nordpol : 4.52 — Im Wartezimmer hockte ein Junge von ungefähr fünf Jahren auf einem Stuhl. Er war noch so klein, dass seine Füße den Boden nicht berührten. Als er bemerkte, dass ich ihn beobachtete, holte er ein Telefon aus seiner Hosentasche und tippte eine Nummer. Kurz darauf klingelte das Telefon einer Frau, die dem Jungen gegenübersaß. Sie las in einer Zeitung. Als sie das Klingelgeräusch hörte, lächelte sie, ohne ihre Lektüre zu unterbrechen. Der Junge steckte sein Telefon in die Hosentasche zurück und rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Einmal beugte er sich vor und band seine Schuhe. Von unten herauf schaute er mit dunklen Augen in meine Richtung. Wieder holte er das Telefon aus seiner Hosentasche, tippte eine Nummer, und das Telefon der Frau, die dem Jungen gegenübersaß, klingelte erneut ein oder zwei Minuten lang, dann legte der Junge auf. Er hüpfte vom Stuhl, rannte in einem weiten Bogen durch das Zimmer an wartenden Patienten vorbei und kletterte auf den Schoß der Frau mit der Zeitung, die sie für einen Moment wortlos zur Seite legte, um sie auf den Knien des Jungen bald wieder zu entfalten. Auch der Junge sagte kein Wort, er versuchte jetzt in der Zeitung zu lesen, er schien darin Übung zu haben. — stop
Aus der Wörtersammlung: geräusch
auf dem nachtschiff
ulysses : 5.12 — Einmal wartete ich auf meinem Sofa, plötzlich schlingerte der Boden. Suchte nach meiner Brille und wartete weiter. Alles still, mitten in der Nacht. Da schaukelte das Sofa wieder, der Boden bewegte sich tatsächlich, auch eine Stehlampe in meiner Nähe machte merkwürdige Geräusche. Vom Fenster im 5. Stock meines Hauses aus war nicht zu erkennen, ob jemand bemerkte, was ich beobachtete, Vögel flogen herum, obwohl es dunkel war. Kaum zurück auf dem Sofa, bebte das Möbelstück zum dritten Mal, ein Schwingen, sanft, ein Schlingern, zwei Spinnen hasteten über die Wand, ich verfasste einen Bericht für die Erdbebenwarte. Ich schrieb: Sehr geehrte Damen und Herren, Vögel und Spinnen. Es war um kurz nach drei Uhr. — stop
5 Uhr 2
nordpol : 7.08 — Alle Wörter, sobald ich sie anhalte, werden zu einem Geräusch: Venenstern. — stop
am nachttisch
india : 3.02 — Ich träumte von Winterfliegen. Als ich aufwachte, erinnerte ich mich, vor Jahren einmal über Winterfliegen nachgedacht zu haben. Ich notierte Folgendes: Die Gattung der Winterfliegen sollte in eisiger Umgebung existieren, in Höhlen, die sie mit ihren Fliegenfüßen persönlich in den Schnee eingraben. Vielleicht, das ist möglich, sind Winterfliegen von Natur aus eher kühle Wesen, oder aber sie tragen einen wärmenden Pelz, ein Fell, wie das der Eisbären, weiche, weiße Mäntel von Haut und Haar, die ihre äußerst langsam schlagenden Herzen schützen. Diese Fliegen, dachte ich, werden einhundert Jahre oder älter, sie könnten sich von feinsten Stäuben ernähren, vom Plankton, das aus den vom Wind gebeugten Wäldern angeflogen kommt, von Moosen, Birkenpollen, vom Kotsand nordischer Füchse. Ich stellte mir vor, sie sind weiß, so weiß, dass man sie nicht sehen wird, wenn sie über den Schnee spazieren. Man wird meinen, der Schnee bewege sich selbst oder es wäre der Wind, der den Schnee bewegt, stattdessen sind es die Fliegen, die nicht größer sind als jene Fliegen, die nachtwärts im Sommer aus einem Apfel