Aus der Wörtersammlung: geste

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london tube

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echo : 6.50 — In einem Tun­nel des Lon­do­ner U‑Bahnsystems kau­er­ten Men­schen auf dem Boden. Kaum Licht, eine düs­te­re Sze­ne, die ein unbe­kann­ter Foto­graf auf­ge­nom­men hat­te, Anfang der 40er-Jah­re. Bret­ter waren über U‑Bahngeleise gelegt. In die­ser Wei­se ent­stan­den unter der Stadt Flä­chen, die Men­schen bege­hen, auf wel­chen sie sit­zen oder lie­gen konn­ten. Auch Kin­der waren zu sehen, sie tru­gen Röcke, Schul­uni­form­ja­cken und sehr klei­ne Schu­he. Auf einem Schau­kel­pferd saß ein Jun­ge, der schon älter gewe­sen war. Er beweg­te sich viel­leicht in dem Moment der Auf­nah­me, wes­halb er etwas unscharf wie­der­ge­ge­ben wur­de. In sei­ner unmit­tel­ba­ren Nähe lehn­te eine jun­ge Frau mit dem Rücken zur Wand, sie las in einem Buch oder war ein­ge­schla­fen. Ich erin­ne­re mich, dass ich die Foto­gra­fie, die ich aus einer Zei­tung geschnit­ten hat­te, ein­mal mit einer Lupe betrach­te­te. Irgend­wann hat­te ich sie ver­ges­sen. Ges­tern Abend nun kehr­te sie aus mei­nem Gedächt­nis zurück. – Neun Uhr in Luhansk, Ukrai­ne. Zehn Uhr in Mos­sul, Irak. stop

polaroidtimessquare

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kleine anatomische geschichte

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echo : 5.01 — Ges­tern ist mir wie­der ein­mal etwa Selt­sa­mes mit mir selbst pas­siert. Ich beob­ach­te­te im Spie­gel ein Augen­lid, das flat­ter­te. Ich war noch nicht lan­ge wach gewe­sen. Als sich das Augen­lid beru­higt hat­te, bemerk­te ich, dass auch ein klei­ner Mus­kel an mei­ner lin­ken Wan­ge beb­te und ich über­leg­te, wel­cher Mus­kel das genau sein könn­te. In die­sem Moment erin­ner­te ich mich an eine klei­ne Geschich­te, die ich vor weni­gen Jah­ren in einem Café erleb­te. Eine Freun­din saß mir gegen­über. Wir spra­chen über dies und das. Plötz­lich beschwer­te sie sich, ich wür­de sie so selt­sam anse­hen. Tat­säch­lich hat­te ich Bewe­gun­gen ihres Gesich­tes beob­ach­tet, in den Momen­ten genau, da sie sprach oder lach­te. Es war ein unwill­kür­li­cher Blick unter die Haut gewe­sen, ein sozu­sa­gen ana­to­mi­scher Blick, der sie irri­tier­te, ohne zu wis­sen, wes­halb genau. Sie mein­te, ich wür­de ihr nicht zuhö­ren, son­dern träu­men. In die­sem Moment wur­de deut­lich: Sobald ich einen Men­schen in ana­to­mi­scher Wei­se betrach­te, wird mein Blick in den Augen des Betrach­te­ten kein schar­fer Blick sein, wie man viel­leicht erwar­ten wür­de, son­dern ein unschar­fer Blick, eine Gren­ze über­schrei­tend, fan­ta­sie­rend. — stop
ping

