Aus der Wörtersammlung: stimme

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peter bichsel : lesen macht arbeitsunfähig

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marim­ba : 3.28 – Ich habe die Film­stim­me eines Schwei­zer Schrift­stel­lers gehört, den ich seit vie­len Jah­ren sehr ger­ne lese, weil sei­ne Sät­ze in mei­nem Kopf ein Gefühl von Klar­heit, Frei­heit und ange­neh­mer Küh­le bewir­ken. Ich weiß, dass das natür­lich Unsinn ist, weil ich mit mei­nem Gehirn unmit­tel­bar kei­ne Tem­pe­ra­tu­ren wahr­zu­neh­men ver­mag, und doch immer wie­der der Ein­druck pola­rer Luft, ein Knis­tern. Der Mann, von dem ich spre­che, heißt Peter Bich­sel. Er fährt gern ziel­los in Zügen her­um, weil er in Zügen aus­ge­zeich­net notie­ren kann. Ich stel­le mir vor, wie die Men­schen des Zuges, Land­schaf­ten, Schie­nen, Schwel­len, Abtei­le, unmerk­lich zu Tei­len einer beson­de­ren Schreib­ma­schi­ne wer­den. Als Kind, erzählt Peter Bich­sel, habe er sich dar­auf gefreut, ein alter Mann zu sein. Er habe damals nicht gewusst, dass ein Groß­va­ter nicht ewig ein Groß­va­ter blei­be, son­dern das Leben noch älter wird, und der Groß­va­ter dann stirbt. — stop
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blaue kamele

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tan­go : 3.28 – Wie wir auf den Schul­tern unse­res Vaters durch die Welt schau­kel­ten, als säßen wir auf dem Rücken eines Dro­me­dars, das die mensch­li­che Spra­che spre­chen konn­te. Wie er uns das Licht erklär­te, die Geschwin­dig­keit und die Zeit, die das Licht unter­wegs gewe­sen war, um zu uns zu kom­men. Sei­ne gro­ßen Schu­he, in wel­chen wir durch den Gar­ten segel­ten. Und Gene Krup­pa, Drum­mer­man, dort, noch lan­ge vor unse­rer Zeit, Vater, mit Schlips im Anzug als jun­ger Mann. Heu­te Nacht erzäh­len wir uns Geschich­ten. Und schon ist es kurz nach zwei Uhr gewor­den. Ich habe ganz heim­lich mei­ne Schreib­ma­schi­ne ange­schal­tet, um eine wei­te­re klei­ne Geschich­te auf­zu­schrei­ben, weil Geschich­ten auf Papier oder Geschich­ten, die man von einem Bild­schirm lesen kann, wie alle ande­ren Geschich­ten als lei­se beten­de Stim­men zu ver­neh­men sind. Die­se Geschich­te nun geht so. Immer an Frei­ta­gen, ich war fünf oder sechs Jah­re alt gewe­sen war, brach­te mein Vater aus dem Insti­tut, in dem er als Phy­si­ker arbei­te­te, Kar­ten mit nach Hau­se, die ich bema­len durf­te, Com­pu­ter­loch­kar­ten, kräf­ti­ge, beige Papie­re, in wel­chen sich selt­sa­me Löcher befan­den. Die­se Löcher waren nie­mals an der­sel­ben Stel­le zu fin­den, und ich erin­ne­re mich, dass ich mich über ihr Ver­hal­ten hef­tig wun­der­te. Ich war zu jener Zeit ein begeis­ter­ter Maler, ich mal­te mit Wachs­krei­de und ich mal­te in allen Far­ben, über die ich ver­fü­gen konn­te, weil ich das Bunt­sein schon immer moch­te. Ich mal­te blaue Kame­le und schwar­ze Blu­men und rote Mon­de. Ein­mal frag­te ich mei­nen Vater, was jene Löcher bedeu­te­ten, über deren Exis­tenz ich mich freu­te, weil sie ver­steck­te Bil­der zeig­ten, die ich so lan­ge such­te, bis ich sie gefun­den hat­te. Hör zu, sag­te mein Vater. — stop
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lichtpelz

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lima : 0.02 – In einer früh­zei­ti­gen Erin­ne­rung, die ich ges­tern, wäh­rend ich eine fil­mi­sche Erzäh­lung der Stadt Istan­bul beob­ach­te­te, errei­chen konn­te, sind kei­ne mensch­li­chen Wesen zu ent­de­cken, doch Kör­per von Licht. Ich lie­ge in einem schwan­ken­den Schiff, das durch eine Stra­ßen­bahn fährt. Über mir die Wär­me der Glüh­bir­nen, Glas­kol­ben, in wel­chen wirk­li­ches Feu­er ent­hal­ten ist. Drau­ßen, im Dun­keln, Schnee­flo­cken, die aus sich selbst her­aus zu leuch­ten schei­nen, Licht­pelz­fet­zen. — Ich fra­ge mich gera­de, ob die­se Erin­ne­rung nicht eine aus­ge­mal­te Erin­ne­rung sein könn­te, Film­bil­dern nach­ge­zeich­net. Aber da sind der Duft von gebrann­ten Man­deln und das Schril­len einer Klin­gel und das Geräusch einer Stim­me, die spä­ter ein­mal sagen wird: Max-Weber-Platz. — stop
pamuk

