Aus der Wörtersammlung: sehen

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doppellunge

14

 

 

del­ta

~ : lou­is
to : dai­sy und vio­let hil­ton
sub­ject : DOPPELLUNGE

Heu­te, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, als ich im Park spa­zier­te, hab ich an Euch gedacht. Das war näm­lich so gewe­sen, dass ich wie­der ein­mal übte, im Wan­dern die Luft anzu­hal­ten. Ich ver­such­te 100 Meter weit zu kom­men, lang­sam, sehr lang­sam, dann etwas schnel­ler gehend. Es ist mög­lich, heu­te end­lich ist es mög­lich gewor­den. Plötz­lich frag­te ich mich, wel­che Wir­kun­gen die Übung des Luft­an­hal­tens bei Euch frü­her ein­mal gezei­tigt haben könn­te. Ich über­leg­te, ob ihr Euch über das Luft­an­hal­ten ver­stän­digt haben wür­det. Es ist immer­hin denk­bar, dass das Anhal­ten der Luft in Eue­rem Fal­le, bei der einen wie der ande­ren eine gewis­se Kurz­at­mig­keit her­vor­ge­ru­fen haben müss­te. Viel­leicht wer­det Ihr Euch erin­nern? Wenn ja, dann gebt mir recht bald Bescheid. Ich arbei­te zur­zeit sehr hart in die­sen Din­gen. Vor eini­gen Tagen habe ich mir eine Pas­sa­ge der Klei­nen Erin­ne­run­gen José Saramago’s laut vor­ge­le­sen, und zwar in der Art und Wei­se lang­sa­men Aus­at­mens. Das ist fol­gen­der­ma­ßen vor­zu­stel­len: Ich fass­te das ers­te Wort der ers­ten Zei­le des klei­nen Tex­tes ins Auge, schöpf­te Luft so tief ich konn­te und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manch­mal fra­ge ich mich, ob bestimm­te Erin­ne­run­gen wirk­lich mei­ne eige­nen sind oder viel­leicht eher frem­de, in denen ich unbe­wusst mit­ge­spielt habe. Ich las so lan­ge ich konn­te, ich las, ohne zu atmen, ich las, bis ich alle Luft ver­lo­ren hat­te. Im ers­ten Ver­such kam ich 11 Zei­len weit. Das war natür­lich nicht befrie­di­gend. Also setz­te ich noch ein­mal von vorn an, ich hat­te eine ent­spann­te Posi­ti­on des Sit­zens ein­ge­nom­men und füll­te mei­ne Brust mit Luft und begann zu spre­chen. Die­ses Mal las ich mit lei­ser Stim­me, wie geflüs­tert. Ich kam exakt 1 Zei­le, also 55 Zei­chen wei­ter. Kurz dar­auf war zu beob­ach­ten gewe­sen, wie ich mich rück­lings auf mein Sofa leg­te und den­sel­ben Text noch ein­mal hauch­te. Das lie­gen­de atem­lo­se Lesen ermög­lich­te nun eine wei­te­re Zei­le a 55 Zei­chen. Ich mach­te also klei­ne Fort­schrit­te in die­ser Kunst des Lesens, ich ver­moch­te bald die Zei­le 14 des klei­nen Tex­tes zu errei­chen in einem Zustand, da ich Wort für Wort noch mit­den­ken konn­te. Nach einer Stun­de des Übens hör­te ich für die­se Nacht auf, um in der kom­men­den Nacht­zeit fort­zu­fah­ren. — Herz­lichst grüßt Euch Euer Lou­is. Ahoi! – stop

gesen­det am
10.07.2012
22.01 MESZ
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lou­is to dai­sy and violet »

