Aus der Wörtersammlung: sehen

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engelware

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nord­pol : 6.50 — Fan­gen wir noch ein­mal von vorn an. stop. Jener war­me Som­mer­tag. stop. Mein Vater trägt hel­le Hosen, ein wei­ßes Hemd, Turn­schu­he, Hosen­trä­ger. Immer wie­der erhebt er sich, geht über­le­gend auf und ab, weil ich ihm Fra­gen stel­le, vie­le, schwie­ri­ge Fra­gen. An eine die­ser Fra­gen kann ich mich noch gut erin­nern. Ich woll­te wis­sen, ob es grund­sätz­lich mög­lich sei, die Dau­er eines Momen­tes mathe­ma­tisch in einer For­mel dar­zu­stel­len, in wel­chem ein Trop­fen, der von einem Was­ser­spiel gegen den Him­mel gewor­fen wird, in der Luft ver­harrt, ohne sich wei­ter auf­wärts oder schon abwärts zu bewe­gen, also ohne Schwe­re ist. Lei­der kann ich mich an die Ant­wort mei­nes Vaters nicht erin­nern, aber an eine Geschich­te, die mein Vater an genau jenem Tag der Was­ser­trop­fen erzähl­te. Die­se Geschich­te han­del­te von mir selbst. Sie soll sich ereig­net haben, als ich noch sehr jung und klein gewe­sen war. Ich konn­te damals schon lau­fen und spre­chen, das wohl, und ich wuss­te, dass Weih­nachts­fes­te sich wie­der­ho­len, dass zur hei­li­gen Nacht Geschen­ke unter einem Baum zu fin­den sind, und dass die­se Geschen­ke von Engeln her­bei­ge­bracht wer­den. Der Geschich­te mei­nes Vaters zur Fol­ge kau­er­te ich an einem Dezem­ber­tag meh­re­re Stun­den vor einem Fens­ter zum Gar­ten. Schnee war gefal­len und es schnei­te immer wei­ter ohne Unter­bre­chung. Mei­ne Eltern beob­ach­te­ten mich genau, sie wun­der­ten sich, weil ich mich kaum beweg­te und weil ich in mei­ner Obser­va­ti­on der Schnee­land­schaft kei­ne Pau­sen mach­te. Nach einer gewis­sen Zeit kam mein Vater zu mir. Er frag­te, was ich da tue, ob ich viel­leicht etwas Beson­de­res ent­deckt haben wür­de. Ich ant­wor­te­te, dass ich auf das Erschei­nen eines Engels war­ten wür­de. Wie ich denn dar­auf kom­me, dass ich gera­de an die­sem Tag oder über­haupt je einen Engel sehen kön­ne, woll­te mein Vater wis­sen. Ich erklär­te, dass ich hör­te, jene Geschen­ke, die bald unter unse­rem Weih­nachts­baum lie­gen wür­den, sei von Engeln gelie­fer­te Ware, ich kön­ne also sicher sein, dass Engel den Luft­raum vor dem Fens­ter zum Wohn­zim­mer in Stun­den­zeit pas­sie­ren wür­den, ich müss­te nur lan­ge genug war­ten, um die Erschei­nung eines oder meh­re­rer Engel beob­ach­ten zu kön­nen. Eine Wei­le, erzähl­te mein Vater, habe er sich dann neben mich gesetzt, zwei gedul­di­ge Beob­ach­ter des Schnees, Schul­ter an Schul­ter. — stop

