieber. Ich freu mich, Sie in Zeiten der Kirschbaumblüte wiederzusehen. – Ihr Louis.
gesendet am
10.12.2009
22.58 MEZ
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louis to jonathan
noe kekkola »
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regenschirmtiere vol.2
tango : 22.28 — Seit einigen Tagen denke ich, sobald ich lese, begeistert an Neurone, Synapsen, Axone, weil ich hörte, dass ich mittels Gedanken, die Anatomie meines Gehirns zu gestalten vermag. Vorhin, zum Beispiel, ich folgte der Ankunft eines Schiffes in New York im Jahre 1867, überlegte ich, was nun eigentlich geschieht in diesem Moment der Lektüre dort oben hinter meinen lesenden Augen, ob man verzeichnen könnte, wie für das Wort M a r y, das in dem Buch immer wieder aufgerufen wird, frische Fädchen gezogen werden, indem sich das Wort schrittweise mit einer unheimlichen Geschichte verbindet. Oder der Regen, der Regen, was geschieht, wenn ich schlafend, Stunde um Stunde, Geräusche fallenden Wassers vernehme? In der vergangenen Nacht jedenfalls habe ich wieder einmal von Regenschirmtieren geträumt, sie scheinen sich fest eingeschrieben zu haben in meinen Kopf, vielleicht deshalb, weil ich sie schon einmal nachtwärts gedacht und einen kleinen Text notiert hatte, der wiederum in meinem Gehirn zu einem bleibenden Schatten geworden ist. Natürlich besuchte ich meinen Schattentext und erkannte ihn wieder. Trotzdem das Gefühl, Gedanken einer fernen Person wahrgenommen zu haben. Die Geschichte geht so: Von Regenschirmtieren geträumt. Die Luft im Traum war hell vom Wasser, und ich wunderte mich, wie ich so durch die Stadt ging, beide Hände frei, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spazierte. Als ich an einer Ampel warten musste, betrachtete ich meinen Regenschirm genauer und ich staunte, nie zuvor hatte ich eine Erfindung dieser Art zu Gesicht bekommen. Ich konnte dunkle Haut erkennen, die zwischen bleich schimmernden Knochen aufgespannt war, Haut, ja, die Flughaut der Abendsegler. Sie war durchblutet und so dünn, dass die Rinnsale des abfließenden Regens deutlich zu sehen waren. In jener Minute, da ich meinen Schirm betrachtete, hatte ich den Eindruck, er würde sich mit einem weiteren Schirm unterhalten, der sich in nächster Nähe befand. Er vollzog leicht schaukelnde Bewegungen in einem Rhythmus, der dem Rhythmus des Nachbarschirms ähnelte. Dann wachte ich auf. Es regnete noch immer. Jetzt sitze ich seit bald einer halben Stunde mit einer Tasse Kaffee vor meinem Schreibtisch und überlege, wie mein geträumter Regenschirm sich in der Luft halten konnte. Ob er wohl über Augen verfügte und über ein Gehirn vielleicht und wo genau mochte dieses Gehirn in der Anatomie des schwebenden Schirms sich aufgehalten haben. — stop
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napapiin
india : 6.22 — Schaute gegen den Himmel. Bemerkte, dass sich die Dunkelheit wie eine Flüssigkeit verhielt. Vögel hüpften in dieser feuchten Lichtlosigkeit in Kastanienbäumen von Ast zu Ast, ein traumartiges Bild. Vielleicht habe ich etwas gesehen, das ich nur deshalb beobachten konnte, weil ich ohne jeden Grund auf der Straße stand, wie aus einem Versehen heraus, ein Mann, der die falsche Tür genommen hatte. Jetzt, etwas später, ahne ich, dass ich dort vor dem Haus gelandet war, weil ich insgeheim wünschte, mit meinen Gedanken an den gewaltsamen Tod eines Torhüters, unter freiem Himmel zu stehen. Und wie ich so wartete, hörte ich die Stimme seiner mutigen, jungen Frau in meinem Kopf, eine Stimme, die versuchte, von all dem Wahnsinn, dem Wahnsinn des Verheimlichens zu sprechen. Da war einmal ein Mensch gewesen, der nicht weiterleben konnte, der sterben musste, weil er seine Verletzlichkeit, seine Schwäche, seine Menschlichkeit nicht zeigen durfte oder glaubte, sie nicht zeigen zu dürfen. So könnte das gewesen sein. Ein Mensch, der lange Zeit über Wasser hastete. So weit ist er gelaufen, dass kein Land mehr zu sehen, kein Laut mehr zu hören gewesen war. — 2 Uhr und fünfzehn Minuten. Die Welt dreht sich, um einen Atemzug langsamer geworden, weiter, immer weiter. Soeben wurde amtlicherseits die Öffnung folgender Weihnachtspostämter, nördliche Hemisphäre, bekannt gegeben: Nordpol-Grönland Santa Claus Nordpolen, Julemandens Postkontor DK-3900 Nuuk / Finnland Santa’s Main Post Office FIN-96930 Napapiin / USA Santa Claus Indiana 47579.
