romeo : 2.15 — Eines Tages im Zwielicht in großer Höhe über einer blühenden Gartenstadt auf einem Fensterbrett sitzen und mit einer Angel Fledermäuse fischen. — Sind Abendsegler genießbar? — Die kräftigen Muskeln ihrer Brust vielleicht? — Oder ihre Flügel? — Während ich vorhin so saß und überlegte, welche Haltung ich einnehmen sollte, um noch stiller zu werden, um noch tiefer in die Dinge hinein hören zu können, die Einsicht, dass ich niemals einen anderen Menschen tatsächlich erfinden werde, als mich selbst. — Womit könnte ich beginnen? — Vielleicht mit meinen Händen? — Die Sterne sind rund. — Zarte Finger von Licht. — stop. – Kurz nach 2 Uhr. — stop. – Ich beobachtete meine Hände, wie sie eine Melone schälten. Indem ich eine Melone mit dem Vorsatz öffnete, meine Hände zu beobachten, wurden meine Hände unsicher. Der Eindruck, als wäre diese Melone die erste Melone, die ich je geöffnet habe. — Erstaunlich. — stop
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Aus der Wörtersammlung: sitzen
bellevue
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ulysses : 6.08 — Vor Jahren einmal entdeckte ich nach stundenlanger Suche in den Archiven der Bayerischen Staatsbibliothek eine Fotografie auf einem Mikrofilmstreifen und ich wusste sofort, dass ich dieses Lichtbild besitzen musste. Ich bat eine Bibliothekarin, aus dem Material das Beste herauszuholen, höchste Auflösung, weswegen ich bald einen kleinen Stapel Papiers entgegennehmen konnte, den ich im Arbeitszimmer an einer Wand zum Bild zurück sortierte, zur Ansicht einer Straße des Jahres 1934 präzise, einer Straße nahe des Bellevue Hospitals zu New York. Staubige Bäume, eilende Menschenschatten, die Silhouette einer alten, in den Knochen gebeugten Frau, der Wagen eines Eisverkäufers, rostige Hydranten, die spröde Steinhaut der Straße, zwei Vögel unbekannter Gattung, Spuren von Hitze, und ich erinnere mich noch gut, dass ich eine Zeile von links nach rechts auf das Papier notierte: Diese Straße könnte Malcolm Lowry überquert haben, an einem Tag vielleicht, als er sich auf den Weg machte, seinem Körper den Alkohol zu entziehen. Und weil ich schon einmal damit begonnen hatte, das Bild zu verfeinern, zeichnete ich in Worten weitere Substanzen auf das Papier, Unsichtbares oder Mögliches. Einen Schuh notierte ich westwärts: Hier flüchtet Jan Gabriel, weil sie Mr. Lowrys Liebe nicht länger glauben konnte. Da lag ein Notizbuch im Schatten eines Baumes und ich sagte: Dieses Notizbuch wird Malcolm Lowry finden von Zeit zu Zeit, er wird es aufheben und mit zitternden Händen in seine Hosentasche stecken. Schon segelten fiebernde Wale über den East River, der zwischen zwei Häusern schimmerte, ein Schwarm irrer Bienen tropfte von einer Fensterbank, und da waren noch zwei Mädchen, barfuß, – oder trugen sie doch Strümpfe, doch Schuhe? — sie spielten Himmel und Hölle, ihre fröhlichen Stimmen. Ich gestehe, dass Daisy und Violet nicht damals, sondern in dieser letzten Stunde einer heiteren Arbeitsnacht ins Bild gekommen sind. — stop

geraldine verliert ihren sommerhut
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~ : geraldine
to : louis
subject : MEIN SOMMERHUT
Es ist windig heute, Mr. Louis, aber das Meer bewegt sich nicht. Kleinste Wellen nur, als würde das Wasser frieren. Weil dazu die Sonne scheint, hatte Papa am Vormittag den Schiffsfotografen und meinen Sommerhut mitgebracht. Jetzt schwimmt mein Hut auf dem Atlantik, weil ich einen Moment nicht aufgepasst und ihn nicht festgehalten habe. Bald werde ich eine Fotografie besitzen mit einem Hut, den es nicht mehr gibt. Eine lustige Geschichte, nicht wahr? Aber was erzähle ich Ihnen da für unwichtige Dinge? Ich muss immerzu an meinen kleinen, lieben Steward denken. Seit zwei Tagen liegt er in seiner Kajüte, weil er krank geworden ist. Nichts Ernstes, nur ein Schnupfen und etwas Husten. Und natürlich darf ich nicht zu ihm, ich könnte mich infizieren mit Himmelweißwas und das würde mich umbringen, sagt der Doktor, obwohl ich das nicht glaube, weil ich doch sehr verliebt bin. In zwei Tagen darf ich vielleicht zu ihm. Bis dahin schicke ich kleine Briefe, weshalb ich eigentlich überhaupt keine Zeit habe, an Sie zu schreiben. — Ahoi, Mr. Louis, Ahoi! Ihre Geraldine auf hoher See.
notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufgefangen am 22.02.2009
22.18 MEZ

GERALDINE TO LOUIS / ENDE
mauritius
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~ : louis
to : Mr. lichtenberg
subject : MAURITIUS
Mein lieber Lichtenberg, wie unermesslich meine Freude, seit ich weiß, dass Sie lesen, was ich notiere. Noch immer bin ich wie benommen, sitze herum und überlege, ob sich nun meine Schreibwelt möglicherweise wesentlich verändern wird. Nicht leicht, für einen kleinen Schriftsteller, wie ich einer bin, zu wissen, wer von oben her zusieht, ohne sofort alle Unbefangenheit zu verlieren. Nehme an, Sie haben einen vollständigen Blick auf mich, auf meine Person, nicht nur auf Zeichen und Bilder. Ganz sicher beobachteten Sie deshalb meinen Luftsprung gestern, kurz nachdem ich das Postfach geöffnet hatte. Ihr Brief, das wunderbar kräftige und raue Papier des Couverts, ein Stempel auf einer blauen Marke. Eine Mauritius, nicht wahr? Ich habe, nein, nein, ich habe sie nicht übersehen und wenn ich mich nicht irre, ausgesorgt, mit Ihrer Hilfe bis an mein Lebensende. Jetzt frage ich mich natürlich, schreiben Sie denn noch mit der Hand dort oben? Sitzen Sie auf Stühlen oder schweben sie herum und denken sich alles nur aus und sofort aufs Papier? Wird noch Nacht und Tag oder ist immerzu das richtige Licht, so wie Sie’s gerade brauchen? Ob sie mir wohl manchmal zuhören, verzeichnen, was ich spreche, wenn ich träume? — Ihr Louis, mit herzlicher Freude!

eine frage der winde
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echo : 2.26 — Eine jedem Propellerkäfer zutiefst verbundene Leidenschaft ist, auf Bäumen zu sitzen und nach Winden Ausschau zu halten. Sie sind in diesem Warten und Schauen außergewöhnlich geduldige Persönlichkeiten. Wochen, gar Monate sitzen sie kaum wahrnehmbar in Gestalt kleiner Zigarren auf knorrigen Ästen, Stämmen und Blättern herum, indessen sie ihre Augen stets geöffnet halten, blaue, sehr blaue Augen, auch wenn sie schlafen, was nicht ganz sinnvoll zu sein scheint, weil doch heranwehende Winde eher zu hören, als zu sehen sind. Wenn man nun einen Propellerkäfer bei seiner leidenschaftlichen Arbeit, insbesondere den Präludien seiner Arbeit beobachten möchte, sollte man geduldig sein und immerfort an seiner Seite, weil man nie vorhersagen kann, ob ein Wind, der sich näherte, unserem Propellerkäfer gefallen wird. Manche Winde, so seltsam das erscheinen mag, noch feinste Stürme, die vom Meer her kommen, lassen unseren Propellerkäfer vollkommen kalt, während bereits die leiseste Ahnung ganz anderer Winde, heftigste Erregung erzeugen kann. Dann, von einer Sekunde zur anderen, ändert der Propellerkäfer seine Farbe, ob er will oder nicht, er sieht jetzt ein wenig so aus, als würde Feuer in ihm brennen. Seine Füße indessen haben kleine Zehen ausgefahren, Fantasien der Natur, rein nur zur Verankerung ausgedacht, weil der Propellerkäfer sich sofort wild entschlossen mit jedem seiner Propeller gegen den Wind stemmen wird. Stürme, gerade Stürme will er fangen. So sitzt er mit geschlossenen Augen hinter pfeifenden Rotoren bebend und knistert und wartet, wartet, bis all das wilde Wetter vorübergezogen sein wird. Der Ordnung halber sei Folgendes noch rasch gemeldet: Propellerkäfer sind friedvolle, aber doch gefährliche Wesen, sobald sie aufgeladen sind. Mal haben sie sechs, mal acht, mal zehn Propeller, die sie je in ihrem Leib verbergen, um für Wochen, für Monate wieder zur Baumzigarre zu werden. Jetzt hören wir sie leise und zufrieden knallen. — stop
