Aus der Wörtersammlung: schicht

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vom zeitfalten

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alpha : 0.55 — Ich erin­ner­te mich, ich weiß nicht war­um, an eine Geschich­te Julio Cortázar’s, die von einer Flie­ge erzählt, die auf dem Rücken geflo­gen sein soll, als der Autor sie ent­deck­te, Augen nach unten dem­zu­fol­ge, Bein­chen nach oben, ein für Flie­gen­tie­re nicht übli­ches Ver­hal­ten. Natür­lich muss­te die­se selt­sa­me Flie­ge unver­züg­lich näher betrach­tet wer­den. Julio Cor­tá­zar erfand des­halb ein Zim­mer, in wel­chem die Flie­ge fort­an exis­tier­te, und einen Mann, der die Flie­ge zu fan­gen such­te. Wie zu erwar­ten gewe­sen, war der Mann in sei­ner Beweg­lich­keit viel zu lang­sam, um die Flie­ge behut­sam, das heißt, ohne Beschä­di­gung, erha­schen zu kön­nen. Er bemüh­te sich red­lich, aber die Flie­ge schien jede sei­ner Bewe­gun­gen vor­her­zu­se­hen. Nach einer Wei­le mach­te sich der Mann dar­an, das Zim­mer, in dem er sich mit der Flie­ge auf­hielt, zu ver­klei­nern. Er fal­te­te Papie­re zu Schach­teln, die den Flug­raum der beson­de­ren Flie­ge nach und nach der­art begrenz­ten, dass sie sich zuletzt kaum noch bewe­gen konn­te. Flie­ge und Fän­ger waren in einem licht­lo­sen Raum inner­halb eines Schach­tel­zim­mers gefan­gen, dar­an erin­ne­re ich mich noch gut, oder auch nicht, weil ich die­se Geschich­te bereits vor lan­ger Zeit gele­sen habe, immer wie­der von ihr erzähl­te, wes­halb sich die Geschich­te ver­än­dert, von der ursprüng­li­chen Geschich­te ent­fernt haben könn­te. Sicher ist, dass die­se Geschich­te von einer Flie­ge erzählt, die auf dem Rücken fliegt, und auch, dass ich nicht sagen kann, war­um ich mich plötz­lich an sie erin­ner­te, und auch nicht, ob ich mich jemals wie­der an sie erin­nern wer­de. — stop

mikroskop3

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pocket george

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tan­go : 2.58 — Geor­ge schrieb vor weni­gen Tagen einen hand­schrift­li­chen Brief. Er wen­de sich mit einer drin­gen­den Bit­te an mich, er benö­ti­ge etwas Geld, weil er im Moment zu wenig davon habe. Sei­ne Tele­fon­rech­nung sei ihm über den Kopf gewach­sen, außer­dem habe er sich bei einem Auf­trag für den Druck eines Buches ver­tippt, er habe anstatt 200 Exem­pla­ren 20000 Exem­pla­re sei­ner Geschich­te vom Wal­fisch­or­ches­ter bestellt. Die­se wun­der­ba­re Auf­la­ge sei prompt und ohne jede Nach­fra­ge gelie­fert wor­den. Wäh­rend er sich noch wun­der­te, wie ein Paket nach dem ande­ren Paket von drei oder vier Män­nern in sei­ne Woh­nung ver­frach­tet wur­de, war bereits ein erheb­li­cher Betrag von sei­nem Kon­to abge­bucht, sodass er jetzt kaum noch die Mög­lich­keit habe, sich Brot, Käse oder Was­ser zu besor­gen, er sei ver­schul­det bis über bei­de Ohren hin­aus bereits seit drei Mona­ten. Natür­lich habe er gehofft, aber sein Hof­fen habe nicht gewirkt, nun sei­en nicht nur er selbst, son­dern auch sei­ne Archi­ve bedroht, die er in digi­ta­ler Sphä­re auf Posi­ti­on POCKET gesam­melt habe. Ihm sei damit gedroht, bei wei­te­rem Zah­lungs­ver­zug, sein pro­fes­sio­nel­les Kon­to unver­züg­lich in ein nicht pro­fes­sio­nel­les Kon­to zu ver­wan­deln, sei­ne Daten wür­den ver­lo­ren gehen, wes­we­gen er nun sehr ver­zwei­felt sei, nicht nur ver­zwei­felt, son­dern müde, er zöge­re, sei­nen Com­pu­ter über­haupt noch mit dem Inter­net zu ver­bin­den, weil das Inter­net dann sei­ne Daten sogleich aus sei­nen Spei­chern zurück­ho­len wür­de, er habe nicht geahnt, dass er ein­mal in eine der­art ver­zwei­fel­te Lage kom­men, dass sich das Inter­net als ein der­art gefrä­ßi­ges Tier dar­stel­len wür­de, wel­ches sei­nen Com­pu­ter, sei­ne Samm­lung aus dem Web ver­schwun­de­ner Sei­ten an sich rei­ßen wür­de, man kann mit die­sen Raub­tie­ren nicht ein­mal tele­fo­nie­ren, schrieb Geor­ge vor weni­gen Tagen.- stop

