echo : 0.15 — Folgendes. Wenn Sie diese hin und her gefaltete Zeile lesen und immer weiter lesen, werden Sie einer kleinen Geschichte begegnen, die ich in der vergangenen Woche bereits notierte und gesendet habe. Eine Fotografie war damals hinzugefügt, und weil ich sehr müde gewesen war, legte ich mich schlafen, um zwei oder drei Stunden später mit dem Gedanken wach zu werden: Nein, Louis, nein! Das ist kein guter Text, den Du da gesendet hast! Ich hastete also zum Schreibtisch und löschte den Text, und auch die Fotografie, und schlief sofort sehr zufrieden wieder ein. Kaum eine Stunde ist vergangen, seit ich den Text noch einmal gelesen habe. Ich wunderte mich, weil mich die Geschichte nun doch berührte, und ich ahne sehr gründlich, warum das so ist. Hier also ist meine kleine gelöschte Geschichte ohne Fotografie, eine Geschichte, die von einem Spaziergang erzählt, der mich über einen Nachtflughafen führte. Still war die Zeit, überall in den Hallen und auf den Fluren lagen schlafende Menschen herum. In einem besonders großen Saal aber schaukelten zwei Männer durch Luft, die Glühbirnchen in Fassungen schraubten, um weihnachtliche Stimmung zu erzeugen. Beide waren sie gut gelaunt, machten Späße und erzählten sich lauthals irgendwelche Geschichten, sie hatten ganz ohne Zweifel viel Freude mit ihrer Arbeit unter dem gläsernen Gewölbe an Seilen hängend. Einmal kamen sie auf den Erdboden zurück. Sie standen etwas unsicher auf den Beinen und flatterten mit ihren Armen. Als ich mich erkundigte, ob ihnen vielleicht schon irgendwann eine Glühlampe von der Decke gefallen und zerbrochen sei, antwortete einer der Männer: Nein! Niemals! Ich machte dann eine Aufnahme, merkwürdig, dieser Moment, da sie zur Flughafenschwebebahn schlenderten. Denn genau in dem Augenblick, als ich den Auslöser der Kamera drückte, war ich mir sicher gewesen, dass die zwei Männer in ihren blauen Anzügen auf meiner Fotografie später nicht zu sehen sein würden. – So, das war meine Geschichte, die in der vergangenen Woche verschwand. Jetzt ist sie wieder da und wird vermutlich bleiben. Kurz nach Mitternacht. Ich trage das schöne Wort Gandhineuron in meinem Kopf.
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Aus der Wörtersammlung: wunder
manhatten / hippodrom
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : HIPPODROM
Liebe Violet! Liebe Daisy! Ich grüße Euch ganz herzlich. Ich hoffe, Ihr seid fröhlich! War gestern lange spazieren, folgte dem Duftfaden der Kohleöfen durch die Stadt. Und wie ich so ging, dachte ich an Euch, weil ich wieder einmal Fotografien betrachtet hatte, die Euer Lachen zeigen, eine Freude, die mir so wirklich zu sein scheint, obwohl ich manchmal denke, dass ihr doch unglücklich gewesen sein könntet, genau in dem Moment unglücklich, als Euer gesammeltes Licht von einem Fotoapparat eingefangen wurde. Vor wenigen Tagen, das will ich Euch rasch erzählen, ehe ich wieder an meine nächtliche Arbeit gehen werde, habe ich gelesen von Euerem Engagement 1924 in New York. Wie nur konnte man Euch das antun! Eine Arena, groß wie ein Baseballstadion, das Hippodrom, und dort ihr zwei kleinen Wunderwesen im blendenden Licht der Scheinwerfer. Euer Zittern, Euer Beben. Bald einmal werde ich Manhattan besuchen. Ich habe den Ort des Vergehens an Euch in meinem Spazierplan vermerkt. Ich werde, versprochen, die Gegend für Euch fotografieren. Eine aufregende Geschichte, ich bin mir sicher, vom Verschwinden, wird sich wie von selbst notieren. — Euer Louis.
