Aus der Wörtersammlung: weise

///

über grönland

pic

sier­ra : 0.25 — Plötz­lich, wir flo­gen gera­de über Grön­land dahin, wur­de das Mäd­chen wach mit­ten in der Nacht wäh­rend eines Flu­ges gegen die Zeit­rich­tung von Ost nach West. Als wir in New York star­te­ten, bei­na­he dun­kel, oben, in gro­ßer Höhe über Bos­ton wur­de es etwas hel­ler, Him­mels­far­ben von zar­tem Blau und oran­ge­far­be­nen Tönen, die sich wäh­rend des Nacht­flu­ges kaum ver­än­der­ten. Rau­schen­de Stil­le unter dem Kabi­nen­dach, das sich über schla­fen­den Men­schen wölb­te, da und dort leuch­te­te der Bild­schirm eines Com­pu­ters oder eines Tele­fons im Däm­mer­licht. Es war kühl gewor­den, viel­leicht des­halb, weil es kühl gewor­den war, wach­te das Mäd­chen auf. Das Mäd­chen war eine Japa­ne­rin, unge­fähr sech­zehn Jah­re alt, zier­lich, sie schien sehr rou­ti­niert im Flie­gen zu sein, reck­te sich, sah kurz zu mir hin, sah, dass ich eine Decke aus­ge­brei­tet hat­te über mei­nen Bei­nen, fisch­te selbst eine Decke unter ihrem Sitz her­vor, brei­te­te sie über ihren Schoß, hol­te ein Han­dy aus ihrer Hand­ta­sche, die selt­sam schil­ler­te, als wür­de sie aus Flüs­sig­keit bestehen, und begann sofort zu schrei­ben. Das war eine selt­sa­me Art und Wei­se zu schrei­ben, wie das Mäd­chen schrieb. Eine Hand, ihre lin­ke Hand, hielt sie unter der Decke ver­bor­gen, in der rech­ten Hand ruh­te das Tele­fon wie ein klei­ner Vogel rück­lings, so dass sein Tele­fon­bauch sicht­bar wur­de, eine Tas­ta­tur, über wel­che nun ein Dau­men in einer Geschwin­dig­keit hüpf­te, dass ich mei­nen Blick nicht lösen konn­te. Sie schrieb sehr lan­ge Zeit, notier­te Whats­App — Nach­rich­ten an Per­so­nen, deren Ava­tare ich gut, deren Zei­chen ich unmög­lich zu lesen ver­moch­te, an Men­schen oder Com­pu­ter, die ihr unver­züg­lich ant­wor­te­ten, so dass sie von einem Dia­log in einen ande­ren hüpf­te, indes­sen sie ihrer­seits beob­ach­te­te, wie ich mei­ner­seits ihren Dau­men beob­ach­te­te, was sie nicht wei­ter zu stö­ren schien, viel­leicht weil ihr gefiel, dass ich ihre Geschick­lich­keit bestaun­te, oder auch weil sie fand, dass sie über einen hüb­schen Dau­men ver­füg­te. Ihr Dau­men war klein, dach­te ich noch, weil er einer win­zi­gen Japa­ne­rin gehör­te, die in der Zeit, da sie neben mir saß, kei­nen Laut von sich gab. Ihren notie­ren­den Dau­men beob­ach­tend, schlief ich schließ­lich ein. Als ich erwach­te, war auch das Mäd­chen wie­der ein­ge­schla­fen. Sie lag unter der Decke, die sie bis zu ihren Schul­tern hoch­ge­zo­gen hat­te, ihre Hän­de waren ver­mut­lich vor der Brust gekreuzt, genau dort beweg­te sich etwas, hüpf­te. Das war über Irland gewe­sen. Struk­tur eines neu­en Jahr­tau­sends. — stop

