tango : 22.58 UTC — Einmal dachte ich über einen Winterkäfer nach. Aber anstatt einen Winterkäfer zu finden, war mir ein anderes Käferwesen in den Sinn gekommen. Dieser, noch immer namenlose Käfer, sollte ohne Ausnahme paarweise erscheinen, weich sein wie eine Schnecke und von der Körpertemperatur der Menschen und genauso groß, dass er sich in die Augenhöhle eines Schlafenden zu schmiegen vermag. Ich notierte, man würde an dieser Stelle vielleicht meinen, der Käfer würde sich mit seiner Wirkung als Nachtschirm begnügen, stattdessen wollte er sich sacht bewegen und in dieser Weise in Bewegung sehr entspannende Polarlichtspiele von milder, beruhigender Lumineszenz erzeugen. – Während ich diese Zeilen, die ich leicht verändert habe, damals sendete, hörte ich von der Nachricht, Benazir Bhutto sei von einem Selbstmordattentäter getötet worden. – stop
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Aus der Wörtersammlung: menschen
von herzohren
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olimambo : 2.22 UTC — Einmal studierte ich das Wesen der Schmeckknospen, außerdem eine anatomische Geschichte, die sich mit dem Wort Schmeckknospen verbindet. Der Himmel blitzte, ohne Donner, kaum Regen. Ich atmete mit Vorsicht, die Luft duftete nach Schwefel. Während ich las, bemerkte ich, dass ich auch im Lesen sehr langsam geworden bin. Manchmal lese ich so langsam, dass ich nicht Satz für Satz, sondern Wort für Wort vorwärts lese, jedes Wort, sagen wir, wahrnehme, wie es ist. Während ich insgesamt langsamer werde, scheinen viele Menschen um mich her schneller zu werden, sie lesen immer schneller, und sie lieben immer schneller, und sie schreiben immer schneller, und ihre Schuhe fallen ihnen vom rasenden Gehen immer schneller von den Füßen. Und Ihre Wohnungen wechseln Stadtmenschen so rasant wie früher andere Personen ihre Zimmer in Hotels. Ich kann nicht sagen, ob ich nicht vielleicht schon viel zu langsam geworden bin für das moderne Leben. Sicher ist, ich spreche noch immer viel zu schnell, auch für sehr schnelle Menschen spreche ich viel zu schnell. Wenn ich von Herzohren sehr schnell erzähle, fällt niemandem auf, dass ich von Herzohren erzählte, man glaubt, ich erzählte von Herzen und andererseits von Ohren. Einmal wanderte ich sehr langsam von einem Zimmer in ein anderes. Ich beobachtete mit großer Freude, dass ich in meiner Haut alles das, was notwendig für das Leben sein würde, von dem einen Zimmer, in dem ich aus dem Fenster geschaut hatte, in das andere Zimmer, in dem ich ein weiteres Buch lesen wollte, mit mir genommen hatte, nichts blieb zurück. – stop

im juli
echo : 0.10 UTC — Einmal, vor einem Jahr präzise, ging ich im Haus der alten Menschen herum. Da waren geöffnete Türen, und da schaute ich hinein in die Zimmer. Ich beobachtete einen alten Mann, der vor seinem Rollstuhl kniete, und eine alte Dame mit schlohweißem Haar, die lag wie ein Mädchen, mit weit von sich gestreckten Armen und Beinen im Bett wie in einer Sommerwiese. An einem weiteren Tag beobachtete ich ein Bett, in dessen Kissentiefe ein kleiner Mensch ruhen musste. Nur Hände waren von ihm zu sehen, die sich bewegten, die Schatten warfen, die spielten oder mit der Luft sprachen, Stunde um Stunde, Tag für Tag. — Und jetzt ist ein Jahr später geworden, es ist November, es ist Zeit zu berichten, dass der kleine unsichtbare Mensch im August gestorben ist. Vielleicht ist er an den Wirkungen der Zeit gestorben oder aber in seinem Bett an den Folgen eines ohrenbetäubenden Lärms, der auf ihn einwirkte monatelang, weil man das Haus über ihm um ein Dachgeschoss erweiterte, während er noch immer in seinem Bett lag. Aber das ist natürlich nur eine Vermutung öder eine Befürchtung oder eine Behauptung, nichts weiter. — stop

