Aus der Wörtersammlung: finden

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kakteenorchester : telegramm ohne zwischenstops

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marim­ba : 15.02 — Im Pal­men­gar­ten im Wüs­ten­haus das fei­ne Geräusch der Kak­teen, sobald ich ihr Sta­chel­horn mit einem Pin­sel, einem Mika­do­stäb­chen, einem Fin­ger berüh­re. Hell. Federnd. Pro­pel­lernd. Klän­ge, für die in mei­nem suchen­den Wort­ge­hör noch kei­ne eige­ne Zei­chen­fol­ge zu fin­den ist. Oder in der Man­gro­ven­ab­tei­lung die­se merk­wür­di­ge Stil­le beim Durch­blät­tern eines feucht gewor­de­nen Buches. — Die­se Beob­ach­tun­gen habe ich zu einem frü­he­ren Zeit­punkt bereits ein­mal notiert. Sie sind mir so nah, als wür­de ich sie soeben erfun­den haben. — stop.

polaroidselbstaufnahme

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ai : KONGO

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MENSCHEN IN GEFAHR: „Zahl­rei­che Men­schen­rechts­ver­tei­di­ger wer­den in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go seit dem 15. März ohne Kon­takt zur Außen­welt fest­ge­hal­ten. Sie hat­ten im Elo­ko-Maka­si-Jugend­zen­trum in der Haupt­stadt Kin­sha­sa eine Pres­se­kon­fe­renz gege­ben, die von Sicher­heits­kräf­ten gewalt­sam auf­ge­löst wur­de. / Am 15. März stürm­ten Sicher­heits­kräf­te eine Pres­se­kon­fe­renz im Elo­ko-Maka­si Jugend­zen­trum in Kin­sha­sa, der Haupt­stadt der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go. Sie nah­men etwa 30 Per­so­nen fest, dar­un­ter Mit­glie­der der kon­go­le­si­schen Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on Lut­te pour le Chan­ge­ment (LUCHA), der sene­ga­le­si­schen Bewe­gung Y’en a Mar­re, der bur­k­in­i­schen Grup­pe Balai Citoy­en, sowie einen US-ame­ri­ka­ni­schen Diplo­ma­ten und anwe­sen­de Journalist_innen. Die Pres­se­kon­fe­renz wur­de im Anschluss an einen Work­shop über die Betei­li­gung von Jugend­li­chen an poli­ti­schen Pro­zes­sen im Vor­feld der anste­hen­den Wah­len im Land abge­hal­ten. Ver­an­stal­ter waren die ört­li­chen NGOs la Jeu­nesse pour une Nou­vel­le Socié­té (JNS), le Forum Natio­nal de la Jeu­nesse pour l’Ex­cel­lence (FNJE) und Lut­te pour le Chan­ge­ment (LUCHA). / Amnes­ty Inter­na­tio­nal lie­gen Infor­ma­tio­nen dar­über vor, dass eini­ge Per­so­nen wäh­rend der Fest­nah­me von den Sicher­heits­kräf­ten miss­han­delt wur­den. Ein Augen­zeu­ge berich­te­te, dass Per­so­nen von den Sicher­heits­kräf­ten schi­ka­niert und grob behan­delt wur­den, bevor man sie an unbe­kann­te Orte ver­brach­te. Der US-ame­ri­ka­ni­sche Diplo­mat und die aus­län­di­schen Journalist_innen wur­den noch am sel­ben Tag wie­der frei­ge­las­sen, die sene­ga­le­si­schen und bur­k­in­i­schen Aktivist_innen wur­den aus­ge­wie­sen. Wei­te­re kon­go­le­si­sche Menschenrechtler_innen befin­den sich nach wie vor ohne Kon­takt zur Außen­welt an unbe­kann­ten Orten in Haft. Ihnen dro­hen Fol­ter und ande­re Miss­hand­lun­gen. / Amnes­ty Inter­na­tio­nal sieht die­se Angrif­fe auf die Meinungs‑, Ver­samm­lungs- und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit mit gro­ßer Sor­ge.“ — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 4. Mai hin­aus, unter »> ai : urgent action