ping

///

aleppo

9

romeo : 0.15 — Ärz­te ohne Gren­zen notie­ren am 15. Okto­ber 2016: „Syri­sche und rus­si­sche Luft­an­grif­fe haben inner­halb von 24 Stun­den vier Kran­ken­häu­ser im bela­ger­ten Ost-Alep­po getrof­fen. Eines der Kran­ken­häu­ser wur­de dabei schwer­be­schä­digt, min­des­tens zwei Ärz­te wur­den ver­letzt. Auch ein Kran­ken­wa­gen wur­de bei den Angrif­fen zer­stört und des­sen Fah­rer getö­tet. / Das Gesund­heits­sys­tem im bela­ger­ten Ost-Alep­po erlitt damit am 14. Okto­ber die schwers­ten Schä­den seit dem Schei­tern der kur­zen Waf­fen­ru­he Ende Sep­tem­ber. Die Inten­si­tät der Luft­an­grif­fe auf die nord­sy­ri­sche Stadt nahm in den Tagen zuvor wei­ter zu. / Laut der Direk­ti­on für Gesund­heit sowie dem foren­si­schen Zen­trum in Ost-Alep­po star­ben dort zwi­schen dem 11. und dem 14. Okto­ber min­des­tens 62 Men­schen, 467 Men­schen wur­den ver­letzt, dar­un­ter 98 Kin­der. Die Zahl der Toten und Ver­wun­de­ten liegt mög­li­cher­wei­se noch höher, denn vie­le Fami­li­en begra­ben ihre Toten selbst, ohne sie in ein Kran­ken­haus zu brin­gen. / “Die Stadt bricht immer wei­ter zusam­men” / „Die rück­sichts­lo­sen Luft­an­grif­fe sind ein­deu­tig noch schlim­mer gewor­den“, sagt Car­los Fran­cis­co, Lan­des­ko­or­di­na­tor von Ärz­te ohne Gren­zen für Syri­en. „Eines der Kran­ken­häu­ser, die ges­tern getrof­fen wur­den, wur­de stark beschä­digt. Es ist ein wich­ti­ges chir­ur­gi­sches Zen­trum, das in den ver­gan­ge­nen Wochen schon drei­mal getrof­fen wor­den ist. Die Inten­si­tät der Angrif­fe erstickt die weni­gen medi­zi­ni­schen Kapa­zi­tä­ten, die das Gesund­heits­sys­tem in Alep­po noch hat. Die Stadt bricht immer wei­ter zusam­men, Tag für Tag, Stun­de für Stun­de. Syri­en und Russ­land zer­stö­ren die letz­ten Orte, an denen noch Leben geret­tet wer­den kön­nen. Damit zei­gen sie, dass sie in Ost-Alep­po jeg­li­ches Leben unmög­lich machen wol­len.“ / Laut Berich­ten von Kran­ken­haus­mit­ar­bei­tern in Ost-Alep­po wur­den bei den Angrif­fen vom 14. Okto­ber zwei Ärz­te ver­letzt, ein Lager­ver­wal­ter eines der Kran­ken­häu­ser erlitt Ver­bren­nun­gen. Bis­lang gab es in Alep­po noch 35 Ärz­te für rund 250.000 Men­schen. Nur sie­ben von ihnen sind Chir­ur­gen, die Kriegs­ver­letz­te ope­rie­ren kön­nen. Seit dem Beginn der Bela­ge­rung des Ost­teils im Juli wur­den die weni­gen ver­blie­be­nen Kran­ken­häu­ser 27 Mal getrof­fen, nicht ein ein­zi­ges Kran­ken­haus ist bei den Luft­an­grif­fen ohne Scha­den geblie­ben. / Nur noch elf funk­ti­ons­tüch­ti­ge Kran­ken­wa­gen / Auch ein Kran­ken­wa­gen der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (NGO) Al-Scham-Huma­ni­ta­ri­an-Foun­da­ti­on (AHF) wur­de am 14. Okto­ber kom­plett zer­stört, der Fah­rer wur­de getö­tet. Die AHF stellt den Men­schen in Syri­en seit 2011 kos­ten­lo­se medi­zi­ni­sche Hil­fe zur Ver­fü­gung. Erst eini­ge Tage zuvor hat­te die Direk­ti­on für Gesund­heit berich­tet, dass auf­grund der Luft­an­grif­fe sowie der feh­len­den Ersatz­tei­le nur noch elf funk­ti­ons­fä­hi­ge Kran­ken­wa­gen in Ost-Alep­po bereit­ste­hen. Frei­wil­li­ge und NGOs nut­zen ein­fa­che Fahr­zeu­ge, um Ver­wun­de­te zu trans­por­tie­ren. / „Wir haben es bereits gesagt und sagen es erneut: Alle Kon­flikt­par­tei­en müs­sen ermög­li­chen, dass schwer Ver­wun­de­te und Kran­ke aus der Stadt gebracht wer­den, bevor es zu spät ist“, sagt Pablo Mar­co, Lei­ter der Nah­ost-Pro­gram­me von Ärz­te ohne Gren­zen. „Über­le­bens­wich­ti­ge Güter und medi­zi­ni­sches Mate­ri­al müs­sen in die Stadt gebracht wer­den kön­nen. Die Men­schen dort lei­den nicht nur unter dem anhal­ten­den Bom­ben­ha­gel, son­dern auch dar­un­ter, dass sie über­haupt kei­ne Unter­stüt­zung erhal­ten.“ / Ärz­te ohne Gren­zen unter­stützt in Ost-Alep­po alle acht ver­blie­be­nen Kran­ken­häu­ser. Lan­des­weit unter­stützt die Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on mehr als 150 Gesund­heits­zen­tren und Kli­ni­ken. Im Nor­den Syri­ens betreibt Ärz­te ohne Gren­zen selbst sechs medi­zi­ni­sche Ein­rich­tun­gen. Zu den von der syri­schen Regie­rung kon­trol­lier­ten Gebie­ten ein­schließ­lich West-Alep­po erhält die Orga­ni­sa­ti­on kei­nen Zugang. - stop

