MELDUNG. Buenos Aires, Av Cordoba 8, 11. Etage, steinernes Zimmer : Kirsche No 2018 [ Marmor, Carrara : 7 Gramm ] vollendet. — stop

Aus der Wörtersammlung: ende
trockenzungen
delta : 6.22 — Ich träumte einmal von einem Schlafsaal, in dem einhundert arme Dichter wohnten. Sie liefen sehr langsam, sagen wir, vorsichtig herum, weil sie nicht wach waren, sondern schliefen. Eines Abends wurden sie in dem Auftrag geweckt, feine Formulierungen für einen besonderen Regen zu finden, einen Regen, der eine große Stadt unter Wasser setzen sollte. Ihre Freude, ihre Begeisterung, vielleicht endlich wieder gehört zu werden. Wie sie durcheinander spazierten. Und das Rascheln der Papiere, das Knirschen der Stifte, das Geräusch ihrer suchenden Trockenzungen. — stop
asmara tigri
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lima : 16.01 — Die Frau, die mir sofort eine Geschichte erzählen wird, scheint müde zu sein. Immer wieder fallen für Sekunden ihre Augen zu. Früher Morgen, Tigri hat die Nacht über gearbeitet. Wir sitzen in einem Schnellzug vom Flughafen in die Stadt. Gerade wollte sie noch wissen, warum ich auf dem Notebook einen Film betrachte, der von einstürzenden Türmen des World Trade Centers berichtet. Sie habe, bemerkt Tigri, sechs Stunden lang Briefe sortiert, das heißt, Luftpostbriefe für Inseln, die im Pazifischen Ozean liegen, weil sie eine Spezialistin für Inseln ist, auch für Inseln atlantischer Gebiete, aber vor allem kenne sie sich aus mit Inseln, die Kiribati heißen oder Tonga oder Palau oder Vanuatu. Sie sagt, dass sie diese Namen lieben würde, dass sie Anfang der 70er Jahre in einem Dorf nahe der eritreischen Hauptstadt Asmara geboren worden sei und dass das Dorf im Jahr 1984 wieder aufgebaut werden musste, weil an einem Sonntagabend ein MIG-Flugzeug das Dorf zerstört habe und viele ihrer Freunde getötet. Zu diesem Zeitpunkt lebte Tigri bereits in Westdeutschland. Wenn sie den Namen ihres Dorfes ausspricht, bin ich nicht imstande, das schöne Geräusch in meinem Kopf zu behalten, aber das Wort Asmara kann ich mir merken. Sobald ich das Wort Asmara formuliere, leuchten ihre Augen, also sage ich dreimal Asmara und freue mich über die Wirksamkeit dieses Wortes. Asmara soll eine Stadt hellen Lichtes sein, sage ich, es soll dort immerzu nach Kaffee duften, und Tigri lacht und ich denke, dass das jetzt entweder so ist oder dass das nicht so ist, dass sie jedenfalls das Helle mag und auch den Kaffeeduft. Man spreche Tigrigna dort in ihrer Gegend, sagt Tigri, und ich bemerke, dass ihr ganzer Name selbst in diesem Wort enthalten sei. Wieder lacht die junge Frau, schließt kurz die Augen, erzählt, dass ihr Bruder, ein Gynäkologe, aus den Diensten eines Krankenhauses entlassen wurde, weil man ihn nicht als das behandeln wollte, was er zu sein wünschte. Mein Bruder, wissen Sie, möchte ein König sein. Nun ist er arbeitslos und König. Er ist natürlich schwarz wie ich, genauso schwarz, und schwarz steht den Königen nur in Afrika. Sie macht eine kurze Pause, reibt sich die Augen. Wir sind jetzt allein auf dieser Welt, sagt Tigri, alles ging sehr schnell. Im vergangenen Jahr sei ihr Vater gestorben in Eritrea, ein glücklicher Mensch, ein Busfahrer, ein sehr stolzer Herr. Im Oktober desselben Jahres sei schließlich die Mutter mit dem Flugzeug via Rom nach Frankfurt gekommen. Sie habe, ohne das zu wissen, einen Tumor im Kopf mitgebracht, im Februar war sie dann umgefallen und tot im März. Tigri lehnt ihren Kopf an die Wand des Zuges, schaut aus dem Fenster. Ein heißer, schwüler Morgen. Ob sie den Film ansehen dürfe, will sie wissen.
