Aus der Wörtersammlung: wesen

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seltsam

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ulys­ses : 1.18 — Wie ist es mög­lich, Geschich­ten zu erzäh­len, die selt­sam sind, ohne sofort selbst für selt­sam oder merk­wür­dig oder gar gefähr­lich gehal­ten zu wer­den, da doch die­se merk­wür­di­gen Geschich­ten in mei­nem Kopf ent­ste­hen? Ich habe L. von Esme­ral­da erzählt, dass Esme­ral­da eine Schne­cke sei, die in mei­ner Woh­nung lebe, als wäre sie eine Kat­ze, dass ich das klei­ne Tier füt­tern wür­de, dass ich mei­ne Woh­nung im Win­ter behei­ze, auch wenn ich nicht anwe­send sei, damit Esme­ral­da nicht frie­ren möge. Lie­be L. sag­te ich, ich wäre nie­mals auf die Idee gekom­men, mir aus frei­en Stü­cken eine Schne­cke zu kau­fen oder aber zur Som­mer­zeit in einem Gar­ten ein­zu­fan­gen, nein, nie­mals, wenn nun jedoch eine Schne­cke als Geschenk, als kos­ten­freie Offer­te auf pos­ta­li­schem Wege zu mir reis­te, war­um soll­te ich das Geschenk zurück­wei­sen, war­um nicht einen Ver­such unter­neh­men, ein guter oder vor­züg­li­cher Schne­cken­hal­ter zu wer­den? Wir wer­den es ver­su­chen, sag­te ich zur Schne­cke kurz nach­dem sie ange­kom­men war. Jah­re sind seit­her ver­gan­gen, Esme­ral­da scheint mit ihrem Leben in mei­ner Woh­nung ein­ver­stan­den zu sein. Ein­mal öff­ne­te ich die Tür zum Trep­pen­haus und war­te­te. Ein ande­res Mal öff­ne­te ich ein Fens­ter und war­te­te wie­der­um eini­ge Zeit, Esme­ral­da blieb oder kehr­te zurück. Es stellt sich nicht zum ers­ten Mal die Fra­ge: Wie alt wer­den Schne­cken? Ist Esme­ral­da nicht viel­leicht bereits viel zu alt, um noch als gewöhn­li­che Schne­cke betrach­tet wer­den zu kön­nen? — stop

nach­rich­ten von esmeralda »
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schokolade

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char­lie : 3.05 — In der Stra­ßen­bahn berich­te­te ein älte­rer Herr, er erin­ne­re sich immer wie­der ein­mal zur Weih­nachts­zeit an das Wort Pan­zer­scho­ko­la­de. Das sei Scho­ko­la­de gewe­sen, die für kämp­fen­de Sol­da­ten mit der angst­lö­sen­den Sub­stanz Per­vi­tin ver­setzt wor­den sein soll. Er kön­ne nicht mit Sicher­heit sagen, ob er als Kind jemals einen Niko­laus von Scho­ko­la­de geschenkt bekom­men habe, ihre Gestalt jedoch, ihre roten, blau­en und gol­den glän­zen­den Metall­män­tel unse­rer Tage rufen unaus­weich­lich das Wort Pan­zer­scho­ko­la­de in ihm her­vor. Ob ich wüss­te, frag­te er, dass Per­vi­tin Crys­tal Meth ähn­lich sei, dass man Pan­zer­scho­ko­la­de damals an Kios­ken ver­kauf­te, an Zivi­lis­ten, eine unglaub­li­che Sache. — Mit­ter­nacht. Noch zu tun: Ein authen­ti­sches Wort für Puls­ge­räu­sche der Koli­bris erfin­den. — stop