ping

///

kalkutta

9

del­ta : 5.02 — Ein Brief, 12.5 Gramm schwer, den ich vor zwei Jah­ren als Son­de per Luft­post nach Kal­kut­ta schick­te, ist ges­tern zu mir zurück­ge­kom­men. Irgend­wann wäh­rend der ver­gan­ge­nen Mona­te muss ich ihn doch tat­säch­lich ver­ges­sen haben. Jetzt, da der Brief vor mir auf dem Schreib­tisch liegt, erin­ne­re ich mich prä­zi­se, dass ich ihn an ein zwei­stö­cki­ges Haus in einer Stra­ße adres­sier­te, die sich nicht in unse­rer Wirk­lich­keit befin­det. Da in Kal­kut­ta zahl­rei­che stra­ßen­lo­se Häu­ser exis­tie­ren sol­len, stell­te ich mir vor, ein Brief­trä­ger habe sich in dem Wunsch, mei­nen Brief erfolg­reich zustel­len zu kön­nen, ein Haus aus­ge­dacht, das an einer Stra­ße liegt, die tat­säch­lich exis­tiert, oder eine Stra­ße, die nicht exis­tiert für ein Haus, in dem ein Mann namens Sini Sha­pi­ro lebt. Spu­ren, die ich auf dem Kuvert des Brie­fes ent­deck­te, erzäh­len von drei oder vier Ver­su­chen, das Schrift­stück an Mr. Sha­pi­ro aus­zu­hän­di­gen, so fin­den sich auf der Ansichts­sei­te des Brie­fes die Stem­pel­mo­ti­ve Adres­se insuf­fi­san­te (Anschrift unvoll­stän­dig) sowie Pas de boî­te à ce nom (Kein Namens­schild), auf der Rück­sei­te indes­sen unles­ba­re hand­schrift­li­che Zei­chen, die mit Füll­fe­der oder Blei­stift auf­ge­tra­gen wor­den waren. Mög­li­cher­wei­se lager­te mein Brief zwei Jah­re lang auf einem Schreib­tisch in Kal­kut­ta unter wei­te­ren Brie­fen, die nicht zustell­bar waren. Mög­li­cher­wei­se, auch das ist denk­bar, wur­de von Zeit zu Zeit ein pos­ta­li­scher Spä­her in die Stadt ent­sandt, um nach­zu­se­hen, ob das Haus oder die Stra­ße, die kurz zuvor noch nicht exis­tier­ten, nun doch zu fin­den waren. Kürz­lich wur­de dann jeder wei­te­re Zustel­lungs­ver­such auf­ge­ge­ben. Ja, das ist denk­bar. Ich wer­de mei­nen weit gereis­ten Brief sorg­fäl­tig ver­wah­ren. Sicher ist: Mr. Sini Sha­pi­ro exis­tiert tat­säch­lich. Er lebt in Man­hat­tan in einem Haus an der Park Ave­nue Höhe 70. St., er liebt Brook­lyn. — stop

