Aus der Wörtersammlung: menschen

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gallipoli : melissano : ugento : kyjiw

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del­ta : 2.14 UTC — Lino­sa erzähl­te mir eine Geschich­te, von der ich nicht sagen kann, ob sie sich tat­säch­lich so ereig­ne­te wie behaup­tet, oder ob die Geschich­te rein erfun­den sein könn­te. Seit eini­gen Mona­ten erhal­te er näm­lich täg­lich einen Luft­post­brief aus Ita­li­en. In dem Brief sei jeweils ein beid­sei­tig bedruck­tes Blatt Papier ent­hal­ten, Text in eng­li­scher Spra­che, num­me­riert, fei­ne, prä­zi­se for­mu­lier­te Sät­ze. Er habe, so berich­te­te Lino­sa, eini­ge die­ser Sät­ze in die Mas­ke einer Such­ma­schi­ne ein­ge­ge­ben, wes­halb ihm nun bekannt sei, dass es sich wohl um ein zer­leg­tes Buch han­deln könn­te, das man ihm schi­cken wür­de, um Her­man Mel­vil­les Erzäh­lung Bart­le­by. Das sei für sich genom­men schon eine selt­sa­me Ange­le­gen­heit, noch merk­wür­di­ger kom­me ihm aber vor, dass dem Schrei­ben bis­her kei­ne Erklä­rung, Begrün­dung oder auch nur ein Gruß bei­gefügt wor­den sei. Manch­mal kön­ne er mit­hil­fe des pos­ta­li­schen Stem­pels ent­zif­fern, in wel­cher Stadt der Brief Tage zuvor auf­ge­ge­ben wur­de. Städ­te mit wun­der­vol­len Namen, Gal­li­po­li, Melis­s­a­no, Ugen­to, Lec­ce, Brin­di­si, sei­en dar­un­ter. Wäh­rend er sich in den ers­ten Tagen noch gewun­dert, ja sogar ein wenig gefürch­tet habe, wür­de er sich inzwi­schen dar­über freu­en, nach­mit­tags aus dem 12. Stock sei­nes Miets­hau­ses zum Brief­kas­ten hin abzu­stei­gen, um den Brief ent­neh­men, öff­nen und wie­der im Auf­stieg befind­lich lesen zu kön­nen. 34 Brie­fe habe er bis­lang erhal­ten, 16 wei­te­re Brie­fe soll­ten noch fol­gen, sofern der unbe­kann­te Absen­der in logi­scher Wei­se fort­set­zen wür­de. Der letz­te Brief, der ges­tern aus Fasa­no kom­mend, bei Mr. Lino­sa ein­ge­trof­fen war, soll eine beson­de­re Brief­mar­ke auf sei­ner Anschrif­ten­sei­te getra­gen haben, acht Ren­tie­re, die in einen ver­schnei­ten Him­mel flie­gen. Die­se Brief­mar­ke leuch­te nachts in der Küche im Dun­keln, wo sie nun auf dem Sta­pel zuvor ein­ge­trof­fe­ner Brie­fe so lan­ge sicht­bar ruhen wer­den, bis wie­der Nach­mit­tag gewor­den sein wird. — Das Radio erzählt von Men­schen, deren Woh­nun­gen von Rake­ten getrof­fen wor­den sein sol­len. Sie berich­ten fas­sungs­los, dass sie, wenn sie nicht im Flur, son­dern in ihrem Wohn­zim­mer geschla­fen hät­ten, nun tot sein wür­den. - stop

