ulysses : 2.12 — Schritte und Türen. Auf dem Kühlschrank, zirpende Gläser. Der Kühlschrank selbst, Ventilator. Von der Straße her, Lachen. Kurz vor 1 Uhr, Straßenbahn hält, Straßenbahn setzt sich in Bewegung. Schritte. Türen. Schritte. Das Klopfen meiner Finger an der Stirn. Und mein Wecker, tack, tack, tack, wie er Schwellen in der Zeit verlegt. Wenn ich das Wort Atem schreibe, höre ich meine eigenen Luftgeräusche so lange, bis ich das Wort Atem vergesse. Und wieder Schritte. Und wieder Türen. Ich versuchte, mit meinen Augenlidern einen Laut zu erzeugen. Vergeblich. Auch meine Augen selbst, wenn ich meine Augen bewege, ohne jedes vernehmbare Geräusch. Man stelle sich einmal vor, die Bewegung der Augen würde knarzende Geräusche erzeugen. Von der Straße her, Lachen, Hupen. Dann Stimmen, spanisch. Rufen. Und Türen. Schritte. Auch das Licht meiner Lampen macht kein Geräusch. Friedlich liegen meine Äpfel geräuschlos im Korb herum. Wer mich in diesem Moment beobachtete, könnte sehen, wie ich einen Apfel belausche. Ich habe noch nie einen Apfel belauscht. Oder eine Birne. Oder einen Pfirsich. Auch Bananen sind ohne Geräusch. Es ist denkbar, dass ich mich irre, dass ich als Kind einen Apfel belauschte. Kurz vor 2 Uhr, Straßenbahn hält, Straßenbahn setzt sich in Bewegung. Auf dem Kühlschrank, zirpende Gläser. — stop

Aus der Wörtersammlung: sehen
lichtluftnetz
india : 2.05 — Ich habe das Haus verlassen. Es ist Nacht. Der Wind raschelt in den Blättern der Kastanienbäume. Gerade eben ist die letzte Straßenbahn des Abends an mir vorübergefahren, ein leeres Gehäuse, nur der Fahrer war zu sehen gewesen. Ich sitze in einem Häuschen einer Haltestelle, weil ich nach einer Erscheinung suche. Ich halte meinen kleinen Computer in der einen Hand, mit der anderen navigiere ich den Mauszeiger über den Bildschirm, auf dem schon ein paar zarte, staubige Falter sitzen. Wenn ich die Anweisung gebe, Netzwerkverbindungen anzuzeigen, die sich in meiner Nähe befinden, ist da eine, die einen besonderen Namen trägt: Lichtluftnetz. Dieses Netzwerk existiert seit ungefähr drei oder vier Wochen. Es ist mittels eines Passwortes geschützt. Irgendjemand muss also das Wort Lichtluftnetz als Bezeichnung für ein neues Netzwerk eingegeben haben. Eine feine Erfindung. Wenn ich auf und ab gehe, kann ich sehen, dass sich die Signalstärke des Netzwerkes verringert oder vergrößert, ein nicht sehr starker Sender. Ich hatte für einen Moment die Idee, dass vielleicht über mir in den Bäumen eine Person mit einem Computer heimlich wohnen könnte. Ich habe, man wird mich vielleicht für verrückt erklären, gerufen: Hallo! Ist da jemand? Bisher war mein Rufen vergeblich gewesen. Und so sitze ich nun ganz still und versuche, mich mit jenem Netzwerk in Verbindung zu setzen. Ich habe den Verdacht, dass ich bereits beobachtet werde. Es ist eine wirklich schöne Nacht. So friedlich. — stop

