Aus der Wörtersammlung: sehen

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tiefenschatten

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char­lie

~ : oe som
to : louis
sub­ject : SCHATTEN
date : aug 18 11 5.12 p.m.

Seit zwei Tagen bereits kei­ne Nach­richt aus der Tie­fe. Wir hören Noes Atem, wir ver­zeich­nen das Gewicht sei­nes Tau­cher­an­zu­ges an der Win­de des Schif­fes. Noe ist noch bei uns, aber kein Wort zu hören von Noe. Weder ant­wor­tet er auf Fra­gen noch folgt er unse­rem Wunsch, er möge doch wei­ter lesen in Tony Mor­ri­sons Roman Jazz. Wir hat­ten das Buch am ver­gan­ge­nen Mon­tag zu ihm in die Tie­fe geschickt. Noe las noch an dem­sel­ben Abend drei Stun­den, dann war er ein­ge­schla­fen. Seit­her schweigt Noe, wes­halb Mil­ler sich vor Stun­den­zeit zur Inspek­ti­on auf den Weg nach unten begab. 2 Fuß in der Minu­te, schnel­ler geht das nicht, schnel­ler wür­de Mil­ler das Leben kos­ten, wir müs­sen uns gedul­den. Fünf Stun­den noch, dann wird Mil­ler Noe errei­chen, eine span­nen­de Situa­ti­on, viel­leicht wird auch Mil­ler dann schwei­gen, das ist denk­bar, eine beun­ru­hi­gen­de Vor­stel­lung wie unse­re bei­den Tief­see­män­ner schwei­gend in der Düs­ter­nis schwe­ben, wie sie sich viel­leicht unter­hal­ten wer­den in der Zei­chen­spra­che der Tau­cher. — Habe ich Dir, lie­ber Lou­is, berich­tet, dass es vor weni­gen Tagen schnei­te? Noch nie habe ich Schnee auf offe­ner See beob­ach­tet. See­mö­wen jagen dicht über die Was­ser­ober­flä­che hin. Es sieht so aus, als wür­den sie Flo­cken fan­gen, mäch­ti­ge Tie­re, gel­be Schnä­bel, hell­brau­ne Flü­gel. Sie wir­ken in etwa ver­klei­det, Möwen­vö­gel, die sich in Kos­tü­men jun­ger Habich­te bewe­gen, ihre schril­len Rufe, ein wei­te­res Dut­zend sitzt auf unse­rem Funk­turm, Eis­zap­fen haben sich gebil­det, Wol­ken kom­men näher, berüh­ren das Was­ser. Mil­ler ist in die­sem Moment auf fünf­hun­dert Fuß Tie­fe ange­kom­men. Unter ihm, mel­det Mil­ler, sei in der Dun­kel­heit Noe zu erken­nen, das Licht sei­ner Lam­pen. Ein gewal­ti­ger Kör­per­schat­ten soll vor ihm zu sehen sein. Ich mel­de mich bald wie­der. Dein OE

gesen­det am
18.08.2011
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eine nase

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nord­pol : 22.20 — Auf einem ana­to­mi­schen Beob­ach­tungs­kärt­chen, das mit der Num­mer 572 ver­se­hen ist, fol­gen­de Notiz: Selbst­ver­ständ­lich besit­ze ich eine Nase. Ich habe mich über die­sen Satz, den ich hand­schrift­lich mit Blei­stift notier­te, gewun­dert, weil ich mich nicht erin­nern konn­te, in wel­chem Moment mir die­ser Satz wich­tig gewe­sen zu sein schien. Viel­leicht, den­ke ich in die­ser Minu­te, woll­te ich mich dar­an erin­nern, bei Gele­gen­heit ein­mal über die Bedeu­tung des Wor­tes Besitz im Zusam­men­hang des eige­nen Kör­pers nach­zu­den­ken. — stop
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leben

