tango : 2.12 — Seit Wochen versuche ich den Klang menschlicher Stimmen vorzustellen, wie sie sich unter der Wasseroberfläche artikulieren. Eine nicht ganz leichte Aufgabe, insbesondere deshalb nicht, weil ich einerseits glaube, ein authentisches Unterwassersprechgeräusch in meinem Kopf jederzeit erzeugen zu können, andererseits jedoch über keinerlei Wörter verfüge, dieses Geräusch angemessen zu beschreiben. Es scheint ein Übersetzungsproblem vorzuliegen, ein Raum zwischen geistigem Hören und dem annähernd korrekten Ausdruck in Sprache, der auch in dieser Nacht nicht zu überwinden ist. Ich nehme an, dass Laute, die eine weite Öffnung des Mundes erfordern, in der Sprache unter der Wasseroberfläche sprechender Lungenmenschen, im Laufe der Jahrhunderte seltener werden, Artikulation mittels gespitzter Lippen, pfeifende Laute, eine Entwicklung in diese Richtung, das ist denkbar. Weshalb überhaupt einmal das Sprechen der Lungenmenschen unter der Wasseroberfläche sinnvoll sein könnte, davon will ich heute nichts erzählen, vielleicht morgen, vielleicht kurz nach Mitternacht, wenn wieder Abend geworden ist. – Vier Uhr achtzehn in Tremnseh, Syrien. — stop

Aus der Wörtersammlung: menschen
bienenkönigin
tamarin : 6.41 — Eine Urkunde existiert seit einigen Wochen, die bezeugt, dass der Körper meines verstorbenen Vaters tatsächlich verbrannt wurde. Dort ist in großzügigen Buchstaben altdeutscher Schrift vermerkt, wann die Verbrennung erfolgte, Jahr, Tag, Stunde. Die Dauer des Verbrennungsvorganges wurde auf eine Minute genau angezeigt. Ich dachte zunächst, Irgendjemand muss sich an einer Uhr orientiert haben, weil vielleicht eine Vorschrift existiert, die präzise Zeitangaben erfordert. Nach der Verbrennung, auch das ist nachweisbar so geschehen, wurde ein Gefäß, in dem Atome meines Vaters enthalten waren, auf den Postweg gebracht. Das ist eine durchaus mögliche Methode letzter Reisen, da allein Sendungen, die lebende Tiere oder sterbliche Überreste von Menschen enthalten, vom Transport auf dem Postweg ausgeschlossen sind. Ausgenommen von dieser Vorschrift: Urnen und wirbellose Tiere, wie Bienenköniginnen und Futterinsekten. Seltsame Geschichte. Ich muss darüber nachdenken, obwohl ich im Moment noch nicht weiß, worüber genau und warum. — stop

nachtmann
![]()
charlie : 7.01 — Ich habe diesen Mann, der sich am Flughafen nachts in die Nähe schlafender Menschen schleicht, schon häufiger wahrgenommen. Er scheint ohne Gepäck zu sein, ist stets korrekt gekleidet, vielleicht ein wenig nervös in seinen Bewegungen. Vor allem seine Füße sind voller Unruhe. Er springt auf, geht hin und her, und dann setzt er sich wieder und spricht zu den gestrandeten Menschen, die schlafen oder halb schlafen, mittels einer Stimme, die so leise ist, dass ich sie bisher nicht hören konnte. Nun hatte ich in der vergangenen Nacht die Idee, dass der Mann vielleicht in der Lage sein könnte, Traumstimmen jener schlafenden Personen, welchen er sich näherte, zu empfangen. Dann wäre das genau andersherum, die schlafenden Menschen würden dem bemerkenswerten Mann erzählen, der ihre Geisterstimmen mit seiner Stimme nachsprechen würde. Das möchte ich bald einmal aufzeichnen. Werde ich nah genug herankommen? Welche Sprachen werde ich hören? — stop