ping

///

indien

9

oli­mam­bo : 6.58 — Ein Freund rief an, er leg­te sofort los, erzähl­te dies und das, von einem Eich­hörn­chen bei­spiels­wei­se, das in sei­nem Gar­ten lebt, von einer Cou­si­ne, die sich das Bein brach im Gebir­ge, von der Hit­ze des Som­mers, die sei­nen Kühl­schrank kill­te, wäh­rend er in Indi­en weil­te. Eine Stun­de lang berich­te­te mein Freund von sei­ner indi­schen Rei­se, von höl­zer­nen Zügen, von offe­nen Feu­ern in der Land­schaft, von Far­ben, die nur in Indi­en wirk­lich zu Hau­se sein wür­den. Plötz­lich wuss­te er nicht wei­ter. Er frag­te, wie er auf Indi­en eigent­lich gekom­men sei, er konn­te sich an die Wei­che, die ihn erzäh­lend nach Indi­en führ­te, nicht erin­nern. Er mach­te eine Pau­se, viel­leicht weil er schwei­gend kon­zen­trier­ter nach­den­ken konn­te, dann leg­te er gruß­los auf. Nach einer hal­ben Stun­de mel­de­te er sich wie­der zurück: Es war der Kühl­schrank! Sofort reis­ten wir wei­ter fort in Rich­tung Dar­jee­ling. Es war spät gewor­den und es reg­ne­te. — stop

animals7

///

radionuklidbatterie

pic

~ : louis
to : mr. eliot
sub­ject : RADIONUKLIDBATTERIE

Lie­ber Eli­ot! Guten Mor­gen! Wie geht’s, wie steht’s? Ich frag­te mich, ob Du die Hit­ze, — auch bei Dir drü­ben soll es sehr heiß sein -, gut ver­tra­gen kannst? Ich sor­ge mich ein wenig, ver­mut­lich ohne Grund! Mir jeden­falls bekommt die Hit­ze nicht sehr gut. Auch Vaters alter Uhr nicht. Ich tra­ge sie, seit er gestor­ben ist vor vier Jah­ren. Jetzt ist sie ste­hen­ge­blie­ben, ver­mut­lich weil ihre Bat­te­rien in der war­men Luft müde gewor­den sind. Für ein paar Stun­den habe ich mir aus­ge­malt, dass die Zeit mei­nes Vaters nun end­gül­tig ende­te. Das ist schmerz­voll, ich wür­de ihm gern noch ein­mal erzäh­len von mei­nen Wün­schen, von einem Vogel bei­spiels­wei­se, der mein Leben verzeich­net, der mich beglei­tet, Gesprä­che, die ich täg­lich mit Men­schen füh­re oder heim­li­che Gesprä­che mit mir selbst. Auch wür­de vom Vogel auf­ge­nom­men, was ich gese­hen habe wäh­rend ich reis­te, einen Ken­tau­ren im Gebir­ge, Regen­trop­fen am Strand von Coney Island, eine schla­fen­de Hand, die zeich­ne­te. Manch­mal ist es ange­nehm, sich wün­schen zu kön­nen, was nicht mög­lich zu sein scheint, eine gro­ße Frei­heit der Spe­ku­la­tion. Aber in den ver­gan­ge­nen Tagen wur­de mir bewusst, dass die Ver­wirk­li­chung eines mich beglei­ten­den Vogel­we­sens nicht län­ger uto­pi­sch sein muss. Ich kann mir eine flie­gende Maschi­ne ohne wei­tere Anstren­gung vor­stel­len, ein künst­li­ches Luft­we­sen, vier Pro­pel­ler, ange­trie­ben von einer leich­ten Radio­nu­klidbat­te­rie, die sich tat­säch­lich für Jahr­zehnte an mei­ner Sei­te in der Luft auf­hal­ten könn­te, ein bei­nahe laut­lo­ses Wesen in der Gestalt eines Koli­bris, eines Tau­ben­schwänz­chens oder einer Bie­ne, davon erzähl­te ich schon. Ich weiß nicht war­um das so ist, ich habe den Ein­druck, wenn ich Vaters Uhr bald wie­der in Gang set­zen wer­de, wird sie mei­ne Uhr gewor­den sein, das ist viel­leicht ein wenig ver­rückt, oder auch nicht. Ges­tern habe ich eine Geschich­te von 18 Sei­ten Län­ge auf ein Ton­band gespro­chen und der­art beschleu­nigt, dass mei­ne Stim­me zu einem Geräusch von 10 Sekun­den Dau­er wur­de, eine Art Hoch­ge­schwin­dig­keits­hör­spiel, das ich selbst nicht hören konn­te, weil ich sehr hohe Geräu­sche seit lan­ger Zeit nicht mehr wahr­neh­me. Ich sen­de Dir die Datei anbei. Wür­dest Du bit­te prü­fen, ob Du selbst sie viel­leicht noch hören kannst, oder irgend­je­mand sonst? Mel­de Dich bald! Dein Lou­is