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timi

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wis­key : 5.32 UTC — Vor eini­gen Jah­ren ein­mal ver­such­te ich von einem Zim­mer zu träu­men, in dem es immer­zu reg­net. Ich mach­te das so, dass ich in den Minu­ten, da ich ein­zu­schla­fen wünsch­te, über­leg­te, wie es wäre, wenn in dem Zim­mer, in dem ich mich gera­de befin­de, Regen fal­len wür­de. Die­se Metho­de des Regen­den­kens ist lei­der bis­lang nicht sehr erfolg­reich gewe­sen. Ein­mal schlief ich ein. Als ich erwach­te, hör­te ich wirk­li­chen Regen drau­ßen in den nächt­li­chen Bäu­men. Ich ging dann spa­zie­ren, dach­te fin­nisch klin­gen­de Namen aus: Satu N. Mäke­la . Annuk­ka R. Timi. Hele­na Pai­vi . Jona­than Pai­vi . Jan­ne Olli­la. Zwei die­ser aus­ge­dach­ten Namen zei­ti­gen Spu­ren wirk­li­cher Men­schen in der Sphä­re der Such­ma­schi­nen, einer scheint männ­li­cher Natur zu sein, obwohl ich ihn weib­lich über­leg­te. — Das Kurz­film­ki­no erzählt von einem leb­lo­sen Mann, der auf dem Boden eines Wal­des liegt. Ein leben­der Mann kniet dort neben ihm. Er stößt mit einem Mes­ser auf das Gesicht des leb­lo­sen Man­nes ein. Wie er das Mes­ser in das rech­te Auge des Toten stößt, seufzt er mit tie­fer Stim­me, ein Geräusch nur, kei­ne kon­kre­te Spra­che. Der Film, die Auf­nah­me eines Augen­blicks, sind in digi­ta­len Medi­en viel­fach geteilt in wei­te­re Instan­zen. Wer jener auf dem Boden lie­gen­de tote Mann ist und wer der seuf­zen­de Mann mit dem Mes­ser, wird je defi­niert durch die Urhe­ber der Inter­net­sei­te, die den Film zur Ver­fü­gung steht. Ein­mal ist es ein ukrai­ni­scher Mann, der das Mes­ser führt, dann wie­der eine rus­si­sche Per­son. — stop

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stimmen

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vic­tor : 6.52 UTC — Seit ich ges­tern, gegen den Mor­gen zu, erfah­ren habe, dass Buckel­wa­le zur Paa­rungs­zeit über eine Spra­che ver­fü­gen, die ein­fa­chen mensch­li­chen Spra­chen ähn­lich ist, immer wie­der die Fra­ge, was ich unter einer ein­fa­chen mensch­li­chen Spra­che ver­ste­hen soll­te, die atem­lo­se Spra­che der Lust viel­leicht oder die Spra­che der Chat­räu­me? Ob eine die­ser mensch­li­chen Spra­chen viel­leicht geeig­net wäre, sich mit­tels einer Pro­ze­dur der Über­set­zung von Wal zu Mensch zu ver­stän­di­gen? Wir könn­ten uns vom Land und von der Tief­see erzäh­len. Eine gran­dio­se Vor­stel­lung, auf hoher See Luft per­lend vor einem Wal zu schwe­ben und zu war­ten und zu wis­sen, dass er gleich, nach ein wenig Denk­zeit, zu mir spre­chen wird. Etwas also sagen oder sin­gen, das nur für mich bestimmt ist. Viel­leicht eine Fra­ge: Wie heißt Du, mein Freund? Oder: Ich hör­te von Bäu­men! — Das Radio erzählt heu­te von Kin­dern, die den Tod ihrer Eltern anse­hen müss­ten. Ein Mäd­chen habe, so das Radio, mit den Leich­na­men ihres Vaters und ihrer Mut­ter meh­re­re Tage in einem Kel­ler ver­bracht, ehe sie ent­deckt und befreit wor­den sei. — stop

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ein seltsames buch

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lima : 22.16 UTC — Zwei Stun­den lang, es war Win­ter gewe­sen, beob­ach­te­te ich ein Buch, das kein gewöhn­li­ches Buch gewe­sen war, son­dern ein selt­sa­mes Buch. Ich notier­te: Ich beob­ach­te gera­de eben ein selt­sa­mes Buch. Dass es sich um ein selt­sa­mes Buch han­delt, ist dem Buch natür­lich zunächst nicht anzu­se­hen, weil das Buch sei­ner äuße­ren Gestalt nach, ein übli­ches Buch zu sein scheint. Die­ses Buch hier auf mei­nem Tisch ist von einer tief­blau­en Far­be. Sobald ich das blaue Buch nun in die Hän­de neh­me, wer­de ich spü­ren, dass das Buch atmet, weil an sei­ner Rück­sei­te durch fei­ne Lamel­len war­me Luft aus­zu­tre­ten scheint. Das ist des­halb so, weil sich in dem Buch eine Rechen­ein­heit befin­det, ein klei­ner Com­pu­ter, der sich mit dem Text oder mit der Geschich­te, die sich in dem Buch befin­det, beschäf­tigt. Es han­delt sich bei dem Buch­kör­per bei genau­er Betrach­tung näm­lich um eine Ver­samm­lung hauch­dün­ner Bild­schir­me, auf wel­chen sich Zei­chen befin­den, Bild­schir­me, die man umblät­tern kann. Was zunächst zu sehen ist, gleich auf wel­cher Sei­te das Buch auf­ge­schla­gen wird, sind eben erwähn­te Buch­sta­ben oder Zif­fern, die sich rasend schnell bewe­gen, sodass man nicht lesen, viel­mehr nur ahnen wird, was sich dort befin­den könn­te. Es ist dies der Moment, da der Com­pu­ter des Buches jenen Text, den man mit eige­nen Augen ger­ne sofort lesen wür­de, zu ent­schlüs­seln beginnt. Ein mög­li­cher­wei­se auf­wen­di­ges, zeit­rau­ben­des Ver­fah­ren. Als ich das Buch kauf­te, konn­te mir der Händ­ler der ver­schlüs­sel­ten Bücher nicht sagen, wie lan­ge Zeit ich war­ten müs­se, bis der Text des Buches für mich sicht­bar wer­den wür­de. Es berei­te­te ihm Freu­de, ich bin mir sicher, aus­zu­spre­chen, was ich längst dach­te, dass die Ent­schlüs­se­lung des Tex­tes eine Stun­de, einen Tag oder zwei­hun­dert Jah­re dau­ern könn­te, das sei immer­hin das Prin­zip, wes­halb man ein Buch die­ser Art erwer­ben woll­te, dass man ein Buch besitzt, von dem man nicht sagen kön­ne, ob es jemals les­bar wer­den wird. — Kurz vor Mit­ter­nacht. Das Radio erzähl­te so eben noch in Echt­zeit von Men­schen, die unter der Stadt Char­kiw in Kel­lern sit­zen. Eine Gei­ge, sie war sehr fein gera­de noch hör­bar, spiel­te zur Beru­hi­gung. Plötz­lich wur­de die Ver­bin­dung unter­bro­chen. — stop