falterherz
lima : 5.48 — Ich erinnere mich, im August des Jahres 2008 einen Strauß Fragen notiert zu haben. Ich wollte wissen, ob es Menschen möglich ist, einen alt und müde gewordenen Falter am offenen Herzen so lange zu operieren, bis er wieder fliegen kann? Wie also betäubt, wie beatmet man einen Falter? Mit welchen Materialien werden geöffnete Falterbrustkörbe günstigerweise wieder geschlossen? Ich habe auf diese Fragen bisher keine Antworten gefunden. Manchmal denke ich, dass das Sammeln seltener Fragen an sich ein großes Vergnügen bedeutet. Meine Fragen haben jedenfalls einen derart nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass ich keinen Falter, der seither nachts zu mir zu Besuch gekommen ist, betrachten konnte, ohne sofort an die Möglichkeit einer Notoperation zu denken. – Freitag. Regen. Kühle Luft. — stop

karawane
delta : 0.02 — Auf dem Broadway wanderte eine Karawane menschlicher Träger südwärts. Ich folgte dieser merkwürdigen Erscheinung von der 30. bis zur 8. Straße an einem windigen Tag. Die Sonne leuchtete tief vom Hudson her, Staub war in der Luft, die Männer, die sich sehr langsam bewegten, husteten und niesten. Sie waren alle sehr ordentlich gekleidet, Anzüge von dunkelgrauer Farbe und Krawatten in unterschiedlicher Musterung. Außerdem trugen sie fingerbreite Schilder über ihren Herzen von japanischen Schriftzeichen besetzt. Ich erinnere mich, dass ich mich wunderte, weil die Männer nicht miteinander sprachen. Sie bildeten eine linienförmige Einheit, einer der Träger führte diese Linie an, er war sozusagen ihr Kopf. Sobald dieser Mann nun eine Kreuzung erreichte, blieb er stehen und wartete, bis die Ampel der Kreuzung zunächst rot wurde und dann wieder grün. Ein Mann stand jetzt exakt hinter dem anderen, in dem sie sehr geschickt ihren Ballast auf ihren Köpfen balancierten, jeder Träger einen Karton. Indessen schien die Karawane der grauen Männer jenen Menschen, die mit oder gegen ihre Laufrichtung über die Straßen eilten, nicht besonders aufzufallen. Für einen Moment hatte ich die Idee, sie wären vielleicht unsichtbar, genauer, sie wären nur für mich sichtbar gewesen, reiner Unsinn natürlich, weil der Raum, den die Karawane auf Gehwegen und Straße eingenommen hatte, respektiert wurde. Etwa drei Kilometer liefen sie so ruckweise südwärts dahin, um dann in der 8. Straße in einem Backsteinhaus zu verschwinden. Ende der Geschichte einer Beobachtung. Es ist Montag. In den Kastanien vor dem Fenster das Summen der Nachtbienen. – stop

möwen
echo : 4.12 — Lese in Louis Kekkola’s Eisbuch Das Walfischorchester. Es ist jetzt kurz nach vier Uhr, Dämmerung, Vögel pfeifen. In diesem Moment trage ich Handschuhe. Ich habe mein Tonbandgerät angeschaltet und spreche leise, in dem ich das zerbrechliche Buchwesen in Händen halte. Kaum habe ich eine Seite abgetastet, schließe ich den Kühlschrank, gehe in der Wohnung spazieren und lasse mir alles durch den Kopf gehen. Dann kehre ich zurück und lese mit dampfendem Atem weiter. Höre in diesen Minuten das Ticken des Weckers, der mir 15 Sekunden Zeit erteilt, um das Buch der ungestümen warmen Luft meiner Wohnung auszusetzen. Auf Seite 87 entdecke ich Louis Kekkola’s Notiz über das Leben der Möwen an nordischen Stränden. Er habe, schreibt er, in seinem Leben noch nie eine Möwe berührt. Das ist erstaunlich, ich glaube, es existieren nur wenige Menschen, die je eine Möwe mit ihren Händen berührten. Auch ich habe noch nie eine Möwe mit meinen Händen berührt. Ich könnte das ändern, ich sollte ans Meer fahren. — stop