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lichtprobe

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hima­la­ya : 3.10 — Ein Minu­ten­aus­schnitt aus der fürch­ter­li­chen Wirk­lich­keit eines Bür­ger­krie­ges. Im Film­do­ku­ment, das ich vor zwei Tagen beob­ach­tet habe, sind in der syri­schen Stadt Alep­po Män­ner zu sehen, sehr jun­ge, bei­na­he kind­lich wir­ken­de und etwas älte­re Män­ner, sie erschie­ßen wei­te­re Män­ner, die teil­wei­se kaum noch beklei­det waren und offen­sicht­lich von Schlä­gen ver­letzt. In einer Art Rausch, so neh­me ich das aus gro­ßer Ent­fer­nung wahr, wur­de getö­tet, auf­ge­nom­men von Han­dy­ka­me­ras. Kurz dar­auf waren die­se Hand­lun­gen auf Ser­ver­ma­schi­nen gela­den und sind seit­her von jedem Ort die­ser Welt, der über einen Inter­net­zu­gang ver­fügt, für unbe­stimm­te Zeit abruf­bar. Man kann den einen oder ande­ren der schie­ßen­den Män­ner für Sekun­den eben­so gut erken­nen wie jene Män­ner, die durch Schüs­se getö­tet wur­den. Hun­der­te, wenn nicht Tau­sen­de die­ser Doku­men­te lie­gen vor. Was wird mit die­sen Doku­men­ten gesche­hen? Wer­den Sie bereits gesi­chert? In die­ser Minu­te viel­leicht? Und vom wem und in wel­cher Absicht? – stop

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buenos aires

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oli­mam­bo : 6.42 — Ich stel­le mir eine Maschi­ne vor, die flie­gen kann, eine klei­ne Maschi­ne, nicht grö­ßer als eine Mur­mel in Kin­der­hand. Zar­tes­te Räd­chen und Schrau­ben und Gewin­de sind in ihrem Innern zu fin­den, Bat­te­rien von der Grö­ße eines Berg­schne­cken­her­zens wei­ter­hin, sowie eine äußerst fili­gra­ne Funk­an­ten­ne, ein Lin­sen­au­ge und Mikro­fo­ne oder Ohren, die in der Nähe des Auges der­art mon­tiert wor­den sind, dass sie in der Lage sein könn­ten, eben genau jene Geräu­sche auf­zu­zeich­nen, die sich vor dem Auge des Flug­we­sens ein­mal abspie­len wer­den. Viel­leicht darf ich ver­ra­ten, dass es vor­neh­me Auf­ga­be der Maschi­ne sein wird, zu schau­en und eben zu flie­gen. Man fliegt mit­tels Pro­pel­lern, die sich so schnell bewe­gen, dass kein mensch­li­ches Auge sie wahr­neh­men kann. Ein hel­les Sum­men oder Pfei­fen ist in der Luft, und ich dach­te, man könn­te sich viel­leicht an Mos­kit­o­f­lie­gen erin­nert füh­len, sobald sich eine der klei­nen Maschi­nen näher­te, obgleich sie nie­mals ste­chen, nur Licht­pro­ben neh­men. Dar­über hin­aus gehend stell­te ich mir Läden vor, die sich wie Stütz­punk­te für Flug­ma­schi­nen beneh­men, Maga­zi­ne, die über­all in unse­rer Welt exis­tie­ren wer­den. Für drei oder vier Dol­lar die Stun­de könn­te ich mir von mei­nem Com­pu­ter aus ein flie­gen­des Auge lei­hen, um an einem schö­nen Som­mer­abend, im Novem­ber zum Bei­spiel, in Bue­nos Aires durch die Luft zu spa­zie­ren. – stop

