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kilimandscharo : 6.51 — Einmal nur für eine Stunde oder zwei, je Inuit, Chinese, Marokkaner, Franzose, Kurde, Tutsie, Israeli oder Norweger sein, um hören zu können, wie die deutsche Sprache von dort aus klingt. — stop

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kilimandscharo : 6.51 — Einmal nur für eine Stunde oder zwei, je Inuit, Chinese, Marokkaner, Franzose, Kurde, Tutsie, Israeli oder Norweger sein, um hören zu können, wie die deutsche Sprache von dort aus klingt. — stop

echo : 2.05 — Gestern, am späten Abend, wurde ich während meiner Arbeit von einem Eichhörnchen beobachtet. Das kleine Tier kauerte im Kirschbaum auf Höhe der Fenster meines Arbeitszimmers gut sichtbar im Licht einer Straßenlampe. Beinahe wollte ich meinen, dass es sich mit Absicht zeigte. Seine Augen leuchteten rötlich, als wären sie Taschenlampen. Ich trat vorsichtig ans Fenster und schon war das Tier verschwunden. Es war also fast Mitternacht gewesen, ich versuchte zu diesem Zeitpunkt ein Experiment zu wiederholen, das ich vor 5 Jahren bereits erfolgreich im Internet unternommen hatte. Krapp war mit meiner Hilfe in Chaträumen zu Sprache gekommen. In einem 30-Sekundenrhythmus wiederholte er Sätze, die Samuel Beckett für ihn notierte. Eine halbe Stunde arbeitete ich mich damals voran, als in der künstlichen Welt auf Krapp reagiert wurde. Das war ein faszinierender Vorgang gewesen, ein Ereignis, das sich gestern leider nicht wiederholte. Extraordinary silence this evening. Wie ich es auch versuchte, Krapp wurde nicht bemerkt oder wurde unhöflicherweise ignoriert. Hier nun noch einmal das Dokument aus dem Jahr 2007: >

Versuchsanordnung >
20.05 – 20.07 Uhr MEZ
Krapp im Chat
[Login OK]
[Krapp joined channel Welcome!]
[82users in channel Welcome!]
RickJ2!!: Bye bye.
Krapp: „Have just eaten I regret to say three bananas and
only with difficulty refrained from a fourth.“
Gulli_S2: Hotmail?
[katsu left channel Welcome!]
UrFixation: Omg, stop it with the banana story.
Krapp: „Fatal things for a man with my condition.“
2005Guy!!: Ur…is getting visuals..lol
Gulli_S2: Hotmail
[muff’ joined channel Welcome!]
Krapp: „Extraordinary silence this evening.“
UrFixation: lol
UrFixation: I am
RickJ2!!: Some old stories krapp.
[muff’ left channel Welcome!]
Devilish.fr is away from keyboard.
UrFixation: Flashbacks
UrFixation: lol
Gulli_S2: Fuck you!
Krapp: „I strain my ears and do not hear a sound.“
RickJ2!!: lol
[Gulli_S2 left channel Welcome!]
2005Guy!!: I bet…not pretty
UrFixation grins evilly.
RickJ2!!: Watch out gulli
Krapp: „Just been listening to an old year,
passages at random.“
[2HOT4YOU left channel Welcome!]
AngusYoung: I just found out i have lung
cancer and it sucks!
RickJ2!!: aww
Krapp: „I did not check in the book, but it must
be at least ten or twelve years ago.“
UrFixation: Where did that come from?
[GuitarAddicted left channel Welcome!]
2005Guy!!: Woaw.
[Playboylovers joined channel Welcome!]
Krapp: „Now the day is over.“
2005Guy!!: Zackly.
SlicKgirl: Should i simply mute him?
[Muff joined channel Welcome!]
RickJ2!!: Same stories krapp, right?
[Kalkan left channel Welcome!]
[Space Monkey left channel Welcome!]
Muff greets all.
Krapp: „Night is drawing nigh-igh.“
[Porto-boy joined channel Welcome!]
2005Guy!!: I thought i just had dezavu…
RickJ2!!: Get it??
Playboylovers: hi dudes
Playboylovers: lol
Krapp: „Shadows.“
2005Guy!!: Don’t know how to spell it..lol
[AngusYoung left channel Welcome!]
RickJ2!!: Hey baaby
[Bryan1997_4_you joined channel Welcome!]
[Desiree left channel Welcome!]
Bryan1997_4_you: Hi all
Muff: Chess game anybody?
Bryan1997_4_you: Anyone wanna chat
RickJ2!!: Krapp do you know english?
[Andriy!!!! left channel Welcome!]
[Lana-puma-hoty joined channel Welcome!]
19-m-Francais: Kein Deutsch hier?
UrFixation: Nein
Muff: RickJ2 do you fancy me.
Krapp: „Past midnight. Never knew such silence.
The earth might be uninhabited.“
Thebigone greets all.
[BlackScorpion left channel Welcome!]
[JoeNY left channel Welcome!]
Bryan1997_4_you: hi courtney
RickJ2!!: what u mean muff
[Country-Boy joined channel Welcome!]
Muff: RickJ2 why do u ignore me?
Porto-boy greets all.
[Krapp left channel]
[Welcome!]