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dorothy parker
india : 23.12 — Ein seltsamer Traum. Als ich erwachte, stolperte ich unverzüglich zum Schreibtisch und notierte: Mit Dorothy Parker spaziert. Manchmal frage ich mich, wie meine Träume entstehen, wie ich dazu komme, mir Geschichten zu erzählen, die von kosmischer Ferne sind, obwohl ich doch selbst in ihnen enthalten bin. Vor dem Hotel im Traum, 37. Straße West, wartete eine uralte, strahlend schöne Frau, die nach meinem rechten Arm verlangte, ohne ein Wort zu sprechen, eine geschmeidige, eine unwiderstehlich reizende Geste, und schon waren wir auf dem Weg dem Süden zu. Winterzeit, die Straßen dampften. Schweigend gingen wir nebeneinander her. Die alte Frau trug einen schweren, dunklen Pelzmantel, feine Lederhandschuhe von weißer Farbe und einen roten Hut, auf den ich herabsehen konnte, weil die Gestalt an meiner Seite sehr zierlich gewesen war. Ich kann mich nicht erinnern, wer nun wen durch Manhattan führte, jedenfalls passierten wir den Broadway, die Bowery, die Brooklyn Bridge. Wir mussten lange Zeit unterwegs gewesen sein, weil Mrs. Dorothy Parker, die sich selbst im Traum nicht zu erkennen gab, sehr, sehr langsam ging. Einmal hob ich sie hoch und trug sie eine Weile und sie schlief in meinen Armen ein. Dann erreichten wir den Prospect Park, eine Gegend, die mir bekannt zu sein schien. Da war eine Kreuzung. Und da war Harvey Keitel, der fotografierte. Er kam auf mich zu und betrachtete das Gesicht der alten Frau und lächelte und erkundigte sich, ob ich denn wüsste, wen ich da in den Armen halten würde. — Und jetzt ist wieder Nacht geworden und ich habe gute, sehr gute Laune und funkende Lust traumwärts weiterzuerzählen. Wie nur komme ich über den Atlantik hinweg genau an den Ort meiner kleinen Schlafgeschichte zurück?
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schneelicht
sierra : 0.02 – 2 2. j a n u a r 2 0 0 7 / Schnee über Nacht. Die Umrisse der Bäume, die sich auf den opaken Scheiben der hohen Fenster des Präpariersaal’s abbildeten, waren kaum noch zu erkennen, als wären sie von einem hauchdünnen Pinsel neu gezeichnet. Ein seltsam helles Licht, ein Licht war im Raum, von dem ich nicht sagen konnte, ob es tatsächlich anwesend war oder von dem Wort Schnee her leuchtete, mit dem ich erwachte. Auch die Geräusche, waren andere Geräusche als zuvor, gedämpfte, sanfte Traumgeräusche. Ich erinnere mich, dass ich den Eindruck hatte, ich könnte reine Erfindung sein, eine Figur, auch die Tische der Toten, die unter roten Planen verborgen lagen, reine Erfindung, die Bäume, der Schnee und die Schulkinder, deren Lachen von der Straße her zu hören war. Dann öffnete sich die Tür des Aufzuges, ein Präparator trat in den Saal. Er sagte: Guten Morgen! Er nannte mich beim Namen.
