echo : 0.02 — Gestern, Dienstag, 24. Januar, hatte ich Gelegenheit mich genau so zu verhalten, als würde ich schlafen, obwohl ich doch hellwach gewesen war. War in der zentralen Halle des Saint George Ferry Terminals, erinnerte mich an einen Traum, den ich vor zwei Jahren erlebte. Ich wartete in diesem Traum an einem späten Abend an genau derselben Stelle auf das nächste Schiff nach Manhattan zurück. Ich wartete lange, ich wartete die halbe Nacht, begeistert vom Anblick einer Herde filigraner Tiefseeelefanten, die über den hellen sandigen Boden eines Aquariums wanderten. Sie hatten ihre meterlangen Rüssel zur Wasseroberfläche hin ausgestreckt, suchten in der kühlen Luft herum und berührten einander in einer äußerst zärtlichen Art und Weise. Ein faszinierendes Geräusch war zu hören gewesen, sobald ich eines meiner Ohren an das hautwarme Glas des Geheges legte. Und auch gestern wartete ich wieder lange Zeit und beobachtete den sandigen Boden des Aquariums, von dem ich geträumt hatte. Bisweilen, nicht ganz wach und nicht im Schlaf, war das Signalhorn eines Fährschiffs zu hören. Glückliche Stunden. — stop

Aus der Wörtersammlung: art
south ferry : durchleuchtung
kilimandscharo : 0.15 — Leichter Schneefall, im Bus durch Brooklyn. Ich hatte die Fahrzeit genützt, um Beobachtungen, die ich auf der Staten Island Fähre handschriftlich notierte, in mein Notebook zu übertragen. Mehrfach schrieb ich das Wort Sprengstoff in eine Datei. Abends wartete ich auf das letzte Schiff, das ich an diesem Tag noch nehmen wollte. Ich saß gerade auf einer Bank, als sich einer der Sprengstoffspürhunde, die ich Stunden zuvor noch beobachtet hatte, näherte. Präzise formuliert, näherte sich der Hund nicht mir selbst, sondern meinem Rucksack, in dem meine Schreibmaschine ruhte. Er legte sich auf den Boden und schaute mich an, nicht unfreundlich, wie auch der Polizist, der dem Hund gefolgt war, mich wohlwollend musterte. Sir, sagte er, Sir! We hope for your cooperation! Seither stelle ich mir Fragen, die doch erstaunlich sind. – stop
downtown manhattan : concerto No 5
nordpol : 0.01 — Donnerstag, später Abend. Mrs. Lillue spielt Mozarts Violin Concerto No 5. Schwere Schneeflocken schaukeln vom dunklen Himmel. Eisige Kälte da draußen über der Upper Bay, in der Wartehalle Whitehall Ferry Terminal aber ist es warm und die Luft so trocken, dass Mrs. Lillue ihren Mantel ablegt. Sie trägt jetzt ein dunkelgrünes Kleid, das bis zum Boden reicht und feuerrote Turnschuhe. Ein schwarzer Junge sitzt in ihrer Nähe auf seinem Basketball und hört ihr zu, mit ernstem Gesicht. Kaum ein weiterer Laut zu hören, obwohl hunderte Menschen darauf warten, auf das nächste Schiff treten zu dürfen, das gleich anlegen wird. In diesem Moment nähert sich eine zierliche alte Frau der Künstlerin. Sie ist beinahe durchsichtig, so hell ihre Haut, so hell ihre Augen, und auch ihre Stimme so hell, dass man sie kaum noch vernehmen kann. Sie will wissen, wie alt die Geige sei, auf der Mrs. Lillue spielt? Wie sich die alte Frau so weit streckt, bis sie auf den Spitzen ihrer Zehen zu stehen kommt, um mit dem Rücken ihrer Hand über das Holz des Instruments zu streichen. — stop

south ferry : elektrischer vogel
delta : 0.08 — Im Regen gestern am frühen Morgen meinte ich, einen elektrischen Vogel wahrgenommen zu haben, zunächst in der digitalen Fassadenhaut der Port Authority Busstation, später am Times Square, Ecke 46. Straße, ein Phänomen, das sich in die Anzeigen der Stadt eingefädelt haben könnte, einen Code, eine Irritation, ein Lebewesen, ein mit mir durch den Tag wanderndes Sekundengeschöpf. Auch im Wartesaal der Staten Island Fähre war der Vogel gegenwärtig gewesen, dort als ein Schatten, der von Ost nach West über eine Wetteranzeigetafel raste. Gleich darunter warteten Menschen, die ihre nassen Schirme zausten. Leichter Seegang. — stop

chinatown : kandierte enten
nordpol : 2.06 — Über die Brooklyn Bridge nach Manhattan. Wunderbares Licht, klar und sanft. Da ist ein Wind, der aus dem Landesinneren kommt, ein beständiger, kalter Strom, gegen den sich Möwen in einer Weise stemmen, dass sie in der Luft zu stehen scheinen. Helle Augen, grau, blau, gelb, das Gefieder dicht und fein wie Pelz. Ich folge kurz darauf einem alten chinesischen Mann durch Chinatown. Tack, tack, tack, das Geräusch seines Stocks auf dem Boden, ein Faden von Zeit über enge Straßen. Links und rechts des Weges, schmale Läden in roten, in goldenen Farben, Waren, die Harmonie bedeuten, Bänder, Fächer, lächelnde Masken. Ich rieche heute nichts, oder die Gerüche, wenn sie noch existieren, bewegen sich dicht über den Boden hin, Morchelberge, getrocknete Schwämme, Muscheln, Nüsse, Algenwedel, Krabben, zwei Hummertiere, sie leben noch, sind für 20 Dollar zu haben. Im Restaurant nahe der Mottstreet, eine milde Entensuppe gegen den Abend zu. Messer der Köche, die vor meinen speisenden Augen lautlos durch halbe Schweine flitzen. Gebratene Entenkörper, glänzend, als wären sie von der Art kandierter Früchte, baumeln in den Fenstern. Dann Dämmerung und Wärme im Bauch und das Schwingen der Brücke noch in den Beinen. – stop