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kili­man­dscha­ro : 6.45 — Ich lebe sehr gern. Und manch­mal kommt einem vor, dass das gan­ze Leben, das man hin­ter sich hat, eigent­lich kein Jam­mer­tal war. Obwohl es natür­lich schlim­me Punk­te gege­ben hat. Aber im Gro­ßen gese­hen ist die Welt für mich eigent­lich immer schön gewe­sen. Und ich hab immer gern gelebt und ich leb jetzt auch noch sehr gern. Es hat sich die Form im Lau­fe der Jahr­zehn­te total ver­än­dert. Aber das Rasen und Rotie­ren im Kopf, das ist gleich geblie­ben. / Auf der einen Sei­te bin ich also lebens­süch­tig kann man fast sagen, und auf der ande­ren Sei­te bin ich ein gro­ßer Melan­cho­li­ker, von mei­ner Mut­ter. Aber das geht gut zusam­men. / Mit dem Schrei­ben kämp­fe ich eigent­lich gegen den Tod. Ich has­se ja den Tod. Und ich möch­te alles machen, nur damit ich da nicht bald hin­ein­fal­le in die­se Gru­be, in die­se schreck­li­che. — Frie­de­ri­ke May­rö­cker in einem Film­por­trait von Lat­ja Gasser
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syrischer traum

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tan­go : 6.15 — Ich hat­te einen beun­ru­hi­gen­den Traum. In die­sem Traum wur­de mit Pan­zern auf pro­tes­tie­ren­de Men­schen geschos­sen. Pro­jek­ti­le, groß wie Kof­fer, flo­gen durch die Luft. Wenn sie einen Men­schen tra­fen, rotier­ten Kör­per­tei­le gegen den Him­mel. Über­haupt beweg­te sich die Welt in die­sem Traum sehr lang­sam, die Blät­ter der Bäu­me, Kin­der, die unter Pla­ta­nen Him­mel und Höl­le spiel­ten, auch jene flie­gen­den Eisen­kof­fer und das Feu­er, das aus den Geschütz­roh­ren der Pan­zer trat, alles zur Zeit­lu­pe ver­zö­gert. Ein­mal saß ich auf einer Bank. Ich hielt den Kopf eines Jun­gen in Hän­den. Durch ein furcht­erre­gen­des Loch in der lin­ken Wan­ge des Kin­des späh­te ich in das toben­de Gesicht eines Offi­ziers. Das alles war mir, noch im Traum befind­lich, sehr merk­wür­dig vor­ge­kom­men, weil die sin­gen­de Stim­me eines Kin­des in nächs­ter Nähe zu ver­neh­men gewe­sen war. — stop

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manhattan transfer

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fox­trott

~ : oe som
to : louis
sub­ject : DOS PASSOS
date : july 31 11 5.15 p.m.

Anstren­gen­de Tage lie­gen hin­ter uns, Regen, stür­mi­sche Win­de, schwe­rer See­gang, Peli­ka­ne krei­sen hoch über dem Schiff. Vor zwei Tagen zuletzt schick­ten wir Dos Pas­sos’ Roman Man­hat­tan Trans­fer zu Noe hin abwärts. Ein schwe­res Buch, das in vier­hun­dert Fuß Tie­fe von einer war­men süd­li­chen Strö­mung abge­trie­ben wur­de, bald dar­auf in einer Pen­del­be­we­gung der­art hef­tig nord­wärts gezo­gen wur­de, dass wir fürch­te­ten, Noe könn­te von dem Gewicht des Romans getrof­fen oder das Buch von der Sen­k­lei­ne in uner­gründ­li­che Tie­fen fort­ge­ris­sen wer­den. Drei Stun­den spä­ter hielt Noe John Dos Pas­sos in Hän­den. Unser Tau­cher bemerk­te sogleich, dass es sich bei die­sem wei­te­ren Unter­was­ser­buch um ein beson­de­res Werk han­deln muss­te, eine umfang­rei­che Satz­ver­samm­lung, von innen her, Sei­te für Sei­te, Zei­chen für Zei­chen apri­ko­sen­far­ben sanft beleuch­tet. In der­sel­ben Minu­te, da Noe das Buch öff­ne­te, begann er laut zu lesen. Er las drei Stun­den, dann schlief er kurz ein, um noch im Halb­schlaf befind­lich sei­ne Lek­tü­re fort­zu­set­zen: Die Son­ne ist nach Jer­sey gerückt, die Son­ne steht hin­ter Hobo­ken. Hül­len schnap­pen über Schreib­ma­schi­nen, Roll­la­den­schreib­ti­sche schlie­ßen sich. Auf­zü­ge fah­ren leer in die Höhe, kom­men voll­ge­pfropft her­un­ter. Es ist Ebbe in der City, Flut in Flat­bush, Wood­lawn, Dyck­man Street, Sheep­s­head Bay, News Lots Ave­nue, Can­ar­sie. Rosa Zei­tun­gen, grü­ne Zei­tun­gen, graue Zei­tun­gen. Sämt­li­che Bör­sen­kur­se. Sport­re­sul­ta­te. Let­tern wir­beln über laden­mü­de, büro­mü­de schlaf­fe Gesich­ter, wun­de Fin­ger­spit­zen, schmer­zen­de Fuß­ris­te, mus­ku­lö­se Män­ner, Gedrän­ge im U‑Bahn-Express. — Kurz vor Son­nen­un­ter­gang. Das Meer sucht nach uns, mit Zun­gen von Gischt. Ein rie­si­ger Schwarm Makre­len nähert sich von Nor­den her, unge­heu­re Bewe­gung, wie eine rie­si­ge Hand fährt sie auf dem Radar­schirm lang­sam die Küs­te ent­lang. Noe wünscht, eine Foto­gra­fie John Dos Pas­sos’ zu sehen. So etwas hat’s noch nie gege­ben. — Ahoi! Dein OE