gesen­det am
10.09.2016
22.56 UTC
2453 zeichen

segelpferdchen

///

60.432875 : 22.158961

9

nord­pol : 6.08 — Eine tra­gi­sche Geschich­te soll sich in einer klei­nen, fin­ni­schen Stadt nahe Tur­ku ereig­net haben. Ich konn­te mir den Namen der Stadt nicht mer­ken, aber die Geschich­te sehr wohl, die mir ein Freund erzähl­te, wäh­rend wir gera­de auf ein Flug­zeug war­te­ten. Dort oben im Nor­den soll der Geschich­te zur Fol­ge, eine Frau mitt­le­ren Alters nach Jah­ren des Schrei­bens bemerkt haben, dass sie wie­der­holt bestoh­len wur­de, dass man gedul­dig dar­auf war­te­te, dass sie etwas auf­schrei­ben und im Inter­net ver­öf­fent­li­chen wür­de, dann woll­te man näm­lich sofort inter­es­san­te und auch weni­ger inter­es­san­te Abtei­lun­gen ihrer neu hin­zu­ge­füg­ten Geschich­te und ihre Gedan­ken mar­kie­ren mit­tels eines Maus­zei­gers, um die in die­ser mar­kier­ten Abtei­lung befind­li­chen Wör­ter zu kopie­ren, sie durch Spei­cher eines oder meh­re­rer Com­pu­ter zu trans­por­tie­ren, bis eben jene Zei­chen, die gestoh­le­ne Zei­chen waren, an einer wei­te­ren Stel­le im Inter­net unter Tex­ten, die nicht gestoh­len wor­den waren, zum Still­stand kom­men wür­den. Den Zei­chen selbst war nie­mals anzu­se­hen, dass sie eigent­lich nicht dort hin­ge­hör­ten, dass sie frem­de Zei­chen waren. Als nun die bestoh­le­ne Frau zufäl­li­ger­wei­se bemerk­te, dass sie beraubt und immer wei­ter beraubt wor­den war, woll­te sie sich weh­ren. Sie bemüh­te sich um Unter­stüt­zung, sie bat ihre bes­ten und auch weni­ger gute Freun­de zu lesen, was sie notiert hat­te, Text­stel­len zu ver­glei­chen und Ankla­ge zu erhe­ben. Eini­ge Tage spä­ter bereits mach­te sich die Frau auf den Weg in die Wäl­der, jemand behaup­te­te, sie sei nicht gewan­dert, son­dern geflo­hen. Jetzt, vor­ges­tern, soll sie gefun­den wor­den sein. Man berich­tet, dass sie schwei­gend auf einem recht hohen Baum sit­zen wür­de. Sie lese in Büchern, die sie mit Schnü­ren an Ästen des Bau­mes befes­tigt habe. Sie wol­le par­tout nicht her­un­ter­stei­gen. Es wer­de doch bald Win­ter wer­den. — stop
ping

