raymond carver goes to hasbrouck heights

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echo : 22.12 – Es ist die Welt des Raymond Carver, die ich betrete, als ich mit dem Bus die Stadt verlasse, west­wärts, durch den Lincoln­tunnel nach New Jersey. Der Blick auf den von Steinen bewach­senen Muskel Manhat­tans, zum Greifen nah an diesem Morgen kühler Luft. Dunst flim­mert in den Straßen, deren Fluchten sich für Sekun­den­bruch­teile öffnen, bald sind wir ins Gebiet nied­riger Häuser vorge­drungen, Eiszapfen von Plastik funkeln im Licht der Sonne unter Regen­rinnen. Der Busfahrer, ein älterer Herr, begrüßt jeden zustei­genden Gast persön­lich, man kennt sich hier, man ist schwarz oder weiß oder gelb oder braun, man ist auf dem Weg nach Hasbrouck Heights, eine halbe Stunde Zeit, deshalb liest man in der Zeitung, schläft oder schaut auf die Land­schaft, auf rostige Brücken­riesen, die flach über die sump­fige Gegend führen. Und schon sind wir ange­kommen, ein liebe­voll gepflegter Ort, der sich an eine steile Höhe lehnt, einstö­ckige Häuser in allen mögli­chen Farben, groß­zü­gige Gärten, Hecken, Büsche, Bäume sind auf den Zenti­meter genau nach Wünschen ihrer Besitzer zuge­schnitten. Nur selten ist ein Mensch zu sehen, in dem ich hier schlen­dere von Straße zu Straße, werde dann freund­lichst gegrüßt, how are you doing, ich spüre die Blicke, die mir folgen, Bäume, Blumen, Gräser schauen mich an, das Feuer der Azaleen, Eich­hörn­chen stürmen über sanft geneigte Dächer: Habt ihr ihn schon gesehen, diesen fremden Mann mit seiner Pola­roid­ka­mera, diesen Mann ohne Arme! Gleich wird er ein Bild von uns nehmen, wird klin­geln, wird sagen: Guten Tag! Ich habe Sie gerade foto­gra­fiert. Wollen Sie sich betrachten?

groundzerosekundenzeit

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charlie : 22.18 – Kurz nach sechs Uhr abends. Church Street. Auf einer Treppe sitzt ein Mann in einem dunklen Anzug, weißem Hemd, blauer Krawatte. Seit bald einer Vier­tel­stunde, Akten­koffer zwischen den Beinen, Hände gefaltet, verharrt er in dieser Weise bewe­gungslos, schaut in den Luft­raum über Ground Zero. Press­luft­hämmer sind zu hören, Tauben picken über den Boden. Eine Armlänge entfernt von dem Mann, der zu beten scheint, balan­ciert ein sehr viel jüngerer Mann auf den Schul­tern eines weiteren jungen Mannes. Er hält mit einer Hand einen Foto­ap­parat so weit wie möglich in die Höhe, um eine Foto­grafie jenes Ortes aufnehmen zu können, der hinter einem Bauzaun verborgen liegt. Das sieht so aus, als versuche er rück­wärts in die Zeit vorzu­dringen, als wolle er noch etwas vom Verschwun­denen, vom Schre­cken doku­men­tieren, all das finden viel­leicht, was dort nicht mehr ist, so gründ­lich wurde aufge­räumt. Wie er jetzt von den Schul­tern des Freundes springt, fällt ihm der Foto­ap­parat aus der Hand. Der kleine Blech­kasten schep­pert über den Gehsteig, Tauben fliegen auf. Auch der Blick des betenden Mannes bewegt sich, flackert für einen Moment in den Räumen der Zeit. – stop
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central park – liegend

