Aus der Wörtersammlung: einmal

///

south ferry : ein mann

2

del­ta : 0.32 — Im Was­ser das Wüh­len der Schrau­ben, die sich der Fahrt des Schif­fes ent­ge­gen­stem­men. Dann Ruhe, Stil­le, eine aus­at­men­de Bewe­gung, indem sich die Fäh­re dem Lan­de nähert, glei­ten­de Fahrt. Fang­ar­men einer Got­tes­an­be­te­rin ähn­lich lau­ern Gang­ways in den Schat­ten der Hafen­ter­mi­nals. Ein Matro­se steht dort, sehr gefähr­lich, hoch über schäu­men­dem Was­ser. Es ist das letz­te Schiff sei­ner Schicht, drei­ßig Fäh­ren hat er an die­sem Tag schon in der Annä­he­rung gese­hen. Am Bug ste­hen Men­schen, sie wer­den grö­ßer, er kann Gesich­ter erken­nen, ihren Atem in der kal­ten Luft. Man­che foto­gra­fie­ren. Ande­re ver­su­chen in der Men­ge einen Platz zu errei­chen, von dem aus sie unver­züg­lich los­lau­fen wer­den, ein klei­ner Vor­sprung, ein oder zwei Minu­ten Zeit. Das Schiff kommt von der Sei­te her, von rechts, es schrammt an schwe­ren Holz­pfäh­len ent­lang, sie geben nach unter dem Gewicht des mäch­ti­gen Kör­pers, ein Äch­zen, die rei­sen­den Men­schen suchen Halt in die­ser Sekun­de, dann, in einer sanf­ten Bewe­gung dreht sich das Schiff, kommt näher, schmiegt sich an, so dass kei­ne Hand, nicht die kleins­te, zwi­schen Schiff und Steg gelegt wer­den könn­te. Das ist der Moment, da der war­ten­de Mann den Weg in die Stadt frei­ge­ben, das ist der Moment, da er den war­men Geruch der Men­schen wahr­neh­men kann. Ein Tier kommt auf ihn zu, es ist eine Schlan­ge, die drei oder vier Minu­ten sei­ner Zeit an ihm vor­über­zie­hen wird. Gera­de war sie noch schweig­sam, jetzt spricht sie, sie spricht an ihrem Kopf und auch von ihren Sei­ten her. Und da ist ein offe­ner Blick, den der Mann viel­leicht wahr­neh­men kann, mein Blick, ein Blick, der sich um ihn küm­mert, der sich auf den Land­ma­tro­sen vor­be­rei­tet hat­te, der ein­sam­meln will, jede ein­zel­ne sei­ner Bewe­gun­gen, um sie spä­ter ein­mal wie­der­ho­len zu kön­nen. — stop

///

central park : grammophon

2

fox­trott : 0.15 — Im Cen­tral Park zur Mit­tags­zeit ein beten­der Mann, Mos­lem, Rik­scha­fah­rer, der Höhe 61. Stra­ße unter einer mäch­ti­gen, weit­ver­zweig­ten Ulme kniet, viel­leicht unter einem jener Bäu­me, deren Setz­lin­ge im Jahr 2008 nach Ore­gon geschickt wur­den, um sie dort groß­zu­zie­hen und wie­der nach Man­hat­tan zurück­zu­ho­len. Das kla­gen­de Sin­gen der Kin­der­schau­kel. Ein Eich­hörn­chen hetzt über eine Wie­se. Bald kau­ert das Tier in der Nähe des beten­den Man­nes, scheint ihn zu beob­ach­ten. Ich könn­te jetzt war­ten, bis der Mann mit sei­nem Gebet fer­tig gewor­den ist. Ich könn­te mich zu ihm in sei­ne Rik­scha set­zen. Wir könn­ten gemein­sam durch den Park fah­ren. Ich könn­te ihm eine Geschich­te erzäh­len. Ich könn­te erzäh­len, dass ich soeben noch in einem Café hör­te, wie eine jun­ge, lus­ti­ge Mut­ter von ihrer Absicht berich­te­te, ihren Sohn, der noch nicht gebo­ren wor­den ist, mit dem Namen „Gram­mo­phon“ zu ver­se­hen. Das ist eine wirk­lich auf­re­gen­de Geschich­te, die ich tat­säch­lich sofort erzäh­len soll­te. Ich soll­te den jun­gen Mann wei­ter­hin fra­gen, ob er mir viel­leicht erklä­ren wol­le, wes­halb es lebens­ge­fähr­lich für mich sein könn­te, wenn ich mich fra­gend über Moham­med, den Pro­phe­ten, äußern wür­de. Viel­leicht wür­de der jun­ge Mann brem­sen, viel­leicht sich unver­züg­lich von sei­nem Fahr­rad schwin­gen. Wir wür­den uns auf eine Bank set­zen und Geschich­ten erzäh­len von Gram­mo­pho­nen, von Pro­phe­ten und wie es ist, im Win­ter Rik­scha zu fah­ren. Und viel­leicht wür­de ich ihm dann noch vom Schnee erzäh­len, den ich als Kind aus der Luft gefan­gen habe. Ja, so könn­ten wir das machen, sofort, gleich, wenn der beten­de Mann sich erhe­ben wird. — stop