ping

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in üsküdar

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whis­key : 0.55 — Y. erzähl­te vor eini­gen Tagen eine Geschich­te, die sie als Mäd­chen im Alter von sie­ben oder acht Jah­ren in Istan­bul erleb­te, genau­er in einem Hin­ter­hof des Stadt­teils Üsküdar. Sie soll­te damals eine Tüte Pis­ta­zi­en und noch eini­ge ande­re Din­ge von einem Kios­kla­den holen, es war Som­mer, und sie hüpf­te raus auf die Stra­ße und um die Ecke und rein in den klei­nen Laden, und las einem Mann eine Lis­te der bestell­ten Din­ge vor. Der Mann sah ihre Lis­te durch, lächel­te ihr zu und stell­te ein oder zwei Fra­gen, so in etwa: Wie vie­le Pis­ta­zi­en sol­len es denn sein? Y. über­leg­te sorg­fäl­tig, aber letzt­lich konn­te sie sich nicht erin­nern, wie vie­le Gramm Pis­ta­zi­en ihr die Mut­ter zum Kauf auf­ge­tra­gen hat­te. Des­halb hüpf­te sie auf die Stra­ße zurück, aber anstatt zur Ein­gangs­tür ihres Wohn­hau­ses zurück­zu­keh­ren, trat sie in einem Hin­ter­hof vor einen Bal­kon im 2. Stock. Die Tür zum Wohn­zim­mer der Fami­lie, hin­ter der sie ihre Mut­ter wuss­te, war geöff­net. Sie rief so laut sie konn­te: Mama! Dann war­te­te sie eine kur­ze Zeit. Als die Mut­ter nicht auf dem Bal­kon erschien, rief sie noch ein­mal: Mama, Mama, ich habe eine Fra­ge, ich bin’s! Wie­der­um rief sie ver­geb­lich, sie war­te­te und rief und war­te­te. Gera­de als sie umkeh­ren woll­te, um den wei­te­ren Weg, den sie gekom­men war, zur Mut­ter in die Woh­nung zurück­zu­neh­men, bemerk­te sie ein frem­des Mäd­chen neben sich, das viel­leicht zwei Jah­re jün­ger war als sie selbst. Das Mäd­chen hat­te eine ihrer Hän­de genom­men, sah sie bedeu­tungs­voll an, hob dann den Kopf zum Bal­kon empor und rief mit lei­ser, sanf­ter Stim­me: Mama! Mama! Y. erin­ner­te sich noch nach vie­len Jah­ren an die fei­ne Stim­me des Mäd­chens, die bei­na­he nicht zu hören gewe­sen war. Kaum eine vier­tel Minu­te ver­ging, da erschien ihre Mut­ter auf dem Bal­kon und schau­te zu den bei­den Mäd­chen her­ab. Das war ein Moment ihres Lebens gewe­sen, den Y., die inzwi­schen selbst zwei Söh­ne gebar, nie ver­ges­sen konn­te, ein Geheim­nis: War­um hat­te die Mut­ter auf die lei­se Stim­me eines frem­den Mäd­chens reagiert, aber die Stim­me der eige­nen Toch­ter nicht gehört? — stop