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mrs. callas zählt schneeflocken
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marimba : 0.01 — Wenn Mrs. Callas Schneeflocken zählt, will sie jede Flocke mit ihren Zeigefingern berühren. Aus der Entfernung betrachtet, könnte man dann meinen, Mrs. Callas würde sich mit nicht sichtbaren Engeln unterhalten, oder mit Engeln, die so klein sind, dass sie für das Licht nicht ins Gewicht fallen. Ja, wenn Mrs. Callas Schnee zu zählen wünscht, spricht sie mit ihren Händen mit der Luft. Sie ist sehr schnell in dieser Bewegung des Sprechens und sie ist glücklich, habe ich den Eindruck, ein Mädchen, wie sie am kleinen See des Palmengartens auf Zehenspitzen steht und so herzlich lacht, dass die Reiher angeflogen kommen, die eigentlich längst schon nach Afrika abgereist sein sollten. Ich glaube, flüstert sie, jetzt habe ich den Überblick verloren. Wir sind dann noch herumspaziert zwei Stunden und haben diskutiert, was Mrs. Callas an Bord der Seatown gern tragen würde, etwas Leichtes natürlich, wegen der schwülen Hitze, die zu erwarten sein wird, weil wir uns das so ausgedacht haben von Zeit zu Zeit, das Inventar einer Welt, die eigentlich nicht existiert. — stop
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mrs. callas betrachtet raissa orlowa und lew kopelew
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nordpol : 0.01 — Kam von einem Besuch bei Freunden nach Hause zurück, und wie ich so in meine Wohnung stolperte, entdeckte ich Mrs. Callas, die weinend vor einer Fotografie stand, vor einer Schwarz-Weiß-Fotografie, die ich seit vielen Jahren besitze und mir immer wieder sehr gerne ansehe. Natürlich wunderte ich mich, dass Mrs. Callas weinte, weil die Fotografie zwei alte Menschen zeigt, eine Frau und einen Mann, die friedvoll Seite an Seite in einer Küche an einem Tisch sitzen. Raissa Orlowa, liest ihrem alten Mann, Lew Kopelew, vielleicht aus einem Buch vor. Und ich fragte Mrs. Callas, warum sie denn weinen würde, das sei doch eine sehr beruhigende Fotografie. Ich glaube, setzte ich hinzu, sie sind glücklich. Mrs. Callas antwortete unverzüglich mit Ernst in der Stimme, ja, das sind sie, glücklich, ganz sicher sind sie sehr glücklich. Ich wünsche mir für mich ein Ende wie dieses hier an der Wand, Mr. Louis. Sie müssen mir ein anderes Ende schreiben! – Und so sitze ich nun müde auf dem Sofa und notiere diese Geschichte, während Mrs. Callas mich hoffnungsvoll beobachtet. Wie nur könnte ich sie trösten, weil ich doch vor ihrem Schicksal ohnmächtig bin? Vielleicht könnte ich erzählen, dass ich Lew Kopelew in München einmal für wenige Sekunden begegnete. Ich könnte ihr beschreiben, wie er mir am Hauptbahnhof aus einer Menschenmenge heraus entgegenkommt, wie ich seine Erscheinung, seine stattliche Größe, seinen schlohweißen Bart bewundere. Und ich könnte Mrs. Callas berichten, wie Lew Kopelew meinen Blick bemerkt, wie er mich freundlich betrachtet und wie er meinen nickenden Gruß erwidert, weil er in meinem Blick gesehen haben wird, dass ich ihn für lange Zeit gelesen habe und immer wieder lesen werde. – Ja, vielleicht sollte ich Mrs. Callas von diesen Sekunden meines Lebens erzählen, und dass es erholsam sein könnte, sich zunächst einmal zur Ruhe zu legen für zwei oder drei Tage.