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kühle augen

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nord­pol : 6.32 — Ges­tern am spä­ten Abend wohn­te ich via Inter­net einer Hin­rich­tung bei. Fünf Män­ner wur­den erschos­sen, und zwar in Alep­po auf offe­ner Stra­ße. Es waren Rebel­len, die das Feu­er auf Gefan­ge­ne eröff­ne­ten. Sie rie­fen: Gott ist groß! Gott ist groß! Als die Per­so­nen, es sol­len Ange­hö­ri­ge einer berüch­tig­ten, mor­den­den und fol­tern­den, regie­rungs­treu­en Miliz gewe­sen sein, längst tot gewe­sen waren, wur­de noch immer auf sie geschos­sen, als woll­te man die Kör­per vor der Haus­wand zu Staub zer­le­gen, den der Wind mit sich fort­tra­gen könn­te. Rechts neben dem gera­de erwähn­ten Film­do­ku­ment von zwei Minu­ten Län­ge, war die Exis­tenz wei­te­rer Fil­me in Vor­schau zu sehen, dar­un­ter der Bericht eines nord­ame­ri­ka­ni­schen Fern­seh­sen­ders über die chir­ur­gi­sche Rekon­struk­ti­on eines schwer ver­letz­ten Gesich­tes. Ein Kan­ni­ba­le hat­te im Staa­te Loui­sia­na Nase, Mund und Augen eines Man­nes ver­speist. Der arme Mann war kurz dar­auf noch am Leben gewe­sen und wur­de nun von zwei Schwes­tern behut­sam über den Flur eines Kran­ken­hau­ses geführt. Auch die­sen Film habe ich mit küh­len Augen betrach­tet. Dann war Mit­ter­nacht vor­über und ich spa­zier­te ein wenig durchs Vier­tel. Kat­zen waren unter­wegs, die mit ihren Schein­wer­fern nach mir leuch­te­ten. Im Park um die Ecke wur­den Fei­gen und Dat­teln gebra­ten. Ein süßer, mil­der Nebel­duft hing in der Luft. Ich saß eine hal­be Stun­de auf einer Bank und beob­ach­te­te Bäu­me, ob sie viel­leicht nacht­wärts arbei­ten, der ein oder ande­re. – stop

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ein zimmer

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alpha : 6.28 — Halb­dun­kel. Vor einem Fens­ter steht ein Bett. Das Fens­ter ist leicht geöff­net, Jalou­sien rip­pen das Licht, das spär­lich her­ein­kommt. Es könn­te Vor­mit­tag sein oder Nach­mit­tag. Zufäl­lig habe ich den Film in genau dem Moment ange­hal­ten, als eine Flie­ge den auf­ge­nom­me­nen Flug­raum durch­kreuzt. Die Gestalt des Tie­res ist nicht ganz scharf zu sehen, Bei­ne, die fest an den Kör­per gepresst sind. Es ist die ers­te Flie­ge, die ich in die­ser Hal­tung wahr­neh­me, ein klei­ner Vogel, den­ke ich im ers­ten Moment, und dass die­se Flie­ge eigent­lich dort, wo sie sich befin­det, nichts zu suchen hat. Es han­delt sich bei dem abge­dun­kel­ten Raum um ein Hos­pi­tal­zim­mer. Neben dem Bett steht ein Tisch, dicht an einer Wand, deren Far­be blät­tert. Auf die­sem Tisch kau­ert ein Gerät, das Kur­ven zeigt, Pul­se, wei­ter­hin Zah­len, Blut­druck­wer­te viel­leicht. Eine Karaf­fe mit Flüs­sig­keit ist zu sehen und ein Schul­heft, geöff­net, Schrift­zei­chen. Ich bin der ara­bi­schen Spra­che nicht mäch­tig, und doch ver­mag ich zu erken­nen, dass die­se Schrift­zei­chen ara­bi­sche Schrift­zei­chen sind, auch weil ich weiß, dass der Film, den ich ange­hal­ten habe, in der Stadt Tri­po­lis auf­ge­nom­men sein könn­te. Ver­mut­lich wur­den die Zei­chen von einer jun­gen Frau geschrie­ben, die in jenem Bett liegt, auf wel­ches das Zebra­strei­fen­licht fällt. Die Augen der jun­gen Frau sind geschlos­sen, ihre Haut ist weiß wie Schnee, ihr Kopf leicht nach links gerich­tet oder gefal­len. Ein sehr schö­ner Mund, das Haar von einem Kopf­tuch bedeckt. Die Ebe­nen unter ihren Augen erschei­nen dun­kel, Mon­de, Schat­ten­mon­de. Hän­de und Schul­tern lie­gen unter einer Decke ver­bor­gen, die hell ist, ein Laken. Kein Geräusch ist zu hören. Das Geräusch, das zu dem Film gehört, ist in dem Moment, da ich den Film ange­hal­ten habe, aus­ge­fal­len. Wenn man ein Geräusch anhält, hört man nichts. Das ist selt­sam. Ich erin­ne­re mich, dass da ein Geräusch gewe­sen war, kurz bevor ich den Lauf des Fil­mes stopp­te, Stim­men auf einem Flur und ein Rau­schen, ich neh­me an, vom Fens­ter her. Die Augen der lie­gen­den Frau waren geöff­net gewe­sen, dunk­le Augen, und doch hell und weit. Sie erzähl­te, dass sie nicht wis­se, wie sie hier­her­ge­kom­men sei. Man habe ihr berich­tet, dass man sie in einem Auto über die Gren­ze brach­te, aber sie wis­se das nicht mit Sicher­heit, weil sie sich nicht erin­nern kön­ne. Ihre Bei­ne sei­en fort. Und ihre bei­den Kin­der, Mäd­chen, sei­en tot. Und ihr Bru­der. Und ihre Mut­ter. Aber auch das wis­se sie nicht genau, man habe ihr das erzählt, aber sie kön­ne sich nicht erin­nern. Dann schloss sie die Augen. Und ich habe den Film ange­hal­ten. Ich habe den Film ange­hal­ten in genau dem Moment, da eine Flie­ge das Bild kreuz­te. Kein Ton. — stop
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glück