ping

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louis an louis

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romeo : 6.55 – Du wirst Dich viel­leicht wun­dern, lie­ber Lou­is, wes­halb ich für Dich notie­re in die­ser Wei­se auf eine Sei­te Papier von Heiß­luft­bal­lo­nen über der Stadt Tur­ku, unter wel­chen in Kör­ben schla­fen­de Men­schen woh­nen. Ich erzähl­te Dir von einer schnee­wei­ßen Spin­ne mit acht hell­blau­en Augen, die im Gefrier­fach Dei­nes Kühl­schranks wohnt. Erin­nerst Du Dich? Wie wir durch Istan­bul fah­ren im Win­ter im Wagen einer alten Stra­ßen­bahn auf der Suche nach Mr. Pamuk. Wir sind allein im Wag­gon, es ist schon spät, wir sit­zen gleich hin­ter der Kabi­ne des Fah­rers und erzäh­len laut­hals von der Erfin­dung der Trom­pe­ten­kä­fer. Der Fah­rer, ein älte­rer Herr, nickt immer­zu mit dem Kopf, und wir über­le­gen, ob er unse­re Spra­che viel­leicht ver­ste­hen könn­te, also erzäh­len wir wei­ter, wir erzähl­ten von Vögeln ohne Füße, die nie­mals lan­den, von Tief­see­ele­fan­ten, die den Atlan­tik in Her­den durch­strei­fen, und von der Sekun­de da Mel­ly Cus­aro, wohn­haft in Brook­lyn, an ihrem 10 Geburts­tag beschloss, Astro­nau­tin zu wer­den. Wenn Du die­sen Brief lesen wirst, lie­ber Lou­is, wird ein Jahr spä­ter sein. Ich habe die­sen Brief vor genau 365 Tagen für Dich auf­ge­schrie­ben, ver­bun­den mit der Anwei­sung, ihn am 1. Dezem­ber 2015 an Dich zuzu­stel­len. Im Text sind wesent­li­che Pass­wort­ker­ne für Dei­ne Schreib­ma­schi­ne ent­hal­ten, gut ver­steckt, Du wirst sie, sofern not­wen­dig, wie­der­erken­nen. Wür­dest Du bit­te noch in die­ser Stun­de, da Du mei­nen oder Dei­nen Brief gele­sen haben wirst, Pass­wort­ker­ne, mit neu­en Phra­sen und Geschich­ten ver­se­hen, einen wei­te­ren Brief notie­ren, zu sen­den an Lou­is im Auf­trag: Zuzu­stel­len am 14. Dezem­ber des Jah­res 2016. Sei herz­lich gegrüßt. Alles Gute! Dein Lou­is – stop
drohne16

