zoulou : 2.18 — Jeder Mensch sollte für Zeiten der Sorge, der Furcht, der inneren Not über einen Koffer kleiner Geschichten gebieten, Geschichten, die man sich selbst erzählen kann, ohne die Lippen öffnen zu müssen, heitere, tröstliche Kopfgeschichten, Geschichten, die sich bei Tag und bei Nacht, auch eben im Dunkeln ereignen. Ich selbst trage seit bald 15 Jahren einen Koffer dieser Art mit mir herum. Manchmal, wenn ich an meinen Koffer denke, fange ich an zu lachen, ohne ihn noch geöffnet zu haben. Es ist ein Koffer, – jeder, der selbst einen Behälter dieser Art besitzt, wird das wissen -, der durch seine reine, geheime Anwesenheit bereits wirksam werden kann. Manche meiner Geschichten sind kurzen Filmen ähnlich, sie verfügen über kaum eine Handlung, und weil ich sie mir immer wieder vorstelle oder erzähle, sind sie zu wahren Geschichten geworden. Einmal, zum Beispiel, in einem weit in der Zeit zurückliegenden Sommer saß ich auf meinem Sofa und las in irgendeinem Buch herum. Als ich kurz zum Fenster sah, flatterte ein Zitronenfalter vorüber, er flog von links nach rechts, und zwar sehr gerade, das heißt in ein und derselben Höhe. Kaum war er verschwunden kehrte er wieder, dieses Mal flog er von rechts nach links, war nun allerdings nicht mehr allein, ein Engel, groß wie ein Menschenfinger, folgte ihm. Dieser hellhäutige Engel versuchte in der Art und Weise der Zitronenfalter zu fliegen. Er hatte eine Fliegerbrille auf den Kopf gesetzt und seine äußerst filigranen Arme über einem runden Bauch gefaltet, er flog nämlich auf dem Rücken und stürzte aus dieser ungewöhnlichen Haltung ab. Bald war der Zitronenfalter vor meinem Fenster verschwunden gewesen, aber der Engel kam wieder und wieder vorbei in dem Versuch, ein Falter zu sein. Seine Stürze waren so senkrecht wie plötzlich, ein tapferes Wesen, das nicht aufgeben wollte. Ich las dann bald weiter in irgendeinem Buch, und war glücklich, würde ich sagen. – 2 Uhr Nacht. Lou Donaldson Callin’ all cats. — stop
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Aus der Wörtersammlung: nämlich
manhattan : 22. etage
delta : 0.52 — In der Nähe des Himmels zu wohnen, das ist schon eine seltsame Sache. Während ich gestern Morgen ein Bad genommen habe, versuchte ich mir vorzustellen, dass sich unter mir weitere 21 Badewannen befinden könnten, und dass sich genau in diesem Moment 21 Personen unter mir sich in derselben Situation, nämlich in der Badewanne aufhalten werden, vielleicht singen, Radio hören, in der Zeitung lesen, oder einen Kaffee trinken. Ich komme, genaugenommen, mittels meiner Fantasie noch in die Etage unter mir, weiter komme ich nicht. Ich bin außerstande, mir vorzustellen, wie hoch ich doch sitze, in der Flughöhe der Möwen, ich höre den Wind um die Fenster streichen, ich glaube, es ist denkbar, dass ich der einzige Mensch in diesem Hause bin, der sich Gedanken macht um das Baden oder das Schlafen oder Spazieren in dieser Höhe. — stop

