echo : 22.01 – Zu Fuß die Straße von Mdina rauf zu den felsigen Höhen, ihrem großartigen Blick südwärts über das Meer. Links und rechts der asphaltierten Straße, Felder, wie in Fächer gelegt von steinernen Wällen umgeben. In den Blättern der Kakteengewächse sitzen Schnecken in Höhlen und schmausen vom faulig gewordenen Fleisch. Was ich höre in diesen Minuten des Laufens ist der Wind, der sich an den Widerständen der wilden Landschaft reibt. Er scheint gegen die steilen Felsen, die schon in nächster Nähe sind, himmelwärts zu pfeifen, ein afrikanischer Wind an diesem Tag ein Mal mehr, ein Wind aus einem militärischen Operationsgebiet, das einen Namen trägt: Odyssey Dawn. Aber vom Krieg ist nichts zu sehen an dieser Stelle, in diesem Moment, da ich die Cliffs erreiche, wie mein Augenlicht sich zu einem Kameralicht verwandelt, wie das Land unter den Füßen weicht, wie ich für einen kurzen Moment glaube, abheben zu können und zu fliegen weit raus auf himmelblaue Wasserfläche, deren Ende nicht zu erkennen ist. Kein Flugzeug, kein Schiff, außer einem kleineren Boot, das auf dem Weg nach Misurata sein könnte, eingeschlossenen Menschen Mehl und Medikamente zu bringen. Tauben lungern im bereits tief über dem Horizont stehenden Licht der Sonne auf warmen Steinen, Eidechsen, grün und blau und golden schimmernd, sitzen erhobenen Kopfes und warten. Sie benehmen sich, als hätten sie noch nie zuvor ein menschliches Wesen gesehen. — stop
Aus der Wörtersammlung: ecke
malta : carduelis carduelis, sanfter irrer
india : 8.32 – Im Zuckerwarenladen in der Manoelstreet No 15 pendelt über der Ladentheke ein hölzerner Käfig, nicht größer als ein Schuhkarton, in dem sich ein Stieglitz befindet, ein Männchen genauer, das bis in den Abend hinein, ohne je eine Pause einzulegen, sofort mit der Öffnung des Ladens gegen acht Uhr morgens zu singen beginnt. Das ist eine Art von Gesang, die kaum in Geräuschwörtern wiedergegeben werden kann, ich höre ein dududide oder ein didididu oder ein tschirrrzid. Der Käfig hängt dicht unter der gewölbten Decke. Er scheint sich stets in leichter Bewegung zu befinden, obwohl kein Windzug zu spüren ist in den schattigen Räumen. Eine schläfrige Frau sitzt dort hinter einem Tresen von Glas, unter dem mit Whiskey, Pinienkernen und Kirschen gefüllte Pronjolatataschen sorgfältig gestapelt lagern, Kastanientorten, Orangenkuchen, kandierte Früchte aller Art, und darüber eben jener Vogel, der unentwegt jubiliert oder nach Hilfe ruft. Er sitzt auf einer Stange immer an derselben Stelle, dreht oder neigt ein wenig seinen Kopf zur Seite hin und scheint die Bewegung seiner Wohnung in der Luft, allein durch die Vibration seines Körpers im Gesang hervorzurufen. Manchmal verschließt der Vogel mittels eines silbernen Häutchens, das weitgehend durchsichtig sein könnte, ein Auge. Nach ein oder zwei Sekunden nur ist er wieder zurück. Er scheint aufmerksam zu beobachten, wie ich in mein Notizbuch notiere, was ich von ihm höre. Ein sanfter Irrer. — stop
malta : 81er bus
echo : 22.05 – Sagen wir das so: Ich bin heute, an diesem sonnigen Montag mit dem Bus hin und her übers Land gefahren, mit einem 81er-Bus, mit Luca’s Bus, und zwar die Strecke von Valletta nach Rabat bis rauf zu den Dingli Cliffs, von wo man weit aufs Meer hinaus südwärts nach Afrika schauen könnte, wenn die Erde nicht rund wäre wie wir sie vorgefunden haben. Luca ist ein Busfahrer aus Leidenschaft. Er trägt ein blaues Hemd, seine Arme sind gebräunt wie sein Gesicht, rechts, von wo die Sonne kommt, etwas stärker als von links. 