///

hell’s kitchen : ballroom

2

alpha : 20.02 — Die Port Aut­ho­ri­ty Bus­sta­ti­on Höhe 42. Stra­ße soll die größ­te Bus­sta­ti­on der Ver­ei­nig­ten Staa­ten sein, 7200 Auto­mo­bi­le ver­las­sen oder errei­chen an einem durch­schnitt­li­chen Tag das Gebäu­de in der Nähe des Hud­son Rivers. Ich soll­te ein­mal von hier aus nach Mexi­ko fah­ren oder rauf nach Alas­ka oder Neu­fund­land, ein Ort der Kof­fer, der Ruck­sä­cke. Ich habe Men­schen beob­ach­tet, die aus einem ande­ren Jahr­hun­dert kom­mend hier ein­ge­trof­fen zu sein schei­nen, Frau­en mit Röcken bis zum Boden, Män­ner in Kni­cker­bo­cker­ho­sen, Golf­schu­hen, hel­len Som­mer­ja­cken inmit­ten des Win­ters in einem sich lang­sam dre­hen­den Wir­bel von Kör­pern. Im Erd­ge­schoss des Gebäu­des befin­det sich in einem Gehäu­se von Glas und Stahl eine Maschi­ne, die mit Bil­lard­ku­geln spielt, eine Skulp­tur des Künst­lers Geor­ge Rhoads. Man kann sie weit­hin hören, klin­geln­de, rat­tern­de Geräu­sche, und das Glück der Kin­der beob­ach­ten, die mit ihren Augen den Kugeln fol­gen, wel­che von der Schwer­kraft in Bah­nen gegen den Boden gezo­gen wer­den. Ein Wesen, das bei Tag und bei Nacht arbei­tet, indem ein Auf­zug, von einem klei­nen Elek­tro­mo­tor ange­trie­ben, jene stein­har­ten Bäl­le in die Höhe hebt, um sie bald wie­der los­zu­las­sen in ein Laby­rinth mög­li­cher Bah­nen. Es ist ein wenig so, als wür­de die Maschi­ne spre­chen oder sin­gen oder spie­len, selbst­ver­ges­sen, hei­ter, leicht. Ich muss mich nicht wun­dern, ein­mal waren alle Kugeln, weiß der Him­mel, war­um, aus ihren Bah­nen gesprun­gen, und ich hat­te den Ein­druck, die ver­stumm­te Maschi­ne sei aus dem Leben gegan­gen. Gera­de eben, es ist Mon­tag­abend gewor­den, fällt mir ein, dass ein Freund unlängst erzähl­te, dass er sehr trau­rig sei, weil sei­ne Groß­mutter im unge­fäh­ren Alter von 105 Jah­ren in Afri­ka gestor­ben sei. Sie habe noch eine Wüs­ten­spra­che gespro­chen, die ohne Zei­chen gewe­sen war für Papie­re, Holz, Stein, Erde. — stop