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morgens gegen 7

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tan­go : 8.18 UTC — Mor­gens gegen 7 Uhr hocken vier Tau­ben vor dem Fens­ter auf dem schma­len Sims unter dem Dach, das sich weit hin­aus über die Haus­wand wölbt. Sie sit­zen und sind ganz still und feucht von der Luft, sit­zen dicht an dicht, als wären sie gekom­men, um in mei­ner Nähe Schutz zu suchen. Ver­mut­lich wür­den sie sofort in mein Zim­mer stür­zen, wenn ich das Fens­ter öff­ne­te. — Das Fern­se­hen erzählt, man habe Men­schen nahe Mariu­pol die Flucht über Kor­ri­do­re befoh­len. Wer nicht flüch­tet, sagt man, dür­fe getö­tet wer­den. Von wem hier die Rede ist? Man nennt sie Orks in der digi­ta­len Sphä­re! Sie sind über eine Gren­ze gekom­men, zu Fuß oder auf Pan­zern sit­zend. Irgend­wo im Nor­den, wo Orks noch nicht sind, wird eine alte Frau in einem Roll­stuhl sit­zend über einen Fluss getra­gen. Sie sticht mit ihrem Geh­stock in die Luft. — stop
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im winter in münchen

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echo : 22.28 UTC — Ich bin ein paar Jah­re alt. Auf dem Schlit­ten fah­re ich einen Berg hin­ab. Das ist lus­tig, ich bin glück­lich. Wenn ich müde bin, zieht mich Groß­mutter den Berg wie­der hin­auf. Ande­re Kin­der sind müde wie ich und wer­den von ihren Vätern oder Müt­tern gezo­gen. Auf dem Berg steht ein Kreuz. Ich fra­ge Groß­mutter, war­um ein Kreuz auf dem Berg steht. Groß­mutter sagt: Weil das der Schutt­berg ist. Ich fra­ge: Was ist ein Schutt­berg? Groß­mutter ant­wor­tet: Das ist ein Berg von dem Schutt der Häu­ser, die zer­bombt wor­den sind. Sie erzählt, dass in dem Berg vie­le Men­schen begra­ben sei­en, die habe man nicht alle gefun­den, die habe man mit dem Schutt begra­ben, des­halb habe man ein Kreuz auf den Berg gestellt, wegen der Kno­chen, die sich im Berg befin­den. Und schon fah­re ich wie­der den Berg hin­un­ter. Und der Wind pfeift mir um die Ohren und ich lache und die Groß­mutter dampft aus dem Mund und ist bald wie­der fröh­lich gewor­den. Ich tra­ge eine rote Woll­müt­ze auf dem Kopf. — stop