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mitado muje

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oli­mam­bo : 2.02 – In einem Post­amt der neu­see­län­di­schen Stadt Wha­kata­ne arbei­te ein Nacht­schicht­be­am­ter mitt­le­ren Alters, der beson­de­re Namen samm­le. Er soll, so ein Gerücht, auf einem Dreh­stuhl vor einem Fächer­re­gal sit­zen und Brie­fe in zwei­er­lei Hin­sicht sorg­fäl­tig betrach­ten, ob sie näm­lich einer­seits aus­rei­chend fran­kiert sind, um ihren Bestim­mungs­ort errei­chen zu kön­nen, ander­seits wür­de er Namen von Adres­sa­ten, die sich in aller Welt befin­den, ihrem Klang nach inspi­zie­ren. Sobald der Nacht­mann einen Namen, der ihm gefällt, ent­deckt, wür­de der Name auf einem Zet­tel notiert: Sakona­kis Pina, Emi­lie Lio­nel, Pol­lie Pata­tas, Josef Tho­mey, Lai­ly Pina, Cla­ra Lorenz, Phil­li­pe Odil. Es heißt, man kön­ne die­se Namen im Inter­net erwer­ben, viel­leicht, wenn man einen geräusch­vol­len Namen benö­tig­ten wür­de, weil man eine Per­son erfin­den möch­te, die sich in poe­ti­scher Wei­se dar­zu­stel­len wünscht, 10 Cent. Ich muss das über­prü­fen. – stop

blume

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tod in peking 5

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kili­man­dscha­ro : 0.27 – Ori­gi­nal-Nach­richt / Betreff: Unde­li­ver­ed Mail Retur­ned to Sen­der Datum: 2015–11-08T00:47:36+0100 – I’m sor­ry to have to inform you that your mes­sa­ge could not be deli­ver­ed to one or more reci­pi­ents. It’s atta­ched below. For fur­ther assis­tance, plea­se send mail to post­mas­ter. If you do so, plea­se include this pro­blem report. You can dele­te your own text from the atta­ched retur­ned mes­sa­ge. NOTE: Lie­ber Ted­dy, drei Jah­re sind ver­gan­gen, seit ich hör­te, dass Du in Peking gestor­ben sein sollst. Eini­ge Tage zuvor waren damals Freun­de in einem Restau­rant ver­sam­melt gewe­sen, um gemein­sam Enten und Gän­se zu ver­spei­sen. Du hat­test Dei­nen Besuch ange­kün­digt, kamst aber nicht. Wir war­te­ten ver­geb­lich auf Dei­nen Anruf, hat­ten kei­ne Vor­stel­lung davon, was gesche­hen sein konn­te, ein kal­ter Tag, eisig, der 20. Novem­ber 2012. Wenn ich im Inter­net nach Dei­nen Spu­ren suche, ist immer noch alles so wie im ver­gan­ge­nen Jahr anzu­tref­fen, Dei­ne Foto­gra­fien, Dei­ne Web­sei­te, Spu­ren in Foren. Bemer­kens­wert ist eine beson­de­re Anfra­ge, die in hin­zu­ge­kom­men ist im Bezirk einer Such­ma­schi­ne, deren Dienst­leis­tung initi­iert wer­den muss­te, irgend­je­mand erkun­digt sich nach Dir in einer außer­ge­wöhn­li­chen Wei­se. Wie in den Jah­ren zuvor, lie­ber Ted­dy, siche­re ich auch in die­sem Jahr eine Dei­ner Foto­gra­fien, von deren Geschich­te Du mir lei­der nie erzäh­len wirst. – Dein Lou­is < t.s@posteo.de: host mx02.posteo.de[89.146.194.165] said: 550 5.1.1 < t.s@posteo.de>: Reci­pi­ent address rejec­ted: unde­li­vera­ble address: Reci­pi­ent address look­up fai­led (in rep­ly to RCPT TO com­mand) – The mail sys­tem – stop