meeresnähe
~ : malcolm
to : louis
subject : MEERESNÄHE
date : july 1 12 4.12 p.m.
Wir übermitteln eine Notiz für Sie, der Sie vielleicht auf Nachrichten von uns warten werden. Wir sitzen in diesem Moment mit unseren Funkempfängern im Central Park, Höhe 87. Straße nahe Onassisreservoir. Frankie wieder in Freiheit. Er scheint glücklich zu sein. War an diesem Tag viel unterwegs gewesen, umrundete zweifach den großen See, in dem er von Baum zu Baum segelte in großer Höhe. Wir folgten ihm in angemessenem Abstand, unsichtbar, und hatten doch immer wieder den Eindruck, Frankie würde auf uns warten. Es ist jetzt kurz nach vier Uhr. Schwüle, knisternde Luft. Der Himmel so dunkel, als wäre dort über uns schon Nacht geworden. Blitze in Meeresnähe. Frankie hockt unter einer Linde. Er schaut uns an. Leuchtende, fiebrige Augen. Sein kleiner, muskulöser Körper bebt. Wann war es zuletzt gewesen, dass wir ein solch prächtiges Eichhörnchen gesehen haben? – Ihr Malcolm. / codewort : leporello
empfangen am
1.07.2012
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brennender vogel
echo : 0.10 — Ich bin noch immer leicht verwirrt von dem, was vor wenigen Minuten passierte. Ein Blitz ist möglicherweise in nächster Nähe eingeschlagen. Ich erinnere mich, ich hatte meine Fenster geöffnet, es begann heftig zu regnen, dann wurde es plötzlich still. Ich lehnte noch an der Wand meines Arbeitszimmers. Es roch ein wenig nach Metall, meine Zunge schmeckte nach einem Löffel von Zinn, wie früher, sobald ich ein Frühstücksei öffnete. Wenn ich mir Mühe gebe, kann ich mit meinem linken Ohr ein leises Summen vernehmen, das eventuell nicht außen, sondern innen in meinem Kopf sich ereignet. Rechts ist wirkliche Stille. Aber ich kann sehen, mit beiden Augen sehen. Ein Vogel sitzt auf meinem Sofa, er scheint zu brennen, weswegen ich mich sofort auf den Weg machen werde, ein Glas Wasser zu holen. Es ist seltsam, tatsächlich ist die Erfahrung der Gehörlosigkeit in dieser Nacht, die Erfahrung vollständiger Abwesenheit eines Teiles meines Kopfes. – stop

postkarte nach brooklyn
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india : 0.58 — Eine Postkarte. Auf ihrer Vorderseite war ein blühendes Mohnblumenfeld zu sehen, auf ihrer Rückseite wurde in englischer Sprache handschriftlich notiert. Abgeschickt wurde das Dokument aus einer nördlichen Gegend Europas in Richtung Brooklyn, New York. Ein Mann schrieb Folgendes an eine Frau namens Mary, ich übersetzte: Meine geliebte Mary, wir fahren seit einer Woche über das Land, das rot ist vom Mohn. Ich denke an Dich, während ich in die Pedale trete. Du bist nah, meine Liebste. Wir haben immer Gegenwind, weil wir in die falsche Richtung fahren. Abends und auch am Tag trinken wir Wein, weil wir hier trinken können, wie wir wollen, ohne uns verstecken zu müssen. Manchmal glaube ich darum, dass Du wirklich da bist und dann muss ich sofort vor Schreck langsamer fahren und am besten absteigen und mich nach Dir umsehen. Es ist wundervoll, in einem Mohnfeld zu liegen. Ich werde meine Postkarte an Dich heute Abend heimlich aufgeben. Vielleicht wird sie eine Überraschung werden für Dich. Dein Martin — stop