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india : 6.00 — Am Flug­ha­fen arbei­tet ein zier­li­cher Mann. Er kommt aus Indi­en, aus Kal­kut­ta genau­er, lebt aber schon lan­ge Zeit hier im Exil. Euro­pa ist gut, sagt er, nicht so anstren­gend wie mei­ne Hei­mat. Er heißt Singh, so muss das sein, und steht hin­ter dem Tre­sen einer schi­cken Bar, Ter­mi­nal 2. Mr. Singh arbei­tet seit zehn Jah­ren immer nur nachts, jede Nacht, Jahr ein Jahr aus, weil ihm der klei­ne Laden zur Pacht gehört. Hier kann man Rauch­wa­ren kau­fen und Zei­tun­gen in allen mög­li­chen Spra­chen und Bour­bon trin­ken, lei­se Jazz­mu­sik im Hin­ter­grund kommt aus Laut­spre­chern, man­che Men­schen schla­fen an den Tischen ein und wer­den nie­mals geweckt, der klei­ne Mann ist gern ein Wäch­ter der Schla­fen­den, der Gestran­de­ten. Wenn er die eng­li­sche Spra­che spricht, dann hört sich das an, als wür­de sei­ne Zun­ge auf Stel­zen gehen. Deutsch kann er nicht sehr gut, muss er auch nicht, weil er am Flug­ha­fen arbei­tet, weil hier inter­na­tio­na­ler Luft­raum ist, auch nachts, wenn nichts fliegt, außer im Som­mer ein paar Fal­ter, die sich in die Hal­len ver­irr­ten. Men­schen wie ich, sagt Mr. Singh, die nachts arbei­ten und am Tag schla­fen, fal­len die Augen aus dem Kopf. Glau­ben Sie mir, jun­ger Mann, das ist schon mein fünf­tes oder sechs­tes Paar Augen, das Sie hier vor sich sehen. Mit die­sen Augen, die frisch und jugend­lich zu sein schei­nen, schaut er mir seit gerau­mer Zeit zu, wie ich mei­ne Schreib­ma­schi­ne bear­bei­te. Er scheint sehr auf­merk­sam und tat­säch­lich inter­es­siert zu sein. Ich erzäh­le ihm vom Erfin­den. Dass das ein wenig wie Flie­gen sei. Sobald man ein­mal los­ge­flo­gen ist, kann man nicht ein­fach wie­der auf­hö­ren, das wäre eine Kata­stro­phe. Also, sage ich, dass ich mich sehr frei füh­le, indem ich notie­re. Und ich den­ke: Die­se schö­nen Augen, wie sie mich sanft betrach­ten. Und ich erzäh­le wei­ter davon, dass ich einen Mann erfun­den habe, der Bie­nen beob­ach­tet. Der Mann füh­re ein Funk­ge­rät mit sich, er mel­de an ein Wett­bü­ro, das sich im See­bad Brigh­ton an der eng­li­schen Küs­te befin­det, wel­che Stre­cken die Bie­nen flie­gen, dar­auf kön­ne man sein Glück set­zen, gro­ße Beträ­ge, klei­ne Beträ­ge. Wel­che Blu­me wird die nächs­te sein, die Blü­te einer Mohn­blu­me oder die Blü­te eines Löwen­zahns? Feu­er­nel­ken und Berg­le­ber­blüm­chen sind sel­ten, mit Feu­er­nel­ken und Berg­le­ber­blüm­chen kann man wohl­ha­bend wer­den. Und wie­der die­se schö­nen Augen, wie sie mich betrach­ten, dun­kel­gol­de­ne, gro­ße Augen, Augen in einem zier­li­chen Män­ner­ge­sicht, Augen, die Augen einer Frau sein könn­ten. Augen­äp­fel. — stop