ping

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apfelohren

9

del­ta : 6.35 — Ges­tern hab ich eine lus­ti­ge E‑Mail bekom­men. Sie war irgend­wann, wäh­rend ich schlief, auf mei­nem Com­pu­ter laut­los ein­ge­trof­fen. Die Per­son, die mir geschrie­ben hat­te, woll­te wis­sen, wie ich vor­ge­he, wenn ich nachts einen Apfel oder eine Apri­ko­se oder Bana­nen belau­sche. Ich hat­te zunächst eini­ge trif­ti­ge Grün­de auf die­se Fra­ge nicht ein­zu­ge­hen, gera­de auch des­halb, weil der Absen­der der E‑Mail, einen selt­sa­men Namen ange­ge­ben hat­te, des­sen Exis­tenz ich über die Goog­le – Such­ma­schi­ne ver­geb­lich zu prü­fen such­te. Aber dann schien mir doch reiz­voll zu sein, dem Absen­der der E‑Mail zu ant­wor­ten. Ich notier­te kurz und bün­dig, dass ich, wenn ich einen Apfel belau­sche, den Apfel in eine mei­ner Hän­de neh­me, um ihn tat­säch­lich an eines mei­ner Ohren zu füh­ren. Was man, wenn man in die­ser Wei­se vor­geht, hören kann, ist natür­lich zunächst das Rau­schen des Blu­tes in den eige­nen Ohr­ge­fä­ßen, sonst aber nichts, abge­se­hen von Geräu­schen viel­leicht, die man sich gründ­lich vor­zu­stel­len ver­mag, Geräu­schen orga­ni­schen Zer­falls zum Bei­spiel, einem Pfei­fen, einem Sau­sen oder den Beiß­ge­räu­schen eines Wurm­kie­fers in grö­ße­rer Apfel­tie­fe. Ich attes­tier­te in einem Ant­wort­schrei­ben sehr ernst­haft, dass ein Apfel ein stil­les Wesen sei, immer­hin habe ich nicht nur einen, ich habe min­des­tens fünf Äpfel belauscht, Bir­nen, Trau­ben, Bana­nen, Pfir­si­che, alle sind sie ohne tat­säch­li­che Geräu­sche in den Fre­quen­zen mensch­li­chen Hör­ver­mö­gens. Dafür leg ich eine Hand ins Feu­er, jawohl, es ist Mon­tag: Rasen­de Wol­ken. — stop

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langsame stunde

9

ulys­ses : 2.12 — Schrit­te und Türen. Auf dem Kühl­schrank, zir­pen­de Glä­ser. Der Kühl­schrank selbst, Ven­ti­la­tor. Von der Stra­ße her, Lachen. Kurz vor 1 Uhr, Stra­ßen­bahn hält, Stra­ßen­bahn setzt sich in Bewe­gung. Schrit­te. Türen. Schrit­te. Das Klop­fen mei­ner Fin­ger an der Stirn. Und mein Wecker, tack, tack, tack, wie er Schwel­len in der Zeit ver­legt. Wenn ich das Wort Atem schrei­be, höre ich mei­ne eige­nen Luft­ge­räu­sche so lan­ge, bis ich das Wort Atem ver­ges­se. Und wie­der Schrit­te. Und wie­der Türen. Ich ver­such­te, mit mei­nen Augen­li­dern einen Laut zu erzeu­gen. Ver­geb­lich. Auch mei­ne Augen selbst, wenn ich mei­ne Augen bewe­ge, ohne jedes ver­nehm­ba­re Geräusch. Man stel­le sich ein­mal vor, die Bewe­gung der Augen wür­de knar­zen­de Geräu­sche erzeu­gen. Von der Stra­ße her, Lachen, Hupen. Dann Stim­men, spa­nisch. Rufen. Und Türen. Schrit­te. Auch das Licht mei­ner Lam­pen macht kein Geräusch. Fried­lich lie­gen mei­ne Äpfel geräusch­los im Korb her­um. Wer mich in die­sem Moment beob­ach­te­te, könn­te sehen, wie ich einen Apfel belau­sche. Ich habe noch nie einen Apfel belauscht. Oder eine Bir­ne. Oder einen Pfir­sich. Auch Bana­nen sind ohne Geräusch. Es ist denk­bar, dass ich mich irre, dass ich als Kind einen Apfel belausch­te. Kurz vor 2 Uhr, Stra­ßen­bahn hält, Stra­ßen­bahn setzt sich in Bewe­gung. Auf dem Kühl­schrank, zir­pen­de Glä­ser. — stop
ping