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dubrowka — theater

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tan­go : 22.18 UTC — Im Febru­ar 2008 unter­hielt ich mich mit einem Ermitt­lungs­be­am­ten Orga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät. Wir kamen auf eine Gei­sel­nah­me im Mos­kau­er Dubrow­ka — Thea­ter am 23. Okto­ber 2002 zu spre­chen. 132 Men­schen waren ums Leben gekom­men. Fol­gen­des > b : Wenn Du zwei Gei­seln nimmst und ver­han­delst, hast Du gute Über­le­bens­chan­cen. Wenn Du damit drohst, eine Gei­sel zu erschie­ßen, wird’s gefähr­lich. Wenn Du eine Gei­sel erschießt, bist Du ein toter Mann. — lou­is : Und wenn ich schla­fe, wenn Ihr kommt? — b : Betäubt? — lou­is : Betäubt. — b : Bom­be? — lou­is : Bom­be! b : Dann bist Du tot. Du bist eine Bom­be, Du schläfst und Du bist tot. — Frau­en waren damals unter den Gei­sel­neh­mern gewe­sen. Sie tru­gen Spreng­stoff­gür­tel oder Spreng­stoff­wes­ten, und waren ver­mummt. Man berich­te­te, sie sei­en nach Mos­kau gekom­men, um ihre Män­ner zu rächen, die in Tsche­tsche­ni­en von rus­si­schen Sol­da­ten getö­tet wor­den waren. — Das Radio erzählt, an die­sem Tag, heu­te, auf einem Fluss, der durch die Stadt Mos­kau fließt, wur­den auf dem Eis mit grau­er Far­be Inschrif­ten über­malt, die gegen den Krieg in der Ukrai­ne pro­tes­tier­ten. — stop
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von reisenden papageien

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tan­go : 0.08 UTC — Als ich das Radio ein­schal­te­te, hör­te ich, bei Ryan­air, einer Flug­ge­sell­schaft, sol­len Stück­kos­ten, dem­zu­fol­ge die Kos­ten je trans­por­tier­ten Pas­sa­giers, erneut dra­ma­tisch gesun­ken sein. Wei­ter­hin wür­den in einem Land des Fer­nen Ostens bald Züge über das Land rasen, die stets sehr pünkt­lich sein wer­den, da sie auch von selbst mor­den­den Men­schen nie­mals auf­zu­hal­ten sind, sie fah­ren immer wei­ter und wei­ter zu. Auf der ers­ten Sei­te einer spa­ni­schen Pro­vinz­zei­tung sei ein leicht­ge­wich­ti­ger Hund zu sehen, der im Moment sei­ner Auf­nah­me von einer Elek­tro­droh­ne über ein Haus­dach beför­dert wur­de. Die Zahl der hun­gern­den Men­schen auf die­ser Welt wür­de im kom­men­den Jahr erfreu­li­cher­wei­se um 10 Mil­lio­nen auf unter 800 Mil­lio­nen Men­schen sin­ken. Das war am 27. Mai 2015 gewe­sen. Ges­tern erzähl­te das Radio, dass auch Kin­der aus der Ukrai­ne west­wärts flüch­ten. Sie sei­en lei­se sie ste­hen unter Schock. Geflüch­te­te Men­schen sagen: Wir sind kei­ne Flücht­lin­ge, wir sind Rei­sen­de. Auch Papa­gei­en rei­sen und Kat­zen und Hun­de. — stop / Es war lan­ge Zeit still in mei­nen Hän­den. Die­ser Text wur­de am 5. Juni für den 3. März notiert.
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jenseits