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sandbox

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echo : 22.05 — Durch einen Zufall bekom­me ich einen Brief in die Hän­de, der mit einer bemer­kens­wer­ten Bot­schaft ver­se­hen wur­de. Die­se Bot­schaft ist, ob vor­ge­se­hen oder nicht, in Anschrift und Absen­der­an­ga­be auf Vor­der- und Rück­sei­te des Brie­fes ent­hal­ten. Leicht oszil­lie­ren­de Schrift­zei­chen wei­sen auf eine älte­re Per­son hin, die mit Tin­te notier­te in leuch­tend blau­er Far­be. ANSCHRIFT: An den bri­tisch israe­li­ti­schen Ver­tre­ter des USA – Geheim­diens­tes Ysol­de de Kreis / Als­ter Col­lege / 99 Char­letstreet / Lon­don W11CH / Gre­at Bri­tain. ABSENDER: Chos­mo Lager 260754-L-10618 / NATO secret Trup­pen-Nach­rich­ten­dienst Olden­burg P3 / Neu­in­s­ter­bur­ger­weg 14 / Kiel. – Man könn­te nun mei­nen, dass es sich bei die­sem Brief um den Brief eines Ver­rück­ten han­deln könn­te, vor allem des­halb, weil der Brief in authen­ti­schem Auf­trag gesen­det zu sein scheint, ein Brief, der zu einem Irr­läu­fer wer­den könn­te, nicht zustell­bar, aber auch ohne die Mög­lich­keit, sei­nen Absen­der wie­der­zu­fin­den, wes­halb jene Per­son, die notier­te, davon aus­ge­hen kann, dass der Brief sei­nen Emp­fän­ger erreich­te und dass die­ser nun, in der Art der Geheim­diens­te, unfreund­li­cher Wei­se nicht ant­wor­te­te. Eine wun­der­vol­le, sehr wir­kungs­vol­le Sand­box, die sich belie­big oft wie­der­ho­len lässt und immer wie­der zu dem­sel­ben, sich selbst bestä­ti­gen­dem Ergeb­nis füh­ren wird. — Ja, so könn­te das sein. Es ist Sonn­tag, es ist Abend. Ich soll­te ein­mal einen oder zwei Tage in dem fes­ten Vor­satz ver­brin­gen, mich selbst für eine Erfin­dung zu hal­ten. — stop
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funkköpfe