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lichtluftnetz

9

india : 2.05 — Ich habe das Haus ver­las­sen. Es ist Nacht. Der Wind raschelt in den Blät­tern der Kas­ta­ni­en­bäu­me. Gera­de eben ist die letz­te Stra­ßen­bahn des Abends an mir vor­über­ge­fah­ren, ein lee­res Gehäu­se, nur der Fah­rer war zu sehen gewe­sen. Ich sit­ze in einem Häus­chen einer Hal­te­stel­le, weil ich nach einer Erschei­nung suche. Ich hal­te mei­nen klei­nen Com­pu­ter in der einen Hand, mit der ande­ren navi­gie­re ich den Maus­zei­ger über den Bild­schirm, auf dem schon ein paar zar­te, stau­bi­ge Fal­ter sit­zen. Wenn ich die Anwei­sung gebe, Netz­werk­ver­bin­dun­gen anzu­zei­gen, die sich in mei­ner Nähe befin­den, ist da eine, die einen beson­de­ren Namen trägt: Licht­luft­netz. Die­ses Netz­werk exis­tiert seit unge­fähr drei oder vier Wochen. Es ist mit­tels eines Pass­wor­tes geschützt. Irgend­je­mand muss also das Wort Licht­luft­netz als Bezeich­nung für ein neu­es Netz­werk ein­ge­ge­ben haben. Eine fei­ne Erfin­dung. Wenn ich auf und ab gehe, kann ich sehen, dass sich die Signal­stär­ke des Netz­wer­kes ver­rin­gert oder ver­grö­ßert, ein nicht sehr star­ker Sen­der. Ich hat­te für einen Moment die Idee, dass viel­leicht über mir in den Bäu­men eine Per­son mit einem Com­pu­ter heim­lich woh­nen könn­te. Ich habe, man wird mich viel­leicht für ver­rückt erklä­ren, geru­fen: Hal­lo! Ist da jemand? Bis­her war mein Rufen ver­geb­lich gewe­sen. Und so sit­ze ich nun ganz still und ver­su­che, mich mit jenem Netz­werk in Ver­bin­dung zu set­zen. Ich habe den Ver­dacht, dass ich bereits beob­ach­tet wer­de. Es ist eine wirk­lich schö­ne Nacht. So fried­lich. — stop
ping

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meeresnähe

2

hima­la­ya

~ : mal­colm
to : lou­is
sub­ject : MEERESNÄHE
date : july 1 12 4.12 p.m.

Wir über­mit­teln eine Notiz für Sie, der Sie viel­leicht auf Nach­rich­ten von uns war­ten wer­den. Wir sit­zen in die­sem Moment mit unse­ren Funk­emp­fän­gern im Cen­tral Park, Höhe 87. Stra­ße nahe Onass­is­re­ser­voir. Fran­kie wie­der in Frei­heit. Er scheint glück­lich zu sein. War an die­sem Tag viel unter­wegs gewe­sen, umrun­de­te zwei­fach den gro­ßen See, in dem er von Baum zu Baum segel­te in gro­ßer Höhe. Wir folg­ten ihm in ange­mes­se­nem Abstand, unsicht­bar, und hat­ten doch immer wie­der den Ein­druck, Fran­kie wür­de auf uns war­ten. Es ist jetzt kurz nach vier Uhr. Schwü­le, knis­tern­de Luft. Der Him­mel so dun­kel, als wäre dort über uns schon Nacht gewor­den. Blit­ze in Mee­res­nä­he. Fran­kie hockt unter einer Lin­de. Er schaut uns an. Leuch­ten­de, fieb­ri­ge Augen. Sein klei­ner, mus­ku­lö­ser Kör­per bebt. Wann war es zuletzt gewe­sen, dass wir ein solch präch­ti­ges Eich­hörn­chen gese­hen haben? – Ihr Mal­colm. / code­wort : lepo­rel­lo

emp­fan­gen am
1.07.2012
858 zeichen

mal­colm to louis »

ping

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brennender vogel

9

echo : 0.10 — Ich bin noch immer leicht ver­wirrt von dem, was vor weni­gen Minu­ten pas­sier­te. Ein Blitz ist mög­li­cher­wei­se in nächs­ter Nähe ein­ge­schla­gen. Ich erin­ne­re mich, ich hat­te mei­ne Fens­ter geöff­net, es begann hef­tig zu reg­nen, dann wur­de es plötz­lich still. Ich lehn­te noch an der Wand mei­nes Arbeits­zim­mers. Es roch ein wenig nach Metall, mei­ne Zun­ge schmeck­te nach einem Löf­fel von Zinn, wie frü­her, sobald ich ein Früh­stücks­ei öff­ne­te. Wenn ich mir Mühe gebe, kann ich mit mei­nem lin­ken Ohr ein lei­ses Sum­men ver­neh­men, das even­tu­ell nicht außen, son­dern innen in mei­nem Kopf sich ereig­net. Rechts ist wirk­li­che Stil­le. Aber ich kann sehen, mit bei­den Augen sehen. Ein Vogel sitzt auf mei­nem Sofa, er scheint zu bren­nen, wes­we­gen ich mich sofort auf den Weg machen wer­de, ein Glas Was­ser zu holen. Es ist selt­sam, tat­säch­lich ist die Erfah­rung der Gehör­lo­sig­keit in die­ser Nacht, die Erfah­rung voll­stän­di­ger Abwe­sen­heit eines Tei­les mei­nes Kop­fes. – stop