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lichtbild

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sier­ra : 3.24 — Man möch­te fast glau­ben, die fol­gen­de Bege­ben­heit könn­te rei­ne Erfin­dung sein, weil in unse­rer Zeit kaum vor­stell­bar ist, was ich in weni­gen Sät­ze erzäh­le. Ich hat­te mein Fern­seh­ge­rät beob­ach­tet, dort waren auf dem Bild­schirm Men­schen zu erken­nen, die auf Wagon­dä­chern eines Güter­zu­ges von Mit­tel­ame­ri­ka aus durch Mexi­ko nach Nord­ame­ri­ka reis­ten. Eine gefähr­li­che Fahrt, jun­ge Män­ner, aber auch jun­ge Frau­en, immer wie­der, so erzählt man, wur­den sie beraubt oder fie­len auf die Gelei­se und wür­den vom Zug über­rollt oder von Blit­zen hef­ti­ger Gewit­ter getrof­fen. Lang waren die Über­le­ben­den bereits unter­wegs gewe­sen, hat­ten nach eini­ger Zeit kaum noch zu essen oder zu trin­ken. Hun­ger und Durst wür­den sie ganz sicher gezwun­gen haben, vom Zug zu sprin­gen, wenn da nicht Men­schen gewe­sen wären, arme Men­schen, die ent­lang der Zug­stre­cke stan­den, um den Zug­rei­sen­den Was­ser und Nah­rungs­mit­tel in Tüten zuzu­wer­fen. Eine Frau, Maria, erzähl­te, sie und ihre Fami­lie wür­den immer wie­der hier­her­kom­men zu den Zügen mit ihren Bro­ten, dabei hät­ten sie selbst nur sehr wenig zum Leben, aber das Weni­ge wür­den sie ger­ne tei­len, immer­zu habe sie das Gefühl, es sei viel zu gering, was sie unter­neh­men, um den Flüch­ten­den zu hel­fen. Bald ver­schwand sie aus dem Bild, trat in den dich­ten Wald zurück, auch der Zug ent­fern­te sich lang­sam. — stop

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tod in peking 6

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hima­la­ya : 0.45 UTC – Ori­gi­nal-Nach­richt / Betreff: Unde­li­ver­ed Mail Retur­ned to Sen­der Datum: 2016–11-14T00:12:38+0300 – I’m sor­ry to have to inform you that your mes­sa­ge could not be deli­ver­ed to one or more reci­pi­ents. It’s atta­ched below. For fur­ther assis­tance, plea­se send mail to post­mas­ter. If you do so, plea­se include this pro­blem report. You can dele­te your own text from the atta­ched retur­ned mes­sa­ge. NOTE: Lie­ber Ted­dy, schon vier Jah­re sind nun ver­gan­gen, seit ich hör­te, dass Du in Peking gestor­ben sein sollst. Es ist eine küh­le, eine bei­na­he eisi­ge Win­ter­nacht heu­te, kaum Wind. Wenn Du noch leben wür­dest, wür­dest Du ver­mut­lich gera­de schla­fen. Ich hat­te mir vor­ge­nom­men, an Dich zu den­ken. Also habe ich mich auf mein Sofa gesetzt und mir vor­ge­stellt, wie Du zu mir sprichst. Aber ich konn­te mich an Dei­ne Stim­me nicht erin­nern. Ich saß lan­ge Zeit ganz still und hör­te mei­nen Gedan­ken zu, die nach einem Gespräch mit Dir such­ten. Nach einer Stun­de erin­ner­te ich mich, wie Du ein­mal von Dei­nen Fahr­rä­dern erzähl­test. Du hat­test ihnen Namen gege­ben: Maria 1 und Maria 2, das war mir damals selt­sam vor­ge­kom­men. Auch heu­te wüss­te ich nicht, wel­chen Namen ich selbst mei­nem Fahr­rad geben wür­de, es ist eben ein Fahr­rad. Und ich frag­te mich, ob Du auch Dei­ner Foto­ka­me­ra viel­leicht einen Namen gege­ben haben könn­test. Da war plötz­lich der Klang Dei­ner Stim­me in mei­nen Ohren gewe­sen, die von etwas ganz ande­rem erzähl­te. Wie in den Jah­ren zuvor, lie­ber Ted­dy, siche­re ich auch in die­sem Jahr eine Dei­ner Foto­gra­fien, von deren Geschich­te, der Geschich­te des Tages, an dem sie auf­ge­nom­men wur­de, Du mir lei­der nie erzäh­len wirst. – Dein Lou­is < t.s@posteo.de: host mx02 . pos­teo . de [95 . 922 . 192 . 155] said: 550 5.1.1 < t.s@posteo.de>: Reci­pi­ent address rejec­ted: unde­li­vera­ble address: Reci­pi­ent address look­up fai­led (in rep­ly to RCPT TO com­mand) – The mail sys­tem – stop

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von seeanemonen und wandernden ohren

