Aus der Wörtersammlung: weise

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spieldose

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tan­go : 0.03 — Vor Jah­ren, zur Som­mer­zeit, an der Sei­te einer schwer­mü­ti­gen Frau durch trop­fen­den Wald nahe einem Kran­ken­haus. Es hat­te gereg­net, eine Sint­flut, das Kleid der Frau, von dem sie erzähl­te, dass es sich um ein bren­nen­des Kleid han­de­le, kleb­te an ihrem Kör­per fest. Schmal war sie gewor­den, zer­brech­lich, fast durch­sich­tig, die Haut ihrer Hän­de, ihrer Wan­gen, ihres Hal­ses. Ich erin­ne­re mich, dass ich ihr Libel­len zeig­te, sie jag­ten dicht über den damp­fen­den Boden hin, Wald­erd­bee­ren, einen Frosch. Ich frag­te nach ihren Gedan­ken, aber ich konn­te sie nicht errei­chen, auch mit mei­nen Bli­cken nicht, weil sie mich nicht anse­hen woll­te, son­dern vor sich hin starr­te, indem sie vor­sich­tig ihre Schrit­te setz­te, als wür­de der Boden unter ihren Füßen nicht wirk­lich exis­tie­ren. Ihr fei­nes Gesicht, ihre hel­len Augen, hell von Schmerz und Furcht. Wie sie nach einer lan­gen Zeit des Schwei­gens sag­te, nie­mand kön­ne ver­ste­hen, wie sie sich füh­le, kein Mensch, das sei schreck­lich, und das Atmen, die Angst, die Lee­re, der Ein­druck zu fal­len, und dass sie nicht wüss­te, wann das alles wie­der­kommt, wenn es doch ein­mal auf­ge­hört haben soll­te, und war­um. In einer ihrer Hän­de barg sie eine Spiel­do­se. Manch­mal hielt sie die klei­ne Maschi­ne vor ihr Gesicht und dreh­te an einer Kur­bel. Sie neig­te dann den Kopf zur Sei­te, und für einen Moment schien der Schmerz nach­zu­las­sen, eine Ahnung im Som­mer­re­gen, eine Erfah­rung größ­ter Fer­ne und Hilf­lo­sig­keit inmit­ten zir­pen­den, pfei­fen­den, rau­schen­den Lebens. Ges­tern in einer beson­de­ren Wei­se von dem erschüt­tern­den, hoff­nungs­fro­hen Film Helen in die Tie­fe erzählt. — Top five der schlech­tes­ten, gut gemein­ten Rat­schlä­ge von Leu­ten, die über­haupt kei­ne Ahnung haben: Fahr in die Feri­en, lies ein Buch, lass Dir die Haa­re schnei­den, reno­vier Dei­ne Woh­nung, ler­ne Joga. — stop

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animals

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india : 10.02 – Ein leben­des Blatt Papier, nach wie vor hei­ter, wel­ches aus Mil­lio­nen mobi­ler Ein­hei­ten oder Per­sön­lich­kei­ten bestehen wür­de, könn­te immer dann als eine Rechen­ma­schi­ne betrach­tet wer­den, wenn jedes der zu dem Blatt gehö­ren­den Indi­vi­du­en für sich imstan­de wäre, zwei oder wei­te­re Zustän­de, zum Bei­spiel hell oder nicht hell, anzu­neh­men und den Sta­tus die­ser Selbst­ver­fas­sung mit­tels einer Spra­che an benach­bar­te Indi­vi­du­en wei­ter­zu­ge­ben. Ja, das ist denk­bar, eine Rechen­ma­schi­ne, die sich vor­sätz­li­cher Wei­se in Luft auf­lö­sen und wie­der aus der Luft her­aus ver­ei­nen könn­te. — stop
ping

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bleistiftschreibmaschine

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sier­ra : 0.08 — Lau­re Wyss. Sie bemerkt um 22.38 MESZ, man wür­de ihre Gesell­schaft ver­mut­lich des­halb mei­den, weil sie ger­ne gan­ze Bücher erzäh­le. Ihr fei­nes, von der Zeit gewirk­tes Gesicht. Ja, fährt sie lachend fort, das Älter­wer­den, das ist ein Pro­zess, viel­leicht der Schwie­rigs­te, weil es der letz­te ist. Aber er hat auch sein Gutes. Es wird immer kla­rer, was wich­tig ist im Leben. Es ist eine Art Ver­ein­fa­chung. Es ist auch eine Zeit des Abschieds. Aber merk­wür­di­ger­wei­se berei­chernd, nicht nur trau­rig. – Lau­re Wyss besaß drei Schreib­ma­schi­nen. Mit der weichs­ten die­ser Maschi­nen, ihrer Blei­stift­schreib­ma­schi­ne, notier­te sie Gedichte.
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windstille