gesendet am
7.11.2009
0.05 MEZ
1228 zeichen

zwei erfinder
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~ : louis
to : Mr. sami tupavuari
subject : penelope
Sehr geehrter Herr Tupavuari! Guten Abend! Ich heiße Louis. Sie werden mich nicht kennen. Ich hörte, Sie sollen ein Geräuschworterfinder sein. Bis vor Kurzem wusste ich nicht, dass Menschen wie Sie existieren. Umso glücklicher fühlte ich mich, als mir ein Freund von ihren Fähigkeiten berichtete. Ich wende mich nun mit einer dringenden Bitte an Sie. Es geht darum, dass ich Ihnen von Penelope zu erzählen wünsche, einer sehr besonderen Person, einer Frau, die in der Lage ist, Finger in der Art und Weise der Eidechsen von sich zu werfen. Sie werden sich vielleicht wundern, wie so etwas möglich ist. Glauben Sie mir, auch ich wundere mich von früh bis spät über dieses faszinierende Geschöpf. Reine Erfindung und doch schon ein dringender Fall. Sie müssen wissen, ich komme nicht weiter, weil ich ein Wort entbehre, das mir nicht einfallen will, ein Wort, eine Lautschrift, die ein Geräusch wiedergeben oder darstellen könnte, das in genau jenem Moment entsteht, wenn sich ein Finger Penelopes von ihrem Körper löst. Ein Wort müsste das sein, welches von Haut und Knochen ist, ein leichtes, windiges, sanftes, erstaunliches Wort. Wie unermesslich dankbar wäre ich Ihnen, lieber Herr Tupavuari, wenn Sie mir weiterhelfen, wenn sie sofort Ihre Arbeit aufnehmen könnten. Ich frage Sie nun in aller Eile: Was würde ein Wort, wie das gewünschte Wort, in etwa kosten? Mit besten Grüßen – Ihr Louis
gesendet am
28.09.2009
23.58 MESZ
1405 zeichen
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blaue kamele
tango : 3.28 – Wie wir auf den Schultern unseres Vaters durch die Welt schaukelten, als säßen wir auf dem Rücken eines Dromedars, das die menschliche Sprache sprechen konnte. Wie er uns das Licht erklärte, die Geschwindigkeit und die Zeit, die das Licht unterwegs gewesen war, um zu uns zu kommen. Seine großen Schuhe, in welchen wir durch den Garten segelten. Und Gene Kruppa, Drummerman, dort, noch lange vor unserer Zeit, Vater, mit Schlips im Anzug als junger Mann. Heute Nacht erzählen wir uns Geschichten. Und schon ist es kurz nach zwei Uhr geworden. Ich habe ganz heimlich meine Schreibmaschine angeschaltet, um eine weitere kleine Geschichte aufzuschreiben, weil Geschichten auf Papier oder Geschichten, die man von einem Bildschirm lesen kann, wie alle anderen Geschichten als leise betende Stimmen zu vernehmen sind. Diese Geschichte nun geht so. Immer an Freitagen, ich war fünf oder sechs Jahre alt gewesen war, brachte mein Vater aus dem Institut, in dem er als Physiker arbeitete, Karten mit nach Hause, die ich bemalen durfte, Computerlochkarten, kräftige, beige Papiere, in welchen sich seltsame Löcher befanden. Diese Löcher waren niemals an derselben Stelle zu finden, und ich erinnere mich, dass ich mich über ihr Verhalten heftig wunderte. Ich war zu jener Zeit ein begeisterter Maler, ich malte mit Wachskreide und ich malte in allen Farben, über die ich verfügen konnte, weil ich das Buntsein schon immer mochte. Ich malte blaue Kamele und schwarze Blumen und rote Monde. Einmal fragte ich meinen Vater, was jene Löcher bedeuteten, über deren Existenz ich mich freute, weil sie versteckte Bilder zeigten, die ich so lange suchte, bis ich sie gefunden hatte. Hör zu, sagte mein Vater. — stop
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ohrwesen
romeo : 0.08 – Kurz nach Mitternacht. Leichter Regen, aber nur als Vorstellung, als Übung, als Suche in den Magazinen meines Gehörs. Plötzlich erinnerte ich mich, einmal heimlich ein Ohr aus nächster Nähe beobachtet zu haben, ein Wunder der Schöpfung. Ich betrachtete dieses Ohr so liebevoll und so lange Zeit, dass ich bald etwas ganz anderes in ihm sehen wollte, als eine halbe Stunde noch zuvor, ein Wesen nämlich ganz für sich. Der Gedanke, ich könnte jederzeit ein schlafendes Ohr mit meinem Blick berühren, ohne dass es davon wach werden würde, fasziniert mich außerordentlich. Wenn ich aber sagen würde, leise, leise: Du bist wunderschön, dann würde das Ohr mich vielleicht ansehen, ein noch halbwegs träumendes Auge von einer Sekunde zur anderen Sekunde, und ein Mund, ein Mund, der lächelt. — Gute Nacht.