///

manhattan : zuccotti park

2

marim­ba : 17.55 — Die fol­gen­de Geschich­te, oder Tei­le die­ser Geschich­te, haben sich in mei­nem Leben nicht gera­de so ereig­net, wie ich sie erzäh­len wer­de. Ich habe sie mir aus­ge­dacht, das heißt, die Geschich­te, die von einer Piz­ze­ria berich­tet, ist mir ein­ge­fal­len, als ich tat­säch­lich genau die­se erzähl­te Piz­ze­ria besuch­te in der Green­wich Street nahe dem Zuc­cot­ti Park. Ich war eini­ge Stun­den in der Fäh­re zwi­schen Man­hat­tan und Sta­ten Island gepen­delt, hat­te Geräu­sche auf­ge­nom­men, foto­gra­fiert und über Gerü­che notiert. Saß nun auf einem Hocker am Fens­ter des klei­nen ita­lie­ni­schen Ladens in der Wär­me, aß und trank und schau­te auf den Zaun, hin­ter dem sich unmit­tel­bar das Gelän­de des World Trade Cen­ters befin­det. Ich ver­such­te mir vor­zu­stel­len, wie die­ser Ort den Ein­sturz der rie­si­gen Gebäu­de über­ste­hen konn­te, was in die­sen Räu­men gesche­hen war in den Minu­ten der Kata­stro­phe. Fens­ter könn­ten gebors­ten, Tisch und Stüh­le vom Luft­druck der Staub­wol­ke durch den Raum geschleu­dert wor­den sein. Viel­leicht hat­ten sich Men­schen bis hier­her geflüch­tet, viel­leicht waren sie ver­letzt, viel­leicht waren sie an die­ser Stel­le gestor­ben, erstickt, erschla­gen oder ver­brannt. Der klei­ne Laden jeden­falls hat­te sich gut erholt. Kei­ner­lei Spur von der Höl­le, die sich in nächs­ter Nähe ent­fal­tet hat­te. Auch der Mann hin­ter dem Tre­sen wirk­te kräf­tig und gesund, obwohl der Lärm der gewal­ti­gen Bau­stel­le hin­ter dem Zaun an sei­nen Ner­ven gezerrt haben muss­te. Ich über­leg­te, ob er Augen­zeu­ge gewe­sen sein könn­te, beob­ach­te­te ihn eine Wei­le, und als er sich ein­mal näher­te, frag­te ich ihn. Der Mann mus­ter­te mich mit einem schnel­len Blick, ohne zu ant­wor­ten. Bald stand er wie­der hin­ter sei­nem Tre­sen, so als wäre nichts gesche­hen, kei­ne Gegen­fra­ge, kein Ver­such, in der Zeit zurück­zu­kom­men. Ich konn­te in die­sem Moment nicht ein­mal sagen, ob ich tat­säch­lich gefragt oder mir die Fra­ge nur vor­ge­nom­men hat­te, auch ob der Mann so lan­ge geschwie­gen hat­te, bis ich mich der Türe näher­te, um auf die Stra­ße zu tre­ten, konn­te ich nicht mit Sicher­heit behaup­ten. Sei­ne Stim­me in die­sem Moment: It was hor­ri­ble! Dann wie­der das Rat­tern der Motor­schrau­ber. Im Park, im berühm­ten Zuc­cot­ti Park, eine Hand­voll Men­schen von Poli­zis­ten umringt. Kei­ne Zel­te, kei­ne Möwen, aber Tau­ben, Tau­ben, Tau­ben. — stop