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kapriole

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sier­ra : 6.15 — Ich erwach­te, weil ich Schrit­te hör­te, tan­zen­de Füße in Tanz­schu­hen auf Par­kett. Unmög­lich, dach­te ich, so etwas geht doch nicht. Ich mach­te Licht und hüpf­te aus dem Bett. Wie ich so im geräu­mi­gen Hotel­zim­mer stand, bemerk­te ich, die Geräu­sche der Schu­he kamen nicht von oben, son­dern von unten her, wes­halb ich eine Trep­pe abwärts vor ver­däch­ti­ger Türe ener­gisch klopf­te, wes­halb mir geöff­net wur­de, wes­halb ich unver­züg­lich in ein höchst selt­sa­mes Zim­mer trat. Tisch und Stüh­le und Bett und wei­te­re kom­mo­de Din­ge befan­den sich dort an der Decke. Ein Mann, sehr fein geklei­det, ein Tän­zer im dunk­len Anzug grüß­te kopf­über zu mir her­un­ter. Er sag­te, ange­neh­me Stim­me: Guten Mor­gen, mein Herr! Sie sind wohl einer, der an der Decke zu gehen ver­mag. — stop
tanzende

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zahlenflüstern

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sier­ra : 5.05 — Unterm Schirm im Pal­men­gar­ten einem Gewit­ter zuge­hört. Nichts getan, als zu lau­schen und zu beob­ach­ten, dass mein Gehirn nicht schnell genug ist, um die Trop­fen eines kräf­ti­gen Regens, ihr Geräusch, nach­zu­zäh­len. Wie ich so erge­ben vor Schild­krö­ten und Karp­fen auf einer Bank lun­ger­te, ist mir auf­ge­fal­len, dass ich nicht ganz sicher sagen kann, ob es nicht viel­leicht doch die Wör­ter sind, die mich zur Zähl­schne­cke machen, jene Zah­len näm­lich, die ich ins­ge­heim ver­wen­de, um in der Sum­me vor­an­zu­kom­men. Ich bin dann, wäh­rend ich das Flam­men mei­ner Zahl­wör­ter beob­ach­te­te, ein­ge­schla­fen. Ein wei­te­rer Regen weck­te mich bald auf und wie­der ver­such­te ich zu zäh­len. Die­ses Mal zähl­te ich flüs­ternd und ich zähl­te lan­ge. Jetzt weiß ich, dass ich flüs­ternd schnel­ler zäh­len kann, als schwei­gend nur in Gedan­ken Zah­len notie­rend. Was ist das über­haupt für eine Stim­me in mei­nem Kopf? Fan­gen wir noch ein­mal von vorn: Auch am ver­gan­ge­nen Abend, wie man mir erzähl­te, wur­de kurz nach zehn Uhr in Tehe­ran unter glanz­vol­len Ster­nen von den Dächern nach Frei­heit gesun­gen. — stop

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von der hölle von der hoffnung

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tan­go : 1.17 — Ein Freund erzählt von Näch­ten, die er vor 30 Jah­ren in den gefähr­lich gewor­de­nen Stra­ßen und auf den Dächern über der Stadt Isfa­han ver­brach­te. Das Rufen tau­sen­der Stim­men: Allah-o-Akbar. Wir haben das erfun­den, um den Schah zu ver­trei­ben, auch älte­re Men­schen konn­ten sich in die­ser Wei­se bemerk­bar machen. Wir kämpf­ten für Demo­kra­tie, hör­ten BBC, um her­aus­zu­fin­den, ob irgend­je­mand wahr­nimmt, was mit uns geschieht. Kannst Du ver­ste­hen, wie ich mich jetzt füh­le? — Furcht­bar wur­den sie betro­gen, eine Gene­ra­ti­on im Exil. – Kurz nach Mit­ter­nacht. Fereshteh Gha­zi, jun­ge Jour­na­lis­tin, notiert: Tonight, like past nights, the chants of “Allah-o-Akbar” were heard on roof tops of Tehr­an & other cities. Seit Tagen schreibt sie sich die Fin­ger wund. Per­sian­ki­wi aber, des­sen Zei­chen ich vie­le Stun­den lang auf dem Bild­schirm erwar­te­te, ist ver­stummt. Vor­ges­tern noch Zei­len auf Twit­ter fol­gen­de: > just in from Baha­re­stan Sq — situa­ti­on today is ter­ri­ble — they beat the ppls like ani­mals 3:34 PM Jun 24th I see many ppl with bro­ken arms/legs/heads — blood ever­y­whe­re — pep­per gas like war 3:35 PM Jun 24th 
they were wai­ting for us — they all have guns and riot uni­forms — it was like a mou­se trap — ppl being shot like ani­mals 3:53 PM Jun 24th saw 7/8 militia bea­ting one woman with baton on ground — she had no defen­se not­hing — sure that she is dead 3:55 PM Jun 24th so many ppl arres­ted — young & old — they take ppl away — we lose our group 3:59 PM Jun 24th ppl run into alleys and militia stan­ding the­re wai­ting — from 2 sides they attack ppl in midd­le of alleys 4:01 PM Jun 24th all shops was clo­sed — nowhe­re to go — they fol­low ppls with heli­c­op­ters — smo­ke and fire is ever­y­whe­re 4:03 PM Jun 24th pho­ne line was cut and we lost inter­net — get­ting more dif­fi­cult to log into net 5:05 PM Jun rumour they are track­ing high use of pho­ne lines to find inter­net users — must move from here now 5:09 PM Jun 24th reports of street fight­ing in Vanak Sq, Tajrish sq, Azadi Sq — now — Sea of Green — Allah Akbar 5:14 PM Jun 24th in Baha­re­stan we saw militia with axe cho­ping ppl like meat — blood ever­y­whe­re — like but­cher — Allah Akbar — 5:16 PM Jun 24th they catch ppl with mobi­le — so many kil­led today — so many inju­red — Allah Akbar — they take one of us — 5:18 PM Jun 24th Lale­zar Sq is same as Baha­re­stan — unbe­le­va­ble — ppls mur­de­red ever­y­whe­re — 5:19 PM Jun 24th they pull away the dead into trucks — like fac­to­ry — no human can do this — we beg Allah for save us — 5:23 PM Jun 24th Ever­y­bo­dy is under arrest & cant move — Mou­sa­vi — Kar­rou­bi even rumour Khat­a­mi is in house guard — 5:28 PM Jun 24th we must go — dont know when we can get inter­net — they take 1 of us, they will tor­tu­re and get names — now we must move fast — 5:34 PM Jun 24th thank you ppls 4 sup­port­ing Sea of Green — pls remem­ber always our mar­tyrs — Allah Akbar — Allah Akbar — Allah Akbar 5:36 PM Jun 24th Allah — you are the crea­tor of all and all must return to you — Allah Akbar 5:39 PM Jun 24th — stop
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hologramm