marimba : 6.22 — Das Vergessen ist nicht gerade eine meiner Stärken. Ich kann mich noch nach Jahren an jedes schwierige Gespräch erinnern, wo es sich ereignete, mit wem ich mich unterhalten hatte und worüber. Dafür vergesse ich auf dem Weg von meinem Arbeitszimmer in die Küche, weshalb ich mich eigentlich in Bewegung setzte. Auch die Uhrzeit vergesse ich gerne, Telefonnummern, Passwörter, Namen, ganze Bücher, dass sie existieren, Buchstaben, meinen Regenschirm. Einmal wäre ich beinahe im Herbst ohne Schuhe auf die Straße getreten. Genau genommen bin ich im Vergessen leichtfüßiger, als ich dachte. Ich vergesse aber leider in vielen Fällen nicht, was ich gerne vergessen würde. Heute habe ich bemerkt, dass ich versäumte, also vergessen habe, in einem Buch weiterzulesen, das ich im Mai zuletzt in Händen gehalten habe. Vielleicht erinnern Sie sich, es handelte sich um Pete L. Munki’s Roman Nautilus. Der Erzähler der Geschichte, ein junger Mann namens Zezito Lopes, ruhte zuletzt im 10. Stock eines Hauses in der Lexington Avenue auf einer Treppenstufe. Früher Nachmittag. Ein schwerer Behälter von gepanzertem Glas, in dem sich zwei Fische der Gattung Nautilus befanden, stand neben dem wartenden Mann auf dem Boden. Ich erinnerte mich damals, dass der junge Mann, er war ein gut trainierter Träger, sich kurz darauf erhoben hatte, um an einer der Wohnungstüren, die auf den Flur führten, zu klingeln und nach einem Glas Wasser zu fragen. Unverzüglich wurde geöffnet, ein Gespräch entwickelte sich, in dessen Folge Zezito Lopes sich bückte, seinen gepanzerten Behälter in die Hände nahm und mit ihm in der Wohnung verschwand. So weit, so gut. Als ich das Buch im Mai im Zug geöffnet hatte, konnte ich die markierte Textstelle nicht finden. Sofort der Gedanke, ich hätte möglicherweise fantasiert, eine beunruhigende Vorstellung. Nicht minder beunruhigend schien mir der Gedanke gewesen zu sein, das Buch selbst könnte sich verändert haben, weiter- oder umgeschrieben worden sein, obwohl sich das Buch, auch nachts, immer in meiner Nähe aufgehalten hatte. Zu Hause angekommen legte ich das Buch unter andere Bücher auf meinem Schreibtisch ab, wo ich es heute wieder entdeckte. Als ich das Buch öffnete, war das Buch leer. Kein Zeichen zu finden, nur der Titel der Geschichte: Nautilus. Darunter ein weiterer Satz: Bitte warten. Pete L. Munki. — stop