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papa : 2.15 UTC – Neh­men wir ein­mal an, dem ursprüng­li­chen Code einer See­ane­mo­ne wür­de ein wei­te­rer Code hin­zu­ge­fügt, eine sehr kur­ze Stre­cke nur, sagen wir Jack Kerou­acs Roman The Town and The City mit­tels Nukleo­ba­sen­paa­ren notiert. Was wür­de gesche­hen? Inwie­fern wür­de Jack Kerou­acs Text Wesen oder Gestalt einer See­ane­mo­ne berüh­ren? Wür­de der Text von See­ane­mo­ne zu See­ane­mo­ne wei­ter­ge­reicht, wür­de er sich nach und nach ver­än­dern, wür­de er viel­leicht ent­lang der Küs­ten­li­ni­en wan­dern? Seit dem 8. Dezem­ber 2014, ich hat­te geträumt, sind mensch­li­che Per­so­nen denk­bar, die nur zu dem einem Zweck exis­tie­ren, näm­lich Ohren, ein gutes Dut­zend wahl­wei­se auf ihren Armen oder Schul­tern zu tra­gen, um sie gut durch­blu­tet so lan­ge zu kon­ser­vie­ren, bis man sie von ihnen abneh­men wird, um sie auf eine wei­te­re Per­son zu ver­pflan­zen, die eine gewis­se Zeit oder schon immer ohne Ohren gewe­sen ist. Unheim­li­che Sache auch nach zwei Jah­ren noch, da ich die­sen Text zum ers­ten Mal über­leg­te. — stop
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brooklyn : zur zeit der fliederblüte

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sier­ra : 2.10 — Man stel­le sich das ein­mal vor, wie man an einem war­men Früh­lings­tag in Brook­lyn durch den Pro­s­pect Park spa­ziert. Gera­de ist die Zeit der Flie­der­blü­te ange­bro­chen, die Bäu­me duf­ten weit in die Stra­ßen hin­ein, Möwen flie­gen im Park her­um, obwohl sie eigent­lich nie­mals die Innen­sei­te der Stadt besu­chen, es ist eben ein beson­de­rer Tag in einem nächs­ten Jahr. Und wie wir so im Park spa­zie­ren, mei­nen wir zu bemer­ken, dass das Licht ein ande­res Licht ist, als noch vor Mona­ten, als wir zuletzt an die­sem wun­der­ba­ren Ort ein paar Stun­den Zeit ver­brach­ten, um Wasch­bä­ren zu zäh­len viel­leicht, oder Eich­hörn­chen, Tau­ben, Men­schen, die­se Freu­de, jawohl, an der Zäh­lung der Welt, an der Beob­ach­tung der Far­ben. Heu­te aber ist das Licht ein ande­res Licht gewor­den, noch immer oder wie­der Son­ne, aber auch ein selt­sa­mer Schat­ten, kei­ner der Wol­ken­schat­ten, die immer­zu von Licht durch­setzt gewe­sen sind, son­dern ein Schat­ten, der ener­gisch ist, der das Gleich­ge­wicht des Lich­tes in der Wei­te des Parks zu ver­än­dern scheint. Noch haben wir nicht zum Him­mel geschaut, son­dern uns nur gewun­dert, dass das Licht ein ande­res Licht ist, ein Licht­ge­fühl, das sich grund­sätz­lich änder­te, das könn­te sein, ein merk­wür­dig blau­es Licht, das auf den Blät­tern der Bäu­me flim­mert, auf den Fel­len der Eich­hörn­chen, im Gefie­der der Tau­ben. Und da sehen wir, dass den Bäu­men, den Eich­hörn­chen­tie­ren, den Tau­ben ihre Schat­ten feh­len, als wäre so etwas wie eine Son­nen­fins­ter­nis am Him­mel auf­ge­tre­ten. Höhe Caroll Street ent­de­cken wir ein Tau, nein, ein metal­le­nes Seil, das im Gestein fest ver­an­kert wur­de, ein kräf­ti­ges Seil, das senk­recht aus dem Boden steigt, ein Seil, um wel­ches sich wei­te­re Sei­le aus dem Boden erhe­ben. Gera­de in dem Moment, als wir dort am Ort der im Wie­sen­bo­den ver­an­ker­ten Seil­strän­ge ange­kom­men sind, beob­ach­ten wir eine metal­le­ne Seil­bahn­ka­bi­ne, in wel­cher ein Mensch steht, der lang­sam him­mel­wärts schwebt. Wir fol­gen ihm mit unse­ren Bli­cken hin­auf zu einem rie­si­gen Fes­sel­bal­lon, an wel­chem statt eines Kor­bes, Gebäu­de von Holz befes­tigt sind. Das sind wun­der­ba­re, klei­ne Häu­ser, sie sind in den Far­ben der Nord­län­der gestri­chen, in Blau und Gelb und grün und rot, eine Trau­be bun­ter Häu­ser, die über Fens­ter ver­fü­gen, dort, wo sich an Häu­sern Fens­ter immer befin­den. Aber die Türen, die Türen sind in den Boden der Häu­ser ein­ge­las­sen, das ist schon selt­sam, die­se Türen, die sich dort befin­den, wo man die Häu­ser nie­mals sieht, weil sie auf dem Boden ruhen. Wir ste­hen ganz still und schau­en hin­auf, und wir wun­dern uns wie weit es da doch hin­auf­geht, Men­schen win­ken aus geöff­ne­ten Fens­tern, sie sind klein, ja, die­se win­ken­den Wesen müs­sen unbe­dingt Men­schen sein, an die­sem wun­der­bar war­men Früh­lings­tag in Brook­lyn im kom­men­den Jahr, einem Tag, an dem Sil­ber­mö­wen in fürch­ter­li­chen Rudeln vom Meer her in die Stadt gekom­men sind. — stop
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ein präsident