steigen. – Ein ruhiger Tag, Augen zu, warm, Sonne. — Abends sitze ich in der Küche am Tisch. Ich öffne eine Schreibmaschine, die ich vor drei Jahren aus dem aktiven Schreibmaschinenleben in mein Schreibmaschinenmuseum transferierte, um nachzusehen, ob ich sie vielleicht noch einmal in Gang setzen könnte. Kleine Schrauben türmen sich zu einem Berg, es riecht nach Metall, nach Zinn, wie in der Kindheit, wenn ich meine Nase an Radiogeräte drückte. An der Wand in nächster Nähe hockt Esmeralda, sie scheint mich zu beobachten oder das Innere der Schreibmaschine. Aus dem Nebenzimmer dringen noch immer Kampfgeräusche, Schüsse von Gewehren, helle Töne, als würden Kieselsteine aneinander schlagen. Auch große Kaliber sind zu vernehmen, deren genaue Bezeichnungen ich nicht kenne, Mörser vielleicht, Panzerkanonen, Maschinenwaffen. Ein Mann, ich möchte seinen Decknamen an dieser Stelle nicht verzeichnen, sammelt Filme in der digitalen Sphäre, die er zu endlosen Ketten knüpft, Szenen aus dem syrischen Bürgerkrieg, zuletzt von dem Kampf um Kobanê. Personen stehen auf einer Straße, sie feuern auf Häuser, plötzlich fallen sie um. Ein junger Mann hüpft vor dem Körper einer jungen Frau, die auf dem Rücken liegt, ein Teil ihres Gesichtes fehlt. Der junge Mann preist Gott, er stellt seinen Stiefel auf die Brust der jungen Frau, die vermutlich, nein sicher, gegen ihn kämpfte. Bärtige Männer eilen gebückt über Felder, einem der Männer fliegt ein Arm davon. — stop
vor dem bildschirm
echo : 6.22 — Würde ich in dieser Minute aus meiner Haut fahren, sagen wir, oder mit einem Auge meinen kleinen Körper verlassen und etwas in der Zeit zurückreisen, dann könnte ich mich selbst beobachten, einen Mann, der an einem Abend in der Küche steht, einen Mann, der Tee kocht, er spricht mit sich selbst. Er sagt: Heute machen wir das, heute ist es richtig. Ein Bündel Melisse zieht durchs flimmernde Wasser, bald trägt der Mann eine dampfende Tasse durch den Flur ins Arbeitszimmer. Er schaltet seine Schreibmaschine an, sitzt auf einem Gartenstuhl vor einem Bildschirm und arbeitet sich durch elektrische Ordner in die Tiefe seiner Verzeichnisse voran. Eine Viertelstunde stehe ich hinter ihm und seh ihm zu. Dann erhebt sich der Mann, er steht jetzt zwei Meter vom Bildschirm entfernt und wartet. Der Bildschirm ist aus der Entfernung gesehen handlicher geworden, ein kleines Fenster von Licht. Dort kniet ein Mensch auf dem Boden, ein Mensch, der sich fürchtet. Eine Stimme ist zu hören, eine schrille Stimme. Sie spricht scheppernd Sätze in arabischer Sprache, unerträglich diese Geräusche. Der Mann vor dem Schreibtisch tritt einen weiteren Schritt zurück. Er scheint flüchten zu wollen. Zwei Finger seiner rechten Hand formen einen Ring, er hält ihn vor sein linkes Auge, während das rechte Auge geschlossen bleibt. So verharrt er, leicht gebeugt, bewegungslos, zwei Minuten, drei Minuten. Einmal ist sein Atem zu hören, heftig. Kurz darauf steht der Mann wieder in der Küche, er lehnt mit dem Rücken am Kühlschrank, denkt, dass es schneit und spürt Unruhe, die lange Zeit in dieser Heftigkeit nicht wahrzunehmen gewesen war. Ein Mensch, Daniel Pearl, wurde zur Ansicht getötet. Was machen wir jetzt? — stop / Koffertext 12 Feb. 2010 : In diesen Tagen sprechen die Mörder der IS englische Sprache.