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masuleh

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nord­pol : 15.08 — Fol­gen­de E‑Mail, die ein Mann namens Lorenz geschrie­ben haben könn­te, erreich­te mich in der ver­gan­ge­nen Nacht um 2.07.15 Uhr: fd gmzin­li­qj cey­o­jii dy inti­ai lai­mi­su­uv tie­hurehn dw. Ich wun­der­te mich, weil ich Lorenz nicht ken­ne. Weder war ein Link zu fin­den, noch konn­te ein Über­set­zungs­pro­gramm den Text erschlie­ßen. Auch mit­tels der feh­len­den Zei­chen im Text, die für einen kom­plet­ten Daten­satz unse­res Alpha­be­tes unver­zicht­bar wären, ließ sich kei­ne ver­ständ­li­che Nach­richt ent­zif­fern: b k p x. Sobald ich Lorenz ant­wor­te­te, erhielt ich den Hin­weis, mein Schrei­ben sei nicht zustell­bar. Denk­bar ist, dass ich einen ver­schlüs­sel­ten Text emp­fan­gen habe, oder einen Brief ohne jeden Sinn, ein Par­ti­kel vom Hin­ter­grund­rau­schen, das zuneh­men, das immer lau­ter wer­den könn­te. — An alten, höl­zer­nen Türen der ira­ni­schen Stadt Masu­leh sol­len je zwei Tür­klop­fer befes­tigt sein, einer für männ­li­che, der ande­re für weib­li­che Men­schen. — stop

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nord­pol : 10.28 — Habe heu­te bemerkt, dass ich eine Foto­gra­fie, die ich vor eini­gen Jah­ren ver­geb­lich wie­der­zu­fin­den such­te, nun tat­säch­lich ver­lo­ren zu haben schei­ne. Ich erin­ne­re mich, die Foto­gra­fie zeigt die Raum­sta­ti­on MIR in gro­ßer Höhe über der Erde schwe­bend. Ich konn­te mich zuletzt noch gut an das far­bi­ge Bild erin­nern, viel­leicht des­halb, weil mich die Auf­nah­me, als ich sie vor mir auf dem Tisch lie­gen sah, tage­lang berühr­te. Jetzt, heu­te, nur noch ein vages Bild, wie ein Ent­wurf, dem ich nicht trau­en kann, aber die Beschrei­bung der Foto­gra­fie, die ich aus der Erin­ne­rung notier­te: Ein Bull­au­ge, dort das Gesicht einer Frau, ein erns­tes Gesicht, Ahnung, Schat­ten, Züge einer rus­si­schen Kos­mo­nau­tin, die Mona­te allei­ne auf der MIR-Sta­ti­on leb­te. Sie beob­ach­tet die äußerst behut­sa­me Annä­he­rung eines Raum­schif­fes der NASA, in dem sich Men­schen befin­den, die ver­mut­lich bereits Kon­takt auf­ge­nom­men haben: Wir sehen Dich! — Da war das tie­fe Schwarz des Welt­alls im Hin­ter­grund, ein abso­lut töd­li­cher wir­ken­der Raum, der sich zwi­schen den bei­den Raum­kör­pern erstreck­te. — stop
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del­ta : 0.25 — Wenn ich an die Stadt Peking den­ke, den­ke ich auch an einen Freund zurück, des­sen Leben in die­ser fer­nen Stadt vor zwei Jah­ren und vier­und­drei­ßig Tagen ende­te. Er war Foto­graf gewe­sen, sein Kör­per und sei­ne Woh­nung exis­tie­ren nicht mehr, sei­ne Foto­ap­pa­ra­te wur­den mög­li­cher­wei­se ver­schenkt oder ver­kauft, doch zahl­rei­che sei­ner Foto­gra­fien leben in der digi­ta­len Sphä­re wei­ter fort, auch Ein­trä­ge bei Face­book, da nie­mand zu fin­den ist, der sie löschen könn­te oder löschen woll­te. Die viel­leicht letz­te Auf­nah­me von sei­ner Hand in Euro­pa, zeigt einen Gepäck­wa­gen im Ter­mi­nal 1 des Frank­fur­ter Flug­ha­fens, 3 Kof­fer und 1 Ruck­sack. Weil der foto­gra­fie­ren­de Mensch hin­ter der Kame­ra stand, wir­ken sie schon ver­waist, oder viel­leicht nur des­halb, weil sie in Kennt­nis sei­nes nahen­den Todes von mir betrach­tet wer­den. Sicher ist, dass Men­schen nach dem Ver­stor­be­nen suchen, sie sto­ßen dann auch auf Tex­te, die ich notier­te, ver­wei­len, weil sie sich erin­nern oder weil sie sich wun­dern, viel­leicht haben sie einen ähn­lich tra­gi­schen Ver­lust erlebt. Ande­re blei­ben nur für Sekun­den, weiß der Him­mel, war­um, viel­leicht waren sie Such­ma­schi­nen, nie­mand schreibt, nie­mand kom­men­tiert, ein Schau­en und Schwei­gen. – stop