wolfgang herrndorf : arbeit und struktur
himalaya : 6.52 — Ich weiß nicht wie viel ich zitieren darf. Aber ich will das zitieren, aufbewahren, festhalten, verweisen. Wolfgang Herrndorf zählt in seinem Blog Arbeit und Struktur Monate. Im April notiert er von Essaouira aus: 26.4. 11:46 Drei oder vier asynchrone Muezzins. Auf der Hoteldachterrasse in praller Sonne sitzend und arbeitend, überrascht mich die Meldung vom Tod einer Brieffreundin aus Freiburg. Ihre Erstdiagnose war im Dezember 2010, nach jeder von drei Operationen wuchs das Glioblastom sofort weiter. Im Gegensatz zu mir machte sie sich große Hoffnungen, klammerte sich an neue Mittel und suchte in Studien reinzukommen. Vor zwei Monaten mailte sie: Tamoxifen scheint zu wirken, neuer Herd löst sich auf, alte, bestrahlte Stelle unverändert. Vor fünf Tagen starb sie. / Eine Freundin von ihr schreibt, sie sei zuletzt rund um die Uhr betreut worden, selbst zum Tippen zu schwach. Der Versuch, sie mit den Mitteln der Palliativmedizin in einen stabilen Zustand zu bringen, hatte wenig Erfolg. Auch im Hospiz kam sie nicht zur Ruhe und schrie die Nacht durch vor Angst. Die offensichtliche Kraft, die zum Schreien vorhanden war, habe, so die Freundin weiter, im krassen Gegensatz zum geschwächten Gesamtzustand gestanden. Die Ärzte konnten sie nur beruhigen, indem sie sie komplett sedierten. Sie hat die durchschnittliche Lebenserwartung von siebzehn Monaten knapp verfehlt, in der ungünstigen MGMT–Gruppe gehörte sie noch zu den glücklicheren 15 Prozent. / Unten in der Hotellobby finde ich Per und Lars, an denen ich mich festhalten kann zum Glück. / 26.4. 18:46 Hinter den anderen her durch die Medina auf der Suche nach dem nördlichen Strand und der Fabrik, in der Per seine Schatullen herstellen läßt. Das Gewimmel der vor sich hin krepelnden Menschen, die aus Müll und Abwasser gemachten Straßen, der Gestank, das Geschrei, der Schmutz alles Lebendigen lassen mich umkehren. Sofort verlaufe ich mich. Zweimal renne ich die verstopfte Hauptstraße hoch und runter, bis ich endlich die mit einem Stadttor markierte Abzweigung zum Hotel gefunden habe. / Dann Badehose, dann Spaziergang zum leer und befreiend vorgestellten, aber vermüllten und von Quads zerfetzen südlichen Strand, der vor zwei Jahren noch schön gewesen war. Ich gehe so weit ich kann und über den Fluß und zurück, um wenigstens erschöpft zu sein für den Abend. Ich versuche, mir eine Vorstellung davon zu machen, was es bedeutet, eine Nacht durchzuschreien vor Angst. Ich könnte nicht einmal sagen, ob es Empathie ist oder Selbstmitleid. Ich denke nicht nach. / Auf dem Weg zum Italiener verliere ich erneut die Orientierung und bin froh, als ich endlich im Bett liege und der Muezzin zum hundertsten Gebet des Tages ruft. Ein großer, mächtiger, tödlicher Gott, der so anhaltend bebetet werden muß. [tbc] > Impressum

leuchtfeuer
echo : 8.01 — Die Wiederholung einer Nachtzeit vor wenigen Stunden noch. Regen. Das Geräusch des Wassers, ein Geräusch des Bodens, der Stämme, der Dächer, der Regenrinnen. Vielleicht, weil in ihm Zeit enthalten ist, Tropfen für Tropfen zu einer regelmäßigen Bewegung, höre ich dieses Geräusch als ein beruhigendes Geräusch. Oder auch deshalb, weil ich das Wesen der Kiemenmenschen in mir trage, weil ich von Menschenwohnungen erzähle, die unter Wasser stehen. An diesem kühlen Morgen ist etwas Wesentliches festzuhalten, ein angenehmes Wort, das Wort Leuchtfeuer. Und dass ich von Kranichen träumte, ja träumte, selbst ein Kranich unter Kranichen zu sein. Wir flogen eine Küste entlang. Ich erinnere mich, dass ich durstig gewesen war, weil viel Sonne vom Himmel brannte. Die Kraniche bemerkten bald, dass mich die Hitze quälte. Sie suchten nach meinem Schnabel, um mich mit Wasser zu füttern. Aber ich hatte keinen Schnabel, sondern einen menschlichen Mund, weshalb sie bald aufgaben, mich füttern zu wollen. Stattdessen näherte sich einer nach dem anderen, um nachzusehen, welch seltsamer Vogel mit ihnen nach Norden flog. — stop