katta
delta : 1.28 — In den Abteilungen des Regenwaldes : 28° Celsius. Schwere, feuchte Luft wie ein warmes Tuch, das ich mit jedem Atemzug durch meine Lunge ziehe. Noch tropft kühles Wasser einer Regenmaschine von den Bäumen. Ein Katta badet auf einem steinernen Tisch, an dem ich Platz nehme, ohne sich von meiner Gegenwart stören zu lassen. Vielleicht habe ich nach Wochen, die ich unter seinen Bäumen sitzend zugebracht habe, einen Abdruck in seinem Gehirn hinterlassen, der in dem Moment, da ich im Palmenhaus erscheine, anstatt Gefahr, die Gestalt einer Sultanine zeigt. Scheue, hastige Blicke tiefschwarzer Augenperlen, dann wieder heftige Bewegungen des Kopfes gegen den Stein, die präzise in der Art und Weise der Lemure vorgetragen werden. — Immer wieder die Frage: Was sieht dieser kleine Affe, wenn er mich betrachtet? Was hört er, was nimmt er von mir wahr? Ein Wesen vielleicht, das weder Bäume noch Wände des gläsernen Hauses zu besteigen vermag, einen Mann, der schreibt. Bewegungen zweier Hände gegen ein Stück leuchtendes Holz, das kaum hörbar klappert. Ein Schnurren, sobald gesetzte Zeichenfolgen aus dem vorläufigen Speicher in das tiefere Gedächtnis der Maschine übertragen werden. Ein noch deutlicher hörbares Geräusch, sobald eine Information aus dem Gedächtnis der Maschine wieder verschwindet, ein Geräusch, das dem Geräusch einer Handvoll Muschelsandes ähnelt, der durch hohle Äste eines Baumes rinnt. Eine Hand, die unsichtbar wird zunächst, um kurz darauf Früchte auf den Tisch abzulegen. — Ist diese Hand, die sich über den Tisch fortbewegt, um eine Ameise zu vertreiben, die Hand des Mannes, der nicht fliegen, der nicht klettern kann, oder ist diese Hand ein Tier für sich, das Sultaninen auf dem Tisch erzeugt, sobald der Mann, der niemals fliegt, der niemals klettert, zugegen ist? – stop
herzgeschichte
tango : 5.12 — In der vergangenen Nacht hörte ich eine Tonaufnahme, die vor einigen Jahren während eines Spazierganges an der Isar in München aufgezeichnet wurde. Ein herbstlicher Tag. Das Rauschen des Flusses, bisweilen tosende Geräusche, wie ein weiteres Gespräch im Hintergrund. Und Hunde, und Gitarrenmusik immer wieder, und Schritte, nicht die Schritte der zwei Gehenden vor dem Mikrofon, sondern Schritte entgegenkommender Passanten. Wir unterhalten uns über Arme und Beine, Muskeln, Sehnen, Nervenstränge. Einmal beginnt es zu regnen, aufschlagende Tropfen sind auf Schirmen deutlich zu hören. Aber wir verlieren kein Wort über den Regen. Die junge Frau, die an meiner Seite wandert, spricht sehr langsam, macht lange Pausen, manchmal scheint sie nicht mir, sondern dem Wasser zuzuhören. Immer wieder erkundigt sie sich, ob das gut so sei, was sie sage, ob ich eine Geschichte daraus machen könne. Sie will nicht, dass ich ihren Namen wiedergebe: Nenn mich ‚junge Frau‘ oder nenn mich ‚Studentin‘. Manchmal sei sie müde, sagt sie, weil sie bis spät in der Nacht als Platzanweiserin in einem Kino arbeite. Sie sei so müde, dass sie einmal im Präpariersaal am Tisch beinahe eingeschlafen wäre. Das Skalpell sei ihr aus der Hand gerutscht und zu Boden gefallen, da sei sie gerade noch rechtzeitig wieder ganz wach geworden. Der Job wäre aber sehr praktisch, weil sie in den Zeiten der laufenden Filme, manchmal lernen könne, sie führe ihren Taschenatlas immer in ihrer Handtasche mit sich, Notizen und das Skript. Als Kind habe sie ihren Eltern gesagt, dass ihr Herz nicht dort schlagen würde, wo es bei den anderen Kindern üblich wäre. Sie fühlte ihr Herz immer auf der rechten Seite schlagen. Niemand habe sie ernst genommen. Nicht einmal ihr erster liebster Freund habe ihr zugehört, und auch nicht ihr zweiter Freund, der immer an der falschen Stelle sein Ohr an ihre Brust gelegt habe. Der dritte Freund war ein Mediziner gewesen, ein Student, der habe endlich nicht nur nach ihr, sondern auch nach ihrem Herzen an der richtigen Stelle gesucht. Er habe gesagt: Ein Situs inversus, eine Normabweichung. In dieser Sekunde habe sie beschlossen, Ärztin zu werden. — stop
josef
