alpha : 2.58 UTC — Eine hochbetagte Dame wünscht zu verreisen. Sie erzählt, sie könne doch kaum noch Schritte gehen, sie verreise mit dem Rollstuhl, in einem Automobil wird sie durch die Landschaft gefahren werden, das ist ihr Wort, Automobil, ein Wort der Kinderzeit. Sie sagt, sie wisse nicht, ob sie die Reise schaffen würde. Ich sage, Du musst auf Deine innere Stimme hören. Da sind viele Stimmen, antwortet sie, eine Stimme sagt, das musst Du tun, Du hast nicht mehr viel Zeit. Eine andere Stimme sagt, das ist gefährlich, diese Stimme ist leise. In der Nacht bekommt sie Fieber. Sie wird nicht reisen, sagt sie am Telefon. Fieberstimme. — stop
Aus der Wörtersammlung: leben
hidup — am Leben
nordpol : 2.15 UTC — Die ukrainische Schriftstellerin Nadiya Sukhorukova, die aus der bombardierten Stadt Mariupol im März des Jahres 2022 flüchten konnte, erzählt von einer berührenden Situation: Wie Menschen ihr Leben riskierten, um ein Lebenszeichen an die Welt und ihre Angehörigen und Freunde außerhalb der Stadt in der Ukraine zu senden. Sie schreibt auf der digitalen Position „Monologs of War“ Folgendes: Ein kleines Wunder geschah. Es gab eine Verbindung direkt am Eingang. Meine Kellernachbarn erzählten einander, dass Kyivstar bombardiert worden war, aber einer der Angestellten schaltete regelmäßig den Generator ein und versorgte ihn mit Strom, sodass man sich kurz unterhalten und die Nachrichten erfahren konnte. Auch wenn es unmöglich war, in Mariupol anzurufen, konnten wir doch Verwandte in anderen Städten informieren. Dank eines Fremden, der es Mariupol ermöglichte, den vom Unbekannten verrückt gewordenen Menschen jeden Tag ein Wort zu sagen: „am Leben“. Und ihre Schatten: A live. живим . i levende live . gyvas . en vie . vivo — 活著 . على قيد الحياة . elus . ζωντανός . hidup. War Monologs sind leider zurzeit oder für immer nicht erreichbar. Spuren sind in den Internetarchiven zu finden. — stop
hydra No 3
echo : 20.38 UTC — Eine Filmdatei existiert seit Jahren im Gedächtnis meiner Computermaschine. Ich habe diese Datei noch nie geöffnet. Sie soll Bilder enthalten, die den gewaltsamen Tod des Journalisten Daniel Pearl vor laufender Kamera zeigen. Immer wieder der Gedanke, die Frage, was ich unternehmen, was ich fühlen, wie ich leben würde, wenn ich wüsste, dass Bilder des Todes eines von mir geliebten Menschen, seine Erniedrigung, seine Verzweiflung betrachtet werden oder betrachtet werden könnten von Abertausenden wilder und fremder Augenpaare. — Kann man mit einer Hydra verhandeln? — Ich stelle fest. Das Wesen dieser digitalen Hydra der Grausamkeit ist zu ungeheurer Größe gewachsen. In Kanälen der Telegram-Applikation sind tausendfach Filmdokumente publiziert, die den Tod kämpfender Menschen an den Frontlinien in der Ukraine zeigen. Sie werden in ihrem Sterben aus der Luft beobachtet, von den Augen der Drohnen, die zunächst nach Bewegung der Menschen suchen, die unter ihnen in Wäldern und Gräben liegen. Drohnen und ihre Augen sind tödliche Geschöpfe. Sie bombardieren, sie filmen, sie prüfen ihr Werk. Noch, es ist Sommer 2024, wirken sie nicht autonom. — stop

In einer Nebelkammer
Spuren kleinster
Teilchen
die Vater
beobachtete
von tieren der luft
india : 15.52 UTC — Noch ein Kind gewesen, beobachtete ich Fliegen und Mücken mit argwöhnischen Augen. Sie waren so wendig, willensstark und ausdauernd in ihrer Jagd nach Zucker oder Blut, dass ich sie fürchtete und bewunderte zur selben Zeit. Sirrende Geräusche. Sturzschraubenflüge. Moskitos, die man niemals lebendig mit einer Hand fangen, aber töten konnte. Das Mikroskop, mit dessen Hilfe ich vor langer Zeit Fliegenleichen untersuchte, habe ich unlängst wiedergefunden. Ein schweres Objekt, schwarz lackiertes Gusseisen, daran befestigt, bewegliche Messingteile, Rädchen insbesondere, ein Spiegel, und ein runder, beweglicher Tisch. Das Gerät war im zurückliegenden Jahrhundert von Ernst Leitz in Wetzlar gefertigt worden. An seinem zentralen Lichthals trägt es die Signatur No. 158461. Robert Koch soll aus dieser Serie der Mikroskope das Mikroskop