102 minuten
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : 102 MINUTEN
Vormittag. Der Himmel sonnig, die Spitzen der Berge weiß seit Tagen. Wenige Wochen vor meiner Reise nach New York, liebe Daisy, liebe Violet, will ich Euch berichten von einer kleinen Probe, die ich unternommen habe, um vorzuprüfen, ob ich in der Lage sein werde, in der großen Stadt mit meinen Untersuchungen der Wirklichkeit rasch voranzukommen. Ich habe nämlich gerade einen Koffer mit allen möglichen Gegenständen gefüllt, die ich vorhabe mitzunehmen, ein Jackett, Pullover, Wildlederfäustlinge, einen Schal, Wanderschuhe, zwei Norwegermützen, sowie einen Schneeschirm, der in der Lage sein sollte über meinem Kopf durch die Luft zu schweben. Des Weiteren eine Schreibmaschine, eine elektrische Maus, zwei Fotoapparate, ein Tonbandgerät, das gerade so groß ist, dass ich es mit einer Hand umfassen kann. Außerdem einen Reisebehälter, wie unlängst berichtet, für Trompetenkäfer polaren Ursprungs, Spazierpläne, Subwaykarten, Bücher für Ruhezeiten abends und nachts. Da wären Robert Falcon Scotts Aufzeichnungen einer letzten Reise, Wilhelm Genazinos Roman Wenn wir Tiere wären, das Buch der 102 Minuten, das mich seit Tagen fesselt, weil es auch von Holly erzählt. Kurzum, diese Gegenstände nun waren in einem großen und einem weiteren, kleineren Koffer aufgehoben. Ich habe beide Reiseobjekte neben mich gestellt und angehoben für zwei Minuten. Ich sage Euch, es geht. Was machen die Simmons? Ist alles o. k.? Ahoi – Euer Louis
gesendet am
10.12.2011
18.30 MEZ
1433 zeichen
polartrompete
ginkgo : 6.55 — Eine Käfergestalt, die gleichermaßen die Eigenschaften eines Trompetenkäfers wie die Eigenschaften eines Polarkäfers in sich vereinigen würde, ein Käfer demzufolge, der Trompetengeräusche von sich zu geben in der Lage wäre einerseits, anderseits sich vom Licht der Sonne ernährte, von feinsten Stäuben der Luft und vom gefrorenen Wasser zu seinen Füßen. Diese Persönlichkeit wäre das erste Wesen seiner Gattung, die antarktische Landschaft bewohnte, ein Käfer feinster Musik. Er würde vermutlich Geräusche der Eisstürme nachempfinden, würde sich mit Hornfüßen in den Boden stemmen, würde das erinnerte Sausen polarer Nordwinde mit dem erinnerten Sausen polarer Südwinde verquirlen, West und Ostorkane darüber pfeifen, ohne je zu wissen, warum er in dieser Weise handelte. Und wenn man nun reiste? Nun, der Koffer eines Trompetenkäfers polaren Ursprungs sollte einer Zigarrenkiste ähnlich sein. Ich meine die Größe des Koffers, in deren gefütterter Mitte eine Vertiefung zu finden wäre, den präzisen Körperlinien des Käfers folgend, sodass sich der Käfer dort einschmiegen würde, schlafen, ohne im Koffer selbst hin und her zu fallen. Nicht rot der Samt des Futterals, sondern weiß, nämlich von Schnee gemacht, weil es sich bei dem Reisekoffer eines Trompetenkäfers polaren Ursprungs nicht eigentlich um eine Zigarrenschachtel handelte, viel mehr um einen Reisekühlschrank in der Gestalt eines hölzernen Behälters für Rauchwaren in länglicher Form. — Ort: Dome A. Position: 80°22’ S 77° 21’E. Temperatur: — 82,5 °C. – stop

metamorphose
india : 7.32 — An einem Tisch im wilden Garten. Die Sonne schien kräftig über nahen Bergen, wärmte mich und eine Ameise, die über das Holz des Tisches spazierte, als würde sie einen Ausweg suchen, auf und ab, hin und her. Ich habe sofort bemerkt, dass es sich bei dieser Ameise um eine sehr besondere Ameise handelte, es war nämlich die erste Novemberameise meines bewussten Lebens, weswegen ich ihr einen Tropfen Marmelade vorgelegt habe, was das fiebrige Insekt zu erfreuen schien, weil es den Tropfen zunächst umkreiste, um sich kurz darauf mit Zangenwerkzeug an die Arbeit zu machen. Ich stellte mir vor, in dem ich die Ameise beobachtete, dass sie, satt geworden, zum Rand des Tisches laufen könnte und sich in die Tiefe stürzen. Ihr großartiger Flug weit über das Gartenland auf Lederhäuten, die sich zwischen ihren zarten Beinchen entfalteten. Stattdessen fiel eine Fliege vom Himmel, überschlug sich zweifach und blieb auf dem Rücken unmittelbar vor meinen Augen liegen. Aber das ist jetzt schon eine ganz andere Geschichte. — stop