zerstreuung
marimaba : 6.36 — In einer Filmdokumentation, die den Schriftsteller Jonathan Franzen fünf Tage lang während einer Lesereise begleitet, folgende berührende Szene, die sich im New Yorker Arbeitszimmer des Autors ereignet. Jonathan Franzen hält seine Schreibmaschine, ein preiswertes Dell – Notebook, vor das Objektiv der Kamera. Er deutet auf eine Stelle an der Rückseite des Gerätes, dort soll früher einmal ein Fortsatz, eine Erhebung zu sehen gewesen sein. Er habe diesen Fortsatz eigenhändig abgesägt. Es handelte sich um eine Buchse für einen Stecker. Man konnte dort das Internet einführen, also eine Verbindung herstellen zwischen der Schreibmaschine des Schriftstellers und der Welt tausender Computer da draußen irgendwo. Jonathan Franzen erklärt, er habe seinen Computer bearbeitet, um der Versuchung, sich mit dem Internet verbinden zu wollen, aus dem Weg zu gehen. Eine überzeugende Tat. Im Moment, da ich diese Szene beobachte, bemerke ich, dass die Verfügbarkeit von Information zu jeder Zeit auch in meinem Leben ein Gefühl von Gefahr, Zerstreuung, Beliebigkeit erzeugen kann. Ich scheine in den Zeichen, Bildern, Filmen, die hereinkommen, flüssig zu werden. Dagegen angenehme Gefühle, wenn ich die abgeschlossene Welt eines Buches in Händen halte. Früher einmal, sobald ich spazieren ging oder auf eine Reise, zur Arbeit, ins Theater oder sonst wohin, verließ ich niemals das Haus, ohne eines meiner zerschlissenen Unterwegsbücher mit mir zu nehmen. Wenn ich einmal doch kein Buch in der Hand oder Hosentasche bei mir hatte, sofort das Gefühl, unbekleidet oder von Leere umgeben zu sein. Als ob ich einen immerwährenden Ausweg in meiner Nähe wissen wollte, ein Zimmer von Wörtern, in das ich mich jederzeit, manchmal nur für Minuten, zurückziehen konnte, um fest zu werden. Da waren also Bücher von Malcolm Lowry, Kenzaburo Oe, Truman Capote, Friederike Mayröcker, Walter Benjamin, Janet Frame, Georg C. Lichtenberg, Heinrich von Kleist, Monika Maron, Alexander Kluge, Bohoumil Hrabal, Johann Peter Hebel, Patricia Highsmith, Elias Canetti, Peter Weiss, Hans Magnus Enzensberger. Irgendwann, weiß der Teufel warum, hörte ich auf damit. Und doch trage ich noch immer ein Buch in meiner Nähe. Ich trage meine Straßenbücher nicht länger in der Hand, ich trage meine Straßenbücher im Rucksack auf dem Rücken. — stop

frankie
~ : malcolm
to : louis
subject : FRANKIE
date : june 9 12 0.05 a.m.
Samstag. Nacht. Gute Nachrichten sind zu übermitteln. Endlich haben wir ein Eichhörnchen gefangen, Central Park, Höhe 76. Straße, ein großes, graues Tier. Wir haben ihm den Namen Frankie verpasst. In diesem Moment schläft Frankie tief und fest. Es ist kaum zu glauben, dass wir seinen kleinen runden Bauch, der sich vor unseren Augen hebt und senkt, in wenigen Stunden öffnen werden. Arme und Beine sind bereits am Tisch befestigt, ein Anblick, der nicht gut zu ertragen ist. Frankie wirkt hilflos, erbärmlich, wie er hingestreckt vor unseren Augen ruht. Als wir ihn badeten, wachte er vom Wasser auf, das er vielleicht nicht gewohnt ist, und zeigte seine kräftigen Zähne. Ich nehme an, er wird in diesem Moment weder hören noch sehen, nur träumen oder auch nicht. Da wir nun alles auf das Sorgfältigste vorbereitet haben, Satellitensender wie USB-Datenträger liegen bereit, bitten wir um präzise anatomische Anweisung, in welche Tiefe wir das Material in Frankies Körper zu versenken haben. Wie lange Zeit sollten wir Frankie nach Operation narkotisieren? Wann könnten wir ihn wieder in die Freiheit entlassen? Antworten Sie bitte rasch! Ihr Malcolm / codewort : hibiskusblüte
empfangen am
9.06.2012
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sommernachmittag
charlie : 6.24 — Einmal, vor ein oder zwei Jahren, saß ich einige Stunden lang an der Seite meines Vaters vor seinem Schreibtisch. Wir sahen Notizen durch, die er seit der Studienzeit auf Zetteln niederlegte. Da waren nun Zettel aus jüngerer Zeit gewesen und Zettel, die er bereits vor 10 oder 20 Jahren notierte, Adressen, Telefonnummern, Verzeichnisse, auch philosophische Bemerkungen, Formeln, Passwörter. Wir versuchten gemeinsam zu unterscheiden, was noch wichtig war und was vielleicht zur Seite gelegt werden konnte. Mein Vater kämpfte an diesem Tag des Sortierens um jeden einzelnen seiner Zettel. Wenn ich das Zimmer einmal kurz verlassen hatte, um Milch oder Tee zu holen, konnte ich vom Flur her sehen, wie sich seine rechte Hand bemühte, Zettel, die wir dem Verschwinden übereignet hatten, in die Abteilung UNVERZICHTBAR zurückzuholen, ein lustiges Spiel. Ich setzte mich bald zurück an den Tisch und wir taten beide so, als ob in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit nichts geschehen wäre. Draußen vor dem Fenster regnete es ohne Unterbrechung. Wir sprachen wenig. Immerzu bewegte ich mich zu schnell. Manchmal schlief mein Vater ein. Das war an einem Sommernachmittag gewesen. — stop