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alpha : 5.12 — Wäh­rend einer sei­ner Wahl­kampf­re­den im Novem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res, simu­lier­te der 45. nord­ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent in abwer­ten­der Wei­se Bewe­gun­gen eines Jour­na­lis­ten, der seit sei­ner Geburt mit einem kör­per­li­chen Han­di­cap lebt. Der Moment, da der 45. nord­ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent sich selbst, sein Wesen, sei­ne Kul­tur, sei­ne Wür­de, in authen­ti­scher Metho­de zur Dar­stel­lung brach­te, wur­de auf­ge­zeich­net. Ich wer­de die­se Film­se­quenz nie­mals ver­ges­sen, ich wer­de die­se Film­se­quenz stets vor mir sehen, sobald ich den 45. nord­ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten über einen Bild­schirm schrei­tend oder auf ein Blatt Zei­tungs­pa­pier gedruckt wahr­zu­neh­men habe. Wir wer­den Groß­ar­ti­ges tun! Wir wer­den Ame­ri­ka wie­der groß­ar­tig machen! — Der 9. Novem­ber 2016 ist ein groß­ar­tig, schreck­li­cher Tag. — stop
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sue rosalind

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MELDUNG. Erfolg­reich aus 32500 Fuß Höhe über dem Pazi­fi­schen Oze­an kurz vor Mon­terey abge­wor­fen: Bono­bo­da­me Han­nah Maria, 6 Jah­re, drit­te Über­le­ben­de der Test­se­rie Tef­lon-YB2 {Haut­we­sen}. Man ist, der Schre­cken, noch voll­stän­dig ohne Bewusst­sein. — stop

drachen

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oft habe man tage lang gewartet

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nord­pol : 2.58 — Von ihrer Zeit, die sie als Flücht­lings­kind auf dem Land ver­brach­te, erzählt Mut­ter immer wie­der gern. Sie hat­ten genug zu essen, weil sie und ihre Schwes­tern bei einer Bau­ern­fa­mi­lie wohn­ten. Wenn der Vater am Wochen­en­de zu Besuch kam, ahn­te sie nichts von Tief­flie­ger­an­grif­fen auf Züge, mit wel­chen der Vater reis­te, aber an sei­ne stau­bi­gen Anzü­ge, weil er sich auf den Boden wer­fen muss­te. Die bren­nen­de Stadt Mün­chen, obwohl in gro­ßer Ent­fer­nung lie­gend, war im Schein der Feu­er damals am Hori­zont zu erah­nen gewe­sen, wie Abend­rot inmit­ten der Näch­te. Dann das War­ten auf eine Nach­richt am nächs­ten Mor­gen. Oft habe man tage­lang gewar­tet. Sie selbst habe zwei­mal einen Bom­ben­an­griff auf Mün­chen erlebt, das war zu Beginn des Luft­krie­ges. Sie habe sich nicht gefürch­tet, es sei viel­mehr span­nend gewe­sen, mit ihren Nach­barn und ande­ren Leu­ten so eng in einem Kel­ler zu sit­zen. Es gab Pra­li­nen für die Kin­der und einen Geschich­ten­er­zäh­ler. Ein Jahr spä­ter sei ihre gro­ße Schwes­ter nach einem Angriff lan­ge Zeit ver­schüt­tet gewe­sen und des­halb für Wochen ver­stummt. In die­ser Zeit habe sie gehört, dass die Scholl­wöcks abge­holt wor­den sei­en, sie kön­ne nicht sagen, wes­halb sie als Kind schon wuss­te, dass das Abho­len etwas Schreck­li­ches gewe­sen sein muss­te für die, die abge­holt wur­den. Sie habe beob­ach­tet, dass die Abge­hol­ten nie­mals wie­der­ge­kom­men sei­en, und dass von ihnen bald nicht mehr gespro­chen wur­de. Das alles habe sie als Kind schon so bemerkt, weil Kin­der sehr viel mehr bemerkt haben, als die Erwach­se­nen viel­leicht glaub­ten. Dass die Eltern in der Woh­nung vor dem Krieg das Hit­ler­bild immer umge­dreht haben, davon durf­te sie nicht erzäh­len, in der Schu­le nicht und auch anders­wo nicht. Ein­mal sei sie vom Land her wie­der in die zer­stör­te Stadt zurück­ge­kom­men, es war ein neb­li­ger Tag gewe­sen, sie habe zunächst gedacht, es sei der Nebel, aber das Haus, in dem sie und ihre Schwes­tern auf­ge­wach­sen waren, exis­tier­te nicht mehr. Damals wür­den sie Bisam­rat­ten geges­sen haben, die schmeck­ten sehr gut, und der Vater sei gelb gewor­den im Gesicht, weil sei­ne letz­te Nie­re lang­sam ver­sag­te. In die­ser Zeit habe der Vater ihr viel von der Welt erzählt, wie sie funk­tio­niert, er sei ver­stört gewe­sen, dann sei er gestor­ben. — stop