st. elena
sierra : 22.12 UTC — Am Bug sitzen bei schwerem Seegang. Das Meerwasser fliegt durchs neblige Licht wie Milch. Menschen, die das Vaporetto betreten, dampfen, dass die Scheiben beschlagen. Eine junge Frau dreht pfeifend einen roten Regenschirm im Wind. Ich denke mir die Geräusche des Regens aus, die unter dem Dröhnen der Vaporettomotoren unhörbar sind. Aber das Quietschen der Gummistiefel. Trug Schwarze oder Gelbe als Kind. Heutzutage existieren sie in allen möglichen Farben. Auch Malerei ist aufgetragen, alte Meister, der Frühling, Punktzeichnungen der Marienkäfer, Muster in allen möglichen Farben. Ein Mann zeigt seiner Geliebten einen fingerlangen Nashornkäfer von Glas, er hält das schimmernde Wesen in die Luft, eine Vorstellung in diesem Moment, da wir uns wieder dem Land nähern, die Vorstellung auch eines Glasbläsers, irgendwo müssen diese wahren Künstler glühenden, schmelzenden Sandes noch heimlich ihre Backen plustern wie Trompetenspieler. Genau dort scheint eine Verbindung zu existieren von der Musik zu den Nashornkäfern, die in Sammlungen weltweit genadelt sitzen. — stop
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crea
nordpol : 18.55 UTC — Kühle Luft trifft ein, als sei sie mit dem Zug in einem Koffer nach Venedig gekommen. Langsam wird Abend. Auf den Schiffen fahren leicht bekleidete Menschen ihre Gänsehaut heimwärts. Von der Dampfschiffstation Crea aus führt mich eine Wanderung ohne Stadtplan in Händen, nur mit dem Kopf und nach dem Gefühl gehend, durch das Cannaregio in Richtung Castello. Wie lange Zeit, überlegte ich, werde ich tastend ostwärts durch die Gassen streifen, bis ich mein Ziel, die Dampfschiffstation Giardini, erreicht haben werde? Bald ist es kreisend spät geworden. Auf den Stufen der Chiesa del Santissimo Redentore, die noch warm sind vom Taglicht, flitzen Eidechsen herum. Im Zwielicht werden sie zu unruhigen Schatten, die man mit Farben der Vorstellung füllen könnte, an einem bunten Tag werden sie bunt. Es ist jetzt schon zu dunkel, um noch lesen zu können. Ich sollte mir eine Taschenlampe besorgen oder rein elektrische Texte auf meiner flachen Schreibmaschine lesen. Ob papierene Bücher existieren, die zu leuchten, in der Lage sind? — stop

ai : NIGER

MENSCHEN IN GEFAHR: „Der multinationale Ölkonzern Shell und die Regierung des südnigerianischen Bundesstaates Rivers haben es versäumt, die Bewohner_innen von Ogale, einer Region außerhalb von Port Harcourt, der Hauptstadt von Rivers, regelmäßig mit sicherem Trinkwasser zu versorgen. Die meisten der dort lebenden Menschen müssen entweder Wasser kaufen oder Grundwasser trinken, das laut einer 2011 veröffentlichten Studie der Vereinten Nationen gefährlich verschmutzt ist./ Die Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (United Nations Environment Programme, UNEP) ergab, dass die Bewohner_innen von Ogale Wasser aus Brunnen tranken, das so stark mit dem bekannten Karzinogen Benzol verunreinigt war, dass es den nach internationalen Richtlinien festgelegten Grenzwert um das 900-fache überschritt. Das Wasser zu trinken werde „sicher langfristige gesundheitliche Folgen“ haben. UNEP empfahl der nigerianischen Regierung, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, damit die Menschen in Ogale nicht weiterhin Trinkwasser aus kontaminierten Brunnen trinken müssen, und ihnen eine alternative Quelle für sauberes Wasser zur Verfügung zu stellen. Trotz dieses dringenden Aufrufs gibt es noch immer keinen Zugang zu solch einer Quelle. / Am 1. September 2018 besuchte Amnesty International Ogale und sprach mit Anwohner_innen. Die