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lichtforscher
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : TRAUMLICHT
Lieber Mr. Kekkola, ahoi! Was machen Sie denn so? Seit Tagen keine Nachricht aus der Wildnis. Sind Sie noch am Leben oder wurden Sie bereits heimlich von Bären gefressen? Vermutlich haben Ihnen lüsterne Fliegen derart zugesetzt, dass Sie kaum noch aus den Augen sehen können. Hörte, kühlende Moose, sollen helfen, dass Sie wieder in die Welt hinaus schauen und mir schreiben werden. Nach einer kleinen Reise südwärts wird nun wieder über Tiefseeelefanten nachgedacht. Das ist schon seltsam, wenn ich Stunden an ein und dieselbe Sache denke, dann wird sie so vertraut, dass ich sie mit mir ins Bett nehmen kann, ich meine, ich träume, ich träume, mein lieber Kekkola, mit Elefanten über atlantischen Tiefseeboden zu spazieren. Erinnere mich gerade an einen Forscher des Lichts. Wenn Du einem Problem, einer Idee, einer Spur wirklich nahe kommen willst, sagte mein Vater, dann musst Du so intensiv daran arbeiten, dass Du nachts im Schlaf nicht davon ablassen kannst. Das hab ich nun also gemacht. Ich betrachtete fünftausend Meter lange Rüssel und Paternosteraufzüge, die es bei Ihnen in Amerika nicht gibt, aber bei uns in Europa, endlos dahinfahrende Koffer ohne Deckel, in die man einsteigen kann, einsteigen wie jene Luft, die Tiefseeelefanten in kleinen Paketen atmen, Meereswinde in Beuteln von Haut. Die fahren dann perlend abwärts, ein Beutel nach dem anderen Beutel, zur Lunge hin, die riesig ist und rosa und kühl, wie das Moos, von dem ich Ihnen erzählte. Mein lieber Kekkola, was halten Sie davon? Schreiben Sie mir, sobald Sie wieder schreiben können, ja, schreiben Sie mir! Ich komm Sie sonst holen! Ihr Louis.
gesendet am
20.08.2009
5.32 MESZ
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louis to jonathan
noe kekkola »
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echo
ginkgo : 0.02 — Im Halbschlaf, immer im Halbschlaf, in der Vortraumzeit, das Geräusch einer Spieldose. Blechern singendes Haar. — stop
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im albtraum
tango : 0.05 — Ich hatte ein Museum geträumt, ein Albtraum, ein Museum, dessen Säle für Besucher zur Nachtzeit nur geöffnet waren. Folgendes: Eine Spielzeugmaschine erhebt sich dort, Saal 107, von einem Tisch, eine Stadt ohne Staub. Da sind Häuser, Baracken, geschotterte Wege, Mauern, ein Platz. Und Bäume sind da noch. Und Schienen. Und Türme. Hölzerne Türme. Gusseiserne Lampen. Scharfes Licht, weißes Licht, Gewitterlicht. Kein Laut, kein Schatten, keine Bewegung. Aber in den Kronen der Bäume, Unruhe, bebendes Warten. Es ist wieder die sechste Sekunde, dann die siebte, dann die achte. Jetzt geht alles sehr schnell vonstatten. Ein heller Ton, ein Pfiff, kaum hörbar. Eine Lokomotive, weißer Dampf, rast auf Schienen aus dem Halbdunkel jenseits der Umzäunung heran, ein Zug, ein langer Zug. Auch in die Stadt ist nun Bewegung gekommen. Personen. Vögel. Hunde. All das so voran, als wäre es aufgezogen, würde sich entladen, ruckartig, als habe man einem Film Sekunde für Sekunde Bilder entnommen. Der Zug stoppt. Figuren, Menschenfiguren, Hunderte, auch Kinderfiguren, fließen aus Waggons, formieren sich zu einer Linie, die sich bald teilt. Wispern und Zwitschern. Dann Rauch. Nadeln von schwarzem Rauch. Rauch bis zur Himmelsdecke. Und Geruch. Ein seltsamer Geruch, sehr senkrecht, seltsam, Geruch von geschmolzenem Metall, von Zinn, süß, von Gebäck. Alles ist wie von Sand beworfen, so eingefärbt, auch jene Menschen, die klein sind und schnell und bald schon verschwunden, waren von der Farbe hellen Sandes. Dann wieder Stille. Keine Bewegung. Nur die Bäume, das Blattwerk, unruhig. — stop
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taube
nordpol : 0.08 — Kürzlich im Traum im Park ein Gespräch mit einer Taube, geräuschlos war sie auf meiner linken Schulter gelandet. Ich erkundigte mich, weshalb sie und alle ihre Taubenfreunde so tief, so dicht über den Boden fliegen würden an diesem schönen Sommertag. Die Taube antwortete: Über das Licht, das aus dem Boden kommt, wissen wir alles. Heute viel Sonne von unten. Sie spähte dann in das Buch, das ich mir zu lesen vorgenommen hatte. Und weil sie sehr viel schneller las als ich, zerrte sie ungeduldig an meinem Ohrläppchen, sobald sie warten wusste, bis ich endlich weiterblätterte. – Anatomische Arbeitswörter des Abends : Lobus Temporalis : Mandelkern : Hippocampus : Thalamus. — stop
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