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von ameisenuhren

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nord­pol : 5.06 — Es ist kurz vor sechs Uhr abends. Nach einer Ver­fol­gungs­jagd über Bahn­stei­ge des Zen­tral­bahn­hofs, gewährt mir ein Jun­ge von viel­leicht acht Jah­ren einen Blick in eine sei­ner Man­tel­ta­schen. Er will jetzt nicht mehr weg­lau­fen, er will nur ganz still neben mir auf der Trep­pe sit­zen und zuse­hen, wie ich Uhren betrach­te, die sich in eben sei­ner Man­tel­ta­sche befin­den. Noch nie in mei­nem Leben habe ich so vie­le grö­ße­re und klei­ne­re Arm­band­uh­ren auf einem sehr engen Raum beob­ach­tet. Wie ich mich der Uhren­ta­sche nähe­re, und zwar mit einem Ohr, sieht mir der klei­ne Jun­ge, der nicht mehr weg­lau­fen will, zu. Ver­mut­lich wird er bemer­ken, dass ich mei­ne Augen schlie­ße, um das Geräusch der Uhr­wer­ke in sei­ner auf­re­gen­den Schön­heit wahr­neh­men zu kön­nen, ein sehr lei­ses Brau­sen, sagen wir, wie von Tie­ren gemacht, als wür­de ein Volk der Wan­der­amei­sen näher­kom­men. Wie ich mich auf­rich­te, habe ich die Uhr mei­nes Vaters wie­der­ge­fun­den, und der Jun­ge beob­ach­tet, wie ich sie nun um mein Hand­ge­lenk lege und sehr fest zie­he, was der Jun­ge sei­ner­seits mit einem Lächeln quit­tiert. Die­se Uhr, sagt er, gehö­re jetzt wie­der mir, er macht sehr gro­ße Augen. — stop

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milanomaki

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echo : 0.18 — Wäh­rend eines Spa­zier­gangs im bota­ni­schen Gar­ten hör­te ich, man habe zuletzt im Jahr 2000 eine bis­her nicht bekann­te Struk­tur der mensch­li­chen Hand ent­deckt, das liga­men­tum meta­car­pa­le pol­li­cis, ein Band, wel­ches die Sta­bi­li­tät der Dau­men­be­we­gung erhö­he. Bis­her hat­te ich ange­nom­men, die Ana­to­mie des mensch­li­chen Kör­pers sei bereits seit Jahr­zehn­ten rest­los auf­ge­klärt. – stop. Es ist jetzt kurz nach Mit­ter­nacht, Count Basie: At the Aqua­ri­um. Vor weni­gen Minu­ten erreich­te mich eine E‑Mail. Mila­n­o­ma­ki notiert > : Ich soll­te ein Ohren­mensch sein. Ich sit­ze mit leicht zur Sei­te geneig­tem Kopf und höre zu, einem Men­schen viel­leicht oder einer Flie­ge, die über mir im Luft­raum turnt. Oder ich ste­he in einem Zim­mer ganz still, um so prä­zi­se wie mög­lich den­ken zu kön­nen. Kurz dar­auf set­ze ich mich an einen Schreib­tisch und mache vie­le Wör­ter, dann mache ich eine Pau­se, dann lese ich alles das Notier­te noch ein­mal durch, dann strei­che ich so vie­le Wör­ter mit dem Kopf, wie mög­lich ist, um bald wie­der nur einen Strich vor mir auf dem Papier vor­zu­fin­den. Ich habe viel erlebt. — stop