gesen­det am
31.07.2011
1962 zeichen

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PRÄPARIERSAAL : libelle

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echo : 6.12 — Ich habe  auf einem Fern­seh­bild­schirm Jona­than Fran­zen beob­ach­tet, wie er in sei­nem New Yor­ker Arbeits­zim­mer sit­zend von Appa­ra­tu­ren erzählt, die ihm behilf­lich sein könn­ten, den Lärm der Stadt oder des Hau­ses, in dem er sich befin­det, von sei­nen Ohren zurück­zu­hal­ten. Er berich­tet das unge­fähr so: Ich habe eine Men­ge Lärm­schutz­vor­rich­tun­gen. Ich schüt­ze mich gegen Lärm mit Schaum­gum­mistöp­seln. Sie sind wich­tig. / Und dar­über hin­aus habe ich mei­ne Kopf­hö­rer. Und zudem noch rosa Rau­schen auf CD. / Das ist wie wei­ßes Rau­schen, aber es ist etwas wär­mer im Ton. Es beschränkt sich auf die nied­ri­gen Fre­quen­zen. Es klingt wie eine Raum­kap­sel in der Atmo­sphä­re mit einem wun­der­vol­len Brau­sen, ein alles umhül­len­des Brau­sen, das plötz­lich ver­schwin­det. stop. Weit nach Mit­ter­nacht, küh­le Luft. stop. Lun­ge­re auf dem Sofa her­um, höre ana­to­mi­sche Ton­band­auf­nah­men ab, Wör­ter, Sät­ze, Gedan­ken einer fer­ne­ren Zeit, die sofort wie­der sehr nahe kom­men, viel­leicht des­halb, weil sie von typi­schen Geräu­schen jenes Ortes, an dem sie auf­ge­nom­men wur­den, beglei­tet sind. Das Rau­schen der Stim­men hun­der­ter Men­schen. Pin­zet­ten, die gegen Metall klop­fen. Eine Laut­spre­cher­durch­sa­ge: Den­ken Sie bit­te dar­an, der Prä­pa­rier­saal wird vor dem Tes­tat am kom­men­den Mon­tag bereits um 7 Uhr geöff­net. Das klei­ne Wie­der­ga­be­ge­rät, das neben mir auf einem Kis­sen ruht, bewegt sich nicht oder nur so leicht, dass mei­ne Augen die­se Bewe­gung nicht wahr­neh­men kön­nen. Ein­mal den­ke ich an etwas ande­res, als das, was zu hören gewe­sen war, und bemer­ke in die­ser Wei­se, dass ich, in dem ich an etwas den­ke, das ent­fernt ist, mei­ne Ohren aus­zu­schal­ten ver­mag. Des­halb muss­te ich soeben das Band zurück­spu­len und Tho­mas’ fei­ne Geschich­te wie­der­ho­len, die von einer Libel­le erzählt. Hört zu: Wir hat­ten einen Mann auf dem Tisch, einen männ­li­chen Kör­per von dunk­ler Far­be und von außer­or­dent­li­cher Grö­ße. Ich glau­be, die­ser Kör­per war der größ­te Kör­per des Kur­ses. Ich war erstaunt, weil ich mit einem Prä­pa­rat, das grö­ßer sein wür­de, als ich selbst, nicht gerech­net habe. Nein, einen Hünen hat­te ich wirk­lich nicht erwar­tet. Sie müs­sen wis­sen, ich habe mir sehr bewusst kei­ne genau­en Vor­stel­lun­gen von der Wirk­lich­keit des