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nazamins schwester

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echo : 5.08 — Ich träum­te von merk­wür­di­gen Tie­ren, die sehr flach sind und weich und außer­dem schön gestal­tet. Wenn man eines die­ser Tie­re auf einem Tisch in der Wirk­lich­keit vor sich lie­gend betrach­ten könn­te, wür­de man viel­leicht die Ähn­lich­keit zu Brief­mar­ken erken­nen, so wie wir sie als Kin­der ent­de­cken und zu sam­meln begin­nen. Tat­säch­lich han­delt es sich bei jenen Tie­ren, wel­che ich träum­te, um Brief­mar­ken­tie­re, die leicht sind, man­che tra­gen die Zeich­nung wei­te­rer Tie­re auf ihrem Kör­per, Zebras oder Schmet­ter­lin­ge oder Sing­vö­gel sind häu­fig auf ihrem Rücken zu erken­nen. An einem ihrer gezahn­ten Rän­der sit­zen sehr klei­ne Augen fest, dort soll sich gleich­wohl ein Mund befin­den, der feins­te Stäu­be aus der Luft ent­nimmt, Pol­len­sa­men, Bak­te­ri­en, Spo­ren jeder Art, davon ernäh­ren sich Brief­mar­ken­tie­re vor­nehm­lich, es sein denn, sie wer­den mit feins­tem Puder­zu­cker vor­sätz­lich gefüt­tert. Brief­mar­ken­tie­re sol­len dort zu erwer­ben sein, wo man auch her­kömm­li­che Post­wert­zei­chen bestel­len kann, sie sind zunächst nicht so preis­wert wie das papie­re­ne Mate­ri­al, dafür mehr­fach ver­wend­bar. Um einen Brief mit einem Brief­mar­ken­tier zu ver­se­hen, legt man das betref­fen­de Schrift­stück im Kuvert auf einen Tisch, setzt nun behut­sam eines der Brief­mar­ken­tie­re an geeig­ne­te Stel­le, näm­lich genau dort­hin, wo nor­ma­ler­wei­se papie­re­ne Brief­mar­ken auf­zu­tra­gen sind, und schon wird man beob­ach­ten, wie sich das Brief­mar­ken­tier mit sei­nem neu­en Zuhau­se ver­bin­det, es schmiegt sich an und ist fort­an vom Brief nur noch mit­tels Gewalt zu tren­nen. Wie es jetzt leuch­tet, wie es sei­ne wun­der­ba­ren Far­ben zeigt, wie es mit Mus­tern spielt und mit Bil­dern, die zu Fil­men wer­den, zu Geschich­ten, die das Brief­mar­ken­tier irgend­wo gelernt haben muss. Und wenn nun der Brief auf die Rei­se geht, reist das Brief­mar­ken­tier mit ihm mit, und bleibt dem Brief so lan­ge ver­bun­den, bis der Brief geöff­net wird. In die­sem Moment der Öff­nung löst sich das Brief­mar­ken­tier von sei­nem Brief, der nun nicht mehr sein Brief sein kann. Es ist kaum zu glau­ben, aber es ist wahr, ich hab’s geträumt, das Brief­mar­ken­tier segelt sogleich durch die Luft davon, es ist schnell unter­wegs, schnell wie ein Zug­vo­gel kehrt es zu sei­nem Absen­der zurück, Tage oder auch Wochen ist es unter­wegs, Schwär­me von Brief­mar­ken­tie­ren wur­den bereits in gro­ßer Höhe über dem Erd­bo­den beob­ach­tet. Zu Hau­se end­lich ange­kom­men, lun­gern sie dann gern an den Fens­tern und war­ten. stop. Ende mei­nes Trau­mes. stop – Naza­mins Schwes­ter wur­de am ver­gan­ge­nen Sams­tag in den Ber­gen nahe Sem­din­li ver­mut­lich von tür­ki­scher Mili­tär­po­li­zei getö­tet. Naza­mins Schwes­ter wird nie wie­der erwa­chen. – stop