47 Cent kostet eine einfache Fahrt nach Rabat. Jeder, der hereinkommt, wird begrüßt: Welcome, welcome! Dann 15 Kilometer stetig dem Himmel zu, links und rechts der Straße, Spuren von Weizen, Tomaten, Kartoffeln, Inseln blühender Blumen, Mohn und Margeriten und Linien von Kakteenpflanzen, als seien Meereswellen zu fleischigen Blattkörpern gefroren für alle Zeit. Da und dort ein Dorf, Büsche, Orangenbäume, Windräder, Funkantennen. Nach einer Stunde kommt man dann an in Rabat oder Mdina, man weiß jetzt, dass man über einen Knochenkörper verfügt, und man ahnt, dass Luca seinen Weg noch finden würde, wenn er einmal blind geworden sein sollte. Luca sammelt Marienbilder wie ich Überraschungen sammle, Momente wie diesen, da Luca bemerkt, dass ich nicht aussteigen, dass ich wieder mit ihm zurückfahren werde, dass der Bus und er selbst für mich bedeutender sind, als Orte und Landschaft, die wir durchreisen. Jetzt darf ich ihn fotografieren und sein Armaturenbrett, Diesel, Diesel! Und ich darf ihm eine Frage stellen, ich wollte nämlich wissen, ob es für ihn denkbar ist, seinen Bus einmal bis hin unter die Decke mit Wasser zu füllen, ob er sich vorstellen könne, mit einem Bus voll lebender Fische über Land zu fahren. Luca’s Hupe, eine Lufttrompete. — stop
malta : manoelstreet
echo : 22.56 – Im Aufzug des Hauses Manoelstreet No 8 sitzt eine Schnecke mit gelbem Gehäuse auf dunklem Furnier. Bald werde ich erfahren, dass es von Hölzern genommen wurde, die Engländer vor langer Zeit nach Malta importierten, Bäume dieser Farbe wachsen hier nicht aus der roten Inselerde, aber niedrige Orangen und Zitronengewächse. Wenn man abends im Wind, der von der See her in die Stadt spazieren kommt, in einem der kleineren Parks lange genug wartet, kann man die Früchte fallen hören, weiche, seufzende Geräusche, kaum wahrnehmbar. — Später Abend. Während der Fahrt vom Flughafen her in einem uralten Bus durchgeschüttelt, habe ich ein Ohr verloren. Ich trage es behutsam in der Hosentasche den Flur entlang zu meinem Zimmer, das von warmer Farbe ist, eine Tür, die von selbst ins Schloss fällt, ein Balkon hin zum Meer, irgendwo da draußen in der Dunkelheit soll es schon lange existieren. Still die Stadt an diesem Abend, wenige Stimmen, klappernde Töpfe, die Glocken einer Kirche zur vollen Stunde, nichts weiter. Wie ich mein Ohr betrachte, das auf dem Bett liegt, noch immer knisternd vom Sturzflug aus größer Höhe kurz nach Sizilien unter Turbulenzen hindurch, dieser seltsame Eindruck eines Tage währenden Zwischenraumes, nicht mehr zu Hause und doch schon im Süden angekommen, unwirklich, alles ist denkbar. Seh mich nach Mitternacht über eine Katzenstraße der Stadt Valletta gehen. Das Meer aus nächster Nähe, brausend aus dem unendlichen, dunklen Raum heran, friedlich an dieser Stelle zu dieser Stunde. — stop
zenitschnecke
tango : 20.56 – Das Erfinden ist ganz sicher eine Übung des Lauschens. — stop
flugübung
india : 20.58 – Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich aufstehen und mich sofort vom Erdboden lösen könnte. Eine merkwürdige Idee. Machte mich unverzüglich an die Arbeit, malte mir aus, wie ich durch den Raum schweben würde, zum Beispiel auch auf dem Kopf, die Schuhe zur Decke hin. Ich spürte leichten Schwindel, als wär ich betrunken. Schwebte so ein paar Minuten im Raum herum und wie ich zurückkomme, liegt mein Kopf, als hätte ich mir den Hals verbogen, auf der linken Schulter. – Ob es wohl möglich ist, an diesem Donnerstagabend bei hoher Geschwindigkeit die Wände meiner Zimmer zu begehen? — stop
fernsehmaschine
tango : 22.08 — Bilder von der Fernsehmaschine, die einem Albtraum entkommen. Das Meer reißt menschliches Leben an sich, eine gewaltige, flüssige Faust, die auf schwankendes Land niedergeht. Atomare Höllenhitze in zerbrechlichen Gefäßen. Ein kleiner Junge steht unter Nadelbäumen, erhobene Hände, vor einer erwachsenen Person, die einen Schutzanzug trägt. Der Astronaut misst, ob das Kind gefährlich geworden ist. Uralte Menschen ruhen in der kalten Luft auf Bahren in Decken gewickelt dicht über dem Boden, Neugeborene in ihren letzten Lebenstagen, die mit wild gewordenen Augen den Himmel betasten. Von Stunde zu Stunde zählen Kommentatoren in den Sprachen dieser Welt Geisterzahlen, Tote, Vermisste, Verletzte. Da ist ein brausendes Geräusch, schwarzes Wasser, das Autos, Schiffe, Häuser durch enge Straßen landeinwärts drückt, Hupen, blechernes Krachen, keine menschlichen Stimmen. Am Strand dann aber ein Mann, der zu einer Kamera spricht. Er sagt, er glaube, sich in einem Horrorfilm zu befinden, er wisse nicht, ob er träume. Mit einem festen Griff reißt er an der Haut seines Gesichtes. Das Unsichtbare schon anwesend. Weit draußen auf dem offenen Pazifischen Ozean treibt ein weiterer Mann. Er steht auf dem Dach seines eigenen Hauses. — stop