Ana­to­mie­saa­les gemacht. Ich hat­te ver­mu­tet, dass die Luft kühl sein wür­de, aber an dem Tag, als wir unse­re Arbeit auf­nah­men, war es som­mer­lich warm und ich schwitz­te und hat­te Mühe, ohne Unter­bre­chung dar­an zu den­ken, mir mit den feuch­ten Hand­schu­hen nicht ins Gesicht zu fah­ren. Ich hat­te erwar­tet, dass das Licht im Saal eher gedämpft sein wür­de, aber es war strah­lend hell, ein Licht, das kaum einen Schat­ten warf. Und ich hat­te einen über­schau­ba­ren Kör­per erwar­tet, einen eher klei­nen Kör­per, den Kör­per eines uralten Men­schen. Ich habe mit altern­den Men­schen immer Gestal­ten in Ver­bin­dung gebracht, die zer­brech­lich sind, Kör­per, die klei­ner wer­den, die sich zurück­zie­hen, die man stüt­zen muss, füh­ren, die noch im Leben durch­läs­sig wer­den für das Licht. Dort vor mir auf dem Tisch aber lag ein Mann, der gera­de­zu strotz­te vor Kraft. Er war nicht fett, son­dern mus­ku­lös, und am Bauch und an der Brust, an Armen und Bei­nen sehr stark behaart gewe­sen. Ich wer­de die­sen Anblick mein Leben lang nicht ver­ges­sen. Ich habe den Mann sehr lan­ge Zeit betrach­tet. Die­ses geschwol­le­ne Gesicht war das Gesicht eines schla­fen­den Boxers. Sei­ne Augen waren geschlos­sen, die Hän­de zu Fäus­ten geballt und sei­ne Füße sahen ganz so aus, als hät­te er sie schon vor sehr lan­ger Zeit ver­ges­sen. Ich habe ihn mehr­fach umkreist, und dann haben wir ihn gemein­sam auf dem Tisch her­um­ge­dreht. Sehr fest muss­ten wir zugrei­fen. Ich sage Ihnen, das ist nicht leicht, am ers­ten Tag in die­sem Saal so fest zuzu­fas­sen. Man ist ja sehr vor­sich­tig und man ist dank­bar für die­ses Geschenk, das ein Mensch für uns zurück­ge­las­sen hat. Und als wir ihn dann her­um­ge­dreht hat­ten, konn­ten wir eine Libel­le erken­nen. Sie war links oben auf sei­nem Rücken ein­tä­to­wiert, regio sca­pu­la­ris, Sie ver­ste­hen? Ein erstaun­lich prä­zi­se gezeich­ne­tes Bild, nicht sehr groß, viel­leicht gera­de so groß wie ein Mit­tel­fin­ger des Man­nes und in blau­en, roten und grü­nen Farb­tö­nen aus­ge­führt. In die­sem Moment hat­te ich eine Vor­stel­lung, die in das Leben des Man­nes auf dem Tisch zurück­führ­te. Ich habe mir vor­ge­stellt, wie er als jun­ger Mann in einer Bade­an­stalt mit den Mus­keln spiel­te, wie er sei­nen Insek­ten­vo­gel in Bewe­gung setz­te, um einer Frau zu gefal­len viel­leicht. Aber da war noch etwas ande­res, da war die Fra­ge, was wir sehen wür­den, sobald wir die Haut unter der Libel­le so weit gelöst hät­ten, dass ein Blick auf ihre Rück­sei­te mög­lich wer­den würde.