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ohne radioradar

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nord­pol : 1.55 — Eine stil­le Arbeits­nacht. Auf dem Tisch in der höl­zer­nen Küche unter dem Dach sta­peln sich Ton­spu­len, die ich nach Zeit­punkt der Auf­nah­me oder den Namen der Per­so­nen, die ich befrag­te, sor­tier­te: Katin­ka 1 — 3. Vor weni­gen Minu­ten war ich kurz ein­ge­schla­fen, ohne vom Stuhl zu fal­len. Balan­ce scheint mög­lich zu sein, oder ich habe nicht sehr tief geschla­fen. Als ich erwach­te, saß Esme­ral­da vor mir auf dem Tisch. Sie betrach­te­te mich. Ihre Füh­ler­au­gen beweg­ten sich äußerst lang­sam auf und ab. Dann setz­te sie sich in Bewe­gung, wen­de­te sich einer Bana­ne zu, die auf dem Tel­ler lag, dort schien sie bald ein­ge­schla­fen zu sein. Ich kann sie der­zeit berüh­ren, ihren schim­mern­den Leib, sie flüch­tet nicht, sie ist kühl und sie riecht nach Eisen und Regen und etwas nach Salz. Ges­tern hat­te ich mich wie­der ein­mal gefragt, ob Esme­ral­da viel­leicht in der Lage sei, zu hören. Ich mach­te mich sofort auf den Weg zum Com­pu­ter, um nach­zu­for­schen, ob Schne­cken über ein Gehör ver­fü­gen. Dann klin­gel­te das Tele­fon, eine Stun­de spä­ter erin­ner­te ich mich, dass ich nach den Ohren der Schne­cken fra­gen woll­te. Heu­te aber ist eine sol­che Nacht, da ich nichts wis­sen will, auch nicht ob Esme­ral­da hören kann, wenn ich pfei­fe oder spre­che. In mei­ner Nähe, sie schla­fen ver­mut­lich gera­de, exis­tie­ren Per­so­nen, die nichts ahnen vom Mor­den in der Ukrai­ne, von Viren, die in Afri­ka Men­schen befal­len, von Flücht­lin­gen, die durch das Sing­schar — Gebir­ge irren. Sie lesen kei­ne Zei­tung, sie besit­zen weder Radio noch Fern­seh­ge­rät, aber sie lesen Bücher, die sich immer sehr weit hin­ter der Jetzt­zeit bewe­gen. — stop

nach­rich­ten von esme­ral­da »
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moskau

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bamako : 6.55 — Vor einem Schal­ter am Zen­tral­bahn­hof stand eine alte Dame mit einem Kof­fer, den sie hin­ter sich her­zie­hen konn­te. Sie trug ein blau­es Hüt­chen auf dem Kopf, und sie war grell geschminkt und lach­te. Auf den ers­ten Blick schien sie fröh­lich zu war­ten wie ihr klei­ner Kof­fer, auf den zwei­ten Blick aller­dings war zu sehen, dass sie nicht nur war­te­te, son­dern bewacht wur­de von einer wei­te­ren, sehr viel jün­ge­ren Frau und einem Mann, der die Uni­form der Bahn­ge­sell­schaft trug. Wie Säu­len stan­den sie links und rechts der alten Dame, die jun­ge Frau hat­te über­dies die Hand­ta­sche der Bewach­ten an sich genom­men, um sie zu durch­su­chen. Eine ihrer Hän­de wühl­te so hef­tig in der Tasche her­um, dass ein Rascheln weit­hin zu ver­neh­men war. Sie forsch­te ein oder zwei Minu­ten in die­ser wil­den Art und Wei­se. Weil sich aber in der Bör­se der alten Dame kein Doku­ment zur Iden­ti­fi­zie­rung auf­spü­ren ließ, schüt­tel­te sie den Kopf, beug­te sich noch ein­mal her­ab, sprach lei­se zu der alten Dame hin, um sich kurz dar­auf an einen Schal­ter zu wen­den. Dort saß hin­ter spie­geln­dem Glas ein Schat­ten, der ein Mikro­fon an sei­nen Mund führ­te, kurz dar­auf war eine war­me, melo­di­sche Stim­me zu hören, die durch die Bahn­hofs­hal­le schall­te, sie sag­te: Ach­tung! Wir bit­ten um ihre Auf­merk­sam­keit, vor dem Infor­ma­ti­ons­schal­ter Gleis 24 war­tet ein Per­so­nen­fund­stück. Bit­te mel­den Sie sich! — Die­se Geschich­te ereig­ne­te sich ges­tern am frü­hen Abend, kurz bevor der Fern­zug aus Mos­kau via War­schau den Bahn­hof erreich­te. Auf dem Bahn­steig war­te­ten vie­le Men­schen. Man­che hiel­ten Blu­men in ihren Hän­den. Ande­re foto­gra­fier­ten. — stop