meisten von ihnen kaufen ihr Wasser für den persönlichen und häuslichen Gebrauch, etwa zum Trinken, Kochen und Waschen, obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten können. In einigen Fällen geben Bewohner_innen ein Drittel ihres wöchentlichen Einkommens für Wasser aus, sodass sie manchmal statt drei Mahlzeiten am Tag nur zwei essen können. Diejenigen, die es sich nicht leisten können, Wasser zu kaufen, trinken und nutzen das örtliche Grundwasser – trotz der Warnschilder, die darauf hinweisen, dass das Wasser ihre Gesundheit gefährdet. Manche trinken Wasser aus lokalen Brunnen und Bohrlöchern, auch wenn auf dem Wasser ein öliger Film zu sehen ist. Einige Bewohner_innen bezahlen sogar für das Wasser aus den Bohrlöchern. Andere nutzen Regenwasser, in dem sich schwarze Flöckchen befinden. Die Bewohner_innen haben keine andere Wahl, da sie nicht das nötige Geld aufbringen können, um Wasser von privaten Anbieter_innen zu kaufen und die Regierung bereits seit über einem Jahr kein sauberes Wasser mehr bereitstellt. Zeitgleich mit dem Besuch von Amnesty International in Ogale wurden einige der von der Regierung regulierten Wasserleitungen wieder in Betrieb genommen. Doch die Bewohner_innen berichten, dass die Wasserversorgung lediglich eine Stunde am Morgen oder am Nachmittag funktioniert und die zur Verfügung gestellte Wassermenge nicht ausreicht, um den grundlegenden Wasserbedarf zu decken. Amnesty International hat Grund zu der Annahme, dass auch dieses Wasser nicht den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation für Trinkwasserqualität entspricht.“ - Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen bis spätestens zum 3.8.2018 unter > ai : urgent action
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academia
india : 5.16 UTC — Wasserbus. Dampfschiffchen. Botello. Vaporetto. Erstaunliche Wörter. — Einmal notierte Roland Barthes: Sprache existiert. Und damit beschäftigen wir Strukturalisten uns, wir denken darüber nach. Die meiste Zeit reden die Menschen, ohne zu wissen, dass die Sprache existiert, wir reden, ohne zu wissen, dass wir reden. Wir wissen nur, dass wir Gedanken und Gefühle übermitteln. Aber wir reden, ohne das Geringste über unsere eigenen Worte zu wissen. — Ich höre sehr gerne menschliche Stimmen, deren Sprache ich nicht verstehe wie Musik. Heute beobachtete ich Zahlzeichen, die Vaporettos stolz an ihrem Bug seitwärts tragen. 264 oder 58 oder 182. — stop
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cimitero s. michele
victor : 22.24 UTC — Auf der Insel Giudecca existiert an eine Brücke gelehnt ein Aufzug für Menschen, die nicht in der Lage sind, Treppen zu steigen. Der Aufzug soll nun seit beinahe 3 Jahren außer Dienst genommen sein. Ich hätte davon keine Kenntnis erhalten, wenn ich nicht zufällig hörte, wie ein alter Mann sich wegen dieses kranken Aufzuges empörte. Er saß in einem Rollstuhl auf einem Balkon nur wenige Meter entfernt von der Brücke und warf Brot in die Luft, welches von Möwen im Flug aufgefangen wurde. Der Mann schimpfte in englischer, bald in französischer Sprache, als ob er ganz sichergehen wollte, dass jene Menschen, die die Brücke überquerten, seine Nachricht verstehen würden. An diesem Abend, da der wütende Mann die Administration der Stadt Venedig verdammte, wäre ich sehr gerne sofort in das Wasser zu meinen Füßen gesprungen, um den Reiz der Mückenstiche, die ich während eines Besuches des Friedhofes San Michele hinnehmen musste, durch Kühle zu lindern. Es war am Nachmittag gewesen, ich plante das Grab Joseph Brodsky’s zu besuchen, musste aber bald vor dutzenden Raubtieren flüchten, die sich auf zart schillernden Flügeln kaum hörbar näherten in einer Weise, die mir koordiniert zu sein schien. Polizisten suchten auf dem Friedhof nach zwei Frauen. Ich hatte kurz zuvor beobachtet, wie sie den Friedhof betraten. Sie trugen schwarze Kleider und schwarze Stiefel und schwarze Handschuhe, auch ihr Haar war schwarz gefärbt und ihre Augen wie von Kohle umrandet, sie waren vollständig in Schwarz dargestellt, aber ihre Haut war weiß gepudert. — Vor dem Fenster pfeifen leise Vögel wie Sprechen. — stop

