Aus der Wörtersammlung: os

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mercè rodoreda

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0.02 — Eine wun­der­ba­re Geschich­te habe ich ent­deckt, eine Geschich­te der kata­la­ni­schen Schrift­stel­le­rin Mer­cè Rodo­re­da. Ich darf sie rasch notie­ren: Sie ist weiß und sie ist blau. Das heißt, sie ist weiß wie die wei­ße Rose, und ganz plötz­lich wird sie blau. Ein Insekt färbt sie, so scheint es, aber nie­mand weiß, wie es das macht. Ein Augen­blick der Zer­streut­heit und schon ist sie blau. Die­ses Insekt trägt in einem Knie, mit fadi­gem Spei­chel fest­ge­näht, ein Päck­chen, und in die­sem Päck­chen, umge­ben von Eiern und von Blau – reins­tes Indu­lin – ist der Ehe­mann. Die­ser Ehe­mann schläft den gan­zen Tag und bebrü­tet die Eier, die durch ein Loch in das Päck­chen fal­len, das in dem Knie ist, wor­an es fest­ge­näht ist. Wenn die Stun­de kommt, kriecht das Insekt der Blu­me ins Herz, lädt das Päck­chen ab, und die Blu­me, die weiß war, wird blau von oben bis unten. Sie sagen: — Oh, es ist näm­lich so, daß der Ehe­mann, sobald er sich blu­men­um­hüllt sieht, das Päck­chen auf­bricht und alles von blau­em Saft über­schwemmt wird und die Eier plat­zen und die Klei­nen sofort los­flie­gen, jedes mit sei­nem Päck­chen im Knie … ein­ver­stan­den. Aber das sind blo­ße Ver­mu­tun­gen. Die Wahr­heit ist, daß die Blu­me in einem Nu blau wird. Wie? Dahin­ter kommt man nie, und jeder­mann ist ein biß­chen durch­ein­an­der und ver­wirrt. — stop
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strichzeichnung

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8.27 — Strich­zeich­nung eines Man­nes, der Schritt für Schritt die Küs­ten die­ser Welt spa­ziert. Er schläft vor den Mee­ren und ernährt sich aus den Mee­ren. Er sam­melt Din­ge, die Mee­re an Land gewor­fen haben. Wenn er etwas sieht, das aus einem Meer gekom­men ist, dreht und wen­det er es mit der einen Hand in der ande­ren Hand. Dann beschreibt er sei­nen Fund, notiert Uhr­zeit und Posi­ti­on, isst ihn auf oder legt ihn zurück auf den Boden. Der Mann, an den ich den­ke, schläft in einem Zelt, wenn es kalt ist oder wenn es reg­net. Er trägt gute, fes­te Schu­he, ist aus­ge­rüs­tet, wie Men­schen aus­ge­rüs­tet sind, die in den Ber­gen schwie­ri­ge Wän­de durch­klet­tern. Sobald er sich bewegt, kann man ein Klim­pern hören. Manch­mal pas­siert der Mann eine gro­ße Stadt. Dann beschleu­nigt er sei­ne Schrit­te. Der Mann weiß aus Erfah­rung, dass er immer wie­der zurück­kom­men wird an den Aus­gangs­ort sei­ner Küstenrei­se. Heu­te, in den frü­hen Mor­gen­stun­den, habe ich die­sem Mann einen Namen gege­ben und ein Alter und eine Sta­tur, eine prä­zi­se Anga­be, in wel­cher Höhe über dem Boden sich sei­ne Augen befin­den, wenn der Mann auf­recht steht. — stop

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flaubert

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20.25 — Geor­ges Perec zitiert Gust­ave Flau­bert: Paris wird ein Win­ter­gar­ten wer­den / Spa­lie­re mit Früch­ten auf den Bou­le­vards; die Sei­ne fil­triert und warm / Über­fluss an künst­li­chen Edel­stei­nen – über­rei­che Ver­gol­dung. Beleuch­tung der Häu­ser – das Licht wird gespei­chert wer­den, denn es gibt Kör­per, die die­se Eigen­schaft besit­zen, wie etwa der Zucker oder das Fleisch gewis­ser Mol­lus­ken und der Phos­phor aus Bolo­gna. Die Häu­ser­fas­sa­den wer­den mit die­ser phos­pho­res­zie­ren­den Sub­stanz über­tüncht wer­den müs­sen und ihre Aus­strah­lung wird die Stra­ßen hell erleuch­ten. | stop | Plé­ia­de, II | stop | End­plan. | stop | Regen.