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schneckenkäfer

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romeo : 18.52 — Wie, fra­ge ich, soll­te ein Wesen gestal­tet sein, von dem nie­mand sagen könn­te, ob es sich tat­säch­lich um einen Käfer oder doch eher um eine Schne­cke han­del­te? Wie schwer wiegt in einer defi­nie­ren­den Glei­chung das Vor­kom­men eines Schne­cken­hau­ses? Ist nicht viel­leicht ein Käfer, des­sen geschlos­se­ne Pan­ze­rung die Form eines Schne­cken­hau­ses nach­emp­fin­det, bereits als eine Schne­cke anzu­se­hen, die gera­de noch miss­lun­gen ist? Dür­fen Schne­cken flie­gen? — stop

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lichtenbergfalter

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echo : 22.01 — Um das Jahr 1790 her­um notiert Georg Chris­toph Lich­ten­berg fol­gen­de Sät­ze: Soll­te sich nicht in ande­ren Kör­pern etwas fin­den, was unse­rer Fan­ta­sie, (unse­rem) Schöp­fungs­ver­mö­gen ana­log ist? (Wie) wür­de unser Gehirn aus­se­hen, wenn wir die Ver­än­de­run­gen bemer­ken könn­ten, die die Gedan­ken in unse­ren Tex­tu­ren her­vor­brin­gen? — Lich­ten­berg zu lesen, begeis­tert mich, wie John Col­tra­ne mich begeis­tert, sobald ich ihn hören und spü­ren kann. Nie aber kann ich bei­de zur glei­chen Zeit wahr­neh­men. Der eine reist durch das Licht zu mir. Kurz dar­auf höre ich ihn mit mei­ner Stim­me spre­chen. Der ande­re kommt durch Ohren und Haut her­ein. Ein Schwin­gen jen­seits der Gedan­ken, aber doch eine Art Spre­chen, das Glück bewirkt, wie ande­rer­seits ein leuch­ten­der Satz aus einer Ent­fer­nung von 220 Jah­ren jene Art von Freu­de ent­ste­hen lässt, die dazu führt, dass ich ein­mal kurz auf der Stel­le in die Luft zu sprin­gen habe. stop – Noch zu tun: Lek­tü­re > Richard Powers Das Buch Ich. — stop

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hummergeschichte

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india : 6.32 — Ein Sola­ris­schiff, von dem ich träum­te, war der­art naht­los in ein düs­te­res Stadt­haus von enor­mer Grö­ße mon­tiert, dass nie­mand, der nicht in Kennt­nis gesetzt wor­den war, sei­ne Exis­tenz wahr­zu­neh­men ver­moch­te. Natür­lich spiel­te die Fahr­stuhl­an­la­ge eine bedeu­ten­de Rol­le. Dort war eine zen­tra­le Ach­se des Raum­kreu­zers hin­ein­ge­dacht, umge­ben­de Woh­nun­gen gehör­ten dazu, Tei­le der Küchen, Bäder, Flu­re, Wohn­zim­mer, auch wei­ter ent­fern­te Abtei­lun­gen des Gebäu­des, in dem aller­or­ten Was­ser von den Decken tropf­te. An einem Abend, von dem ich prä­zi­se träum­te, wur­den rausch­haf­te Fes­te unter Regen­schir­men gefei­ert. Sie dien­ten einem ein­zi­gen Zweck, Welt­raum­rei­sen­de näm­lich von zurück­blei­ben­den Men­schen zu sepa­rie­ren. Ich konn­te im Traum den ein oder ande­ren Bewoh­ner des Hau­ses leicht nar­ko­ti­siert von einem Apart­ment in das nächs­te wan­deln sehen. Als ich erwach­te, hock­te ein klei­ner blau­er Hum­mer an der Wand mei­nes Zim­mers. — stop

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PRÄPARIERSAAL : erste schritte erste minuten