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im winterzimmer

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oli­mam­bo : 2.15 — Als der jun­ge Mann nach lan­ger Zeit tie­fen Schla­fes erwach­te, begann er zu erzäh­len, er hat­te, wäh­rend er von Maschi­nen im Leben fest­ge­hal­ten wur­de, wäh­rend er uner­reich­bar gewe­sen war für die Stim­men ihn pfle­gen­der und besu­chen­der Men­schen, viel erlebt. Nein, sag­te er, dass wir mit ihm gespro­chen haben, habe nicht gehört. Er sag­te, er habe aber vom Win­ter geträumt, dass Win­ter gewor­den sei, Schnee auch in sei­nem Zim­mer, Schnee, der von der Decke sei­nes Zim­mers rie­sel­te, Schnee­men­schen wür­den ihn gefüt­tert haben und in sei­nem Bett her­um­ge­dreht. Maschi­nen von Eis ver­sorg­ten ihn mit Luft, das habe er genau­es­tens beob­ach­tet, und er habe das Pfei­fen von Eis­or­geln gehört, zwit­schern von Eis­vö­geln und das Tuten von Eis­lo­ko­mo­ti­ven, die immer wie­der ein­mal aus ihren Schlo­ten schmut­zig qual­mend durch sein Zim­mer don­ner­ten, sodass sein Bett hin und her schwank­te, als befän­de er sich auf hoher See. Das alles erzähl­te der erwa­chen­de jun­ge Mann uner­müd­lich, ohne eine Pau­se zu machen, er beweg­te den Mund, er hör­te sich spre­chen, aber die Maschi­ne, die noch immer mit ihm atme­te, die ihre Schläu­che zu sei­nem Hals hin­be­weg­te, trans­pa­ren­te, feuch­te Roh­re von fei­ner Haut, mach­te ihn stumm. Über­haupt war der jun­ge Mann noch etwas ver­wirrt, sodass wir die­se Geschich­te ganz sicher bald noch ein­mal zu erzäh­len haben. — stop

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tasmanischer tiger

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india : 4.10 — Wie ich auf dem höl­zer­nen Boden eines Zim­mers kaue­re. Ich schei­ne mit einer Kat­ze zu spre­chen, die unmit­tel­bar vor mir sitzt. Die Kat­ze schaut mich auf­merk­sam an, ich glau­be, ich erzäh­le der Kat­ze gera­de eine Geschich­te, ihre Ohren sind nach vorn hin aus­ge­rich­tet, als eine Foto­gra­fie auf­ge­nom­men wird, deren Zeit und Ort ich nicht erin­nern kann. Kurz dar­auf nähe­re ich mich der Foto­gra­fie mit einer Lupe, weil ich den Ver­dacht habe, es könn­te sich bei der Kat­ze um ein Tier han­deln, das nur auf den ers­ten Blick eine Kat­ze zu sein scheint. Tat­säch­lich, die Kat­ze trägt kein Fell, ihre Haut ist gestreift, und ihre Ohren sind unge­wöhn­lich groß und rund­lich. Plötz­lich wer­de ich wach, und ich den­ke noch, ich muss zurück, ich bin noch nicht fer­tig, ich soll­te mir die Foto­gra­fie in die Hosen­ta­sche ste­cken und sie mit­neh­men, das den­ke ich ernst­haft, aber es gelingt mir nicht wie­der ein­zu­schla­fen. Stun­den ver­ge­hen, ich neh­me ein Früh­stück, lese in Ray­mond Car­vers Erzähl­samm­lung Beg­in­ners her­um, gehe zum Ein­kau­fen, es ist wie­der Abend gewor­den, im Trep­pen­haus begeg­net mir ein freund­li­cher Mann, der ein Fahr­rad trägt. Ein Fens­ter steht offen, ich höre, es reg­net. — stop