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buenos aires

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nord­pol : Ein­mal, wäh­rend einer Zug­fahrt süd­wärts, lern­te ich Valen­tin Ruiz ken­nen, einen damals schon hoch­be­tag­ten Mann. Er bemerk­te bald, nach­dem ich in sein Abteil getre­ten war, dass ich ihn beob­ach­te­te, wie er in sein Notiz­buch schrieb. Wir kamen ins Gespräch. Herr Ruiz erzähl­te, er habe lan­ge Zeit in Argen­ti­ni­en gelebt, nahe der Stadt Bue­nos Aires. Er mon­tier­te dort Auto­mo­bi­le in einer Fabrik. Als Robo­ter­ma­schi­nen die Stadt besuch­ten, war das eine schwe­re Zeit gewe­sen. Dar­über den­ke er gera­de nach. Er berich­te­te von sei­nen Erfah­run­gen, von erstaun­li­chen Gedan­ken, sodass ich mei­ner­seits mein Notiz­buch öff­ne­te. Kurz nach­dem ich den Zug ver­las­sen hat­te, Herr Ruiz war in der war­ten­den Men­schen­men­ge ver­schwun­den, ver­such­te ich mei­ne Gesprächs­no­tiz zu ergän­zen. Ich muss­te mich beei­len, Herr Ruiz hat­te sehr schnell, ja auf­ge­regt gespro­chen, und ich hat­te den Ein­druck, mei­ne Erin­ne­rung könn­te sich eben­so schnell ver­flüch­ti­gen. Ich notier­te: Mit­tels Wör­tern sind zeit­ge­nös­si­sche Maschi­nen an einem Ort bereits ein­ge­trof­fen, lan­ge bevor auch nur eine ihrer Schrau­ben ange­kom­men ist. Sie sind Gegen­stand der Begeis­te­rung einer­seits, aber auch von Furcht, sodass sie in jeder Rich­tung grö­ßer erschei­nen, als sie in Wirk­lich­keit sind. Wo eine Maschi­ne zum Auf­bau kom­men wird, ist zunächst ein Raum ange­nom­men, ein Raum, der bereits frei­ge­räumt wur­de oder zunächst befreit wer­den muss. Dann kommt die Maschi­ne in der Wirk­lich­keit an, in der Mehr­zahl der Fäl­le in Tei­len. Beglei­tet wird sie von Men­schen, die sich um ihre Rei­se bemü­hen. Manch­mal blei­ben Men­schen, die die Maschi­ne beglei­ten, an Ort und Stel­le, dem­zu­fol­ge in der Nähe der Maschi­ne, um aus Tei­len ein Gan­zes zu fügen. Man kann dar­über stau­nen, dass an einem Ort, an dem zunächst nichts zu sehen war, sehr bald eine Ver­samm­lung tech­ni­scher Par­ti­kel zu bemer­ken ist, die sinn­vol­ler­wei­se bereits sich in einem logi­schen Zusam­men­hang befin­den. Eine Maschi­ne ist stumm, solan­ge sie nicht leuch­tet. Schon eine blin­ken­de Diode genügt, um Gesprächs­be­reit­schaft anzu­deu­ten. Maschi­nen, die mit elek­tri­schen Strö­men in Bewe­gung gesetzt wer­den, nei­gen zur Erhit­zung, wes­halb sie an der ein oder ande­ren Stel­le atmen, also bla­sen. Tei­le der Maschi­nen sind so groß, dass sie von einem Men­schen nicht geho­ben, oder so klein, dass sie von einem mensch­li­chen Auge nicht wahr­ge­nom­men wer­den kön­nen. Wo Maschi­nen erschei­nen, ver­schwin­den Men­schen jeder Grö­ße. — stop