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romeo : 6.22 — Ein klei­ne Geschich­te habe ich rasch zu erzäh­len. Sie ereig­ne­te sich ges­tern Abend gegen 22 Uhr. Ich war zu die­sem Zeit­punkt außer­or­dent­lich müde gewor­den, hat­te gera­de einen Brief an einen Freund geschrie­ben, in dem ich von neu­ro­chir­ur­gi­schen Kon­struk­ti­ons­ar­bei­ten in Funk­vo­gel­köp­fen berich­te­te, wie ich der Ein­pflan­zung eines Peil­sen­ders bei­gewohnt hat­te genau­er, von der Öff­nung eines Möwen­schä­dels, sowie ers­ten Flug­steue­rungs­ver­su­chen, Abstür­zen, aber auch geglück­ten Flug­ma­nö­vern, Loo­pings, über wel­che sich jene ers­te unter den fern­ge­steu­er­ten Möwen selbst ver­mut­lich sehr gewun­dert haben dürf­te. Kaum hat­te ich den Brief fer­tig notiert, klin­gel­te das Tele­fon. Ich wur­de in mei­ner Kon­zen­tra­ti­on gestört, und zwar genau in dem Moment, da ich die Adress­zei­le mei­nes E‑Mailprogramms bear­bei­te­te. Schon war es pas­siert, ich hat­te mei­ne E‑Mail ver­se­hent­lich an das Büro Wla­di­mir Putins geschickt, was nun eigent­lich von mei­ner Posi­ti­on aus nicht sehr gefähr­lich ist, aber doch unan­ge­nehm, weil ich dort­hin nicht in per­sön­li­cher Wei­se schrei­ben woll­te, weil man nicht weiß, wer bei Putin in Mos­kau her­ein­kom­men­de E‑Mails liest, und ob sie viel­leicht über­setzt oder wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Inter­es­san­ter­wei­se beob­ach­te ich nun mit­tels der Live-Ver­si­on der Google–Analyticsmaschine, dass mei­ne Par­tic­les – Tex­te seit Stun­den von Mos­kau her betrach­tet wer­den. Da ist ein ziem­lich eigen­ar­ti­ges Gefühl, das sich schritt­wei­se ent­fal­tet. Bald frü­her Mor­gen. Die Amseln vor dem Fens­ter pfei­fen. Ich habe mir eine Enten­brust gebra­ten. Sie dampft wun­der­schön auf einem Tel­ler vor mir auf dem Tisch. Ja, eine wirk­lich unheim­li­che Geschich­te ist das, die Vögel, die Köp­fe, der Kreml. — stop
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doppellunge

14

 

 

del­ta

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : DOPPELLUNGE

Heu­te, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, als ich im Park spa­zier­te, hab ich an Euch gedacht. Das war näm­lich so gewe­sen, dass ich wie­der ein­mal übte, im Wan­dern die Luft anzu­hal­ten. Ich ver­such­te 100 Meter weit zu kom­men, lang­sam, sehr lang­sam, dann etwas schnel­ler gehend. Es ist mög­lich, heu­te end­lich ist es mög­lich gewor­den. Plötz­lich frag­te ich mich, wel­che Wir­kun­gen die Übung des Luft­an­hal­tens bei Euch frü­her ein­mal gezei­tigt haben könn­te. Ich über­leg­te, ob ihr Euch über das Luft­an­hal­ten ver­stän­digt haben wür­det. Es ist immer­hin denk­bar, dass das Anhal­ten der Luft in Eue­rem Fal­le, bei der einen wie der ande­ren eine gewis­se Kurz­at­mig­keit her­vor­ge­ru­fen haben müss­te. Viel­leicht wer­det Ihr Euch erin­nern? Wenn ja, dann gebt mir recht bald Bescheid. Ich arbei­te zur­zeit sehr hart in die­sen Din­gen. Vor eini­gen Tagen habe ich mir eine Pas­sa­ge der Klei­nen Erin­ne­run­gen José Saramago’s laut vor­ge­le­sen, und zwar in der Art und Wei­se lang­sa­men Aus­at­mens. Das ist fol­gen­der­ma­ßen vor­zu­stel­len: Ich fass­te das ers­te Wort der ers­ten Zei­le des klei­nen Tex­tes ins Auge, schöpf­te Luft so tief ich konn­te und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manch­mal fra­ge ich mich, ob bestimm­te Erin­ne­run­gen wirk­lich mei­ne eige­nen sind oder viel­leicht eher frem­de, in denen ich unbe­wusst mit­ge­spielt habe. Ich las so lan­ge ich konn­te, ich las, ohne zu atmen, ich las, bis ich alle Luft ver­lo­ren hat­te. Im ers­ten Ver­such kam ich 11 Zei­len weit. Das war natür­lich nicht befrie­di­gend. Also setz­te ich noch ein­mal von vorn an, ich hat­te eine ent­spann­te Posi­ti­on des Sit­zens ein­ge­nom­men und füll­te mei­ne Brust mit Luft und begann zu spre­chen. Die­ses Mal las ich mit lei­ser Stim­me, wie geflüs­tert. Ich kam exakt 1 Zei­le, also 55 Zei­chen wei­ter. Kurz dar­auf war zu beob­ach­ten gewe­sen, wie ich mich rück­lings auf mein Sofa leg­te und den­sel­ben Text noch ein­mal hauch­te. Das lie­gen­de atem­lo­se Lesen ermög­lich­te nun eine wei­te­re Zei­le a 55 Zei­chen. Ich mach­te also klei­ne Fort­schrit­te in die­ser Kunst des Lesens, ich ver­moch­te bald die Zei­le 14 des klei­nen Tex­tes zu errei­chen in einem Zustand, da ich Wort für Wort noch mit­den­ken konn­te. Nach einer Stun­de des Übens hör­te ich für die­se Nacht auf, um in der kom­men­den Nacht­zeit fort­zu­fah­ren. — Herz­lichst grüßt Euch Euer Lou­is. Ahoi! – stop