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echo : 12.01 — Immer wie­der eine Erschei­nung auf Posi­ti­on 50°6’N 8°38’W, ein Wesen, eine Frau, die einem Infer­no ent­kom­men oder eine Erfin­dung sein könn­te. Grau­es, stau­bi­ges, öli­ges Haar. Ihr von Leid gezeich­ne­tes Gesicht. Ihre von Schmutz star­ren­den und doch fein­glied­ri­gen Hän­de. Plas­tik­tü­ten, die sie in gebück­ter Hal­tung geräusch­voll durch die Abtei­le der Abend­zü­ge zerrt. Ihr Blick, der berührt, der mich wahr­zu­neh­men scheint, unend­lich trau­rig, unend­lich müde. Sie bet­telt nicht. Sie isst nicht. Sie trinkt nicht. Sie fährt nur Zug oder sitzt irgend­wo in den War­te­hal­len des Flug­ha­fens her­um und ver­bin­det ihre ent­zün­de­ten Füße. Nie habe ich ihre Stim­me gehört, nie sie schla­fend oder betrun­ken vor­ge­fun­den, auch nachts um drei Uhr nicht vor den Schal­tern der Luft­han­sa. Sie wird gedul­det. Sie könn­te eine Mut­ter sein. Wen erwar­tet sie? Wohin will sie flie­gen? Was ist gesche­hen? — stop

ping

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zoé valdés

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lima : 0.03 — Die sanf­te, sin­gen­de Stim­me Zoé Val­dés. Wie sie erzählt, sie habe in Havan­na mit Freun­den nachts Roma­ne kopiert, um sicher sein zu kön­nen, kost­ba­re, ver­bo­te­ne Tex­te nie­mals zu ver­lie­ren. Beson­de­re Bücher, stel­le ich mir vor, die zu jeder Zeit nur dann in ihre Tie­fen les­bar, also hör­bar, also denk­bar sind, indem sie von Hand auf wei­te­re Papie­re über­tra­gen wer­den. Abends über den Tischen des Hof­gar­tens das fei­ne Orkan­licht der Pro­pel­ler­kä­fer. — stop

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murmansk

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romeo : 0.15 — Ich war im Zug ges­tern Abend in Mur­mansk gewe­sen. Am Hafen saß ich, und das Eis auf dem sich sanft bewe­gen­dem Meer schin­del­te zu mei­nen Füßen. Ein ros­ti­ges U‑Boot war da noch und jun­ge Matro­sen, sie spiel­ten mit Äpfeln und wink­ten. Indem ich so war­te­te und die Geräu­sche des Eises und die Stim­men der See­leu­te bewun­der­te, flat­ter­ten Koli­bris um mei­nen Kopf her­um. Sie tru­gen win­zi­ge Pelz­müt­zen und Pelz­ja­cken und ihre Flü­gel brumm­ten in der glas­kla­ren Luft nor­di­scher Mit­tags­stun­de. Dann wach­te ich auf, fuhr in einer Stra­ßen­bahn spa­zie­ren, öff­ne­te mei­nen Kof­fer und schon ist Mit­ter­nacht gewor­den. Ob ich viel­leicht noch immer schla­fe, noch immer träu­me? — stop

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