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elefanti
sierra : 0.01 — In der vorletzten Nacht, zwei Uhr wars geworden, hab ich in einem Bahnhof unter dem Frankfurter Flughafen Vögel entdeckt. Das Neonlicht flackerte und die Vögel, Tunnelvögel, zwitscherten. Kurz zuvor hatte ich noch in einem Café gesessen und einer Frau zugehört, die mir von Kalabrien erzählte, vom Haus ihrer Eltern, einem uralten Gebäude, dessen Steine seit zweihundert Jahren roten Sand der Sahara weinen. Das war ein schönes Bild gewesen, und so berichtete ich ihr von meinen Gedanken, die seit Tagen um das Wesen der Tiefseeelefanten kreisen. Sie wollte alles ganz genau wissen, lachte immerzu, und drehte ein rotes Eisschirmchen in ihren Händen, dass mir ganz schwindelig wurde. Nach einer Weile unterbrach sie mich und kam näher und behauptete ernstlich, dass sie als Mädchen beim Tauchen diesen Wesen, Elefanti, genau so begegnet sei, wie ich sie in Worten gezeichnet hatte, das heißt, jenen Rüsseln, die aus der dunklen Tiefe ragten. Sie sind warm, sagte sie, und weich, und wenn Du Dein Ohr an einen dieser Rüssel legen würdest, könntest Du was hören, sag ich Dir. Aber über die Mafia wollte sie nicht sprechen. Wir haben so schöne Landschaften dort, und Dörfer, und das Meer, ja, das Meer. Dann war sie todmüde zur Arbeit zurückgegangen und ich wartete auf einen Zug und hörte den Tunnelvögeln zu und dachte, wie sonderbar das alles doch ist, ein Wunder, das ganze Leben Tag und Nacht.
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aquarium
whiskey : 0.01 — Ein seltsames Geräusch, das mich weckte, als würden singende Grillen in meinem Zimmer sitzen. Ich stand dann auf und träumte in der Küche, während ich das Frühstück machte, noch etwas weiter, aber bald hörte ich es wieder, das Geräusch durch den Flur um die Ecke. Nein, Grillen waren das nicht, auch keine heiseren Vögel. Was ich hörte, war das glückliche Trompeten einer Herde Tiefseeelefanten, die im Aquarium zwischen Johnson und Melville im Kreis herumspazierte. Nicht größer als Murmeln und von tiefblauer Farbe, tasteten sie mit haarfeinen Rüsseln im Sand und an den Scheiben. Die ein oder andere Dschungelpflanze hatten sie, während ich schlief, aus dem Boden gerissen, überhaupt war die Landschaft, die ich seit Jahren kenne, in Aufruhr geraten, Muschelhäuser segelten durchs warme Wasser, auch Panzerwelse und ein paar Sumatrabarben, ohne Fassung, wie irr, mit dem Bauch nach oben. Ein faszinierender Anblick, ein Tollhaus. Wie ich mich liebevoll über das Aquarium beugte, hoben sie ihre Rüssel aus dem Wasser und ich spürte den Luftzug ihrer Instrumente auf der Stirn. Und jetzt ist Mitternacht geworden, das Ende eines wunderschönen Tages der Beobachtung, den ich auf meinem Gartenstuhl verbrachte. Ich habe weder gelesen noch sonst gearbeitet, nur geschaut habe ich und gestaunt. — stop
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wellenschatten schattenwellen
charlie : 20.01 — Die wundervolle Widersprüchlichkeit menschlicher Wesen. Wahrnehmen. Denken. Lernen. Leben. Jenseits der Schall-platten-sprech-automaten bewegt sich das Meer. — stop

murmansk
romeo : 0.15 — Ich war im Zug gestern Abend in Murmansk gewesen. Am Hafen saß ich, und das Eis auf dem sich sanft bewegendem Meer schindelte zu meinen Füßen. Ein rostiges U‑Boot war da noch und junge Matrosen, sie spielten mit Äpfeln und winkten. Indem ich so wartete und die Geräusche des Eises und die Stimmen der Seeleute bewunderte, flatterten Kolibris um meinen Kopf herum. Sie trugen winzige Pelzmützen und Pelzjacken und ihre Flügel brummten in der glasklaren Luft nordischer Mittagsstunde. Dann wachte ich auf, fuhr in einer Straßenbahn spazieren, öffnete meinen Koffer und schon ist Mitternacht geworden. Ob ich vielleicht noch immer schlafe, noch immer träume? — stop

traumwärts
india : 0.02 — Ich notiere: Wenn ich meine linke Hand mit meiner rechten Hand berühre, durchbreche ich einen Spiegel. Wenn ich sage: meine Hand ohne Haut, habe ich in meinem Kopf ein muskuläres Bild zur Verfügung, das sich bewegen lässt. — Was ist heute eigentlich für ein Tag? — Samstag vielleicht? — Oder Sonntag? – Nacht jedenfalls. Vor den Fenstern pfeift die Welt traumwärts von den Bäumen. — Da war vor wenigen Minuten eine Spinne von der Größe einer Kirsche, schneeweißer Pelz, sieben hellblaue Augen. Sie blitzte mich an, als ich die Tür zum Eisfach meines Kühlschranks öffnete. Ein Ausdruck tiefster Verwunderung, hier wie dort, als ob wir beide nicht glauben konnten, was wir vor uns sahen.