polaroidstrand1

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josef

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echo : 5.01 — Ich weiß nicht, wie oft ich schon die Trep­pen in Josefs klei­ne Woh­nung gestie­gen bin. Viel­leicht ein­hun­dert­mal in den sieb­ten Stock unters Dach, seit er mich mit der Auf­sicht sei­ner Blu­men beauf­trag­te. Als ich ges­tern am spä­ten Abend die Tür hin­ter mir schloss, ent­deck­te ich eine Nach­richt auf dem Anruf­be­ant­wor­ter sei­nes Tele­fons. Ich war mir nicht sicher, ob ich die Nach­richt viel­leicht abhö­ren soll­te, ich dach­te, eine wich­ti­ge Nach­richt könn­te hin­ter­legt wor­den sein. Also drück­te ich einen Kopf und die Maschi­ne begann alle bis­her nicht gehör­ten Nach­rich­ten abzu­spie­len, die auf ihr ver­zeich­net und von mir bis dahin nicht bemerkt wor­den waren. Rosie erkun­dig­te sich nach Josefs Ver­bleib, sie waren ver­ab­re­det, Josef nicht gekom­men. Dr. Tau­ber ließ aus­rich­ten, dass eine Unter­su­chung für Okto­ber geplant wer­den müs­se, rei­ne Rou­ti­ne, es war inzwi­schen Juni gewor­den. Im Dezem­ber lud Emi­lie Josef zum Weih­nachts­sin­gen in die Schil­ler­schu­le ein, es ging um ihren Enkel, der in den Chor beru­fen wor­den war. Im Janu­ar wur­den zwei Bot­schaf­ten hin­ter­las­sen, je ohne eigent­li­che Nach­richt, ein­mal waren Men­schen­stim­men zu hören, die Sire­ne einer Ambu­lanz, dann eine Stim­me, die in eng­li­scher Spra­che ver­kün­de­te, dass der nächs­te ein­fah­ren­de Zug in Rich­tung Coney Island fah­ren wür­de. Im März wie­der Rosies einer­seits ärger­li­che, ande­rer­seits besorg­te Fra­ge: Josef, wie geht es Dir? Anfang Mai eine wei­te­re Bot­schaft, die nur aus Geräu­schen bestand, ich glau­be, ich hör­te das Dröh­nen eines Schiffs­mo­tors. Ende des Monats war ein Onkel Josefs gestor­ben, man bat ihn zu kom­men, er soll­te spre­chen, wes­we­gen man sich drei Tage spä­ter noch ein­mal erkun­dig­te. Im Juni wie­der Stadt­ge­räu­sche, ein Gewit­ter im Hin­ter­grund, Stim­men in einer Spra­che, die ich nicht kann­te. Die letz­te Auf­nah­me, die ich hör­te, war von einer ganz beson­de­ren Art gewe­sen, Glo­cken waren zu hören, Glo­cken, wie sie unter den Häl­sen von Kühen bau­meln. Es war eine sehr lan­ge Auf­nah­me, kurz bevor sie ende­te, Josefs Stim­me: Koh­leralm, Sand­wes­pen­ge­sang. — stop

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vom rotkehlchen

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char­lie : 16.02 — Am 28. Juli 2014 bereits wur­de am Fuße eines Ber­ges im Schat­ten einer Buche eine Rechen­ma­schi­ne gefun­den, in ihren Ver­zeich­nis­sen ein Ord­ner, den der Besit­zer der Rechen­ma­schi­ne Herr Lud­wig L. mit der Bezeich­nung Archiv ver­se­hen hat­te. Es han­delt sich um einen unge­wöhn­lich umfang­rei­chen Ord­ner, 425 Giga­byte groß, in dem 1245 ver­schlüs­sel­te Fil­me ent­hal­ten sein sol­len. Wo sich Herr L. zu die­sem Zeit­punkt befin­det, weiß nie­mand so genau. Er soll sich auf den Weg auf­wärts gemacht haben, zuletzt wur­de er auf moos­be­wach­se­nen Stei­nen eines Bach­bet­tes klet­ternd gese­hen. Er mach­te auf einer Höhe von 872 Metern einen fröh­li­chen Ein­druck, war mit fes­ten Schu­hen, einem gel­ben Ruck­sack, Regen­schirm und Regen­um­hang aus­ge­rüs­tet, einem Seil wei­ter­hin, Kara­bi­nern, sowie einem klei­nen Ham­mer und einem Kom­pass. So jeden­falls wur­de er beschrie­ben von meh­re­ren Zeu­gen, die ihm begeg­net sein wol­len. Sie sagen alle das­sel­be: Der Mann war glück­lich. Ein­mal stand er bis zu den Hüf­ten im kal­ten Was­ser eines Kes­sels, den der Bach gleich­mü­tig in das Gestein des Ber­ges gegra­ben hat­te. Er grüß­te zur Brü­cke hin­auf, Wan­de­rer beob­ach­te­ten ihn. Ein Rot­kehl­chen bade­te in sei­ner Nähe. Forel­len hüpf­ten aus dem Was­ser, glän­zen­de Rücken im Licht der Son­ne, die durch die kar­gen Wip­fel strahl­te. Auf 2105 Metern Höhe begeg­ne­te der Mann einem Hir­ten und sei­nem Hund, dann war er ver­schwun­den. Kei­ner­lei Spur seit­her, auch heu­te nicht, da sich ein Zoll­be­am­ter der Unter­su­chung der zurück­ge­las­se­nen Rechen­ma­schi­ne wid­me­te. Es ist 15 Uhr, Frei­tag. — stop