luftteilchen
romeo : 6.02 — Wie mich das begeistert, Details einer Geschichte nachzudenken, feinsten Teilchen einer Wirklichkeit, die später einmal unsichtbar sein werden in der Zeichenlinie auf Papieren, nur für mich wahrnehmbar im Moment der Erfindung. Ein Duft. Ein Geräusch. Die Farbe der Wolken über einer Landschaft. Oder eine Bewegung. Die Bewegung einer Hand, eines Mundes, einer Schrift. Das Murmeln einer Stimme im Schlaf. Gestern habe ich darüber nachgedacht, welcher Art ein Geschenk sein könnte, das ich mit mir nehmen würde, wenn ich ein befreundetes Ehepaar besuchte in seiner wohlgestalteten Wohnung, die eine menschliche Wohnung ist, aber eben vollständig mit Wasser gefüllt. Ich dachte, dass ich ihnen eine Schmuckschnecke zum Geschenk machen sollte, ein ganz besonderes Exemplar von der Größe einer Hand, das nun über die Wände der unterseeischen Behausung gleiten und musizieren würde, warme, leise pfeifende Geräusche. Diese freundliche Molluske könnte von innen her blau beleuchtet sein, so weit lässt sich das gut denken. Wie aber verpacke ich mein Geschenk, ja, wie zum Teufel lassen sich 2 Pfund Süßwasserschnecke artgerecht verschnüren? — stop
gebäck
ginkgo : 6.05 — War bei Harrods gewesen, ein hell ausgeleuchteter Saal. Verkäuferinnen in grünen Overalls stapelten kunstvoll menschliche Arme und Beine und Köpfe auf Tische. Klare, in den Augen schmerzende Substanz fiel von der Decke. Bald darauf Kurzstreckenfahrt im U‑Bahnwaggon. Ein feuchter menschlicher Arm ruhte auf meinen Oberschenkeln. Dieser Arm nun war in Zeitungspapier gewickelt, seiden weiße Substanz tropfte auf den Boden. Gleich gegenüber ein Mann und eine Frau. Das Gesicht des Mannes dampfte. Die Frau, die eine Melodie vor sich hinsummte, schälte mit einem Teelöffelchen grammschwere Fleischproben aus den Wangen des Mannes, um sie entweder sofort zu verzehren oder weiteren Fahrgästen darzubieten. — stop. — Montag. stop. Duke Ellington : Take the “A” Train. stop. Es ist denkbar, dass ich über das Gedächtnis eines Elefanten verfüge. — stop
kairobildschirm
sierra : 0.05 — Wie sich eine Welle vom Strand zurückzieht, entziehen sich die Geräusche des Tages nachtwärts den Straßen. Vielleicht ist die Stunde von 2 bis 3 Uhr die Stunde der leisesten Geräusche, oder aber jene Stunde von 3 bis 4 Uhr, da die Herzen der Schlafenden so vorsichtig schlagen, dass man sie zur Sicherheit wecken möchte. — stop. — Nachmitternachtstunden in Kairo, Ägypten. monasosh via twitter for blackberry : > 2 mins away from the square. U? — Common ppl, be nice, atleast give us a chance to feel happy abt the possibility of him stepping down even if the battle isn’t over yet. — BREAKING: New Facebook upgrade option is called Mubarak. You click on quit and nothing happens. — enta fi heliopolis? How many r u? — chants, everything is peaceful. — A group of protesters marched to the presedential palace in Heliopolis. All is peaceful & they r spending the night there. — I am hereinfront of TV building, a lot of ppl r still in Tahrir, maybe no one tweeting :) — Ppl are chanting “here are the liars” while pointing at ppl looking at us from the TV building. — Amazing energy, ppl just seem to recycle their anger into positive blasts of energy. Chants and drums & whistles all over.
interview tahrir square februar 2011 kurz vor ausbruch staatlicher gewalt gegen aktivisten/innen auf dem platz source : zero silence project