Aus der Wörtersammlung: menschen

///

lesezeit

9

india : 15.01 UTC — Ein Pro­gramm­ab­teil mei­ner Schreib­ma­schi­ne zählt Wör­ter, Zei­chen, Absät­ze eines Tex­tes, wel­chen ich notier­te. Das ist eine fei­ne Sache. Nun erzählt sie außer­dem, dass ich, wenn ich die­sen notier­ten Text nach­le­sen wür­de, 1 Stun­de und 22 Minu­ten Zeit ver­ge­hen wird, ehe ich sein Ende erreicht haben wer­de. Das ist eine selt­sam opti­mis­ti­sche Dar­stel­lung der Lage. Ich ver­mag nicht zu lesen, ohne zu ändern, zu ergän­zen, zu strei­chen. Wei­te­re Tex­te, die unbe­weg­lich sind, weil sie von Men­schen publi­ziert wur­den, die ich nicht per­sön­lich ken­ne, sind Tex­te, die ich hin­neh­men muss, oder hin­neh­men will, wer wür­de wagen, an einen Uwe John­son Hand anzu­le­gen? — stop

ping

///

reisende spinne

9

tan­go : 22.07 UTC — Auf dem Sat­tel mei­nes Fahr­ra­des lief ein sehr klei­nes, rotes Wesen hin und her, als wür­de es etwas nähen. Kaum näher­te ich mich mit einem Fin­ger, kaum mach­te ich Schat­ten, duck­te es sich, um dann so schnell es eben mög­lich war, unter dem Sat­tel zu ver­schwin­den. Ich fuhr los, ich radel­te durch den Nord­park. Ein son­ni­ger Tag, in den Wie­sen lagen Hun­de und Men­schen, in den Bäu­men dös­ten Vögel, Flü­gel gespreizt, Schnä­bel weit geöff­net. Am Him­mel ein Zep­pe­lin, lang­sam. Ich saß bald auf einer Bank, ich beob­ach­te­te den Sat­tel mei­nes Fahr­ra­des. Kurz ein wenig Regen. Dann fuhr ich wie­der nach Hau­se. — stop

ping

///

vom nachtstrassenmuseum

9

alpha : 22.25 UTC — Es ist nicht etwa so, dass Men­schen auf der Stra­ße tief unter mei­nem Fens­ter nach Süden hin kurz vor Beginn der Aus­gangs­sper­ren sich beei­len wür­den nach Hau­se zu kom­men. Sie gehen vor­an, so wie immer um die­se Zeit, aber allein. Es sind außer­dem weni­ge Men­schen, die sich dort unten bewe­gen. Für einen Moment dach­te ich, viel­leicht haben sie Ein­tritt bezahlt für das Muse­um der Nacht­ras­sen zur Zeit der Aus­gangs­sper­re: 150 €. Ich muss das beob­ach­ten, das Muse­um, die Men­schen und die Nacht­bie­nen, ihre Geräu­sche, ihre Wege, ihre Besu­che hier oben, wo ich am Fens­ter ste­he. — stop

///

kabinenlicht

2

romeo : 6.08 UTC — Wenn ich schla­fe, wache ich immer wie­der ein­mal auf, wäh­rend mei­ne Hän­de wei­ter­schla­fen. Das ist selt­sam, mei­ne Hän­de wachen zur­zeit ein wenig spä­ter auf als ich selbst. Ich tre­te ans Fens­ter. Manch­mal ist frü­her Mor­gen. Es ist noch dun­kel. Stra­ßen­bah­nen que­ren den Platz weit da unten. In ihrem Kabi­nen­licht sit­zen Men­schen mit Mas­ken vor Mund und Nase. Es sind die­sel­ben Per­so­nen, wie mir scheint, die ich ges­tern am Abend bereits durch mein Opern­glas beob­ach­tet habe. Sie wer­den ver­mut­lich für das Umher­fah­ren bezahlt. Zwei Tau­ben sit­zen tief unter mir auf einer Stra­ßen­la­ter­ne, sie schla­fen wie mei­ne Hän­de, die nun lang­sam wach wer­den, weil ich mit ihnen schrei­be. Guten Mor­gen! — stop

///

ai : CHINA

aihead2

MENSCH IN GEFAHR: „Die Bür­ger­jour­na­lis­tin Zhang Zhan (张展) ist von der Poli­zei in Shang­hai inhaf­tiert wor­den und wird zur­zeit im Gefäng­nis des neu­es Bezirks Pudong fest­ge­hal­ten. Sie ist will­kür­lich inhaf­tiert, weil sie ihr Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung aus­ge­übt hat. Die­se Recht ist in Arti­kel 19 der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te (AEMR) ver­an­kert. / Zhang Zhan reis­te im Febru­ar 2020 nach Wuhan, um über den Aus­bruch von Covid-19 zu berich­ten. She berich­te­te über die Inhaf­tie­rung unab­hän­gi­ger Reporter_innen und die Schi­ka­ne der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen der Betrof­fe­nen. Am 15. Sep­tem­ber wur­de sie ange­klagt, “Streit ange­fan­gen und Ärger pro­vo­ziert” zu haben (寻衅滋事罪). Dar­auf ste­hen bis zu fünf Jah­re Haft. Ihr droht die­se Haft­stra­fe nur auf­grund ihrer Bericht­erstat­tung über einen Sach­ver­halt von öffent­li­chem Inter­es­se. / Zhang Zhan trat in den Hun­ger­streik, um gegen ihre Inhaf­tie­rung zu pro­tes­tie­ren und ihre Unschuld zu beto­nen. Obwohl sie die Absicht hat­te, den Hun­ger­streik fort­zu­set­zen, sol­len Gefäng­nis-beam­t_in­nen ihr gegen ihren Wil­len Nah­rung ver­ab­reicht haben. Sie muss dar­über­hin­aus Fuß­fes­seln tra­gen und ihre Hän­de sind seit über drei Mona­ten Tag und Nacht gefes­selt. Die­se Maß­nah­men ver­sto­ßen gegen das abso­lu­te Ver­bot der Fol­ter und ande­rer grau­sa­mer, unmensch­li­cher oder ernied­ri­gen­der Behand­lung oder Stra­fe und stel­len eine Ver­let­zung der Ver­pflich­tun­gen Chi­nas unter inter­na­tio­na­len Men­schen­rechts­nor­men dar. Die Aus­wir­kun­gen die­ser Maß­nah­men auf den Gesund­heits­zu­stand von Zhang Zhan geben Anlass zu gro­ßer Sor­ge. Ihr Zustand hat sich seit Sep­tem­ber sehr ver­schlech­tert.“ - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen unter > ai : urgent action