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tonwellenschrauben
echo : 22.18 – Lungerte im Wald unter Louisiana-Moosen. Sturmgeräusche, auch Zikaden waren zu hören gewesen, ihre Flügelstimmen, hell, schrill, gläsern, Tonwellenschrauben. Auf Knien kroch ich bald jagend durchs Unterholz, wollte eines der lockenden Tiere fangen. Anstatt Insekten entdeckte ich Spieldosen, hunderte, ja tausende, kreisende Lärmmaschinen. Sie leuchteten, feuerrot und blau, je nach Höhe oder Tiefe ihres Gesangs. Sobald ich mich näherte, um eines der Wesen zu ergreifen, schossen sie senkrecht in die Luft, ganz so als würden sie über prall gefüllte Druckluftbäuche fürs flüchtende Reisen gebieten. Dann wurde ich wach. Es war Abend geworden. Samstag. Ein Orkan näherte sich von Westen, knisternde Fenster, Frösche schwebten summend vor den Fenstern. Zwei Stunden lang dachte ich über die Erfindung dienstbarer Käfer nach, Gattung, die Stille zu erzeugen vermag, wann immer gewünscht. Ich stellte mir vor, wie sie sich rückwärts über meine Wangen hin zu meinen Ohren bewegen, wie sie ihre kühlen Leiber in meine Gehörgänge versenken, wie sie sich dehnen und strecken, sanft, sanft, bis sie nahezu verschwunden sein werden. Zwei Fühler noch, ein Paar kleinster Augen links, ein Paar kleinster Augen rechts, Dochte, nein, Diodenlichter. Ich hörte nichts. — stop

l a t e r a l
himalaya : 0.05 – Soweit bin ich in meiner anatomischen Arbeit gekommen, dass ich an einem Nachmittag Reisenden, die von der Stadt Kobe weither nach Europa gekommen waren, erklärte, die Abteilungen der Regenwälder befänden sich l a t e r a l der Wüstenhäuser des Palmengartens. — Ist das eine Nachricht? — stop
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Edna St. Vincent Millay
sierra : 20.08 — Wie im Kurzschlaf die Welt neu geordnet wird. Alle Geschichten erzählen sich, als hätten sie sich über die kühle Hand einer Nacht gefaltet. Jede beginnende Stunde, eine Stunde vor unbekannter Landschaft. — Nachmittags dann begegnet mir im Park wieder einmal ein zentraler Satz des portugiesischen Erzählers António Lobo Antunes. Er sagte, um ein Buch zu schreiben, müsse man etwas riskieren. Ein Schriftsteller, der nichts wage, sei unaufrichtig. Ich spazierte und überlegte, was genau zu unternehmen ist, damit mein Schreiben so gefährlich werden könnte, dass ich von einem Wagnis sprechen dürfte. — Abend jetzt. Kühle Luft. Vor wenigen Minuten die Stimme der Dichterin Edna St. Vincent Millay. Sie liest ihr Poem RECUERDO. We were very tired, we were very merry, We had gone back and forth all night on the ferry. Das feine Dokument aufgehoben. Oder zu mir geholt. stop. Wie auch immer. — stop

col-X77b
romeo : 20.07 — Das Besondere, gleichwohl das Tragische im Leben der Feuerkäfer ist, dass sie in Flammen aufgehen, sobald sie, entgegen einer inneren, warnenden Stimme folgend, ihre Flügel entfalten. — stop
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staten island ferry : prozession
nordpol : 5.55 – Eine Geschichte ist zu erzählen an diesem Morgen kühler Luft kurz vor September. Diese Geschichte ereignete sich bereits vorgestern, nachts, bei mir zu Hause, weil ich mich nicht entscheiden konnte, was ich unter vielen Dingen, die zu tun gewesen waren, zunächst erledigen sollte, also machte ich alles zur gleichen Zeit. Ich hatte eine Entenbrust zu Morcheln und Pflaumen gelegt. Außerdem hatte ich mir vorgenommen, ein weiteres anatomisches Tonband abzuhören, eine jugendliche Stimme berichtete vom Dach des Kühlschrankes aus leise vor sich, während ich kochend Fernsehbilder eines Hurrikans beobachtete, der sich auf die Stadt New York zubewegte. > Wenn ich von meinen Wochen im Präpariersaal spreche, dann spreche ich gerne von meiner Traumzeit. stop > Zu diesem Zeitpunkt, das ist festzuhalten, war ich nicht ganz bei der Sache gewesen, nicht wirklich in der Nähe der Gedanken, die ein junger Mann für mich ausgesprochen hatte, andererseits auch nicht ausreichend konzentriert auf das Geschehen jenseits des Atlantischen Ozeans. Einmal stellte ich den Ton des Fernsehgerätes lauter, wendete die Brust des Vogels in der Pfanne und hörte genau in diesem Moment, der Schiffsverkehr um Manhattan herum sei eingestellt, das war kurz nach Mitternacht europäischer Zeit gewesen. Ich meinte außerdem gehört zu haben, man sei gerade damit beschäftigt, die Fähren der Staten Island Verbindung den Hudson River hinauf, in