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tan­go : 20.55 UTC — Ein­mal, vor Jah­ren, war ich in der digi­ta­len Sphä­re auf der Suche nach Pro­pel­ler­flug­ma­schi­nen gewe­sen, die von Hand zu bedie­nen sind. Ich ent­deck­te eine Leih­sta­ti­on für Droh­nen­vö­gel nahe des St. Geor­ge Fer­ry Ter­mi­nals, und zwar in der Bay Street, Haus­num­mer 54. Obwohl ich mich in Mit­tel­eu­ro­pa befand, muss­te ich, um Kun­de wer­den zu kön­nen, kei­ne wei­te­ren Anga­ben zur Per­son hin­ter­le­gen als mei­ne Kre­dit­kar­ten­num­mer, nicht also begrün­den, wes­halb ich den klei­nen Metall­vo­gel, sechs Pro­pel­ler, für drei Stun­den nahe der Stadt New York aus­lei­hen woll­te. Auch erkun­dig­te sich nie­mand, ob ich über­haupt in der Lage wäre, eine Droh­ne zu steu­ern, selt­sa­me Sache. Ich bezahl­te 24 Dol­lar und star­te­te unver­züg­lich mit­hil­fe mei­ner Com­pu­ter­tas­ta­tur vom Dach eines fla­chen Gebäu­des aus. Ich flog zunächst vor­sich­tig auf und ab, um nach weni­gen Minu­ten bereits einen Flug ent­lang der Metro­ge­lei­se zu wagen, die in einem sanf­ten Bogen in Rich­tung des offe­nen Atlan­tiks nach Tot­ten­ville füh­ren. Ich beweg­te mich sehr lang­sam in 20 Metern Höhe dahin, kein Schnee, kaum Wind. Die fer­ne und doch zugleich nahe Welt unter mir auf dem Bild­schirm war gut zu erken­nen, ich ver­moch­te selbst Gesich­ter von Rei­sen­den hin­ter stau­bi­gen Fens­ter­schei­ben pas­sie­ren­der Züge zu ent­de­cken. Nach einer hal­ben Stun­de erreich­te ich Clif­ton, nied­ri­ge Häu­ser dort, dicht an dicht, in den Gär­ten mäch­ti­ge, alte Bäu­me, um nach einer wei­te­ren Vier­tel­stun­de Flug­zeit unter der Ver­ranz­a­no-Nar­rows Bridge hin­durch­zu­flie­gen. Nahe der Sta­ti­on Jef­fer­son Ave­nue wur­de gera­de ein Feu­er gelöscht, eine Rauch­säu­le rag­te senk­recht hoch in die Luft, als wäre sie von Stein. Dort bog ich ab, steu­er­te in der­sel­ben Höhe wie zuvor, der Lower Bay ent­ge­gen. Am Strand spa­zier­ten Men­schen, die wink­ten, als sie mei­nen Droh­nen­vo­gel oder mich ent­deck­ten. Als ich etwas tie­fer ging, bemerk­te ich in der Kro­ne eines Bau­mes in Ufer­nä­he ein Fahr­rad, des Wei­te­ren einen Stuhl und eine Pup­pe, auch Tang war zu erken­nen und ver­ein­zelt Vogel­nes­ter. Es war spä­ter Nach­mit­tag gewor­den jen­seits des Atlan­tiks, es wur­de lang­sam dun­kel. — Das Radio berich­tet von einem schwer­hö­ri­gen Opa, der in Kyjiw vor einem Fern­seh­ge­rät sitzt, mit dem Ton so laut, dass sei­ne Enkel­kin­der im Neben­zim­mer die Ein­schlä­ge von Rake­ten­spreng­köp­fen nicht hören. — stop
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auf der flucht

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oli­mam­bo : 20.28 UTC — Wie nach der Mel­dung eines Ter­ror­an­schla­ges Men­schen damit begin­nen, ihre Umge­bung abzu­su­chen nach Ver­däch­ti­gem. M., der in Mit­tel­eu­ro­pa lebt, erin­ner­te sich an L., der mor­gens im Zug auf dem Weg nach Hau­se im Koran gele­sen hat­te. Das war ein klei­nes Buch gewe­sen, ein Buch wie aus einer Match­box, eine Art Miniko­ran oder etwas Ähn­li­ches. L., die vor lan­ger Zeit ihre Geburts­stadt in Sibi­ri­en ver­ließ, befin­det sich seit Wochen in einem beben­den Zustand. Sie schläft kaum noch, erzählt, dass sie sich fürch­te. Ihre Mut­ter arbei­te in einer Biblio­thek der Hafen­stadt Odes­sa. L. sagt, sie ver­mei­de in der Öffent­lich­keit laut die rus­si­sche Spra­che zu spre­chen, auch mit der deut­schen Spra­che gehe sie vor­sich­ti­ger um, man höre sofort, dass sie aus dem Osten kom­me. Ein ira­ni­scher Freund, Z., der aus sei­nem Land flüch­te­te, um nicht in den Krieg gegen den Irak zie­hen zu müs­sen, berich­tet, er sor­ge sich um oder wegen der schla­fen­den, stau­bi­gen Män­ner am Flug­ha­fen, die auf ihre Flü­ge war­te­ten zurück nach Buka­rest oder Sofia. — Eine gro­ße Flucht hat begon­nen im Osten. Aus dem Radio und von den Bild­schir­men her kom­men Fäden her­an, die vom Krieg berich­ten. Men­schen an den Grenz­bahn­hö­fen erzäh­len: Wir haben klei­ne Ruck­sä­cke auf dem Rücken damit wir ren­nen kön­nen. Vor Com­pu­ter­ma­schi­nen hocken Men­schen und betrach­ten Live-Bil­der des nächt­li­chen Mai­dan zu Kyjiw. War­um! — stop
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