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zwergseerosen

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0.05 — Leb­te im Traum mit glü­hen­den Pan­zer­fi­schen unter einem Dach. Konn­te nicht sagen, ob mei­ne Zim­mer unter Was­ser stan­den oder gefüllt waren mit Luft. Ver­füg­te ich über Kie­men oder hat­ten die Fische Lun­gen? — Noch zu tun: Zwerg­see­ro­sen erfin­den für Unter­was­ser­him­mel. — stop

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coco chanel

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1.18 — Ein­mal, in den Mona­ten der Vogel­grip­pe, kam mir bei klei­ne­ren Tur­bu­len­zen im Gang eines Flug­zeu­ges eine uralte Lady ent­ge­gen, deren Gesichts­zü­ge mich sofort an Coco Cha­nel erin­ner­ten. Sie war von zier­li­cher Gestalt, trug einen dunk­len Man­tel, sport­li­che Schu­he und mach­te Schrit­te wie ein Matro­se auf hoher See. Vor allem ihr schloh­wei­ßes Haar und ihr äußerst wil­lens­star­ker Blick sind nah geblie­ben, auch ihr hell­rot geschmink­ter Mund, der min­des­tens acht­zig Jah­re alt gewe­sen sein muss­te und doch bei­na­he wirk­te wie der Mund einer jun­gen Frau. Eines Abends, wäh­rend ich einer Nach­rich­ten­sen­dung folg­te, erin­ner­te ich mich an die­se selt­sa­me Frau, und ich stell­te mir vor, wie sie aus der drit­ten Eta­ge eines Miets­hau­ses in den Kel­ler steigt, um ein Roll­wä­gel­chen zu suchen, das sie dort — für immer — abge­stellt hat­te, nach­dem sie beim Ein­kau­fen um ein Haar gestürzt war. Es ist also frü­her Mor­gen, es ist Win­ter und noch dun­kel, als die alte Dame das Haus ver­lässt. Ich sehe sie mit vor­sich­ti­gen Schrit­ten in ihrem dunk­len Man­tel und Win­ter­stie­feln über die Stra­ße gehen. An der ers­ten Ampel biegt sie nach links ab, über­quert einen Platz, folgt einer wei­te­ren schma­len Stra­ße, jetzt ist sie vor einem Super­markt ange­kom­men. Sie stellt ihr Roll­wä­gel­chen in der Nähe der Kas­se ab, geht in die Geträn­ke­ab­tei­lung und nimmt eine Fla­sche Was­ser aus dem Regal. Sie trägt die Fla­sche zu ihrem Wägel­chen, kehrt zurück, nimmt sich die nächs­te Was­ser­fla­sche aus dem Regal und so geht das fort, bis das Wägel­chen gut gefüllt ist und ein wenig pfeift, wie es auf dem Heim­weg über die Stra­ße gezo­gen wird. — Jetzt ist die alte Frau vor der Tür ihres Hau­ses ange­kom­men. — Jetzt stellt sie das Wägel­chen neben die Trep­pe, die zur Haus­tü­re führt. — Jetzt ist sie mit einer der Fla­schen im Haus ver­schwun­den. — Zehn Minu­ten ver­ge­hen. Dann erscheint sie wie­der auf der Stra­ße. Sie hat ihren Man­tel aus­ge­zo­gen, trägt eine graue Jacke und Sport­schu­he. Kurz, für zwei oder drei Sekun­den, hält sie sich am Gelän­der der Trep­pe fest. — stop

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kapstadt

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2.26 — Mail von S. aus Kap­stadt. Der jun­ge Arzt berich­tet aus einem klei­nen Hos­pi­tal [ 200 Bet­ten ] nahe einem Town­ship. Er habe, wie immer, wenn Zahl­tag sei, sehr schwie­ri­ge Näch­te hin­ter sich. Zeit der Dro­gen, Zeit der Waf­fen­käu­fe, Zeit offe­ner Rech­nun­gen. Er ste­he von 20.00 bis 8.00 Uhr im OP wie an einem Fließ­band und lege Tho­rax­drai­na­gen, ver­nä­he Stich­wun­den, hole Mes­ser­spit­zen und Pro­jek­ti­le aus den Kör­pern, all die­se übli­chen Din­ge in der Nähe des Krie­ges. Wäh­rend ich sei­ne Nach­richt lese, erin­ne­re ich mich an eine Foto­gra­fie, die einen alten ita­lie­ni­schen Chir­ur­gen zeigt, der im Moment der Auf­nah­me eine Ope­ra­ti­on im eige­nen Bauch­raum unter­nimmt. Unver­züg­lich mache ich mich im Papp­schach­tel­turm auf die Suche.

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Wie­der ein Oszil­lie­ren zwi­schen Stau­nen und Unru­he. Heu­te Nacht damp­fen die Stra­ßen. Leich­ter See­gang. — Viel­leicht ist das Schrei­ben ein Vor­gang des Nähens, eine Arbeit der Repa­ra­tur. — Und Gros­ny? — stop