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echo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : WINDSTILLE

Es war Mitt­woch, lie­ber Jona­than, trau­ri­ger Tag, mein letz­ter Fisch ist von mir gegan­gen. Als ich ihn besu­chen woll­te, ruh­te er seit­wärts auf san­di­gem Boden, eine schein­bar schla­fen­de Gestalt. Das Gewicht sei­nes Kör­pers kurz dar­auf in mei­ner Hand, nicht erwar­te­te Küh­le und die Rau­heit sei­nes Kop­fes, den ich nie zuvor berührt hat­te, ein selt­sa­mer, ein bewe­gen­der Moment. Sie wer­den, lie­ber Kek­ko­la, mei­ne lei­se Trau­er nach Jah­ren gemein­sa­men Lebens ver­ste­hen, Sie ganz gewiss! — Sagen Sie, wie geht es Ihren Lun­gen, haben Ihre Atem­flü­gel den Win­ter gut über­stan­den, ist alles so wie gewünscht, oder sind Sie viel­leicht Stun­den oder Tage ins Was­ser zurück­ge­kehrt, um Luft zu holen in ver­trau­ter Art und Wei­se? Eine kurio­se Vor­stel­lung, wie mir scheint, Mr. Kek­ko­la tau­chend unter der Eis­haut eines nord­ame­ri­ka­ni­schen Sees. Ich darf Ihnen sagen, dass ich mich ein wenig vor Ihnen fürch­te! Trotz­dem hof­fe ich, Sie haben sich bereits auf süd­öst­li­chen Kurs bege­ben. Ein wol­ken­lo­ser Him­mel soll­te Sie erwar­ten, Wind­stil­le bei 17° Cel­si­us, dort, wo ich Sie lebend ver­mu­te. – Ihr Lou­is, ahoi!

gesen­det am
18.03.2010
4.38 MESZ
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lou­is to jonathan
noe kekkola »

 

ping

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februarbrief

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romeo : 0.15 — Noch war Febru­ar gewe­sen, da ver­fass­te ich einen Brief an ein Mäd­chen, das ich bereits kann­te, als sie noch nicht lau­fen konn­te. Sie heißt Rosa­rio, was eigent­lich nicht ganz rich­tig ist, weil das natür­lich an die­ser Stel­le nicht ihr wirk­li­cher Name sein darf. Aber dass ich ihr Paten­on­kel bin, ist eine Tat­sa­che, dafür lege ich mei­ne Hand ins Feu­er. Rosa­rio, ein zau­ber­haf­tes Wesen, wohnt jetzt in Brook­lyn, New York, und zwar in der Hicks­street nahe einem Haus, in dem Arthur Mil­ler sein Dra­ma Tod eines Hand­lungs­rei­sen­den notier­te. Genau dort­hin nun schick­te ich mei­nen Brief, einen papie­re­nen Brief in einem Luft­post­um­schlag, den ich in ein Päck­chen zu einer Bücher­sen­dung steck­te. Ich schrieb, – ich darf das zitie­ren, weil ich die Erlaub­nis dazu erhal­ten habe -, fol­gen­de Zei­len: „Lie­be Rosa­rio, hier­mit sen­de ich Dir ein spek­ta­ku­lä­res Buch, einen Kata­log Lean­ne Shapton’s, der mich Tage lang begeis­ter­te. Von einer Lie­be wird berich­tet, Du soll­test sie unbe­dingt lesen, eine wun­der­vol­le, in selt­sa­mer Wei­se erzähl­te Geschich­te. Was das Buch wohl bei sich den­ken mag, jetzt, da es nach einer Schiffs­rei­se über den Atlan­tik her, im Flug­zeug wie­der zurück nach Ame­ri­ka hin getra­gen wer­den wird? Gut, wir wer­den das viel­leicht nie­mals her­aus­fin­den, oder, sag, hast Du gelernt, mit den Büchern selbst zu spre­chen? Erin­nerst Du Dich noch an Aben­de, da ich Dir vor­ge­le­sen habe? Du lagst auf mei­nem Bauch, eine klei­ne Kat­ze, und ein­mal leg­test Du Dein Ohr an mei­ne Stirn, und woll­test mei­ne Gedan­ken hören. Und als Du nichts ver­neh­men konn­test, sag­test Du zu mir mit gro­ßen Augen: Du musst lau­ter den­ken, Lou­is, ich kann Dich nicht hören! Viel Ver­gnü­gen beim Lesen und Schau­en wünscht Dir Dein Louis.“