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sofia

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del­ta : 5.57 — Im Flug­ha­fen­ter­mi­nal 1 exis­tiert ein Mann, den ich vor sie­ben oder acht Tagen bemerk­te. Ich war an einer Bank vor­über gekom­men, auf wel­cher der Mann schla­fend lager­te. Bevor er ein­ge­schla­fen war, muss er sei­ne Schu­he sorg­sam neben­ein­an­der unter das fest­ge­schraub­te Bett gestellt haben. Sein Kopf ruh­te auf Armen, die in den Ärmeln eines hell­blau­en Hem­des steck­ten. Er trug kei­ne Strümp­fe. Kof­fer waren in sei­ner Nähe nicht zu sehen. An jedem Mor­gen seit­her, sah ich ihn wie­der, immer in der­sel­ben Posi­ti­on auf der­sel­ben Bank lie­gend. Auch sei­ne Schu­he waren immer­zu anwe­send. Ges­tern hat­te ich den Ein­druck, als wür­de der Mann mög­li­cher­wei­se gar nicht exis­tie­ren, son­dern wäre nur eine Idee, ein Bild, aber der Mann atmet, das ist gut zu sehen. Auch scheint er sich zu rasie­ren, wenn ich nicht da bin. Er muss seit sei­ner Ankunft mehr­fach auf­ge­wacht sein, um zu trin­ken oder zu essen oder ein wenig zu spa­zie­ren. Die­ser Mann könn­te der ein­zi­ge Mensch sein, den ich seit lan­ger Zeit ken­ne, ohne sei­ne geöff­ne­ten Augen je gese­hen zu haben. Er kommt viel­leicht aus Buka­rest, oder aus Athen, Bel­grad, Sofia, das ist denk­bar. — stop

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kollibry

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echo : 5.55 — Im ver­gan­ge­nen Novem­ber ver­leg­te ich eine Nach­richt, die mir per E‑Mail zuge­stellt wor­den war. Ver­mut­lich hat­te ich ihre Exis­tenz bereits nach weni­gen Stun­den ver­ges­sen, sodass ihr Sen­der ver­geb­lich auf eine Ant­wort war­te­te. Heu­te Nacht habe ich sie glück­li­cher­wei­se wie­der ent­deckt. Es war damals etwas Bedeu­ten­des gesche­hen. L. hat­te ein Note­book geschenkt bekom­men, das ers­te Note­book sei­nes Lebens. Es war kein neu­es, es war ein gebrauch­tes Gerät, aber noch in einem guten Zustand, kaum ein Krat­zer am sil­ber­grau­en Gehäu­se, sei­ne Tas­ten funk­tio­nier­ten tadel­los, und die Pro­gram­me des Betriebs­sys­tems waren her­vor­ra­gend sor­tiert. Ein erns­tes Pro­blem stell­te aller­dings eine Buch­sta­ben­ma­schi­ne dar, prä­zi­se die Kor­rek­tur­rou­ti­ne eines Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gramms, wel­ches vom Vor­be­sit­zer des Note­books jah­re­lang inten­siv ver­wen­det wor­den sein muss­te. Das klei­ne Zusatz­pro­gramm konn­te nicht aus­ge­schalt wer­den, was ange­nehm gewe­sen wäre. Zahl­rei­che feh­ler­haf­te Wör­ter waren in sei­ne tie­fen Spei­cher gewan­dert, und so web­te das Pro­gramm, wäh­rend L. mit sei­ner Hil­fe notier­te, Vor­schlä­ge in gera­de eben ent­ste­hen­de Tex­te, bei­spiels­wei­se anstatt des Wor­tes Koli­bri das Wort Kol­li­bry, was schließ­lich zu äußerst erstaun­li­chen Befun­den führ­te. L. glaub­te bald, sehr ernst­haft krank gewor­den zu sein. Er bat mich um Unter­stüt­zung, er wol­le den Spei­cher der Wort­miss­bil­dun­gen unver­züg­lich aus­ra­die­ren. – Es ist kurz vor drei Uhr. Ver­mut­lich kom­me ich mit mei­nen Hin­wei­sen viel zu spät, das ist denk­bar, sogar wahr­schein­lich, dass ich viel zu spät sein wer­de. Machen wir uns trotz­dem sofort auf die Suche nach einer Lösung. Gewit­ter­stim­mung vor den Fens­tern, Flie­gen, Blit­ze, aber kein Don­ner, viel­leicht eine Art Wet­ter­leuch­ten, gran­dio­se, aus dem Him­mel stür­zen­de Bäu­me von Licht. – stop

polaroidglobus

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gallipoli : melissano : ugento