PRÄPARIERSAAL : cerebum
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nordpol : 8.02 — TONAUFNAHME / Mai 2005 — Yomo : Als wir das Gehirn entnahmen, haben wir uns zunächst keine Gedanken darüber gemacht, was für ein faszinierendes Teil des menschlichen Körpers wir gerade in der Hand hielten. Wir hatten das nämlich so verstanden, dass die Studierenden das Gehirn selbst entnehmen dürfen und wir haben das dann auch gemacht. Aber bald haben wir festgestellt, dass die Assistenten, nicht die Studierenden, das an den anderen Tischen machten. Wir hatten bei der Entnahme einen Fehler gemacht und das Gehirn an der falschen Stelle durchtrennt. Wir waren sofort damit beschäftigt, zu überlegen, was wir jetzt machen sollen, um keinen Ärger zu bekommen. Wir haben deshalb in dieser Situation nicht so sehr an das Gehirn gedacht. Zum Glück kam dann aber eine nette Assistentin und hat das Gehirn vollständig entnommen, ohne uns weiter Vorwürfe zu machen. Sie fand unsere Art der Entnahme fast noch besser als die vorgegebene Methode, da man viele Strukturen sehen konnte, die wir anders nicht gesehen hätten. Wir waren auf jeden Fall ziemlich froh, dass wir keinen Ärger bekommen haben. Ich habe erst etwas später ein besonderes Gefühl gespürt, als ich das Gehirn in den Händen hatte. Vielleicht lag das auch daran, dass wir uns am Anfang auch noch gar nicht so genau mit dem Gehirn auskannten. Ein paar Dinge über das Gehirn wusste ich zwar schon aus der Schule, aber wie genau es aufgebaut ist, aus wie vielen Strukturen das Gehirn besteht und was man alles an einem Gehirn sehen kann, das habe ich erst in der Anatomie gelernt. So wurde das Gehirn im Lauf Zeit zu einem immer interessanteren und faszinierenderen Körperteil für mich. An dem Tag, als wir die Sulci mit bunten Fäden auslegen sollten, hatte ich das Gehirn dann länger in der Hand. Das ist jener Tag, an den ich mich besonders intensiv erinnern kann, da ich ein besonderes Gefühl hatte, als ich das Gehirn in der Hand gehalten habe. Ich war ein wenig glücklich und stolz auch, denn wer hat schon die Möglichkeit ein Gehirn in der Hand zu halten. Für mich war kaum vorstellbar, dass diese Struktur in meiner Hand einmal so viele und wichtige Aufgaben erfüllt hatte.

von elefanten und ohren
tango : 20.18 — Ich besuchte im Traum ein Elefantenhaus. Kein gewöhnliches Elefantenhaus, vielmehr einen Ort, den eigenartige Elefanten bewohnten. Das waren nämlich Elefanten ohne jede Falte, sie waren so vornehm gestaltet, als wären sie von Glas geblasen, helle Augen, die sich flink bewegten, peitschende kleine, faltenlose Schwänze, lautlos schwingende, faltenlose Rüssel, riesige haarlose Körper, grau, braun, rosa. Ich saß auf einer Bank in ihrer Nähe. Vögel stürmten unter dem Kuppeldach hin und her. Sobald sie versuchten sich auf dem Rücken eines der Elefantentiere niederzulassen, rutschten sie ab und landeten auf dem Boden. Ein weiterer Vogel saß auf meiner Schulter. Der Vogel war mit einem meiner Ohren beschäftigt, hackte kleinere Portionen aus der Muschel, knurrte zufrieden vor sich hin. Sobald das Ohr, um das sich der kleine Vogel bemühte, verschwunden war, holte ich aus meiner Hosentasche ein neues Ohr, befestigte das Ohr an meinem Kopf, und schon fraß der kleine Vogel weiter vor sich hin. Einmal kostete ich heimlich von einem der Ohren, die sich in meiner Hosentasche befanden. Schmerzen hatte ich keine. — stop