///

union square : funkempfänger

2

ulys­ses : 0.08 — Im Taxi, in eine Wand ein­ge­las­sen, die den Raum des Fah­rers von mei­nem Raum sorg­fäl­tig trennt, ein Fern­seh­ge­rät, das sich nicht aus­schal­ten lässt. Über­haupt schep­pert das Fahr­zeug in einer Wei­se, als wären sämt­li­che Schrau­ben, die am Mor­gen die­ses schö­nen Tages zu lösen gewe­sen waren, mit Absicht frei­ge­las­sen. Es ist ein altes Taxi, eines, das man foto­gra­fie­ren könn­te, es wäre nicht mög­lich, zu sagen, in wel­chem Jahr in New York man sich genau befin­det, nicht ein­mal das Jahr­zehnt wäre ein­deu­tig fest­zu­stel­len, in die­sem Taxi könn­te mein Vater noch gefah­ren sein, zu einer Zeit, da ich selbst noch kaum des Lau­fens mäch­tig gewe­sen war. Viel­leicht lässt sich das Fern­seh­ge­rät des­halb nicht aus­schal­ten, weil es eigent­lich nicht in die­ses Fahr­zeug gehört, es ist eine nach­träg­lich ein­ge­bau­te Per­sön­lich­keit, die Sequen­zen einer aktu­el­len Wirk­lich­keit emp­fängt und wie­der­gibt. Irgend­wo muss das Auto über einen Funk­emp­fän­ger ver­fü­ge für Fern­seh­wel­len. Gera­de sehen wir Mr. Rom­ney, aber wir hören ihn nicht, weil das Auto­mo­bil schep­pert und weil der Fah­rer ver­sucht sich mit mir zu unter­hal­ten, wäh­rend ich ver­su­che, ihm mit­zu­tei­len, dass ich das Fern­seh­ge­rät ger­ne lei­ser stel­len wür­de, oder aus­schal­ten noch viel lie­ber, um ihn, den Fah­rer ver­ste­hen zu kön­nen. Am Uni­on Squa­re hal­ten wir an, und der Mann, der mich fährt, ein sehr jun­ger, sehr kor­pu­len­ter schwar­zer Mann ver­lässt sein Auto­mo­bil, um sich die Sache mit dem Fern­seh­ge­rät näher anzu­se­hen. Eine beson­de­re Situa­ti­on ist nun ent­stan­den, weil der Fah­rer eigent­lich sein Fahr­zeug nie ver­lässt, so sieht er jeden­falls aus, es könn­te sein, dass er nicht wie­der hin­ein­fin­det in sei­nen Wagen und es ist noch dazu kei­ne Zeit für sol­che Din­ge, wir ste­hen inmit­ten des Ver­kehrs, es könn­te alles mög­li­che pas­sie­ren an die­ser Stel­le. – stop

ping

///

downtown south ferry : lorra

2

nord­pol : 0.22 — Elends­men­schen unter Decken, unter Män­teln, unter Kar­tons ver­bor­ge­ne Per­so­nen­we­sen, zer­schla­ge­ne, gefro­re­ne, eitern­de Gesich­ter zu Tau­sen­den auf der Stra­ße, in Tun­nels, Haus­ein­gän­gen, Parks. Ich kann nicht erken­nen, ob sie Frau­en oder Män­ner sind, sie spre­chen und bewe­gen sich nicht, oder nur sehr lang­sam, als wür­den sie sich in einer ande­ren Zeit befin­den. Wer noch gehen kann, wer noch über Kraft zu spre­chen ver­fügt, wan­dert in der Sub­way, eine äußerst schwie­ri­ge Arbeit, das Erzäh­len immer wie­der ein und der­sel­ben Geschich­te: Guten Abend, mei­ne Damen und Her­ren! Ich bit­te um ihre Auf­merk­sam­keit! Ich bin Lor­ra, ich bin 32 Jah­re alt, ich bin woh­nungs­los, ich habe kei­ne Arbeit, ich habe Kin­der, wir müs­sen über den Win­ter kom­men. Von Wag­gon zu Wag­gon. Von Zug zu Zug. Stun­de um Stun­de. Sie nimmt auch zu essen, zu trin­ken, Papier oder lee­re Fla­schen an. Alles hilft, sagt Lor­ra, alles hilft. Sie wird nicht ver­höhnt, ver­trie­ben oder miss­ach­tet, sie bekommt, sooft ich ihr in der Linie 5 down­town South Fer­ry begeg­ne­te, zwei oder drei Dol­lar über­reicht. Abends sitzt sie im War­te­saal der Fäh­re und schläft. Ein­mal nähert sich ein Poli­zist. Lor­ra war ein wenig zur Sei­te gefal­len. Er spricht sie an, er berührt sie an der Schul­ter: Mam, ist alles in Ord­nung? Aber Lor­ra ant­wor­tet nicht. Ein zwei­ter Poli­zist kommt hin­zu. Er fragt: Ist sie noch am Leben? Sie rich­ten die schla­fen­de Frau gemein­sam auf. Sie tra­gen jetzt Hand­schu­he von Plas­tik. Sie spre­chen so lan­ge lei­se auf Lor­ra ein, bis sie die Augen öff­net. Dann macht sie die Augen wie­der zu. — stop