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tango : 15.28 – Im Central Park für Stunden. Einmal lege ich mich ins Gras und notiere was ich sehe : Hunde, zum Beispiel, Riesen­pudel im weißen Pelz, rosa­farben die Haut ihrer Gesichter, Krea­turen, Menschen­hunde, die uralte Bäume markieren. Das feine, helle Grün der Kronen, wisperndes Licht, als wär noch Früh­ling, solche Bäume, die geduldig flanie­rende Personen beschirmen. Und Läufer, männ­liche und weib­liche Läufer, leicht bekleidet, entspanntes Lächeln, wie von unsicht­baren Fußsänften getragen. Vier Poli­zisten, je mit Mütze, schweres Gerät klim­pert in der Mitte ihrer runden, festen Körper. Eisver­käufer streiten am Ufer eines Sees, auf dem Funk­steu­er­boote segeln. Ein verliebtes Paar ist da noch, sie liegen, und ein weiteres, ein gleich­gül­tiges Paar lungert auf einer Bank, die Frau einer­seits türmt mit zartesten Bewe­gungen ihrer rot bemalten Zehen Baum­sa­menspreu zu Gebirgen, der Mann ande­rer­seits beob­achtet ein fili­granes Wesen, das von Leib­wäch­tern umringt über eine Wiese nord­wärts schreitet. Ich schlafe bald ein. Eine nord­ame­ri­ka­ni­sche Biene, brum­mend. Das meeri­sche Blau des Himmels. Zwei Luft­bal­lons wippen vorüber, als würden sie auf eigenen Beinen gehn. – stop

ping

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echo : 17.18 – Da war ein junger Mann, der leise zu seinem Hand­te­lefon sprach, eine Beschwö­rung ohne Pause in einem Subwayzug auf dem Hoch­gleis über Brooklyn. Als der Zug in den Tunnel taucht, als die Funk­über­tra­gung längst abge­bro­chen ist, spricht er weiter wohin? – stop

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in der paukenhöhle

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echo : 16.02 – Ich habe mir eine Maschine vorge­stellt, derart fili­gran konstru­iert, dass ich sie meinen inneren Ohren zufügen könnte, und zwar in nächster Nähe der Gehör­knö­chel­chen, eine Trafo­ma­schine, 50 mg von Gewicht und mit bloßem Auge kaum noch zu erkennen. Dort in den Pauken­höhlen befind­lich, würde das Maschi­nen­wesen in physi­ka­li­scher Weise Strom erzeugen, würde durch die Bewe­gung eines Gedan­kens gesteuert, Geräu­sche der Welt dämpfen, das heißt bremsen, aber niemals verstärken. Je lauter die Welt, in der ich mich befinde, je leiser ich sie höre, desto heller das Glüh­bir­nen­licht, das von gesam­melten Strömen zuneh­mender Stille entzündet sein wird.

ebola

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echo : 15.57 – Kleinste Waffen­tiere. stop. Sagen wir : Ebola : Pocken : Marburg : Antrax. stop. Schlafen wir in unseren Welt­städten nur deshalb noch fried­lich, weil wir nicht denken, wovon wir wissen? – stop
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pong pong

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alpha : 2.01 – Kuriose Beob­ach­tung heut Nacht. Ich saß auf meinem Sofa und dachte an eine Appa­ratur, die in der Lage sein könnte, Bücher in einem vorge­ge­benen Rhythmus selbst­ständig umzu­blät­tern. Über zwei Arme sollte diese Maschine verfügen, gleich­wohl über finger­ähn­liche Fort­sätze, einen Motor und Sensoren, empfind­lich für Licht. Während ich die Maschine in meinem Kopf zusam­men­setzte, notierte ich die Anzahl der Schrauben, die bald einmal im wirk­li­chen Leben zur Festi­gung nötig sein werden, hand­schrift­lich auf ein Blatt Papier. Immer wieder, wenn ich in meiner Arbeit gestört wurde, setzte ich neu an. Das ist nämlich sehr merk­würdig mit Maschinen, die ich erfin­dend montiere, sie verschwinden voll­ständig aus dem Sinn, sobald ich nur für eine Sekunde meine Arbeit zu unter­bre­chen habe, sagen wir, weil ich höre wie draußen auf der Straße Schritte laufen. Eigent­lich ist diese Nacht über­haupt unge­eignet, eine Kopf­ma­schine zu bauen. Ich habe die Fenster meiner Wohnung geöffnet, ein leichter Wind fährt durch die Kronen der Bäume vorm Haus. Diese Bäume im Dunkeln sind Kasta­nien. Sie machen Nuss­musik, pong, pong.