paula

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über grönland

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sier­ra : 0.25 — Plötz­lich, wir flo­gen gera­de über Grön­land dahin, wur­de das Mäd­chen wach mit­ten in der Nacht wäh­rend eines Flu­ges gegen die Zeit­rich­tung von Ost nach West. Als wir in New York star­te­ten, bei­na­he dun­kel, oben, in gro­ßer Höhe über Bos­ton wur­de es etwas hel­ler, Him­mels­far­ben von zar­tem Blau und oran­ge­far­be­nen Tönen, die sich wäh­rend des Nacht­flu­ges kaum ver­än­der­ten. Rau­schen­de Stil­le unter dem Kabi­nen­dach, das sich über schla­fen­den Men­schen wölb­te, da und dort leuch­te­te der Bild­schirm eines Com­pu­ters oder eines Tele­fons im Däm­mer­licht. Es war kühl gewor­den, viel­leicht des­halb, weil es kühl gewor­den war, wach­te das Mäd­chen auf. Das Mäd­chen war eine Japa­ne­rin, unge­fähr sech­zehn Jah­re alt, zier­lich, sie schien sehr rou­ti­niert im Flie­gen zu sein, reck­te sich, sah kurz zu mir hin, sah, dass ich eine Decke aus­ge­brei­tet hat­te über mei­nen Bei­nen, fisch­te selbst eine Decke unter ihrem Sitz her­vor, brei­te­te sie über ihren Schoß, hol­te ein Han­dy aus ihrer Hand­ta­sche, die selt­sam schil­ler­te, als wür­de sie aus Flüs­sig­keit bestehen, und begann sofort zu schrei­ben. Das war eine selt­sa­me Art und Wei­se zu schrei­ben, wie das Mäd­chen schrieb. Eine Hand, ihre lin­ke Hand, hielt sie unter der Decke ver­bor­gen, in der rech­ten Hand ruh­te das Tele­fon wie ein klei­ner Vogel rück­lings, so dass sein Tele­fon­bauch sicht­bar wur­de, eine Tas­ta­tur, über wel­che nun ein Dau­men in einer Geschwin­dig­keit hüpf­te, dass ich mei­nen Blick nicht lösen konn­te. Sie schrieb sehr lan­ge Zeit, notier­te Whats­App — Nach­rich­ten an Per­so­nen, deren Ava­tare ich gut, deren Zei­chen ich unmög­lich zu lesen ver­moch­te, an Men­schen oder Com­pu­ter, die ihr unver­züg­lich ant­wor­te­ten, so dass sie von einem Dia­log in einen ande­ren hüpf­te, indes­sen sie ihrer­seits beob­ach­te­te, wie ich mei­ner­seits ihren Dau­men beob­ach­te­te, was sie nicht wei­ter zu stö­ren schien, viel­leicht weil ihr gefiel, dass ich ihre Geschick­lich­keit bestaun­te, oder auch weil sie fand, dass sie über einen hüb­schen Dau­men ver­füg­te. Ihr Dau­men war klein, dach­te ich noch, weil er einer win­zi­gen Japa­ne­rin gehör­te, die in der Zeit, da sie neben mir saß, kei­nen Laut von sich gab. Ihren notie­ren­den Dau­men beob­ach­tend, schlief ich schließ­lich ein. Als ich erwach­te, war auch das Mäd­chen wie­der ein­ge­schla­fen. Sie lag unter der Decke, die sie bis zu ihren Schul­tern hoch­ge­zo­gen hat­te, ihre Hän­de waren ver­mut­lich vor der Brust gekreuzt, genau dort beweg­te sich etwas, hüpf­te. Das war über Irland gewe­sen. Struk­tur eines neu­en Jahr­tau­sends. — stop

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