eine sichere Umgebung zu transferieren. Ein feines Bild, das sich vor meinen Augen sofort entwickelte. Acht orangefarbene Schiffe in einer Reihe hintereinander auf dem großen Fluss, Schiffe, die sich gewöhnlicherweise pendelnd aneinander vorbeibewegen. Ich stürmte aus der Küche, in der Hoffnung auf dem Fernsehschirm ein Bild zu sehen, das dem gerade eben noch in meinem Kopf entworfenen Bild ähnlich gewesen sein könnte. Anstatt einer Fährgeschichte, war nun jedoch vom Regen die Rede, von den Winden des Hurrikans, die über den feuchten Strand nahe der Stadt Ocean Pines fegten. Ein Reporter, der tropfte, verharrte tapfer, Füße im Wasser, vor einer Fernsehkamera, die in größerer Entfernung, demzufolge sicher, montiert gewesen war. Er hielt ein Mikrofon in der Hand, das merkwürdig fauchende Geräusche erzeugte. Möwen, spitze gelbe Schnäbel in den Sturm gerichtet, verharrten in seiner Nähe, sie machten einen zufriedenen Eindruck, authentische Tiere, während ich, weiterhin die Prozession der Fährschiffe im Kopf, zurück in die Küche spazierte. Ein seltsames Gefühl von Nichtwirklichkeit in der Nähe meiner Feuerstelle, ein großes Durcheinander, das ich zu sortieren versuchte, in dem ich bis in den frühen Morgen des Sonntags hinein, auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen vergeblich Beweise dafür zu finden suchte, dass Fährschiffe der Staten Island Verbindung sich tatsächlich an diesem späten Samstagabend, als ich mich nicht entscheiden konnte, auf dem Hudson River stromaufwärts bewegten. — stop. — Ende der Geschichte. — stop
tiefschlafende menschen
delta : 20.16 – Manchmal, in Zeiten höchster Not, sprechen Menschen, die wach sind, stellvertretend für jene Menschen, die schlafen, zu Gott. Vor einigen Jahren einmal habe ich Sätze flehender Gespräche im Bittbuch einer neurologischen Klinik entdeckt. Ich kniete damals, ich war selbst verzweifelt, und las in der Hoffnung, im Lesen vielleicht schon eine leise Verbindung aufnehmen zu können, indem ich Gedanken der Menschen nachfühlte, die an derselben Stelle gekniet hatten wie ich. Marianne schrieb am 22. Februar 2004: Lieber Gott, bitte hilf mir, dass ich wieder aufwachen kann. Deine Britta. Und Peter nur wenige Tage später: Gestern hat Marcella meine Hand gedrückt. Ich danke Dir, lieber Gott. Lass sie zu uns zurückkommen, lass sie wieder wach werden. Heute ist unsere Anna Marie 1 Jahr alt geworden. Seit Anna Marie lebt, schläft die Mama. Es ist genug. — stop

PRÄPARIERSAAL : nachtarbeit
tango : 23.15 — Im Regen mit Tonbandgerät unter dem Schirm am See. Samstag. Augustkastanien fallen aus den Bäumen. Auf den Häuptern der Rotwangenschildkröten, die sich zu meinen Füßen arglos versammeln, als lauschten sie wie ich Magnetkopfstimmen, feuchte Häubchen von Ahornsamen. Kaum ein Mensch unterwegs. Ich dachte für einen Moment, weiß nicht wie das gekommen ist, dass ich an diesem Ort ohne Zeugen sofort den Versuch unternehmen könnte, eine der Schildkröten an ihrem Hals zu packen, sie aus dem Wasser zu heben, um sie zu Hause in der Küche mit einem Meißel zu öffnen. Auf Porzellan gebettet kurz darauf ein Reptilienhäufchen, rosafarben, feinste Streifen Schildkrötenbauches, dessen eigentliche Gestalt ich mir hinter Panzerhäuten liegend zurzeit nicht vorstellen kann. — 22 Uhr 58. Janine erzählt: > Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich nachts aufwachte und den haarlosen Kopf meines Freundes vor mir gesehen habe. Ich erschrak fürchterlich. Ich saß ein paar Minuten senkrecht im Bett, dann bin ich aufgestanden. Wir haben eine sehr schöne Küche. Ich habe von Zeit zu Zeit in der Küche kampiert. Ich habe dort gelernt und manchmal bin ich mit dem Kopf auf dem Anatomieatlas eingeschlafen. Merkwürdig, über wie viel Kraft ich doch verfüge. Ich war beim Tanzen, zweimal wandern in den Bergen, ich habe gepaukt und ich habe mit dem Skalpell gearbeitet. Ich habe vormittags und mittags und Abend für Abend in der Bibliothek gelesen. Und wenn ich nachts in der Küche eingeschlafen bin, dann waren da plötzlich sehr scharfe Bilder in meinem Kopf. Aufblitzende Fotografien, die überfallartig Angst erzeugten. Der geöffnete Mund eines Toten. Sandige Zungen. Ein hoch aufragender, dunkelroter Penis. Das zerteilte und gehäutete Gesicht einer alten Frau. Das war nicht geträumt, ich habe diese Bilder bei vollem Bewusstsein vor mir gesehen. Jetzt kommen sie mich seltener besuchen. — stop





