romeo : 2.15 UTC — In der Nacht seltsam dunkel. Er steht auf, öffnet die Tür zur Diele. Kein Licht in der Küche. Auch nicht von der Straße her. Kühlschrank dunkel. Himmel dunkel. Fenster der Wohnungen des Hauses im vierten Stock gegenüber ohne Licht. Im Treppenhaus dort irren Taschenlampenlichter oder Mobiltelefone. Hier, sagt er laut, ist der Tisch, und hier ist der Herd und hier sind Klinke und Tür zu Bad. Er bemerkt in diesen Minuten einer Nacht ohne Elektrizität, dass er das Licht seiner Vorstellungskraft zu erhellen vermag, in dem er von den Gegenständen spricht, an die er sich erinnern will. Tür zum Arbeitszimmer. Schreibtisch gleich links. Vorsicht Lampenschirm. Ein Buch. Schreibmaschine. Kaffeetasse. Zwei Stifte, tatsächlich. — stop
Aus der Wörtersammlung: telefon
ai : JORDANIEN

MENSCH IN GEFAHR: „Dem syrischen Flüchtling Atiya Mohammad Abu Salem droht unmittelbar die Abschiebung aus Jordanien. Er lebt seit zwölf Jahren in Jordanien und ist Journalismusstudent und freiberuflicher Videofilmer./ Am 9. April wurde Atiya Mohammad Abu Salem in al-Rabieh in Amman von Sicherheitskräften festgenommen, als er eine propalästinensische Protestkundgebung in der Nähe der israelischen Botschaft filmen wollte. Die Sicherheitskräfte informierten ihn nicht über die Gründe für seine Festnahme und verhörten ihn ohne einen Rechtsbeistand. Nach Angaben seines Rechtsbeistands drohten die Sicherheitskräfte Atiya Mohammad Abu Salem mit Abschiebung und zwangen ihn, sein Telefon zur Überprüfung zu entsperren. Er wurde weder der Justiz übergeben noch wegen einer Straftat angeklagt. Dennoch erhielt sein Rechtsbeistand die Information, dass ein Abschiebungsbefehl für seinen Mandanten ausgestellt worden sei. / Eine Rechtshilfeorganisation hat im Namen des Flüchtlings vor dem Verwaltungsgericht Rechtsmittel eingelegt. In Syrien wäre Atiya Mohammad Abu Salem nicht sicher. Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen haben über die Jahre hinweg durchgehend schwere Menschenrechtsverletzungen gegen Flüchtlinge dokumentiert, die rechtswidrig nach Syrien abgeschoben wurden. So sind die syrischen Sicherheitskräfte u. a. für willkürliche Festnahmen, Folterungen und Verschwindenlassen verantwortlich. Gemäß den Bestimmungen des Völkerrechts müssen die jordanischen Behörden den Abschiebungsbefehl gegen Atiya Mohammad Abu Salem unverzüglich aufheben und ihn freilassen, sofern er nicht umgehend einer international anerkannten Straftat angeklagt wird. Sollte er angeklagt werden, so muss dies vor einem ordentlichen Gericht und unter Einhaltung seiner Verfahrensrechte geschehen.” — Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen unter > ai : urgent action
von handboten
sierra : 22.01 UTC — Terroristen planten einen Angriff auf zivile Menschen im Süden Israels jahrelang. Ihre Kommunikation, bis zuletzt unbemerkt, muss über Papiere und menschliche Boten organisiert worden sein. Später höre ich, sie telefonierten mittels von Hand gelegter Telefonleitungen in Tunneln unter der Stadt Gaza. Ich stelle fest, die Folgen ihrer Tat, werden noch immer in der digitalen Sphäre verhandelt. Ich beobachte diese freundlichen Vögel, die rücklings in Händen der Menschen liegen, indessen sie mit ihren Fingern durch blutige Kanäle segeln. Nie könnte ich präzise sagen, wie sich jene Menschen, die ich beobachte, in dieser Zeit ihres Segelns verändern, ihr Gehirn, ihre Ansichten, ihre zukünftige Handlungsweise. — stop