mit der Ziffer 100000 erhalten haben, Paul Ehrlich das Mikroskop mit der Nummer 150000. Damals, als ich noch klein gewesen war, konnte ich das Mikroskop kaum auf den Tisch heben, an den ich mich zur Untersuchung gefangener Fliegen setzte, sobald früher Abend geworden war. Um eine Fliege sezieren zu können, benötigt man sehr feines Besteck, meine Hände zitterten. Die erste Fliege, der ich mich mit einem Skalpell näherte, wachte auf, sie bewegte ihre Beinchen, ich flüchtete aus dem Zimmer. Die zweite Fliege, die ich untersuchen wollte, war so gründlich tot, dass sie über keinen eigentlichen Körper mehr verfügte, der untersucht werden konnte. Die dritte Fliege öffnete sich, sie war unerwartet feucht gewesen. In einer metallenen Schachtel verwahrte ich meine Opfer. Der Schachtel entkam ein bitterer Geruch. Ich habe nun überlegt, ob ich die Untersuchung der Fliegen oder kleinerer Spinnentiere nicht dringend wieder aufnehmen sollte. Heute meldete das Radio erste Luftkämpfe von Drohnenvögeln in der Ukraine, Drohne gegen Drohne. — stop

Vater im Jahr 1965
vor der kalifornischen Küste
fotografiert mittels seines
eigenen Fotoapparates
louis
echo : 20.02 UTC — Seit einigen Tagen wohnt eine Fliege in meinen Zimmern, mit mir unter dem Dach. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, dass jene Fliege, die ich zuletzt beobachtet habe, als ich kurz vor dem Schlaf noch einmal in die Küche trat, dieselbe Fliege war, die mich morgens schon im Flur mit einem Flugmanöver begrüßte. Da ich meine Fenster während der Nacht geöffnet hatte, könnte die Abendfliege meine Wohnung verlassen haben, indessen die Morgenfliege irgendwann in der Nacht hereingekommen war, um zu bleiben. Ich stelle fest: Ich vermag, nach Beobachtung ihrer Gestalt, eine Fliege von einer anderen Fliege nicht zu unterscheiden; sie sind groß oder klein und schillern und haben eine Flügelstimme, die mir je vertraut zu sein scheint. Nun ist jedoch Folgendes zu erzählen. Diese, eine Fliege, die vermutlich bereits seit Tagen bei mir wohnt, verhält sich, wie noch nie eine Fliege zuvor in meiner Wohnung sich verhalten hatte. Sie folgt mir nämlich Tagein, tagaus. Sobald ich mich von einem Stuhl erhebe, begleitet mich die Fliege in den Flur und weiter in mein Arbeitszimmer und wieder zurück. Sie fliegt, weil sie mir im Gehen auf dem Fußboden, an einer Wand oder einer Decke, nicht folgen könnte, an meiner Seite, und zwar in der Höhe meines Kopfes. Ich habe diese Beobachtung mehrfach überprüft, indem ich meine Aufmerksamkeit auf diese eine Fliege lenkte, bevor ich eine Wanderung durch die Wohnung begann. Die Fliege scheint auf mich zu warten, dass ich etwas unternehmen möge. Ich habe ihr einen Namen gegeben: Die Fliege heißt Louis. Louis wünscht, so mein Eindruck, für den Rest seines Lebens bei mir zu bleiben. — stop
in der nacht
echo : 0.28 UTC — Ein Mann sitzt im Halbdunkeln eines Zimmers nahe der Stadt Kigali in Ruanda in einem Sessel und wartet. Er wartet darauf, dass Mücken, die ihn mit dem Malariaerreger infizieren könnten, zu ihm kommen. Sobald er eine Mücke hört, schaltet er das Licht einer Taschenlampe an, sucht in der Luft, um die Mücke zu fangen, ehe sie ihn erreichen kann. 3 Dollar verdient er pro Nachtstunde. Er dürfe, erzählt der Mann, nicht einschlafen: Ich möchte nicht krank werden. Sobald er eine Mücke mittels einer Luftsaugpumpe einfangen konnte, transferiert er den noch lebenden Körper in ein Glasröhrchen, das er mit einem Wattebausch verschließt. Seltsame Geschichte. — stop
von handvögeln
romeo : 14.25 UTC — Die New York Times berichtete nach monatelangen Recherchen über Verbrechen russischer Streitkräfte in der Stadt Bucha. Überall dort in den Straßen, so wurde bald sichtbar, waren Vögel unterwegs gewesen. Sie flogen in Schwärmen über die Stadt, sie hockten hinter Vorhängen und in den Manteltaschen der Spaziergänger, auch in den Händen der Getöteten. Sie sammelten das Licht, das durch ihre Augen fiel, auf Speicherkarten. Sie verzeichneten, was die Mörder ihren Frauen erzählten. — stop

Schreibzimmer
Mittags