tango : 6.28 — Nehmen wir wieder einmal an, ich könnte die Geschwindigkeit meines Sprechens für einen ganzen Tag bestimmen, etwa so, als würde ich die Drehgeschwindigkeit einer Schallplatte durch das Umlegen eines Hebels verändern. Würde ich mich beschleunigen oder würde ich mich bremsen? Spreche ich so schnell oder so langsam wie vor Jahren noch? — stop
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alpha : 6.38 — Ich gehe ein paar Schritte nach links, dann gehe ich ein paar Schritte nach rechts. Sobald ich gehe, denke ich in einer anderen Art und Weise, als würde ich noch sitzen. Ich habe schon viel nachgedacht, während ich ging. Und ich habe schon viel vergessen, während ich ging. Wenn ich gehe, kommen die Gedanken aus der Luft und verschwinden wieder in die Luft. Wenn ich sitze, kommen die Gedanken aus meinen Händen. Sobald ich einmal nicht schreibe, ruhen meine Hände auf den Tasten der Schreibmaschine und warten. Sie warten darauf, dass eine Stimme in meinem Kopf diktiert, was zu schreiben ist. Ich könnte vielleicht sagen, dass meine Hände darauf warten, mein Gedächtnis zu entlasten. Was ich mit meinen Händen in die Tastatur der Maschine schreibe, habe ich gedacht, aber ich habe, was ich schrieb, nicht gelernt, nicht gespeichert, weil ich weiß, dass ich wiederkommen und lesen könnte, was ich notierte. Seltsame Dinge. Ich denke manchmal seltsame Dinge zum zweiten oder dritten Mal. Gerade eben habe ich wahrgenommen, dass es nicht möglich ist, zwei Zeichen zur selben Zeit auf meiner Schreibmaschine zu schreiben, immer ist ein Zeichen um Bruchteile von Sekunden schneller als das andere Zeichen. Wenn ich seltsame Dinge gedacht habe, freue ich mich. Wenn ich mich freue, kann ich nicht bleiben, wo ich bin. Die Freude ist ein Gefühl, das mich in Bewegung versetzt. Ich springe auf, wenn ich saß, oder ich springe in die Luft, wenn ich bereits auf meinen Beinen stand. Dann gehe ich ein paar Schritte nach links, dann gehe ich ein paar Schritte nach rechts. Sobald ich gehe, denke ich in einer anderen Art und Weise, als würde ich noch sitzen. — stop

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charlie : 6.54 — Otto Lilienthal soll als junger Mann ein Schlafgänger gewesen sein wie mein Vater. Ich erinnere mich, dass er einmal erzählte, er habe während früher Forschungszeit sein Bett mit einem „leichten Mädchen“ geteilt. Nachts schlief er auf ihrem Lager, tags sie auf dem Lager meines Vaters. Eine merkwürdige Vorstellung. Sie sind sich, wenn ich mich nicht irre, persönlich nie begegnet sein, aber ihren Gerüchen, Wärme, einem Körperabdruck, Haar. — Kurz vor Sonnenaufgang. Gerade eben lese ich einen E‑Mailbrief June’s, 22. Sie schildert in lakonischer Weise ihre Erfahrung eines Präpariersaales: > Der Tag des ersten Testates: Nervosität, Übelkeit, bestanden! Glücksgefühle, ab nach Hause, schlafen! Jetzt alles tun, außer lernen. Oh, es ist schon spät, verdammt, was muss ich morgen eigentlich machen? Das werde ich in der S‑Bahn schon noch herausfinden. Dann der erste Tag des neuen Abschnitts: Arm oder doch der Kopf? Was muss ich eigentlich tun? Ich hätte mir das gestern doch noch ansehen sollen, meine Assistentin wird mir schon helfen, erst mal das Fett abtragen, da kann ich nicht viel falsch machen. Was muss ich eigentlich finden? Ach, das finde ich morgen auch noch! Endlich nach Hause! – Der 2. Tag: Was habe ich heute zu unternehmen? Verdammt, warum meint mein Assistent, dass es nicht gut ist, dass ich diesen kleinen Hautnerv noch nicht gefunden habe. Feierabend! — Der 3. Tag: Nachtarbeit, müde! — Der 4. Tag. Ich bin schon wieder nicht vorbereitet, ich hatte so viel nachzuholen, bald ist erneut Testat und ich kann noch nicht einmal mein eigenes anatomisches Gebiet erklären. – 5. Tag, zwei Tage vor dem zweiten Testat: Panik! Ich habe überhaupt keine Ahnung. Ich muss noch so viel lernen, dass das alles niemals in meinen Kopf gehen wird. Ich habe zwar schon sehr viel gelernt, aber ich habe alles, was ich lernte, wieder vergessen. — 6. Tag, letzter Tag vor dem Testat: Ich glaube, mein Präpariergebiet kann ich jetzt inwendig und auswendig, aber ich weiß nichts vom Bein! Wenn ich über das Bein gefragt werde, dann falle ich durch! Ich muss noch dringend das Bein lernen! Nein, das lern ich jetzt nicht mehr. Mut zur Lücke. Nacht! — stop