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lou reed

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0.15 – Stim­mung fieb­ri­ger Hei­ter­keit. Der Ein­druck, dass ich mich auf einem Dampf­schiff befin­de. Lei­se wum­mern­des Stamp­fen der Maschi­nen. Vor­hin hat mir ein freund­li­cher Schiffs­dok­tor küh­len­de Sal­ben gebracht für die Brust, einen Saft, der die Tem­pe­ra­tur sen­ken soll, in einer merk­wür­dig blau­en Far­be, und Trop­fen für die Nase, die doch noch völ­lig in Ord­nung ist. Eine Arm­län­ge ent­fernt auf dem Boden steht eine lei­se pfei­fen­de Kan­ne Tee. Das hört sich ein wenig so an, als wür­de die Kan­ne zu mir spre­chen, weil ich heu­te selbst mei­ne beweg­ten Bil­der von Tag und Nacht durch­ein­an­der spie­le. Da ist John Lurie. Er lagert in Brook­lyn vor einem Tabak­wa­ren­la­den und spielt sein Saxo­fon. Und da ist Lou Reed. Er raucht wie der Teu­fel, wäh­rend er erzählt, dass er sich vor den Schwe­den fürch­te. Und da sind Geckos, fin­ger­lan­ge Geckos, hell­blau, ein Rudel. Sie jagen über die Decke mei­nes höl­zer­nen Zim­mers dahin. — stop

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ludwig wittgenstein

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5.27 — Bemer­ke immer wie­der, dass ich nicht spü­ren kann, wo genau im Kopf ich den­ke. Da sind durch Wor­te gehemm­te [ Lud­wig Witt­gen­stein ] Gedan­ken, prä­zi­se ver­nehm­ba­re Geräu­sche, die in blau­en, in roten, in gel­ben Farb­tö­nen erschei­nen. – Ein­mal CNN. | stop | Nacht­fern­se­hen. | stop | New Orleans. | stop | Alte Men­schen, die aus Fens­tern, von Bal­ko­nen ihrer Woh­nun­gen her in Boo­te stei­gen. | stop | Jun­ge Män­ner in Uni­for­men der Natio­nal­gar­de, die ihnen die Hän­de rei­chen. | stop | Ges­ten, als wären sie Gon­do­lie­re. | stop | Das Gesicht eines Man­nes, — erschöpft, leer, aus­ge­zehrt, geschlos­sen. | stop | Ja, ein geschlos­se­nes, licht­lo­ses Gesicht. | stop | Nichts mehr darf hin­ein. | stop | Nichts kann her­aus. | stop | Viel­leicht die Ahnung, dass er nicht wie­der zurück­keh­ren wird? | stop | Viel­leicht reicht mein Blick, mein Kame­ra­blick, nicht aus­rei­chend tief in die Woh­nung? | stop | Ich könn­te ein Ohr fest auf den Boden legen und dem Meer lau­schen, wie es in der Woh­nung unter mei­ner Woh­nung mit den Möbeln spielt. | stop | In Schif­fen, in Städ­ten, auf Bäu­men woh­nen arme Men­schen tief oder an stei­len Erd­se­gel­hän­gen. | stop |

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karusell

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0.24 — Ein seit lan­ger Zeit arbeits­lo­ser Mann sei in einen Wald gefah­ren, habe sich auf einen Hoch­stand für Jäger gelegt und zu Tode gehun­gert. Sein lang­sa­mes Ster­ben, so schreibt man, habe der Mann in einem Schul­heft doku­men­tiert. Er habe notiert, wie sich sein Kör­per nach und nach auf­zu­lö­sen begann, wie sei­ne Orga­ne ver­sag­ten, wie der eige­ne Tod näher rück­te. Er wünsch­te in einer letz­ten Notiz, dass sei­ne Auf­zeich­nun­gen sei­ner Toch­ter über­ge­ben wer­den. Wie ver­zwei­felt muss die­ser Mensch gewe­sen sein, um sich wie ein tod­kran­kes Tier zurück­zu­zie­hen und nach 24 Tagen zu ster­ben, wie ver­bit­tert, um die­se furcht­ba­re Gewalt sei­ner Toch­ter anzu­tun! Oder aber die­ser Mann ahn­te, dass auf dem Markt sel­te­ner Papie­re ein hoher Preis für sein fürch­ter­li­ches Doku­ment erzielt wer­den könn­te. — Eine Wert­stei­ge­rung. — Was ist gesche­hen? — stop

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luftgeräuschworte

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2.15 — Ges­tern Abend gegen zehn Uhr wuss­te ich in einem Text nicht wei­ter, weil ich mich nicht erin­nern konn­te, wel­che Geräu­sche die Flü­gel einer Ein­tags­flie­ge in der Luft erzeu­gen. Ich hat­te ein hel­les Pro­pel­ler­ge­räusch im Ohr, aber immer dann, wenn ich die­ses Geräusch zu einem Geräusch hun­dert­tau­sen­der Flie­gen­tie­re sum­mie­ren woll­te, der Ver­dacht, mit mei­ner Erin­ne­rung könn­te etwas nicht ganz in Ord­nung sein. Ein Schwarm der Ord­nung Eph­emer­op­te­ra ist in der Luft kaum zu ver­neh­men. Habe fünf oder sechs Schwar­m­er­schei­nun­gen beob­ach­tet, sie sind laut­los, wir­beln­der Schnee. Und doch war da ein Ton, sobald eine Flie­ge dicht an mei­nem Ohr vor­über gekom­men oder in nächs­ter Nähe auf mir gelan­det ist. — Ein zar­tes Klap­pern viel­leicht? — Luft­ge­räu­sch­wor­te erfin­den. — stop

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