radare

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ginkgo : 20.58 – Palmen­garten. Die Sonne geht gegen sechs Uhr unter, Enten schlafen zu meinen Füßen. Der Schirm ihrer Augen, der sich regel­mässig öffnet, als würden sich in ihren kleinen Köpfen Halb­schalen von Perl­mutt­haut langsam drehen. Gehen und Kommen, Wieder­ho­lung, Rhythmus, Radare. Trans­fe­rierte in der Dämme­rung hand­schrift­liche Texte aus Notiz­bü­chern in die Schreib­ma­schine, das kann man jetzt drucken, die Bewe­gung der Subway­züge, die sich in meinen Zeichen zur Unle­ser­lich­keit fort­setzte, verschwunden. – Wie spre­chen, wie erzählen? – Erin­nerte mich an den Moment, da ich erfahren habe, dass Buckel­wale zur Paarungs­zeit über eine Sprache verfügen, die einfa­chen mensch­li­chen Spra­chen ähnlich ist. Seither, von Zeit zu Zeit, die Wieder­ho­lung der Frage, was ich unter einer einfa­chen mensch­li­chen Sprache verstehen sollte, die atem­lose Sprache der Lust viel­leicht oder die Sprache der Chat­räume? Ob eine dieser mensch­li­chen Spra­chen viel­leicht geeignet wäre, sich mittels einer Prozedur der Über­set­zung von Wal zu Mensch zu verstän­digen? Wir könnten uns vom Land und von der Tiefsee erzählen. Eine gran­diose Vorstel­lung, auf hoher See Luft perlend vor einem Wal zu schweben und zu warten und zu wissen, dass er gleich, nach ein wenig Denk­zeit, zu mir spre­chen wird. Etwas also sagen oder singen, das nur für mich bestimmt ist. Viel­leicht eine weitere Frage: Wie heißt Du, mein Freund? – Oder: Ich hörte von Bäumen!
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die alte margareta spricht vom sterben

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nordpol : 18.15 – Nach­mittag. Wolken tief. Regen heut aus nächster Nähe auf meinen Schirm herab. Auch von der Seite her Tropfen, die so leicht sind, dass sie mit meinem Atem zurück gegen den Himmel fliegen. Mit Schreib­ma­schine sitz ich und beob­achte ein hand­li­ches Kino. Dort das Gesicht einer uralten Frau. Sie heißt Marga­reta, die Marga­reta aus Wien. Marga­reta ist 91 Jahr alt. Von einem bösen Krebs schwer gezeichnet, spricht sie im Ster­be­hospiz in einer heiteren Weise Gedanken in die Kamera, die mich berührten, als ich sie zum ersten Mal hörte, so dass ich mir vorge­nommen hatte, jeden ihrer Sätze in einer eigenen Text­spur fest­zu­halten. Heute nun ist Margareta’s Tag. Immer wieder halte ich den Film an und notiere Wort für Wort was Marga­reta zum Sterben sagt: Ich glaub’s nicht gar so. Ich glaub’s nicht, dass man in den Himmel kommt. Weil, mit was soll man denn? Ja, mit der Seele, nicht! Die Seele kommt in den Himmel. Ja, aber wer ist denn die Seele? Das weiß man dann auch nicht. Ich sag das nur, weil Sie mich gefragt haben. Weiß ich nicht, wie das dann geht! Ich hab eine Cousine gehabt, die war sehr christ­lich. Wenn die nur einmal nicht in die Kirche gegangen war, aber sie hat mir gesagt damals, sie war ein 18er Jahr­gang, ich bin ein 14er, mein Bruder war ein 17er, und sie hat gesagt: Das glaub ich nicht, dass es nach dem Tod noch was gibt. Sie meint halt, dass wenn man stirbt, dass es dann aus ist. Ich weiß es auch nicht. Aber ich schlafe jetzt auf die Nacht ein, und in der Früh werd ich munter, das hab ich jetzt drei Mal schon gemacht, da denke und da träume ich gar nichts, so richtig nichts. Dann denk ich mir, siehst du, so wär das Sterben. Aber es ist halt so. Nein, so richtig weiß ich es nicht. Aber ich bin ja schon knapp davor. Mit 91 sind Sie knapp vor dem Sterben. Müssen Sie ja sein. – Marga­reta hebt einen kleinen Löffel vom Tisch. - Mein Gott, gar nichts essen möchte ich am Liebsten.
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voyager