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postkarte nach brooklyn

pic

india : 0.58 — Eine Post­kar­te. Auf ihrer Vor­der­sei­te war ein blü­hen­des Mohn­blu­men­feld zu sehen, auf ihrer Rück­sei­te wur­de in eng­li­scher Spra­che hand­schrift­lich notiert. Abge­schickt wur­de das Doku­ment aus einer nörd­li­chen Gegend Euro­pas in Rich­tung Brook­lyn, New York. Ein Mann schrieb Fol­gen­des an eine Frau namens Mary, ich über­setz­te: Mei­ne gelieb­te Mary, wir fah­ren seit einer Woche über das Land, das rot ist vom Mohn. Ich den­ke an Dich, wäh­rend ich in die Peda­le tre­te. Du bist nah, mei­ne Liebs­te. Wir haben immer Gegen­wind, weil wir in die fal­sche Rich­tung fah­ren. Abends und auch am Tag trin­ken wir Wein, weil wir hier trin­ken kön­nen, wie wir wol­len, ohne uns ver­ste­cken zu müs­sen. Manch­mal glau­be ich dar­um, dass Du wirk­lich da bist und dann muss ich sofort vor Schreck lang­sa­mer fah­ren und am bes­ten abstei­gen und mich nach Dir umse­hen. Es ist wun­der­voll, in einem Mohn­feld zu lie­gen. Ich wer­de mei­ne Post­kar­te an Dich heu­te Abend heim­lich auf­ge­ben. Viel­leicht wird sie eine Über­ra­schung wer­den für Dich. Dein Mar­tin — stop

ping

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zerstreuung

2

mari­ma­ba : 6.36 — In einer Film­do­ku­men­ta­ti­on, die den Schrift­stel­ler Jona­than Fran­zen fünf Tage lang wäh­rend einer Lese­rei­se beglei­tet, fol­gen­de berüh­ren­de Sze­ne, die sich im New Yor­ker Arbeits­zim­mer des Autors ereig­net. Jona­than Fran­zen hält sei­ne Schreib­ma­schi­ne, ein preis­wer­tes Dell – Note­book, vor das Objek­tiv der Kame­ra. Er deu­tet auf eine Stel­le an der Rück­sei­te des Gerä­tes, dort soll frü­her ein­mal ein Fort­satz, eine Erhe­bung zu sehen gewe­sen sein. Er habe die­sen Fort­satz eigen­hän­dig abge­sägt. Es han­del­te sich um eine Buch­se für einen Ste­cker. Man konn­te dort das Inter­net ein­füh­ren, also eine Ver­bin­dung her­stel­len zwi­schen der Schreib­ma­schi­ne des Schrift­stel­lers und der Welt tau­sen­der Com­pu­ter da drau­ßen irgend­wo. Jona­than Fran­zen erklärt, er habe sei­nen Com­pu­ter bear­bei­tet, um der Ver­su­chung, sich mit dem Inter­net ver­bin­den zu wol­len, aus dem Weg zu gehen. Eine über­zeu­gen­de Tat. Im Moment, da ich die­se Sze­ne beob­ach­te, bemer­ke ich, dass die Ver­füg­bar­keit von Infor­ma­ti­on zu jeder Zeit auch in mei­nem Leben ein Gefühl von Gefahr, Zer­streu­ung, Belie­big­keit erzeu­gen kann. Ich schei­ne in den Zei­chen, Bil­dern, Fil­men, die her­ein­kom­men, flüs­sig zu wer­den. Dage­gen ange­neh­me Gefüh­le, wenn ich die abge­schlos­se­ne Welt eines Buches in Hän­den hal­te. Frü­her ein­mal, sobald ich spa­zie­ren ging oder auf eine Rei­se, zur Arbeit, ins Thea­ter oder sonst wohin, ver­ließ ich nie­mals das Haus, ohne eines mei­ner zer­schlis­se­nen Unter­wegs­bü­cher mit mir zu neh­men. Wenn ich ein­mal doch kein Buch in der Hand oder Hosen­ta­sche bei mir hat­te, sofort das Gefühl, unbe­klei­det oder von Lee­re umge­ben zu sein. Als ob ich einen immer­wäh­ren­den Aus­weg in mei­ner Nähe wis­sen woll­te, ein Zim­mer von Wör­tern, in das ich mich jeder­zeit, manch­mal nur für Minu­ten, zurück­zie­hen konn­te, um fest zu wer­den. Da waren also Bücher von Mal­colm Lowry, Kenzabu­ro Oe, Tru­man Capo­te, Frie­de­ri­ke May­rö­cker, Wal­ter Ben­ja­min, Janet Frame, Georg C. Lich­ten­berg, Hein­rich von Kleist, Moni­ka Maron, Alex­an­der Klu­ge, Boho­u­mil Hra­bal, Johann Peter Hebel, Patri­cia High­s­mith, Eli­as Canet­ti, Peter Weiss, Hans Magnus Enzens­ber­ger. Irgend­wann, weiß der Teu­fel war­um, hör­te ich auf damit. Und doch tra­ge ich noch immer ein Buch in mei­ner Nähe. Ich tra­ge mei­ne Stra­ßen­bü­cher nicht län­ger in der Hand, ich tra­ge mei­ne Stra­ßen­bü­cher im Ruck­sack auf dem Rücken. — stop