pseudonym no 5
ulysses : 6.05 — Gestern war das Wetter schön, ich suchte spazierend im Park nach einem Namen für mein Pseudonym No 5. Sobald ich glaubte, einen geeigneten Namen gefunden zu haben, sagte ich ihn laut vor mich hin, ich sagte zum Beispiel: Felix Mayer Kekkola. Als Nachmittag geworden war, gefiel mir dieser Name noch immer, ich hatte Lilli M. Murphy bereits verworfen, auch Kaspar Joe Weidemann und weitere Namen waren gründlich vergessen. Ich notierte den gewählten Namen Felix Mayer Kekkola in mein Notizbuch und ging nach Hause. Es ist seltsam, ich war mit meinem neuen Namen an der Seite stark unruhig bis in den Abend hinein. Ich konnte mir diese Unruhe zunächst nicht erklären, dann hatte ich die Idee, dass ich nachsehen sollte, ob der Name Felix Mayer Kekkola vielleicht im Internet schon längere Zeit existiert, ein Mensch also, der genau so heißt, oder ein Mensch, der diesen Namen verwendet, um sich zu verbergen und zu veröffentlichen in ein und demselben Moment. Mehrfach prüfte ich mit Suchmaschinen die Existenz einer Spur. Kein Ergebnis für „Felix Mayer Kekkola“ war zu finden. Ich könnte nun also erstens annehmen, dass ein Mensch, der diesen Namen trägt, nicht existiert, was sicher nur sehr vorsichtig formuliert werden darf. Zweitens könnte ich jenen feinen Namen nun für mich besetzen, okkupieren sozusagen nach bestem Wissen und Gewissen, was in dieser Sekunde genau so geschieht, indem ich meinen Text in die digitale Sphäre sende. — stop

handohren
~ : oe som
to : louis
subject : HANDOHREN
date : may 27 12 3.05 a.m.
Lieber Louis, Mitternacht ist längst vorüber. Ich bin ruhig, aber ich kann nicht schlafen. Seit Tagen geht das so mit mir, dass ich die Augen schließe und doch wach liege, zumindest nicht wirklich auf die andere Seite gelange. Ich spüre wie sich das Schiff auf und ab bewegt, manchmal erhebe ich mich und gehe spazieren an Deck, oder ich besuche Lin, die sich für den Monat Mai in Nachtschicht befindet. Seit drei Tragen sitzt sie in der Werkstatt an der Übertragung des Romans Molloy von Samuel Beckett. Ich darf ihr zusehen, wie sie Zeichen für Zeichen aus dem papierenen Buch kopiert, eine geschmeidige Bewegung, sie schreibt, ohne ihren Blick auf den Stift zu richten. Jedes Wort, das sie in Angriff nimmt, wird zunächst in den Raum geflüstert: Wachtelkönig. Als ob sie eine Anweisung geben würde, als ob ihre schreibende Hand über geheime Ohren verfügte. Ich wünschte mir, ich könnte ihre Hände einmal eingehend untersuchen, einen Bericht schreiben über die Entdeckung der Handohren kurz nach Mitternacht auf einem Schiff vor Neufundland. Eigentlich, lieber Louis, wollte ich Dir von meinem ersten Besuch bei Noe in der Tiefe berichten, was ich dort gesehen habe, seine Augen wie sie meine Augen betrachteten durch das Panzerglas. Ich denke, ich bin noch nicht so weit. Ich werde Dir ausführlich notieren, sobald ich einmal eine Nacht durchgeschlafen habe. Es ist möglich, dass ich das Tauchen nicht vertrage oder Noe’s hellen Blick vielleicht, der mich verfolgt, ich gebe das zu, Noe’s Blick verfolgt mich. Manchmal denke ich, dass nicht richtig ist, was wir tun. Gute Nacht! Ahoi! Dein OE SOM
gesendet am
27.05.2012
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