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geraldine wünscht
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~ : geraldine
to : louis
subject : GERALDINE WÜNSCHT
Seit zwei Tagen fahren wir sehr langsam im Kreis auf dem Atlantik herum. Ich kann das noch immer nicht glauben. Als ob mein sehnlicher Wunsch, Southampton niemals zu erreichen, in Erfüllung gehen würde. Vielleicht träume ich das alles nur. Oder ich bin in meinem Hoffen so weit gekommen, dass alle Wünsche in Erfüllung gehen. Irgendjemand sagte, wir würden Schiffbrüchige suchen. Ein Gerücht nehme ich an. Wir Menschen brauchen immer Gerüchte, wenn etwas geschieht, das ungewöhnlich ist. Wir könnten noch Jahre so herumfahren, ich hätte nichts dagegen. Würde an der Reling sitzen und die Farben des Wassers beobachten. Heute ist das Meer von einem hellen Blau, silbern glänzt es, weil uns Fische begleiten, deren Rücken weiß und grün im Licht der Sonne glitzern. Ich kann meinen Blick nicht abwenden von diesem Wasserlicht, für das ich keine Worte finde. Gestern, Mr. Louis, habe ich meine seidenen Handschuhe getragen hier oben an Deck in der kalten Luft, meine feinen Handschuhe zum Tanzen, Handschuhe, die nur ein Hauch sind, meine Haut schimmerte durchs Gewebe. Natürlich hatte ich noch Fäustlinge darüber gezogen. Als der Stewart kam, – Sie wissen, der junge Mann, von dem ich schon erzählte, – habe ich sie ausgezogen und ihm heimlich meine kleinen Hände dargeboten. Lange habe ich so gestanden und zugesehen, wie er sie betrachtete, ohne sie zu berühren. Meine Knie, Mr. Louis, haben gezittert, weil ich unendlich schwach geworden bin, aber dieser Blick auf meine Hände, dieser Blick, der meine Hände liebte, hatte mir Kraft gegeben und auch das Wünschen und dass wir Southampton niemals erreichen werden. – Ihre Geraldine auf hoher See.
notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufgefangen am 20.12.2008
22.12 MEZ

libellencafe
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tango : 8.08 — Ein Notizbuch, ein besonders Notizbuch, eines, das meine Gedanken verzeichnen würde, sobald ich spazieren gehe. Handlich müsste es sein und leicht und geräuschlos schreiben. Vielleicht wäre es möglich, diese kleine Gedankenschreibmaschine, so zu programmieren, dass sie jene Gedanken, die neue Gedanken sind, zu unterscheiden vermag von allen weiteren Gedanken, von Gedanken, die sich wieder und wieder denken wollen, von kreisenden Gedanken, von Karussellgedanken. – Während ich gestern Abend vor der Kasse eines Supermarktes wartete, hatte ich die Idee, dass man eines Tages einmal ein Haus erfinden müsste, ein Kaffeehaus, in dem unter den Gästen Libellen schwirren, prächtigste Flugwesen, die an Wänden und auf Tischen sitzen, auf den Tassen, den Gläsern, den Zeitungen, den Gästen selbst. Ja, das wäre eine feine Sache, ein aufregender Ort, eine angenehme Fantasie, die von der Gedankenschreibmaschine, die ich mir wünsche, sehr sicher und sofort notiert worden wäre. Man würde zum Frühstück zur Fütterung der Libellentiere dort vielleicht Fliegenschälchen reichen. Ja, das ist sehr gut denkbar, Fliegenschälchen großer Fliegen für große Libellen, und Fliegenschälchen kleiner Fliegen für kleine Libellen. Wie würde die Atmosphäre dieses Ortes wohl auf der Zunge schmecken? Und was wäre noch zu hören vom Gespräch der Gäste?
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yanuk : monkeys
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~ : yanuk le
to : louis
subject : MONKEYS
date : nov 2 08 8.17 p.m.
Habe zwei Tage und zwei Nächte ohne Unterbrechung geschlafen. Hatte von einem Blatt gekostet, das mir nicht bekannt gewesen war. Ich sage Dir, Mr. Louis, eine Müdigkeit, ganz wunderbar, sehr plötzlich, leicht und warm, unwiderstehlich warm. Es ist jetzt kurz vor acht Uhr und bereits dunkel geworden. Ich sitze noch immer auf Höhe 286 im Zelt unter 15 kleinen Affen. Sie sind zurückgekehrt, während ich schlief, haben meine Vorräte an Trockenfleisch geplündert und toben und kreischen herum, dass man uns meilenweit hören wird. Will noch erwähnen, ich sehe sehr seltsam aus, trage auf der rechten Seite meines Kopfes kaum noch Haar, weil einer der Tamarine eine Schere im Rucksack entdeckte. Werde, wenn es wieder hell geworden sein wird, eine Fotografie versuchen, vielleicht kann ich sie Dir senden. Hoffe, dass der Regen bald aufhören wird. Seit ich meine kleine Nachricht an Dich zu schreiben begann, ist ein Affe nach dem anderen näher gekommen. Sie sitzen nun im Kreis um meine Maschine herum und beobachten meine Hände. Ich ahne, was sie sich bald wünschen werden. — Cucurrucu! Yanuk
eingefangen
22.52 UTC
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