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frankie

2

echo

~ : mal­colm
to : lou­is
sub­ject : FRANKIE
date : june 9 12 0.05 a.m.

Sams­tag. Nacht. Gute Nach­rich­ten sind zu über­mit­teln. End­lich haben wir ein Eich­hörn­chen gefan­gen, Cen­tral Park, Höhe 76. Stra­ße, ein gro­ßes, grau­es Tier. Wir haben ihm den Namen Fran­kie ver­passt. In die­sem Moment schläft Fran­kie tief und fest. Es ist kaum zu glau­ben, dass wir sei­nen klei­nen run­den Bauch, der sich vor unse­ren Augen hebt und senkt, in weni­gen Stun­den öff­nen wer­den. Arme und Bei­ne sind bereits am Tisch befes­tigt, ein Anblick, der nicht gut zu ertra­gen ist. Fran­kie wirkt hilf­los, erbärm­lich, wie er hin­ge­streckt vor unse­ren Augen ruht. Als wir ihn bade­ten, wach­te er vom Was­ser auf, das er viel­leicht nicht gewohnt ist, und zeig­te sei­ne kräf­ti­gen Zäh­ne. Ich neh­me an, er wird in die­sem Moment weder hören noch sehen, nur träu­men oder auch nicht. Da wir nun alles auf das Sorg­fäl­tigs­te vor­be­rei­tet haben, Satel­li­ten­sen­der wie USB-Daten­trä­ger lie­gen bereit, bit­ten wir um prä­zi­se ana­to­mi­sche Anwei­sung, in wel­che Tie­fe wir das Mate­ri­al in Fran­kies Kör­per zu ver­sen­ken haben. Wie lan­ge Zeit soll­ten wir Fran­kie nach Ope­ra­ti­on nar­ko­ti­sie­ren? Wann könn­ten wir ihn wie­der in die Frei­heit ent­las­sen? Ant­wor­ten Sie bit­te rasch! Ihr Mal­colm / code­wort : hibiskusblüte

emp­fan­gen am
9.06.2012
1281 zeichen

mal­colm to louis »

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sommernachmittag

2

char­lie : 6.24 — Ein­mal, vor ein oder zwei Jah­ren, saß ich eini­ge Stun­den lang an der Sei­te mei­nes Vaters vor sei­nem Schreib­tisch. Wir sahen Noti­zen durch, die er seit der Stu­di­en­zeit auf Zet­teln nie­der­leg­te. Da waren nun Zet­tel aus jün­ge­rer Zeit gewe­sen und Zet­tel, die er bereits vor 10 oder 20 Jah­ren notier­te, Adres­sen, Tele­fon­num­mern, Ver­zeich­nis­se, auch phi­lo­so­phi­sche Bemer­kun­gen, For­meln, Pass­wör­ter. Wir ver­such­ten gemein­sam zu unter­schei­den, was noch wich­tig war und was viel­leicht zur Sei­te gelegt wer­den konn­te. Mein Vater kämpf­te an die­sem Tag des Sor­tie­rens um jeden ein­zel­nen sei­ner Zet­tel. Wenn ich das Zim­mer ein­mal kurz ver­las­sen hat­te, um Milch oder Tee zu holen, konn­te ich vom Flur her sehen, wie sich sei­ne rech­te Hand bemüh­te, Zet­tel, die wir dem Ver­schwin­den über­eig­net hat­ten, in die Abtei­lung UNVERZICHTBAR zurück­zu­ho­len, ein lus­ti­ges Spiel. Ich setz­te mich bald zurück an den Tisch und wir taten bei­de so, als ob in der kur­zen Zeit mei­ner Abwe­sen­heit nichts gesche­hen wäre. Drau­ßen vor dem Fens­ter reg­ne­te es ohne Unter­bre­chung. Wir spra­chen wenig. Immer­zu beweg­te ich mich zu schnell. Manch­mal schlief mein Vater ein. Das war an einem Som­mer­nach­mit­tag gewe­sen. — stop
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