manhattan : atome
tango : 1.56 — Ich hatte in einem Café nahe Times Square ein elektronisches Tonbandgerät aus der Manteltasche gezogen und richtete es auf ein Fenster, um den Tumult menschlicher Stimmen, Sirenen, Luftpumpen und weiterer unbestimmbarer Geräusche aufzunehmen. Ein junger Mann, der neben mir vor seinem Notebook saß, beobachtete mich eine Weile aufmerksam. Plötzlich lacht er: Das ist New York. Verrückt, nicht wahr? Ob ich in dieser Stadt öffentlich zugängliche Orte von Stille finden könnte, wollte ich wissen. Gibt es nicht, antwortete der Mann. Es würden jedoch Orte existieren, die beinahe still sind. Dort aber hörst Du Geister! — Sonntag. Minus 5° Celsius. Lässt sich vielleicht errechnen, aus wie vielen Atomen die Stadt New York sich fügt? Wie viele Atome werden die Stadt täglich verlassen, wie viele Atome einreisen in unsere Rechnung? Subway 28. Straße wartete ein Mann kurz nach Mitternacht mit Angelrute in hüfthohen Fischerstiefeln auf dem Bahnsteig. — stop

brooklyn : ausgebeulte Stimmen
foxtrott : 2.32 — Wenn ich aus dem Fenster sehe, wenn tiefe Nacht ist, dann scheinen die Menschen alle gleichwohl noch immer zu arbeiten oder sie verfügen über keinerlei Lichtschalter in New York. Ja, die Menschen arbeiten und arbeiten und arbeiten und dann sitzen sie eine halbe oder eine ganze Stunde Fahrt in der Subway und schlafen. Das Seltsame ist, dass sie zur rechten Zeit aufwachen, jawohl, sie scheinen mit ihrem Gehör an einer Geräuschspur zu hängen, wie Straßenbahnen in Europa an einer Oberleitung. Einerseits schlafen sie, andererseits warten sie darauf, von einem vertrauten Signal geweckt zu werden. Vielleicht ist da ein besonderes Kreischen oder Rütteln, das nur an einer bestimmten Stelle ihrer Strecke heimwärts zu vernehmen ist, die ausgebeulte Stimme einer Maschineninformation. Kurz darauf stehen sie auf, so als wär kein Schlaf gewesen und spazieren aus dem Zug, erstaunlich! — Samstag. Später Abend. Es heult wieder herum, da unten auf Höhe der Straße, ein Unglück irgendwo vielleicht. Wenn man den Feuerwehrautos so zuhört den Tag entlang, dann möchte man bald meinen, die Stadt insgesamt würde in Flammen stehen. – stop

central park : hurly-burly
lima : 12.05 — Im Lärm (noise . hubbub . hurly-burly) der Stadt im Central Park südlich der Strawberry Fields (72nd Street) das Singen oder Klagen der Kinderschaukel, leise und doch weithin hörbar. Die Idee, eines der muskulösen Eichhörnchen des Gartens würde mir folgen, würde mich erkennen, würde sich erinnern, Squirrel No 5256, Frankie, Billy. — stop

chelsea — warten auf schnee
alpha : 7.21 — New York. Klarer Himmel. Sonne, die warm ist, eine süditalienische Sonne, aber der Wind kalt und unberechenbar. 8th Avenue südwärts. Chelsea. High Line. East Village. Auf den Stufen des Zentralen Postamtes nahe Penn Station lungerten Menschen wie Echsen bewegungslos, Gesichter zum Stern. Jetzt schmale Straßen, Häuser von menschlicher Größe, Spielplätze voller Kinder, kaum Taxis zu sehen, Fahrräder, ausgeraubt bis aufs Gerippe an beinahe jedem Laternenmast. Bald Nachmittag, bald früher Abend. In Caféhäusern Wärme aufgenommen und in der Subway. Ich fahre eine halbe Stunde Richtung Harlem und wieder zurück und gehe weiter, immer der Blick zum Himmel, Spuren von Dachgärten zu verzeichnen. Notierte: Nach Fultonstreet Lichter der Tunnelarbeiter, Glühbirnensträuße, der Eindruck, als würde ich einen steinernen Christbaum durchfahren. Dämmerung, Ground Zero. An einer bronzenen Gedenktafel mit Klebstreifen befestigt, flattert ein Zettel wie zum Trotz im Wind, mit Namenszug und Fotografie eines jungen Mannes, der nach 9/11 an den Dämpfen des giftigen Schuttberges gestorben war. Monströse Baustelle. Gleißende Helle. Ich warte auf Schnee. – stop

amadeus
MELDUNG. Windhund Amadeus [Canis lupus XVZ-658B], 72 kg, wird heute, Donnerstag, erstmals zwecks öffentlicher Besichtigung durch den zoologischen Garten zu Salzburg geführt. Bemerkenswert jene zwei Köpfe des Tieres, davon der eine taub, der andere blind. – 15.00 Uhr Ortszeit. Eintritt frei. — stop