ping

///

greenwich village : verschwinden

2

echo : 0.12 — New York ist ein aus­ge­zeich­ne­ter Ort, um unter­zu­tau­chen, zu ver­schwin­den, sagen wir, ohne auf­zu­hö­ren. Ich stell­te mir vor, wie ich in die­ser Stadt Jah­re spa­zie­ren wür­de und schau­en, mit der Sub­way fah­ren, auf Schif­fen, im Cen­tral Park lie­gen, in Cafés sit­zen, durch Brook­lyn wan­dern, ins Thea­ter gehn, ins Kino, Jazz hören, sein, anwe­send sein, gegen­wär­tig, ohne auf­zu­fal­len. Ich könn­te exis­tie­ren, ohne je ein Wort zu spre­chen, oder viel­leicht nur den ein oder ande­ren höf­li­chen Satz. Ich könn­te Nacht,- oder Tag­mensch sein, nie wür­de mich ein wei­te­rer Mensch für eine län­ge­re Zeit als für eine Sekun­de bemer­ken. Sehen und ver­ges­sen. Wenn ich also ein­mal ver­schwin­den woll­te, dann wür­de ich in New York ver­schwin­den, vor­sich­tig über Trep­pen stei­gen, jeden Rumor mei­den, den sen­si­blen New Yor­ker Blick erler­nen, eine klei­ne Woh­nung suchen in einer Gegend, die nicht all­zu anstren­gend ist. In Green­wich Vil­la­ge viel­leicht in einer höhe­ren Eta­ge soll­te sie lie­gen, damit es schön hell wer­den kann über Schreib­tisch und Schreib­ma­schi­ne. Ich könn­te dann bis­wei­len ein Ton­band­ge­rät in mei­ne Hosen­ta­sche ste­cken und einen oder zwei mei­ner Tage ver­zeich­nen, nur so zur Vor­sicht, um nach­zu­hö­ren, ob ich nicht viel­leicht schon zu einer selbst spre­chen­den Maschi­ne gewor­den bin. — stop
ping

///

roosevelt island : lawrence

2

ulys­ses : 1.58 — Wol­ken­lo­ser Him­mel. ‑8° Cel­si­us. Ich tra­ge heu­te zum ers­ten Mal Law­rence spa­zie­ren unter Man­tel, Pull­over, Hemd unmit­tel­bar auf mei­ner Haut, ein Schlan­gen­we­sen mit einem klei­nen Kopf, der in der Nähe mei­nes Hal­ses zu lie­gen gekom­men ist. Dort lurt er jetzt unterm Schal her­vor, man muss sich das ein­mal vor­stel­len, Lawrence’s sand­far­be­nen Kopf ohne Augen, Ohren, Nase, aber von einem Mund beseelt, den ich mit getrock­ne­ten Speck­strei­fen füt­te­re, wäh­rend ich durch die knis­tern­de Win­ter­luft stel­ze. Ich kann Law­rence hören, er ist ein lei­ser, ein gemäch­li­cher Fres­ser. Und die Wär­me füh­len, wun­der­voll, die sein fein­häu­ti­ger Kör­per erzeugt, der mich fest umwi­ckelt, mei­ne Brust, mei­nen Bauch, mei­ne Arme, mei­ne Bei­ne. Speck für sechs Stun­den Wan­der­zeit habe ich in mei­ne Taschen gepackt. Es ist jetzt 10 Uhr vor­mit­tags, um kurz vor vier Uhr nach­mit­tags soll­te ich zurück­ge­kom­men sein, dann sehen wir wei­ter. Sonn­tag ist gewor­den. Und so gehen wir an die­sem Sonn­tag also spa­zie­ren, Law­rence und ich. Zunächst gehen wir die 5th Ave­nue nord­wärts und ein wenig durch den Cen­tral Park. Tau­sen­de hel­ler Wölk­chen stei­gen dort aus den Mün­dern tau­sen­der New Yor­ker Men­schen. Höhe 67. Stra­ße dre­hen wir wie­der um, lau­fen zurück, fol­gen der 59. Stra­ße west­wärts, bis wir den East River errei­chen, Roo­se­velt Island Tram­sta­ti­on. In der Seil­bahn über­ge­setzt, ein­mal hin und sofort wie­der zurück, Ping­pong. In einem Baum, 61. Stra­ße, lun­ger­ten Hun­der­te schla­fen­der Tau­ben, als wären sie Blü­ten. — stop