mercato
echo : 22.08 UTC — Immer der Nase entlang spazierte ich zum Markt, wo nachmittags Seemöwen stolzierten über den Boden, den sie längst so gründlich durchsucht hatten, dass Fisch gerade noch als Erinnerung feinster Moleküle in der Luft zu finden war. Da lag noch etwas Eis auf dem Boden, erstaunlich. In diesem Augenblick erinnerte ich mich an einen frühen Morgen vor vielen Jahren. Ich trat damals zur Zeit der Dämmerung auf den Markusplatz. So dicht ruhte Nebel über der Lagune, dass ich nur wenige Meter weit sehen konnte. Ich ging sehr vorsichtig voran. Vor einem Kaffeehaus hielt ich an, setzte mich auf einen Stuhl und wartete. Im Luftwasserzimmer, in dem ich Platz genommen hatte, hörte ich Stimmen von Männern, die miteinander sprachen. Auch waren immer wieder Pfiffe zu hören, wie Radare oder Signaltöne. Es waren Männer mit vermutlich Reisigbesen, die den riesigen Platz kraft ihrer Arme und Hände fegten. Auch Melodien waren zu hören gewesen. Ich wartete ungefähr eine Stunde und lauschte. Nie habe ich einen dieser Männer gesehen, aber ich habe von ihnen vielfach erzählt. Es scheint überhaupt die Zeit, da man sich in Venedig noch verlaufen konnte, vorüber zu sein für alle Menschen, die über eine Schreibmaschine mit GPS-Verbindung verfügen. Es ist, glaubt mir, ein Vergnügen, diese Radarschreibmaschine auszuschalten und loszugehen und nach da und dort zu laufen, stets in dem Glauben, man wüsste, wo man sich befindet. Es bleibt dann nichts weiter zu tun, als nach einer halben Stunde die Schreibmaschine hervorzuholen und nachzusehen und sich zu wundern und zu freuen. — stop
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san marco
echo : 8.15 UTC — In der vergangenen Nacht habe ich geträumt, wunderbare 5 Jahre lang geschlafen zu haben. Als ich erwachte, fühlte ich mich wohl, dann bemerkte ich, dass ich im Wasser stand bis zum Bauch. Das Wasser war warm, es roch nach Tang und nach Salz und nach Öl in diesem Augenblick des Erwachens. Ich hörte vor dem Fenster die Stimmen spielender Kinder. Ich sah mich um und dachte: Was für ein schöner Anblick, all diese Lichter, es muss Nacht sein, Schiffe fahren herum, die von Vögeln gezogen werden, als wären sie Pferde. Dann erwachte ich erneut. Es war früher Morgen, anstatt Kinderstimmen, hörte ich die hell pfeifenden Stimmen einiger Seemöwen. Ich trat an ein Fenster, sah auf den Hof. Da waren tatsächlich Möwen. Sie versuchten, Mülltüten zu öffnen. Manche der Mülltüten lagen auf dem Boden, andere hingen in den Bäumen. Ich fand, die Möwen waren nicht sehr geschickt im Öffnen der Mülltüten. Plötzlich hüpften Kinder auf der Gasse herum. Sie trugen Schulranzen auf dem Rücken und Telefone mit Bildschirmen in ihren Händen. Immer wieder blieben sie stehen und steckten die Köpfe zusammen und lachten. Ich bemerkte, dass der Oleander vor dem Westfenster im Hof zu blühen begann. Es waren rote Blüten. Gestern Abend habe ich Menschen beobachtet, die auf dem Markusplatz um eine Öffnung im Boden standen, aus welcher Wasser sickerte. Sie fotografierten, aber das Wasser war sehr wenig, weswegen sie heranzoomen mussten. Auch waren da Menschen, die Tango tanzten nach Melodien eines Kaffeehaus-Orchesters. — stop