ping

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fiebermöwen

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india

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : FIEBERMÖWEN

Ver­gan­ge­ne Woche, lie­ber Jona­than, ist etwas Merk­wür­di­ges gesche­hen. Ich hat­te Fie­ber und geträumt, dass Sie mir einen Brief geschrie­ben haben. End­lich, end­lich, dach­te ich, um Him­mels wil­len, eine Fata Mor­ga­na, und wach­te auf und erin­ner­te mich an Ihre Wor­te in einer Wei­se, dass ich Traum von Wirk­lich­keit nicht unter­schei­den konn­te. Das mag an mei­nem hei­ßen Kopf gele­gen haben, und so ant­wor­te­te ich auf einen Brief, der nie­mals exis­tier­te. Sie wer­den sich, mein lie­ber Kek­ko­la, viel­leicht gewun­dert haben und noch immer amü­sie­ren. Nun, es geht auf Mit­ter­nacht zu, ist fol­gen­de Sache zu erwäh­nen. Im April wer­de ich eine Samm­lung von Papier­we­sen erhal­ten, einen Bogen 20 x 28 cm. Darf sie umsor­gen und pro­bie­ren, wie sie sich so machen, wenn einer wie ich sie mit wil­den Tex­ten beschreibt? Unse­ren Tief­see­ele­fan­ten geht’s vor­treff­lich. Nahe Ber­mu­da, so wird berich­tet, sol­len sie einen Schwarm ver­irr­ter Möwen aus der Luft gefan­gen haben. Ahoi! Bis bald am Strand. Ihr Louis

gesen­det am
1.03.2010
22.58 MEZ
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lou­is to jonathan
noe kekkola »

 

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schweizer jazz : paul nizon

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india : 0.03 — Ges­tern bin ich Paul Nizon wie­der­be­geg­net. Durf­te beob­ach­ten, wie er in Paris eine sei­ner Arbeits­woh­nun­gen spa­zier­te. Natür­lich waren zwi­schen ihm und mir eine Kame­ra­lin­se, ein Bild­schirm und dort etwas ver­gan­ge­ne Zeit auf­ge­spannt. Trotz­dem konn­te ich ihn gut erken­nen. Er trägt jetzt einen klei­nen run­den Bauch vor sich her und sein Haar ist grau gewor­den, und doch ist er ganz der alte, ver­ehr­te Schrift­stel­ler geblie­ben. Vor allem sei­ne schö­ne Stim­me, das sorg­fäl­ti­ge Spre­chen, die war­me Melo­die der Spra­che, das Schwei­ze­ri­sche, hier waren sie wie­der, und auch das Ton­band­ge­rät, das auf einem Tisch ruhend die Luft­wel­len der notier­ten Sät­ze eines Tages erwar­te­te. In die­sem Moment, grad ist Diens­tag gewor­den, erin­ne­re ich mich, dass ich Paul Nizon ein­mal per­sön­lich begeg­net war in der Stra­ße, in der ich woh­ne, und dar­an, dass ich damals dach­te: Er ist klei­ner, als ich erwar­tet habe. Er trug einen grau­en Man­tel, weiß der Teu­fel, wes­halb ich die Far­be sei­nes Man­tels gespei­chert habe, und einen Hut, neh­me ich an. Und da war noch etwas gewe­sen, mein Herz näm­lich schlug in einer Wei­se, dass ich’s in mei­nem Kopf hören konn­te. — Ein Früh­lings­abend. — Ja, ein Früh­lings­abend. — Und ich sag­te zu mir: Lou­is, reg dich nicht auf! Du bist an einem fla­nie­ren­den Geist vor­über gekom­men. – Nacht. stop. Schnee. stop. Flü­gel. — stop
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papiere