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nordpol : 5.18 — Wie Sorge nach und nach leise ein Haus betritt, in welchem Menschen leben, die alt geworden sind. Sie erscheint als ein Tier, das nicht sichtbar ist, feinstes Gewebe in Bewegungen der Hausbewohner, in der Art, wie sie miteinander sprechen oder wovon sie nicht sprechen. Vater, der an seinem Tisch sitzt im Wohnzimmer. Sein leicht geneigter Kopf. Und dieser Blick, sprechendes Licht. Bin ich nicht vielleicht viel zu langsam geworden? Kann ich noch wirklich verstehen, was ihr mir zu sagen habt? Wer bin ich überhaupt? Bin ich noch der, für den Ihr mich haltet? Was erzählt ihr Euch über mich? Habt Ihr Geheimnisse vor mir, die mich betreffen? Ich bin so müde, wie kann man nur so müde sein, wie kann man nur immerzu so gerne schlafen. – Die Hand meines Vaters, die nicht mehr schreiben kann, nicht mehr so wie früher schreiben, diese kleinen genau kalkulierten Zeichen auf begrenzter Fläche der Papiere. Und dieser Computer, der macht, was er will. Und all diese Bücher, die noch einmal zu lesen sind, über den Urknall, solche Bücher, über Ägypten, über das Leben, Schrödingers Katze. – stop

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nordpol : 6.50 — Fangen wir noch einmal von vorn an. stop. Jener warme Sommertag. stop. Mein Vater trägt helle Hosen, ein weißes Hemd, Turnschuhe, Hosenträger. Immer wieder erhebt er sich, geht überlegend auf und ab, weil ich ihm Fragen stelle, viele, schwierige Fragen. An eine dieser Fragen kann ich mich noch gut erinnern. Ich wollte wissen, ob es grundsätzlich möglich sei, die Dauer eines Momentes mathematisch in einer Formel darzustellen, in welchem ein Tropfen, der von einem Wasserspiel gegen den Himmel geworfen wird, in der Luft verharrt, ohne sich weiter aufwärts oder schon abwärts zu bewegen, also ohne Schwere ist. Leider kann ich mich an die Antwort meines Vaters nicht erinnern, aber an eine Geschichte, die mein Vater an genau jenem Tag der Wassertropfen erzählte. Diese Geschichte handelte von mir selbst. Sie soll sich ereignet haben, als ich noch sehr jung und klein gewesen war. Ich konnte damals schon laufen und sprechen, das wohl, und ich wusste, dass Weihnachtsfeste sich wiederholen, dass zur heiligen Nacht Geschenke unter einem Baum zu finden sind, und dass diese Geschenke von Engeln herbeigebracht werden. Der Geschichte meines Vaters zur Folge kauerte ich an einem Dezembertag mehrere Stunden vor einem Fenster zum Garten. Schnee war gefallen und es schneite immer weiter ohne Unterbrechung. Meine Eltern beobachteten mich genau, sie wunderten sich, weil ich mich kaum bewegte und weil ich in meiner Observation der Schneelandschaft keine Pausen machte. Nach einer gewissen Zeit kam mein Vater zu mir. Er fragte, was ich da tue, ob ich vielleicht etwas Besonderes entdeckt haben würde. Ich antwortete, dass ich auf das Erscheinen eines Engels warten würde. Wie ich denn darauf komme, dass ich gerade an diesem Tag oder überhaupt je einen Engel sehen könne, wollte mein Vater wissen. Ich erklärte, dass ich hörte, jene Geschenke, die bald unter unserem Weihnachtsbaum liegen würden, sei von Engeln gelieferte Ware, ich könne also sicher sein, dass Engel den Luftraum vor dem Fenster zum Wohnzimmer in Stundenzeit passieren würden, ich müsste nur lange genug warten, um die Erscheinung eines oder mehrerer Engel beobachten zu können. Eine Weile, erzählte mein Vater, habe er sich dann neben mich gesetzt, zwei geduldige Beobachter des Schnees, Schulter an Schulter. — stop