gesen­det am
10.07.2012
22.01 MESZ
2252 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

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apfelohren

9

del­ta : 6.35 — Ges­tern hab ich eine lus­ti­ge E‑Mail bekom­men. Sie war irgend­wann, wäh­rend ich schlief, auf mei­nem Com­pu­ter laut­los ein­ge­trof­fen. Die Per­son, die mir geschrie­ben hat­te, woll­te wis­sen, wie ich vor­ge­he, wenn ich nachts einen Apfel oder eine Apri­ko­se oder Bana­nen belau­sche. Ich hat­te zunächst eini­ge trif­ti­ge Grün­de auf die­se Fra­ge nicht ein­zu­ge­hen, gera­de auch des­halb, weil der Absen­der der E‑Mail, einen selt­sa­men Namen ange­ge­ben hat­te, des­sen Exis­tenz ich über die Goog­le – Such­ma­schi­ne ver­geb­lich zu prü­fen such­te. Aber dann schien mir doch reiz­voll zu sein, dem Absen­der der E‑Mail zu ant­wor­ten. Ich notier­te kurz und bün­dig, dass ich, wenn ich einen Apfel belau­sche, den Apfel in eine mei­ner Hän­de neh­me, um ihn tat­säch­lich an eines mei­ner Ohren zu füh­ren. Was man, wenn man in die­ser Wei­se vor­geht, hören kann, ist natür­lich zunächst das Rau­schen des Blu­tes in den eige­nen Ohr­ge­fä­ßen, sonst aber nichts, abge­se­hen von Geräu­schen viel­leicht, die man sich gründ­lich vor­zu­stel­len ver­mag, Geräu­schen orga­ni­schen Zer­falls zum Bei­spiel, einem Pfei­fen, einem Sau­sen oder den Beiß­ge­räu­schen eines Wurm­kie­fers in grö­ße­rer Apfel­tie­fe. Ich attes­tier­te in einem Ant­wort­schrei­ben sehr ernst­haft, dass ein Apfel ein stil­les Wesen sei, immer­hin habe ich nicht nur einen, ich habe min­des­tens fünf Äpfel belauscht, Bir­nen, Trau­ben, Bana­nen, Pfir­si­che, alle sind sie ohne tat­säch­li­che Geräu­sche in den Fre­quen­zen mensch­li­chen Hör­ver­mö­gens. Dafür leg ich eine Hand ins Feu­er, jawohl, es ist Mon­tag: Rasen­de Wol­ken. — stop



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