ping

///

wolken

2

que­bec : 22.45 UTC — Unlängst mein­te ich den Begriff Cor­don sani­taire ver­stan­den zu haben, ein zunächst schö­nes Geräusch war zu einer unheim­li­chen Geschich­te gewor­den, die ich selbst bewoh­ne. Wenn ich in die­ser selt­sa­men Zeit unter frei­em Him­mel spa­zie­re, beob­ach­te ich das Licht in den Fens­tern der Häu­ser. Dort wie­der­um Men­schen, wie sie auf die Stra­ße spä­hen, oder das Licht der Fern­seh­ge­rä­te, selt­sam blau, immer­zu blau, Rück­zugs­ge­bie­te, siche­re Orte oder Qua­ran­tä­ne­sta­tio­nen. Ein Mann erzählt, er habe Furcht, sich zu bücken, um sei­ne Schu­he zu bin­den. Er stell­te sich vor, dort wür­de Viren war­ten, Viren­wol­ken von Win­den getra­gen über Geh­stei­ge wan­dernd wie Sand über Mee­res­bö­den in Ufer­nä­he.  — stop
ping

///

google earth

ping
ping
ping

echo : 22.52 UTC — Ein­mal bemerk­te ich die Sil­hou­et­te eines Men­schen am Strand von Montauk, einen Strich, der einen Schat­ten warf. Ich dach­te: Das ist eine im Beson­de­ren berüh­ren­de Erschei­nung vom Welt­raum her gese­hen. Der Pla­net scheint belebt zu sein. — Ich ver­lie­re Wör­ter, wenn ich nicht lese, nicht schrei­be, nicht lang­sam spre­che. Tages­si­gnal­wör­ter sind Wör­ter, die von einem Tag gestem­pelt sind. Der heu­ti­ge Tag könn­te dem Wort Ohr­trom­pe­te ver­bun­den sein. — stop

///

beobachtung

pic

sier­ra : 16.25 UTC — Sams­tag. Leich­ter Regen. Es ist kalt gewor­den. Noch immer, nach jah­re­lan­ger Beob­ach­tung, habe ich kei­ne Ant­wort auf die Fra­ge, wes­halb Kie­men­men­schen, sobald sie schla­fen oder sich küs­sen, Kopf nach unten in ihren Wasser­woh­nungen schwe­ben. – stop
ping

///

maskentier No 1

9

tan­go : 0.06 UTC — In einer gezeich­ne­ten Vor­stel­lung der Mas­ken­tie­re sind Augen zu bemer­ken. Das ist sehr selt­sam, weil Augen nicht eigent­lich sinn­voll oder unver­zicht­bar sind für den Zweck, dem Mas­ken­tie­re bald ein­mal die­nen wer­den. Es ist näm­lich so, dass Mas­ken­tie­re in der Lage sein soll­ten, sich auf mensch­li­che Mün­der und Nasen nie­der­zu­le­gen, um die­sel­ben zu beatmen, dem­zu­fol­ge Luft aus der Atmo­sphä­re zu ent­neh­men, um die­se even­tu­ell kon­ta­mi­nier­te Luft für Men­schen oder ande­re Tie­re sorg­fäl­tigst zu fil­tern, indem sie in Stun­den, da sie ihrer Bestim­mung fol­gen, auf viel­fäl­tig gestal­te­ten Wan­gen, Nasen­rü­cken, Hals­par­tien so dicht zu lie­gen kom­men, dass kein Gramm einer Viren­last je an ihren Rän­dern oder Enden ent­wei­chen könn­te. Es ist statt­des­sen ganz wun­der­bar sau­be­re Luft, die sie spen­den, und es ist ganz wun­der­bar sau­be­re Luft, die sie im Gegen­zug wie­der an die Welt zurück­ge­ben wer­den. Natür­lich ist denk­bar, dass kein Wort, kein Schrei durch ihre Leder­haut hin­durch nach drau­ßen drin­gen wird, es wird also stil­ler unter den Men­schen, die schwei­gen und sich sicher füh­len, sobald sie mit ihren wär­men­den Mas­ken über Stra­ßen und durch Waren­häu­ser spa­zie­ren. Dann ist Abend gewor­den, und man legt das getra­ge­ne Tier zurück in einen Behäl­ter, der mit Was­ser gefüllt ist. Dort schwim­men sie dann auf­ge­regt unter wei­te­ren Mas­ken­tie­ren her­um und erzäh­len sich Geschich­ten, was sie hör­ten und was sie gese­hen haben, wäh­rend des Tages, indes­sen sie sich säu­bern und paa­ren, um wei­te­re Mas­ken­tie­re zu erzeu­gen. — Auch Ohren, jawohl! — stop



ping

ping