///

kein wort unterstrichen

9

ulys­ses : 0.25 — Kon­stan­tin erzähl­te von einer Biblio­thek unbe­rühr­ter Bücher, die sich in sei­ner Woh­nung befin­den soll. Als ich ihn frag­te, was er unter unbe­rühr­ten Büchern ver­ste­hen wür­de, erklärt er, das sei­en Bücher, die er besit­ze, aber nie geöff­net habe, nie in ihnen geblät­tert, kei­ne Notiz wur­de auf irgend­ei­ner der Sei­ten der Bücher hin­ter­las­sen, kein Wort unter­stri­chen. Selt­sa­mer­wei­se habe er jedes die­ser Bücher gele­sen, ihre digi­ta­len Schat­ten. Er lese aus­schließ­lich Bücher in elek­tro­ni­scher Bear­bei­tung, er sehe nicht mehr gut, er kön­ne die Zei­chen elek­tro­ni­scher Bücher in sei­ner Lese­ma­schi­ne ver­grö­ßern, so wie es für sei­ne Augen ange­nehm sei. Ein­mal habe er bemerkt, dass er Bücher, die ihn begeis­ter­ten, unbe­dingt besit­zen müs­se, ihre Aus­ga­be auf Papier sicht­bar in einem Bücher­re­gal. Ein­mal habe er einen elek­tro­ni­schen Text selbst aus­ge­druckt und zu einem Buch­kör­per geformt, weil er eine papie­re­ne Aus­ga­be des Buches zum Kauf nicht fin­den konn­te. — stop
ping

///

die insel der farbenblinden

9

echo : 0.12 — Oli­ver Sacks notiert in sei­nem Rei­se­be­ob­ach­tungs­buch Die Insel der Far­ben­blin­den Fol­gen­des: Mei­ne Besu­che auf die­sen Inseln waren kurz und unvor­be­rei­tet, nicht an einen fes­ten Plan oder ein Pro­gramm gebun­den, nicht dazu bestimmt, eine The­se zu bewei­sen oder zu wider­le­gen, son­dern ein­fach der Beob­ach­tung gewid­met. Doch so impul­siv und unsys­te­ma­ti­sch sie auch waren, ich ver­danke ihnen inten­sive, viel­schich­tige Erleb­nisse, die sich in alle mög­li­chen, mich stän­dig über­ra­schen­den Rich­tun­gen ver­zweig­ten. Viel­leicht bedurf­te es erst mei­ner Rück­kehr, der Mög­lich­keit, die Erleb­nisse wie­der und wie­der Revue pas­sie­ren zu las­sen und zu sich­ten, um ihres Zusam­men­hangs und ihrer Bedeu­tung (oder zu min­des­tens eines Teils ihrer Bedeu­tung) hab­haft zu wer­den ― und um die­sen Impuls zu ver­spü­ren, sie zu Papier zu brin­gen. Die­se Nie­der­schrift, die mich wäh­rend der letz­ten Mona­te beschäf­tigt hat, erlaub­te mir, ja zwang mich, die Inseln in mei­ner Erin­ne­rung erneut auf­zu­su­chen. Und da die Erin­ne­rung, wie Edel­mann aus­führt, nie­mals nur sim­ple Auf­zeich­nung oder Repro­duk­tion ist, son­dern ein akti­ver Pro­zess der Reka­te­go­ri­sie­rung, der Rekon­struk­tion und Fan­ta­sie­tä­tig­keit, ― ein Pro­zess, der von unse­ren eige­nen Wer­ten und Per­spek­ti­ven bestimmt wird, hat mich die Erin­ne­rungs­ar­beit dazu geführt, die Besu­che in gewis­ser Wei­se neu zu erfin­den und so ein per­sön­li­ches, eigen­wil­li­ges, viel­leicht exzen­tri­sches Bild die­ser Inseln zu ent­wer­fen, das zusätz­lich genährt wur­de durch mei­ne Lei­den­schaft für Inseln und Insel­bo­ta­nik. — stop
ping