five dollars
romeo : 0.05 — In einer Subway Station unter dem Times Square kauerte im Februar ein dunkelhäutiger Mann, der seine Hände so schnell über eine Batterie von Eimern bewegte, dass sie kaum noch wahrnehmbar waren, Schatten in der Luft, Unschärfen. Der Mann war etwa 50 Jahre alt, Drummer, ein Perkussionist von Bedeutung. Hunderte Menschen umringten ihn, klatschten, tanzten, sangen zu seinen wilden Rhythmen. Auf dem Boden vor dem Mann ausgebreitet lag ein Tuch der New Yorker Metropolitan Transportation Authority, Arts for Transit, Muny, ein Zeichen, das ihn als einen von der Stadt geschützten Künstler auswies. Dieser zierliche Schlagzeuger nun ist mir nicht allein seiner Kunst wegen in Erinnerung geblieben, sondern auch deshalb, weil er eine sehr wirkungsvolle Methode entdeckt hatte, Geld einzunehmen. Sobald nämlich einer der Zuhörer seine Fotokamera auf ihn richtete, unterbrach er sein Spiel, deutete mit einem Finger auf den Apparat und rief: 5 Dollars. Man kann sich das vielleicht vorstellen, diese Stille, die von einer Sekunde zur anderen Sekunde herrschte, wie der Fotografierende vom Publikum mahnend ins Auge genommen wurde, wenn die Zahlung nicht unverzüglich erfolgte. Indessen war auch eine Flucht mit Kamera für die versammelte Gemeinschaft der Genießenden nicht wirklich nützlich, weil selbst dann, wenn einer der angesprochenen Räuber mit seinem digitalen Bild in der Aufnahmemaschine flüchtete, spielte der Schlagzeuger nicht weiter. Er hielt so lange inne, bis ein weiterer, ein Zuhörer ohne Kamera vielleicht, die offene Rechnung des Verschwundenen bezahlte. Ein kleines Wunder, eine Art Geld ansaugender Pumpe, die einen Unterdruck mittels ausbleibendem Geräusches erzeugte. It works. — stop

schirmsamenwölkchen
echo : 0.03 — Ich träume zur Zeit von Blumen. Sie liegen in Bergen herum, Blütenberge, solche Blumen. Gestern, das habe ich nicht geträumt, war ich auf dem Friedhof und habe das Grab meines Vaters besucht. Ich hatte einen Zollstock bei mir, um eine Vorstellung aus der Luft zu holen, die Vorstellung eines Windrades, das ich einmal für meinen Vater bauen werde. Viele Menschen waren auf dem Friedhof unterwegs, manche trugen Gießkannen, andere Windlichter oder Blumen in kleinen Töpfen, Hornveilchen, Ringelblumen, Vergissmeinnicht. Es war ein ganz normaler Tag gewesen. Ich glaubte, beobachten zu können, dass manche der Menschen sich noch nicht ganz sicher fühlten in der neuen Umgebung ihres Lebens, andere begrüßten einander, winkten sich über die Reihen der Gräber hin zu. Einige knieten, wühlten mit bloßen Händen in der dunklen Erde. Eine Frau, sie war von zwergenhaftem Wuchs, überquerte eine Wiese voller Löwenzahn. Unter ihren Füßen stiegen Schirmsamenwölkchen auf. Sie ging so langsam, das heißt, mit derart kleinen Schritten, dass sie sich zunächst kaum zu bewegen schien. Ihr Gesicht war dem Boden zugewandt, weil sich ihr Rücken, wohl unter der Wirkung der Zeit, gekrümmt hatte. Als sie das Grab erreichte, das zu ihr gehörte, war dort ein ebenso kleiner, gebückter Baum zu erkennen, ein Baum, der die Gestalt der alten Frau nachzuahmen schien. — Ob vielleicht Kakteen existieren, die im Norden, die auch im Winter blühen und gedeihen? — stop