match5

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nachtorte

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ulys­ses : 1.15 — Und träu­me von frü­her. Als die Zeit noch eine Figur war, die eine Rol­le spiel­te. Damals dach­te ich, dass, wenn bei uns Tag war, wir die Nacht auf der ande­ren Sei­te der Welt bewach­ten. Bis mir klar wur­de, dass wir ihren Schlaf nicht bewach­ten, son­dern sie im Schlaf aus­raub­ten. Dann bin ich auf­ge­wacht. — Die­se Beob­ach­tung habe ich in einer Text­samm­lung Ali­s­sa Walsers ent­deckt: Von den Tie­ren im Notie­ren. Kur­ze Zeit spä­ter, auf dem Weg zum Fens­ter, erin­ner­te ich mich an das Muse­um der Nacht­häu­ser, das sich am Shore Bou­le­vard nörd­lich der Hell Gates Bridge befin­det, die den New Yor­ker Stadt­teil Queens über den East River hin­weg mit Rand­alls Island ver­bin­det. Ich weiß nicht, ob das Muse­um noch immer exis­tiert, es war oder ist ein recht klei­nes Haus, rote Back­stei­ne, ein Schorn­stein, der an einen Fabrik­schlot erin­nert, ein Gar­ten, in dem ver­wit­ter­te Apfel­bäu­me ste­hen, und der Fluss so nah, dass man ihn rie­chen konn­te. Wäh­rend eines Spa­zier­gan­ges, zufäl­lig, ent­deck­te ich die­ses Muse­um, von dem ich nie zuvor hör­te. Es war ein spä­ter Nach­mit­tag, ich muss­te etwas war­ten, weil das Muse­um nicht vor Ein­bruch der Däm­me­rung öff­nen wür­de, ein Muse­um für Nacht­men­schen eben, die in Nacht­häu­sern woh­nen, wel­che erfun­den wor­den waren, um Nacht­men­schen art­ge­rech­tes Woh­nen zu ermög­li­chen. Als das Muse­um dann end­lich öff­ne­te, war ich schon etwas müde gewor­den, und weil ich der ein­zi­ge Besu­cher gewe­sen, führ­te mich ein jun­ger Mann per­sön­lich her­um. Er war sehr gedul­dig, war­te­te, wenn ich wie wild in mein Notiz­buch notier­te, weil er span­nen­de Geschich­ten erzähl­te von jenen merk­wür­di­gen Gegen­stän­den, die in den Vitri­nen des Muse­ums ver­sam­melt waren. Von einem die­ser Gegen­stän­de will ich kurz berich­ten, von einem metal­le­nen Wesen, das mich an eine Kreu­zung von Gecko und Spin­ne erin­ner­te. Das ver­ros­te­te Ding war von der Grö­ße eines Schuh­kar­tons. An je einer Sei­te des Objekts saßen Bei­ne fest, die über Saug­näp­fe ver­füg­ten, eine Kame­ra thron­te oben­auf wie ein Rei­ter. Der jun­ge Mann erzähl­te, dass es sich bei die­sem Gerät um ein Instru­ment der Ver­tei­di­gung han­del­te, aus einer Zeit, da Nacht­men­schen mit Tag­men­schen noch unter ein und dem­sel­ben Haus­dach wohn­ten. Das klei­ne Tier saß in der Vitri­ne in einer Hal­tung, als wür­de er sich ducken, als wür­de es jeder­zeit wie­der eine Wand bestei­gen wol­len. Das war näm­lich sei­ne vor­neh­me Auf­ga­be gewe­sen, Zim­mer­wän­de zu bestei­gen in der Nacht, sich an Zim­mer­de­cken zu hef­ten und mit klei­nen oder grö­ße­ren Ham­mer­werk­zeu­gen Klopf- oder Schlag­ge­räu­sche zu erzeu­gen, um Tag­men­schen aus dem Schlaf zu holen, die ihrer­seits weni­ge Stun­den zuvor noch durch ihre erbar­mungs­los har­ten Schrit­te den Erfin­der der Geck­oma­schi­ne, einen Nacht­ar­bei­ter, aus sei­nen Träu­men geris­sen haben moch­ten. Es war, sag­te der jun­ge Mann, immer so gewe­sen damals in die­ser schreck­li­chen Zeit, dass sich Tag­men­schen sicher fühl­ten vor Nacht­men­schen, die unter ihnen leb­ten, die mit Schrit­ten Zim­mer­de­cken ihrer Woh­nung nie­mals erreich­ten. Aus und fini! — stop

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