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tan­go : 0.05 — Ges­tern Abend, kurz vor sechs Uhr war es gewe­sen, bin ich einem selt­sa­men Mann begeg­net, und zwar in einer U‑Bahn Down­town. Aber das spielt für die klei­ne Geschich­te, die ich rasch erzäh­len möch­te, nicht wirk­lich eine Rol­le, ich mei­ne, zu wel­cher Zeit wir in wel­che Rich­tung gemein­sam fuh­ren. Bedeu­tend war viel­mehr gewe­sen, dass ich es nicht eilig hat­te, genau genom­men hat­te ich so viel Zeit zur Ver­fü­gung wie seit Wochen nicht, wes­halb ich den Geräu­schen mei­nes Her­zens lausch­te und dem Rascheln der Zei­tungs­pa­pie­re, die zu jenem selt­sa­men Mann gehör­ten. Er saß gleich vis-à-vis, die Bei­ne über­ein­an­der geschla­gen. Ich hat­te den Ein­druck, dass er sich freu­te, weil ich stau­nend beob­ach­te­te, wie er Zei­tun­gen durch­such­te, die sich auf dem Sitz­platz neben ihm türm­ten, und zwar in einer sehr sorg­fäl­ti­gen Art und Wei­se durch­such­te, jede der Zei­tun­gen Sei­te für Sei­te. Er schien Übung zu haben in die­ser Arbeit, sei­ne Augen beweg­ten sich schnell und ruck­ar­tig, wie die Augen eines Habichts. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, sein Kopf neig­te sich dann leicht nach vorn, um, mit einer Sche­re, einen Arti­kel oder eine Foto­gra­fie her­aus­zu­schnei­den. — Das Rascheln des Papiers. — Das hel­le, zie­hen­de Geräusch der Sche­re. — In dem ich den Mann beob­ach­te­te, erin­ner­te ich mich, dass ich selbst ein­mal Mona­te damit zuge­bracht hat­te, den Unge­rech­tig­kei­ten die­ser Welt mit einem Archiv von Bewei­sen zu begeg­nen, deren eigent­li­che Sub­stanz jen­seits der Titel­zei­le ich spä­ter nie gele­sen habe, weil es zu vie­le gewe­sen waren. — Mon­tag ist gewor­den und die Famen und Cro­nopi­en sin­gen trau­ri­ge Lie­der durch die Nacht.

ping

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5th avenue

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romeo : 18.52 — Im Traum ver­gan­ge­ne Nacht mit Geral­di­ne im Cen­tral Park spa­ziert. Ich erin­ne­re mich, es schnei­te. Ein Regen­schirm­tier­chen schweb­te frös­telnd über uns, und ich wun­der­te mich, dass Geral­di­ne das Wesen, das sich lang­sam um die eige­ne Ach­se dreh­te, nicht zu bemer­ken schien. Das lag viel­leicht dar­an, dass sie in einer pau­sen­lo­sen Art und Wei­se erzähl­te, als ob sie ahn­te, dass wir jeder­zeit erwa­chen und dann nie wie­der zuein­an­der­fin­den könn­ten. Im Übri­gen beweg­te sie sich rück­wärts hüp­fend vor mir her, war som­mer­lich geklei­det, froh und glück­lich. Ich glau­be, ich habe in die­sem Traum zum ers­ten Mal Geraldine’s Stim­me gehört und ihr Lachen. Sie berich­te­te, dass sie in der Nähe des Hau­ses, in dem sie vor ihrer Rei­se nach Euro­pa gemein­sam mit ihren Eltern und ihrer Zwil­lings­schwes­ter wohn­te, Audrey Hepb­urn bei der Arbeit an dem Film Break­fast at Tiffany’s beob­ach­ten konn­te, und dass sie die­se Schau­spie­le­rin sehr bewun­dern wür­de, aber doch viel lie­ber For­sche­rin sein wol­le. Kurz dar­auf weck­te mich eine Feu­er­wehr­si­re­ne und ich war erleich­tert, dass mir im Traum Geraldine’s Schick­sal nicht bekannt gewe­sen war. – Heu­te ist also Sonn­tag, und es schneit schon wie­der. Vor weni­gen Minu­ten habe ich etwas ent­deckt, über das ich mich freue. Ich habe bemerkt, dass in mei­nem Leben das pres­sen­de Den­ken immer sel­te­ner, das lau­schen­de Den­ken hin­ge­gen immer häu­fi­ger zur Anwen­dung kommt. Guten Abend, gute Nacht! — stop



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