Mutters letzter
Sommerhut der ihr immerzu
in die Stirn rutschte
als noch Sommer mit
Mutter war
von feuervögeln
himalaya : 20.18 UTC — Und wenn doch Mobiltelefone mittels Nachrichten von fern her entzündet werden könnten? — Ich sitze neben einem Mann in irgendeinem Zug. Es ist Abend. Der Mann blickt auf den Bildschirm seines Mobiltelefons. Sein Daumen fördert Bilder von unten nach oben hin in rasender Geschwindigkeit. Ich betrachte seinen Kopf. Und plötzlich denke ich: Was denkt dieser Kopf? Kann dieser Kopf so schnell denken, wie sich die Bilder unter der Bewegung seines Daumens bewegen? Vielleicht kennt dieser Mann all jene Bilder, dieser fördert bereits. Vielleicht will er vertiefen, was er denkt. Immer wieder der Eindruck, ein kleiner Vogel, der pfeift von Zeit zu Zeit, liege rücklings in seiner Hand. Sofort wird aus der Bewegung eines Daumens, zärtliche Bewegung. — stop
vom schneetelefon
bamako : 20.12 UTC — Schneeblind geworden. Schneeblinde 24 Jahre alte Oksana, uralt und blind von Eis, vom Licht der Sonne, vom Sehen selbst bewirkt. Ein Mobiltelefon, Сніговий телефон, das die junge Frau in Händen hält. Dort Schneeflimmerlicht. Sie fuhr eine halbe Stundenzeit mit ihrem Telefon in der Straßenbahn, eine halbe Stunde lang ist sie halb träumend unterwegs gewesen, irgendwohin, starrte auf den Bildschirm in ihrer Hand, suchte Filme, die von Toten im Osten erzählen, erschossen, von Splittern getroffen, Erfrorene. Jetzt sitzt sie auf der Bank einer Haltestelle, es geht nicht weiter, es ist Januar, Schnee fällt leise auf und abwärts. Die junge Frau lächelt, wärmt Hände und Augen an der Stille. — stop
gambia
sierra : 14.28 UTC — Es ist Samstag, Februar, kurz nach Mittagszeit. Das Telefon klingelt. Seltsame Nummer. Eine Stimme meldet sich, ein Stimmchen, glockenhell. Sagt: Hello, hello! Stimme völlig unbekannt. Ich frage: Wer ist da, wer spricht? Es knistert im Hörer, Stimmchen sagt: Here is Africa! — Ich lege auf. Ich gehe spazieren. Schau aus dem Fenster. Auf der Straßenlaterne tief unter mir sitzen zwei Tauben. Schauen hinauf. Lidschirmchen schließen sich. Die Tauben kennen mich, ich kenne sie. Erneut klingelt das Telefon, seltsame Nummer. Eine Stimme meldet sich, ein Stimmchen, glockenhell. Sagt: You asshole! — Und legt auf. — stop
von handvögeln
romeo : 14.25 UTC — Die New York Times berichtete nach monatelangen Recherchen über Verbrechen russischer Streitkräfte in der Stadt Bucha. Überall dort in den Straßen, so wurde bald sichtbar, waren Vögel unterwegs gewesen. Sie flogen in Schwärmen über die Stadt, sie hockten hinter Vorhängen und in den Manteltaschen der Spaziergänger, auch in den Händen der Getöteten. Sie sammelten das Licht, das durch ihre Augen fiel, auf Speicherkarten. Sie verzeichneten, was die Mörder ihren Frauen erzählten. — stop

Schreibzimmer
Mittags
15 Uhr
meine hände : sars cov 2
zoulou : 15.58 UTC — Hände, meine Hände, die sich benehmen, als wären sie Lebewesen für sich, dahin tasten, dorthin tasten, über Handläufe gleiten, Klingelknöpfe berühren, Äpfel und Birnen, ein Päckchen, ein Buch, ein Telefon, meine Schreibmaschine, auch plötzlich, ich bemerke es zu spät, über meine Stirn spazieren, über Nase und Mund, weil sie sich Jahrzehnte lang ungestraft in dieser Weise bewegen durften. Wie nur soll ich sie kontrollieren? Ich dachte an Glöckchen, die an meinen Fingern befestigt, mich warnen würden, sobald ich meine Hände bewege, damit ich sie niemals vergesse, oder an elektrische Kontaktblättchen, die mich per Funksignal unverzüglich informieren würden, sobald ich mich mit meinen Händen eben Mund, Nase Wangen, Stirn und Augen, zu nähern drohte. Seltsame Sache. — stop

von vögeln
sierra : 22.08 UTC — Kleine oder handliche fliegende Fotoapparate sind zunächst zu kleinen fliegenden Filmkameras geworden. Man kann sie mithilfe eines Mobiltelefons und zweier Daumen steuern. Diese fliegenden, filmenden, aufmerksamen Augen scheinen Objekte der Vogelwelt geworden zu sein. Man könnte nun weiteren durchbluteten Vögeln in der Luft begegnen. Man könnte ihnen folgen. Man könnte gleichwohl Menschen besuchen, die in höheren Etagen städtischer Wohnhäuser leben. Man könnte Menschen betrachten aus dem Dunkel heraus, ohne vielleicht selbst gesehen zur werden. Man kann, das ist beobachtet, nun seit bald zwei Jahren Sprengstoffe laden und aus größerer Höhe zur Erde hin stürzen. Beobachtende Vögel sind zu Raubvögeln geworden, sie rauben Bilder und töten. Die Vorstellung heute, spazierend im Palmengarten, die Vorstellung zierlicher Drohnen, die herumfliegen, um da und dort in den Städten und in den Wäldern, Proben zu nehmen von Kot, aus Abfallstoffen der Müllhalden, Gewässern, auch unmittelbar aus den Blutkreisläufen lebender Organismen, von Kühen und von Menschen, denkbare Welten. — stop
ein kind
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nordpol : 0.58 — Ich stellte mir Nachrichten vor, die dazu geeignet sind, Telefone der Nachrichtenempfänger unverzüglich in Brand zu setzen. Was könnte das für Nachricht sein? Vielleicht folgende Nachricht, dass eine Geschichte wie diese Geschichte hier möglich ist, eine Geschichte, die von einem Kind erzählt, das in Großbritannien lebt. Das Kind, so wird erzählt, öffnete zur Weihnachtszeit einen Geschenkkarton, welcher in China erzeugt worden sein soll. In diesem Geschenk fand das Kind einen Zettel sorgfältig versteckt, der von Hand beschriftet worden war. Auf dem gefalteten Zettel war Folgendes zu lesen: S O S! Neugierig geworden öffnete das Kind das akkurat gefaltete Päckchen Papier. Das Kind entdeckte Zeichen, die mittels eines Kugelschreibers in blauer Farbe auf das Papier gesetzt worden waren. Und weil das Kind unbedingt herausfinden wollte, was dort handschriftlich notiert worden war, wurde die Zeichenfolge übersetzt. Von einem Ort in China war die Rede, von einem Gefängnis nahe einer großen Stadt im Norden des Landes, von der furchtbare Not eines menschlichen Wesens. Auch von der Zeit, von einem Zeitort. Bald drei Jahre war der Brief auf Reisen gewesen, ehe das Kind aufmerksam geworden war. — stop