15 Uhr
von schildkröten : sars cov 2
ginkgo : 15.08 UTC — Das gedankenlose Spazieren in der Stadt scheint unmöglich geworden. Es ist März oder April. Das Jahr 2020. Nervöse Blicke eilen weit voraus. Ist die Straße frei, ist Platz, kann ich passieren, ohne einer Person nahezukommen? Das Distanzieren brennt sich in den Kopf. In den ersten Tagen der Verordnung zu Abstand waren alle noch ernst gewesen, jetzt da und dort immer wieder ein Lächeln, ein leises Dankeschön, wenn man wartet, um Raum zu spenden. In einer zweifach um Ecken gefalteten Schlange stehen Menschen, sie warten in ein Postamt eintreten zu können. Wann habe ich in meinem Leben je so verharrt, geduldig, demütig, entspannt? Rotkopfschildkröten hocken an Stränden der verbotenen Parkseen, ihre verwitterten Körper sind vollständig aus dem Wasser gekommen, als würden sie nach Menschen jenseits der Zäune luren. Ein wunderbarer Frühling. Goldfarbene Stäube schweben durch die Luft, die so klar ist, wie noch nie seit ich denken kann, auch Spinnen an ihrer Seide, und all das Unsichtbare, das ich ein und wieder ausatme. An das Unsichtbare denken, das ist neu, dass das Nichtsichtbare Gedanken beherrscht, auch die Träume. Die Litfaßsäulen meiner Straße sind weiß wie leer. Eine Fotografie auf einer Zeitung vor dem Kiosk zeigt Menschen, die von Apparaturen umgeben unbekleidet auf dem Bauch liegen. Im Spielfilm abends hocken Menschen im Kaffeehaus Seite und Seite und gegenüber, stecken ihre Köpfe zusammen und debattieren, seltsam, gefährlich. Ich wollte etwas sagen. — stop

von vögeln
sierra : 22.08 UTC — Kleine oder handliche fliegende Fotoapparate sind zunächst zu kleinen fliegenden Filmkameras geworden. Man kann sie mithilfe eines Mobiltelefons und zweier Daumen steuern. Diese fliegenden, filmenden, aufmerksamen Augen scheinen Objekte der Vogelwelt geworden zu sein. Man könnte nun weiteren durchbluteten Vögeln in der Luft begegnen. Man könnte ihnen folgen. Man könnte gleichwohl Menschen besuchen, die in höheren Etagen städtischer Wohnhäuser leben. Man könnte Menschen betrachten aus dem Dunkel heraus, ohne vielleicht selbst gesehen zur werden. Man kann, das ist beobachtet, nun seit bald zwei Jahren Sprengstoffe laden und aus größerer Höhe zur Erde hin stürzen. Beobachtende Vögel sind zu Raubvögeln geworden, sie rauben Bilder und töten. Die Vorstellung heute, spazierend im Palmengarten, die Vorstellung zierlicher Drohnen, die herumfliegen, um da und dort in den Städten und in den Wäldern, Proben zu nehmen von Kot, aus Abfallstoffen der Müllhalden, Gewässern, auch unmittelbar aus den Blutkreisläufen lebender Organismen, von Kühen und von Menschen, denkbare Welten. — stop
geräusche des krieges
sierra : 2.38 UTC — Immer wieder einmal begegne ich im Nachtzug einem Mann, der singt. Der Mann singt sehr leise, kaum jemand scheint sich von seinem Singen gestört zu fühlen. Während er singt, sind seine Augen weit geöffnet, er blickt ins Leere, sein Mund ist geschlossen, Töne, die wir vernehmen, kommen aus seinem Hals heraus, der bebt, wenn er singt. Nur selten habe ich mit dem Mann gesprochen, man kennt sich, man fährt in der Nacht im selben Zug in derselben Richtung, es ist mühsam, mit ihm zu sprechen, weil er stottert. Ich darf ihn nicht ansehen, wenn ich ihn nicht ansehe, kommen manchmal ganze Sätze aus seinem Mund. Ich weiß jetzt, dass der Mann in der persischen Stadt Isfahan geboren wurde, Architektur studierte, gegen irakische Männer kämpfte, die jung waren wie er selbst, und dass er nur durch einen Zufall überlebte. Er konnte fliehen. Er floh zu Fuß in die Türkei, eine lebensgefährliche Reise, Sahin, seine Frau, wurde von irgendjemandem angeschossen, er trug sie kilometerweit durchs Gebirge, nahe der Grenze begegneten sie einem Esel, dem ein Bein fehlte. Sie schliefen unter einem Baum ohne Blätter, in der Nacht schleppten sie sich weiter, der Mond war heiß wie die Sonne und auf den Wegen hockten Schildkröten mit blau schimmernden Augen. Manchmal kommen die Geräusche vom Krieg, sie kommen, wann sie wollen, dann singt der Mann. – stop