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olimambo : 6.42 — Ich stelle mir eine Maschine vor, die fliegen kann, eine kleine Maschine, nicht größer als eine Murmel in Kinderhand. Zarteste Rädchen und Schrauben und Gewinde sind in ihrem Innern zu finden, Batterien von der Größe eines Bergschneckenherzens weiterhin, sowie eine äußerst filigrane Funkantenne, ein Linsenauge und Mikrofone oder Ohren, die in der Nähe des Auges derart montiert worden sind, dass sie in der Lage sein könnten, eben genau jene Geräusche aufzuzeichnen, die sich vor dem Auge des Flugwesens einmal abspielen werden. Vielleicht darf ich verraten, dass es vornehme Aufgabe der Maschine sein wird, zu schauen und eben zu fliegen. Man fliegt mittels Propellern, die sich so schnell bewegen, dass kein menschliches Auge sie wahrnehmen kann. Ein helles Summen oder Pfeifen ist in der Luft, und ich dachte, man könnte sich vielleicht an Moskitofliegen erinnert fühlen, sobald sich eine der kleinen Maschinen näherte, obgleich sie niemals stechen, nur Lichtproben nehmen. Darüber hinaus gehend stellte ich mir Läden vor, die sich wie Stützpunkte für Flugmaschinen benehmen, Magazine, die überall in unserer Welt existieren werden. Für drei oder vier Dollar die Stunde könnte ich mir von meinem Computer aus ein fliegendes Auge leihen, um an einem schönen Sommerabend, im November zum Beispiel, in Buenos Aires durch die Luft zu spazieren. – stop

~ : oe som
to : louis
subject : KORALLEN
date : jul 31 12 4.37 p.m.
Seit 552 Tagen nun befindet sich Taucher Noe vor Neufundland in 820 Fuß Tiefe von einem eisernen Anzug umfangen. Es ist ein Wunder wie gut sich Noe hält. Jeden Morgen, wenn ich unseren Funkraum betrete, lausche ich in die Tiefe, freu mich, wenn ich Noe’s lesende Stimme oder seinen Atem höre. Während meines Besuches vor Kurzem im Mai, habe ich Korallengewächse von seinem Gehäuse entfernt, Schnecken und andere kleine Tiere, die sich dort festgesetzt hatten. Ich beobachtete Noe sehr genau, seinen Blick, seine Augen hinter der gepanzerten Scheibe. Wie er sich doch über meinen Besuch gefreut hatte, gemeinsam schaukelten wir durchs Meer vielleicht einhundert Meter eines Weges in ewiger Dämmerung auf und ab. Ich hielt mich fest an seinen Anzug gepresst. Kurz vor meiner Rückkehr an die Wasseroberfläche fragte ich Noe, ob er noch eine Weile aushalten würde, dieser Blick, lieber Louis, dieser Blick. Manchmal denke ich bei mir, wir sollten aufhören, wir sollten ihn zurückholen. Aber immer dann, wenn wir Noe in Bewegung setzen, wenn wir ihn anheben wollen, beginnt er zu protestieren, ein seltsames Geräusch, das ich so nie zuvor vernommen habe. Aus dem heutigen Tag ist ein äußerst angenehmer Sommertag geworden. Das Meer vollständig ohne Bewegung. Fliegenschwärme stehen dicht über dem Wasser. Wir haben keine Vorstellung, woher sie kommen und wohin sie wollen. Noe liest mir sanfter Stimme seit fünf Stunden aus einem weiteren Unterwasserbuch, Robert Walsers Geschichten, das wir vor einer Woche fertigstellen konnten: Es gibt Vormittage in Schusterwerkstätten, Vormittage in Straßen und Vormittage auf den Bergen, und letztere mögen so ziemlich das Schönste auf der Welt sein, aber ein Bankhausvormittag gibt entschieden noch mehr her. – Ahoi! Bis bald einmal wieder Dein OE SOM
gesendet am
31.07.2012
1877 zeichen