///

afrika

9

nord­pol : 2.28 — Zen­tral­afri­ka­ni­sche Land­schaft. Savan­ne. Affen­brot­bäu­me. Das Ufer eines Flus­ses oder Sees. Wol­ken, schnee­weiß, getürmt. Ent­lang der Ufer­li­nie flie­gen Fla­min­gos, ein Schwarm, 200 oder 300 Tie­re. Sie sind ver­mut­lich gera­de erst gestar­tet. Wenn ich mich mit einer Lupe der Land­schaft, die auf eine Brief­mar­ke gepresst wur­de, nähe­re, ver­mag ich die Füße ein­zel­ner Vögel gut zu erken­nen, eine hoch­auf­lö­sen­de Druck­ar­beit, mög­li­cher­wei­se könn­te man unter einem Mikro­skop Federn ent­de­cken, das Licht, das sich in den Augen der Flie­gen­den bricht, Mos­ki­tos, die über dem Was­ser schwe­ben, Libel­len und wie­der­um die Füße der Libel­len. Ein sel­te­nes Exem­plar einer Pan­ora­ma­mar­ke von 2,8 cm Höhe und 1 Meter und 50 cm Brei­te. Man könn­te die­se Brief­mar­ke für Brie­fe ver­wen­den, die über ent­spre­chen­de Brei­te ver­fü­gen, sagen wir, für sehr lan­ge Lang­brie­fe, oder aber man ver­wen­det die­ses wun­der­vol­le Post­wert­zei­chen auf Kurz­brie­fen übli­cher Brei­te, dann muss man die Brief­mar­ke fal­ten. Genau­so ist das vor­ge­se­hen, natür­li­che Fal­ten sind der Brief­mar­ke bei­gebracht, eigent­lich liegt die Brief­mar­ke, sofern man sie erwer­ben möch­te, in gefal­te­tem Zustand vor, ein Bänd­chen von Haa­res­brei­te hält sie in der Gestalt einer Zieh­har­mo­ni­ka zusam­men. Auch jetzt sind Fla­min­gos gut zu erken­nen. Es han­delt sich um eine wirk­lich sehr schö­ne Mar­ke. — stop

drohne27

///

nahe lemmon creek park

9

char­lie : 2.58 — Seit einer hal­ben Stun­de suche ich nach einem Namen für einen Mann, den ich ein­mal vor län­ge­rer Zeit beob­ach­tet habe auf Sta­ten Island an einem Strand im Win­ter. Ich dach­te, ver­dammt, hät­te ich ihn doch nur nach sei­nem Namen gefragt, ich fürch­te­te damals, ihn zu stö­ren, fürch­te­te, dass er sofort in den wil­den Wäl­dern nahe dem Lem­mon Creek Park ver­schwin­den wür­de. So still wie damals am Strand, sit­ze ich nach­denk­lich und rufe mir die Gestalt des Man­nes in Erin­ne­rung, eine schat­ten­lo­se Figur, die auf einem ver­wit­ter­ten Baum­stamm hockt. Du heißt viel­leicht Lau­ren­ti­us, den­ke ich, oder Hen­ry, nein, nicht Hen­ry, Lau­ren­ti­us wird ein guter Name sein. Der Strand ist nass vom Regen und vom Nebel, der tief über dem Meer hängt. Wenn man her­aus­schaut, weg vom Land, sieht man Schif­fe, aber nur ihre Bäu­che, nicht Brü­cken, Con­tai­ner, win­ken­de Pas­sa­gie­re. Ich glau­be, auch Lau­ren­ti­us beob­ach­tet in die­sem Moment sei­nes Lebens Schif­fe und Nebel, manch­mal schreibt er ein paar Sät­ze auf ein Notiz­blatt, reißt das Papier aus sei­nem Block, fasst in sei­ne rech­te oder lin­ke Hosen­ta­sche, holt ein Fläsch­chen her­vor, wickelt das Notiz­blatt um einen Blei­stift, führt das in die­ser Wei­se geform­te Notiz­pa­pier­stäb­chen in den Hals des Fläsch­chens ein, ver­schließt den Behäl­ter mit einem Kor­ken, steht auf und schleu­dert ihn aufs Meer hin­aus. Dann setzt er sich wie­der auf den ver­wit­ter­ten Baum­stamm, beob­ach­tet die Schif­fe, die west- und ost­wärts der Küs­te fol­gen, um nach eini­gen Minu­ten eine wei­te­re Notiz zu fer­ti­gen. Ein­mal kehrt eines der Fläsch­chen zurück, es ist mög­li­cher­wei­se von der Bug­wel­le eines grö­ße­ren Schif­fes aus der Strö­mung getra­gen wor­den. Als Lau­ren­ti­us das Fläsch­chen bemerkt, steht er auf, holt das Fläsch­chen aus der Bran­dung, dreht den Kor­ken vom Fla­schen­hals und schüt­telt das Fläsch­chen so lan­ge, bis das Notiz­zet­tel­röll­chen auf sei­ne Hand­flä­che rutscht. Dann wirft er die lee­re Fla­sche wie­der weit hin­aus aufs Was­ser, wo es für einen kur­zen Moment ver­schwin­det. — stop

propeller



ping

ping