echo : 5.01 — Ich weiß nicht, wie oft ich schon die Treppen in Josefs kleine Wohnung gestiegen bin. Vielleicht einhundertmal in den siebten Stock unters Dach, seit er mich mit der Aufsicht seiner Blumen beauftragte. Als ich gestern am späten Abend die Tür hinter mir schloss, entdeckte ich eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter seines Telefons. Ich war mir nicht sicher, ob ich die Nachricht vielleicht abhören sollte, ich dachte, eine wichtige Nachricht könnte hinterlegt worden sein. Also drückte ich einen Kopf und die Maschine begann alle bisher nicht gehörten Nachrichten abzuspielen, die auf ihr verzeichnet und von mir bis dahin nicht bemerkt worden waren. Rosie erkundigte sich nach Josefs Verbleib, sie waren verabredet, Josef nicht gekommen. Dr. Tauber ließ ausrichten, dass eine Untersuchung für Oktober geplant werden müsse, reine Routine, es war inzwischen Juni geworden. Im Dezember lud Emilie Josef zum Weihnachtssingen in die Schillerschule ein, es ging um ihren Enkel, der in den Chor berufen worden war. Im Januar wurden zwei Botschaften hinterlassen, je ohne eigentliche Nachricht, einmal waren Menschenstimmen zu hören, die Sirene einer Ambulanz, dann eine Stimme, die in englischer Sprache verkündete, dass der nächste einfahrende Zug in Richtung Coney Island fahren würde. Im März wieder Rosies einerseits ärgerliche, andererseits besorgte Frage: Josef, wie geht es Dir? Anfang Mai eine weitere Botschaft, die nur aus Geräuschen bestand, ich glaube, ich hörte das Dröhnen eines Schiffsmotors. Ende des Monats war ein Onkel Josefs gestorben, man bat ihn zu kommen, er sollte sprechen, weswegen man sich drei Tage später noch einmal erkundigte. Im Juni wieder Stadtgeräusche, ein Gewitter im Hintergrund, Stimmen in einer Sprache, die ich nicht kannte. Die letzte Aufnahme, die ich hörte, war von einer ganz besonderen Art gewesen, Glocken waren zu hören, Glocken, wie sie unter den Hälsen von Kühen baumeln. Es war eine sehr lange Aufnahme, kurz bevor sie endete, Josefs Stimme: Kohleralm, Sandwespengesang. — stop
im garten
ulysses : 2.28 — Um mir eine Freude zu machen, gehe ich nachts noch in den Garten. Grüne Falter mit hauchdünnen Flügeln sind unterwegs im Dunkeln. Eigentlich können sie überhaupt nicht fliegen, wie sie wollen, sondern werden von feinsten Strömungen der Luft dirigiert. Kaum habe ich meinen Mund geöffnet, liegt ein flatternder Körper auf der Zunge. Sie schmecken bitter und sie wehren sich tapfer. Diese Fliegen also, und diese Nacht, sternenklar. Ich stehe ganz still, höre einem Flugzeug zu, das südwärts fliegt. Ich warte. Plötzlich ist im Garten jenseits des Zaunes ein Geräusch zu hören. Ein Mann geht gebückt unter Bäumen. Es raschelt. Ich kenne diesen Mann, ich kenne ihn nicht gut, aber ich weiß, dass er bald eine Taschenlampe zücken und in die Knie gehen wird. Er spricht dann, aber so leise, dass ich nichts von den Wörtern hören kann, nicht einmal kann ich sicher sein, dass er Wörter spricht, vielleicht singt er nur vor sich hin, singt, während er mit einer Taschenlampe Gräser beleuchtet. Noch vor wenigen Tagen habe ich mich über den Mann gewundert. In dieser Nacht wundere ich mich nicht. Ich habe erfahren, dass der Mann sich bückt, mit seinem Licht, um nach Schnecken zu suchen. Ich stellte mir vor, der Mann würde seine Beute in eine seiner Hosentasche stecken. Aber so ist das ganz und gar nicht. Sobald der Mann eine Schnecke findet, zückt er im Licht der Taschenlampe eine Schere und schneidet die Schnecke in zwei Teile, sodass sie sich nicht mehr bewegen kann, weil sie tot ist. Ein lautloser Vorgang, so lautlos, dass ich ihn lange Zeit nicht bemerkte, ja, vielleicht niemals bemerkt haben würde, hätte ich nicht von dem seltsamen Verhalten des Mannes erzählt. Nun weiß ich, warum er sich bückt. Noch zehn Minuten, dann geht er wieder ins Haus zurück und auch ich werde nicht mehr da sein. — stop
5 uhr 3
zoulou : 5.03 — Ich erhoffe Demonstrationen auf europäischen Straßen für einen friedlichen Dialog zwischen den Bürgern Israels und den Bürgern Palästinas. Menschen ermutigen, die nicht schießen, die zuhören, die sprechen wollen. Sie existieren! — stop