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raumzeit

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hima­la­ya : 0.15 — Kürz­lich habe ich etwas Lus­ti­ges mit mir selbst erlebt. Ich saß in der Nähe mei­nes Schreib­ti­sches auf einem Stuhl und stell­te mir vor, wie ich gleich auf­ste­hen und zum Fens­ter gehen wer­de. Was wäre zu sehen, frag­te ich mich, wenn ich in die­ser Pas­sa­ge durch mein Zim­mer von einer Kame­ra auf­ge­nom­men wer­den wür­de, die in der Lage ist, 1 Mil­li­on Bil­der pro Sekun­de ein­zu­fan­gen. Das Auge die­ser Kame­ra wür­de mir nun also fol­gen und in die­ser Zeit der Wan­de­rung 8 Mil­lio­nen Bil­der mei­ner Gestalt im Raum erzeu­gen. Wie lan­ge Zeit, über­leg­te ich wei­ter­hin, wür­de ich in der Betrach­tung mei­ner Per­son ver­brin­gen, wenn ich den kurz zuvor auf­ge­nom­me­nen Film mit der übli­chen Rate von 24 Bil­dern pro Sekun­de betrach­ten könn­te. Ich rech­ne­te auf einem Stück Papier ein oder zwei Minu­ten hin und her, um schließ­lich mit Gewiss­heit eine Beob­ach­tungs­zeit von 3 Tagen und wei­te­ren 20 Stun­den her­aus­zu­fin­den. Zu die­sem Zeit­punkt saß ich noch auf mei­nem Stuhl. Kurz dar­auf stand ich auf und ver­such­te, mich in der Wirk­lich­keit mei­nes Kör­pers der­art lang­sam zu bewe­gen, dass ich in der errech­ne­ten Betrach­tungs­zeit als tat­säch­li­che, nicht als auf­ge­zeich­ne­te Per­son, jene vor­ge­nom­me­ne Stre­cke über­win­den wür­de. Ich stel­le fest: Das äußerst lang­sa­me Ver­hal­ten eines mensch­li­chen Kör­pers in Raum und Zeit bedarf einer­seits inten­si­ver logis­ti­scher, ander­seits sport­li­cher Vor­be­rei­tung. – stop / kof­fer­text

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camilla

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hima­la­ya : 5.32 — Ob Camil­la wirk­lich exis­tier­te, ver­mag ich nicht mit Sicher­heit zu sagen. Aber der klei­ne Mann, Feli­pe, der von Camil­la erzähl­te, exis­tiert tat­säch­lich, er hat mir wäh­rend einer mor­gend­li­chen Bus­fahrt die Hand gege­ben, eine klei­ne, raue Hand, die Hand eines Man­nes, der ein Leben lang hart gear­bei­tet haben muss. Ein Fin­ger sei­ner Hand fehl­te, glau­be ich, ja, ich bin mir nicht sicher, ich mei­ne gespürt zu haben, dass etwas fehl­te, sein fes­ter Hän­de­druck, und als ich nach­se­hen woll­te, hat­te Feli­pe sei­ne Hand eilig hin­ter dem Rücken ver­steckt. Ich frag­te ihn, wo er gebo­ren wur­de, er ant­wor­te­te mit einem Namen, der wun­der­schön in mei­nen Ohren klang, einen spa­ni­schen Namen. Er wohn­te in die­ser Stadt sein Leben lang. Fünf­zig Jah­re arbei­te­te er in einer Fabrik, in wel­cher Papie­re erzeugt wur­den, die in der Lage waren, Strom zu lei­ten. Man mach­te aus die­sen merk­wür­di­gen Papie­ren zum Bei­spiel Bücher, die sich in küh­ler Luft erwärm­ten. Beim Schnei­den der Papier­bö­gen könn­te die Geschich­te mit dem Fin­ger pas­siert sein vor lan­ger Zeit, als Camil­la noch nicht in sei­nem Leben gewe­sen war. Wie Feli­pe von Camil­la erzähl­te, leuch­te­ten sei­ne Augen, er ist doch ein groß­ar­ti­ger Erzäh­ler. Dass sie ihn trotz sei­nes feh­len­den Fin­gers lieb­te, erzähl­te er nicht, aber dass sie ein wenig grö­ßer war als er selbst, und dass sie über wun­der­ba­re Ohren ver­füg­te, die wackel­ten, wenn sie lach­te. Mit dem Alter wur­de Camil­la klei­ner. Weil auch Feli­pe klei­ner wur­de, änder­te sich nichts dar­an, dass sie grö­ßer war. Wie ich ihn so sah, neben sei­nem Kof­fer sit­zend im schau­keln­den Bus, dach­te ich dar­an, dass wir noch immer in einer Zeit leben, da Men­schen sich damit abfin­den müs­sen, dass Fin­ger für immer ver­schwin­den, oder Camil­la mit ihren beben­den Ohren. — stop

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