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marim­ba : 2.10 — Lino­sa erzähl­te mir eine Geschich­te, von der ich nicht sagen kann, ob sie sich tat­säch­lich so ereig­ne­te wie behaup­tet, oder ob die Geschich­te rein erfun­den sein könn­te. Seit eini­gen Mona­ten erhal­te er näm­lich täg­lich einen Luft­post­brief aus Ita­li­en. In dem Brief sei jeweils ein beid­sei­tig bedruck­tes Blatt Papier ent­hal­ten, Text in eng­li­scher Spra­che, num­me­riert, fei­ne, prä­zi­se for­mu­lier­te Sät­ze. Er habe, so berich­te­te Lino­sa, eini­ge die­ser Sät­ze in die Mas­ke einer Such­ma­schi­ne ein­ge­ge­ben, wes­halb ihm nun bekannt sei, dass es sich wohl um ein zer­leg­tes Buch han­deln könn­te, das man ihm schi­cken wür­de, um Her­man Mel­vil­les Erzäh­lung Bart­le­by. Das sei für sich genom­men schon eine selt­sa­me Ange­le­gen­heit, noch merk­wür­di­ger kom­me ihm aber vor, dass dem Schrei­ben bis­her kei­ne Erklä­rung, Begrün­dung oder auch nur ein Gruß bei­gefügt wor­den sei. Manch­mal kön­ne er mit­hil­fe des pos­ta­li­schen Stem­pels ent­zif­fern, in wel­cher Stadt der Brief Tage zuvor auf­ge­ge­ben wur­de. Städ­te mit wun­der­vol­len Namen, Gal­li­po­li, Melis­s­a­no, Ugen­to, Lec­ce, Brin­di­si, sei­en dar­un­ter. Wäh­rend er sich in den ers­ten Tagen noch gewun­dert, ja sogar ein wenig gefürch­tet habe, wür­de er sich inzwi­schen dar­über freu­en, nach­mit­tags aus dem 12. Stock sei­nes Miets­hau­ses zum Brief­kas­ten hin abzu­stei­gen, um den Brief ent­neh­men, öff­nen und wie­der im Auf­stieg befind­lich lesen zu kön­nen. 34 Brie­fe habe er bis­lang erhal­ten, 16 wei­te­re Brie­fe soll­ten noch fol­gen, sofern der unbe­kann­te Absen­der in logi­scher Wei­se fort­set­zen wür­de. Der letz­te Brief, der ges­tern aus Fasa­no kom­mend, bei Mr. Lino­sa ein­ge­trof­fen war, soll eine beson­de­re Brief­mar­ke auf sei­ner Anschrif­ten­sei­te getra­gen haben, acht Ren­tie­re, die in einen ver­schnei­ten Him­mel flie­gen. Die­se Brief­mar­ke leuch­te nachts in der Küche im Dun­keln, wo sie nun auf dem Sta­pel zuvor ein­ge­trof­fe­ner Brie­fe so lan­ge sicht­bar ruhen wer­den, bis wie­der Nach­mit­tag gewor­den sein wird. — stop

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nordseebild

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hima­la­ya : 0.58 — Eine Post­kar­te, die mich ges­tern erreich­te, zeigt die Foto­gra­fie einer Insel. Die Auf­nah­me wur­de aus gro­ßer Höhe, ver­mut­lich aus einem Flug­zeug, auf­ge­nom­men. Ein reet­ge­deck­tes Haus. Und Scha­fe. 12 dun­kel­haa­ri­ge und 21 hell­haa­ri­ge Scha­fe. Auf einem Pfad, der zu einem Ladungs­steg führt, ein Mann neben einem Fahr­rad. Er blickt viel­leicht auf das Meer. Weder die Far­be des Fahr­ra­des noch das Alter des Man­nes ist zu erken­nen, der Mann könn­te eine Frau sein. Auf der Rück­sei­te der Post­kar­te wur­de mit unge­len­ken Schrift­zei­chen eine Bot­schaft notiert: Lie­be Aka, es ist hier sehr schön. Es ist 25 °C. Das Was­ser ist 15 °C. Wir waren natür­lich drin. Euer J. – Eine Anschrift fehl­te. — stop

polaroidgame



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