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ulysses : 22.00 – Wie ich lernte, meine Schuhe zu binden. Eine Sekun­de­n­er­in­ne­rung an den Tag, als ich zum ersten Mal mit einer Dampf­lo­ko­mo­tive aus der Stadt München heraus über Land gefahren bin. Abends sitze ich unter einem Apfel­baum nahe Landau. Ich bin müde, aber ich habe den Wunsch, im Leben weiter­zu­kommen. Irre Bewe­gungen meiner Kinder­hände über kleinen blauen Schuhen. Der Eindruck forschender Unsi­cher­heit, der in diesem Moment, Finger für Finger, wieder zu spüren ist, als würde jede Hand für sich über ein eigenes Gedächtnis verfügen. – Viel­leicht ist es sinn­voll zu sagen, dass die Raum­sonden Voyager 1 und Voyager 2 in der Sekunde ihres Starts geboren wurden.

fächer

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romeo : 2.33 – Meine blauen Kinder­schuhe. Erin­ne­rung einer Wahr­neh­mung oder Erin­ne­rung einer oszil­lie­renden Vorstel­lung?
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mangrove

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india : 22.58 – Im Palmen­garten befinden sich acht waben­för­mige Glas­häuser, die durch Schleu­sen­räume mitein­ander verbunden sind, so dass man in wenigen Minuten zunächst durch eine Wüste spazieren kann, dann durch einen Regen-, und kurz darauf durch einen Nebel­wald. Ich sitz gern dort, jenseits der Mangro­ven­ab­tei­lung im Brome­li­en­haus, und lese in wasser­festen Büchern herum. Es ist ange­nehm still. Kaum jemand verirrt sich hierher, so versteckt liegt die Wabe im Zentrum der Glas­haus­ver­samm­lung. Und viel­leicht genau aus diesem Grund, weil es von Menschen still ist, kommen dutzende, leise jaulender Wach­teln unter Bäumen zusammen, auf welchen Blumen lungern wie schla­fende Vögel. Hatte vor Stunden noch unter Luft­wur­zeln etwas Wilhelm Genazino beob­achtet. Plötz­lich bemerkte ich, dass kein Geräusch um mich herum zu hören war. Völlige Stille. Eine merk­wür­dige, eine trockene Stille. Für einen kurzen Moment der Eindruck, während des Lesens viel­leicht taub geworden zu sein. Schaute mich um, sah eine Hand auf einer Buch­seite liegen und dachte, dass ich jetzt mit dieser Hand sofort zur Beru­hi­gung ein Papier­ge­räusch erzeugen müsse. Ich blät­terte also um, und ich hörte ein Rascheln und das leise Sausen der Luft, hörte Vögel wieder pfeifen, das Tropfen des Wassers. Ich hörte meine Stimme das Wort seltsam sagen.
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