hummergeschichte
india : 6.32 — Ein Solarisschiff, von dem ich träumte, war derart nahtlos in ein düsteres Stadthaus von enormer Größe montiert, dass niemand, der nicht in Kenntnis gesetzt worden war, seine Existenz wahrzunehmen vermochte. Natürlich spielte die Fahrstuhlanlage eine bedeutende Rolle. Dort war eine zentrale Achse des Raumkreuzers hineingedacht, umgebende Wohnungen gehörten dazu, Teile der Küchen, Bäder, Flure, Wohnzimmer, auch weiter entfernte Abteilungen des Gebäudes, in dem allerorten Wasser von den Decken tropfte. An einem Abend, von dem ich präzise träumte, wurden rauschhafte Feste unter Regenschirmen gefeiert. Sie dienten einem einzigen Zweck, Weltraumreisende nämlich von zurückbleibenden Menschen zu separieren. Ich konnte im Traum den ein oder anderen Bewohner des Hauses leicht narkotisiert von einem Apartment in das nächste wandeln sehen. Als ich erwachte, hockte ein kleiner blauer Hummer an der Wand meines Zimmers. — stop

ein auge auf dem tisch
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echo : 22.02 — Ich stelle mir vor, wie das wäre, wenn ich über ein besonderes Auge verfügte, ein Auge nämlich, das ich meinem Kopf entnehmen und vor mich hin auf den Tisch ablegen könnte, ein lebendes Auge, ein Auge, mittels dem ich einerseits von meinem Kopf aus fröhlich in die Welt hinausschauen würde, andererseits ihm Freiheit des Raumes gewähren, ohne dass es sofort Schaden nehmen sollte, ein Augenwesen demzufolge, ein Augentier, mit einem selbstständigen Gehirn, mit einem Magen, Blutgefäßen, Ohren (ich bin mir nicht sicher), einem Mund und einem Verdauungsapparat, alles klein und feinst gewirkt, eine Persönlichkeit von 7.5 Gramm Gewicht, die mich gern von einem Tisch her betrachten würde, diesen Mann mit fehlendem Auge, was nicht wirklich der Fall ist, weil das Auge, das fehlt, eigentlich anwesend ist, aber nicht dort, wo man es erwartet unweit der Nase, sondern längst auf dem Tisch. Stellt sich nun die Frage, was solch ein Auge zu sich nehmen wollte, wie man es füttert, was und wie viel an einem der Lebenstage eines unabhängigen Augengeschöpfes getrunken werden sollte, und was in etwa geschehen würde, wenn sich das Auge in ein weiteres Auge vernarrt? — stop

geflogen
sierra : 5.03 — Folgendes habe ich mir vorgestellt in einem Abendzug gestern von einer Minute zur anderen, Vögel nämlich, die über einen sommerlichen Himmel rasten, einander lockende, Haken schlagende Künstler, manche flogen weite Strecken auf dem Rücken dicht über den Boden hin. Das war ein Vogelhimmel wild blühender Wiesen, Bienengeschosse, schwebende Brummkreiselpilze. Unter einem Baum kauerten ein paar Kinder, die schraubten an fauchenden Taubenköpfen herum, eine Geschichte feinster Werkzeuge, jawohl, eine Geschichte auch elektrisch knisternder Platinen, die unter jener vorgestellten Wiese verborgen lagen. Ich ruhte dann bald selbst auf dem funkenden Boden und meinte noch das Singen der Knochensägen hinter meinen Ohren zu hören. Dann auf und davon, senkrecht in Spiralen eines Ungeübten gegen die Wolken. — Heute ist Dienstag. Duke Ellington wartet. Guten Morgen! — stop