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nord­pol : 3.12 — Abends spät erreicht mich die E‑Mail eines jun­gen Man­nes, den ich längst ver­ges­sen hat­te, ich mei­ne, ich hat­te ver­ges­sen, dass die­ser Mann jemals exis­tier­te, weil ich lan­ge Zeit, ein Jahr unge­fähr, nicht an ihn dach­te. Sein Name ist Elia. Elia hat­te auf eine Fra­ge, die ich ihm schrift­lich stell­te, nicht geant­wor­tet. Irgend­wann habe ich auf­ge­hört zu war­ten, ich kann nicht sagen, wann genau das gewe­sen sein könn­te, im Win­ter viel­leicht oder bereits im Herbst. Selt­sam ist, das fällt mir in die­ser Minu­te des Notie­rens auf, dass ich nie wahr­neh­men kann, wenn ich etwas ver­ges­se, den exak­ten Zeit­punkt des Leich­ter­wer­dens genau­er, weil ich das Ver­ges­sen stets mit einem Ein­druck der Schwe­re­lo­sig­keit in Ver­bin­dung setz­te. Das Ver­ges­sen scheint ein heim­li­cher Pro­zess zu sein, so heim­lich, dass ich erst dann, wenn etwas Ver­ges­se­nes zurück­kehrt ins Leben, über­haupt in der Lage bin, sein Ver­schwin­den zu bemer­ken. Nun ist sie also wie­der hier bei mir, mei­ne ver­ges­se­ne Fra­ge. Ich hat­te Elia gefragt, wie er die ers­ten Minu­ten in einem ana­to­mi­schen Prä­pa­rier­saal erleb­te. Er beob­ach­te­te Fol­gen­des: > Zuerst habe ich das Gebäu­de von außen gese­hen, die Milch­glas­fens­ter, die rie­si­gen Röh­ren an den Fens­tern vor­bei und die Run­dun­gen des ver­hei­ßen­den und mich ängs­ti­gen­den Rau­mes. dann hat mich das ehr­wür­di­ge Gebäu­de ver­schluckt. die Trep­pe hin­auf konn­te ich die­sen wider­li­chen Geruch atmen. ich fand es unglaub­lich, mit wel­cher Lie­be zum Detail die­ses Gebäu­de aus­ge­stat­tet ist. auf der Suche nach einem Ansprech­part­ner habe ich die Ver­zie­run­gen im Boden bewun­dert. nach­dem ich die Erlaub­nis bekom­men hat­te, bin ich den lan­gen Gang an den haut­far­be­nen Spin­den vor­bei­ge­gan­gen zur Tür des Prä­pa­rier­saa­les. sie war ver­schlos­sen. aber durch den klei­nen Spalt konn­te ich in eine Apsis vol­ler mit rot leuch­ten­den Wachs­tü­chern bedeck­ter Kör­per sehen. ich habe nur die Tücher gese­hen, aber ich wuss­te, was dar­un­ter sein wür­de und war mir dabei trotz­dem nicht sicher. ich hat­te Angst. in der Nacht hat­te ich Alb­träu­me und mach­te Sezier­ver­su­che. am nächs­ten Tag hat­te ich mei­nen fri­schen wei­ßen Kit­tel dabei, der aber durch das Bevor­ste­hen­de schon jetzt mit einer selt­sa­men Schwe­re ver­se­hen war. ich wur­de an ein paar Assis­ten­ten über­ge­ben. wil­len­los folg­te ich ihnen mit einer Mischung aus Angst und Neu­gier in den Saal. nach fünf Schrit­ten blieb ich ste­hen. ich hat­te das Gefühl, ich wür­de auf­ge­saugt vom Geruch und dem tosen­den Lärm der klap­pern­den Instru­men­te. mir war heiß und kalt. ich muss­te mich wider­wil­lig zwin­gen tie­fer zu atmen. und atme­te noch inten­si­ver den süß­lich ste­chen­den Duft des For­mal­ins. dies­mal mit den ent­spre­chen­den Bil­dern vor mei­nen Augen. ich befahl mir genau hin­zu­se­hen. ich zwang mei­ne Augen ihre Bli­cke über die Kör­per schwei­fen zu las­sen. um nicht mit den Mosai­ken im Boden zu ver­schmel­zen, muss­te ich alle Bil­der vor mei­nen Augen mit Wör­tern versehen.



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