ping

///

spulen

2

sier­ra : 15.01 — Ich hat­te eine Spu­le digi­ta­ler Spei­cher­schei­ben von einem Zim­mer in ein ande­res Zim­mer getra­gen. Wie ich über eine Tür­schwel­le tre­te, wur­de mir bewusst, dass ich in mei­nen Hän­den 500 Fil­me trans­por­tier­te oder 750 Stun­den Zeit, die ver­ge­hen wür­de, wenn ich jeden die­ser Fil­me ein­mal betrach­ten soll­te. Ich setz­te mich auf mein Sofa und leg­te eine der Schei­ben in mei­nen Com­pu­ter. Kaum 2 Minu­ten waren ver­gan­gen, und schon hat­te ich 5 Fil­me, die auf dem Daten­trä­ger seit Jah­ren gespei­chert waren, von ihrem ursprüng­lich Ort in einen Kas­ten von der Grö­ße einer Zigar­ren­schach­tel trans­por­tiert. Mein Com­pu­ter arbei­te­te indes­sen so lei­se, dass ich mein Ohr an sein Gehäu­se legen muss­te, um gera­de noch sei­nen Atem ver­neh­men zu kön­nen. Zwei Stun­den atme­te mein Com­pu­ter, in dem er alle Fil­me der Spu­le, Schei­be um Schei­be, in den klei­nen Kas­ten, der neben ihm auf dem Sofa ruh­te, trans­fe­rier­te. Dann hol­te ich eine wei­te­re Spu­le und setz­te mei­ne Arbeit fort, bis auch die­se Spu­le und ihre Fil­me in das Käst­chen über­tra­gen waren, Spu­le um Spu­le, eine Nacht ent­lang. Nun ist das so, dass sich in mei­nem neu­en Film­ma­ga­zin unge­fähr 3000 Fil­me befin­den, ohne dass das Daten­käst­chen grö­ßer oder schwe­rer gewor­den wäre. Ich glau­be, ich habe etwas Welt ver­dich­tet, einen Raum gespei­cher­ter Film­be­trach­tungs­zeit ver­klei­nert, eine Mög­lich­keit der Zeit, die sich selbst nicht ver­än­dert haben soll­te. — stop

ping

///

sonar

ping

ping

sier­ra : 11.28 — Im Den­ken von Zeit zu Zeit laut und deut­lich aus­ge­spro­che­ne Wör­ter: Das ist unglaub­lich, nein, fan­gen wir noch ein­mal von vorn an, was habe ich zunächst gedacht? — Hör­ba­re Sät­ze. Atol­le. — Ich über­leg­te, wie viel Zeit von einem Gedan­ken zum nächs­ten Gedan­ken ver­geht, und was in die­ser Zeit, die ich ohne einen Gedan­ken zu ver­brin­gen mei­ne, eigent­lich geschieht. Ein selt­sa­mes Gefühl, die Vor­stel­lung der Gedan­ken­stil­le. Eine Besich­ti­gung der Luft. War­ten. Lau­schen. — stop



ping

ping