Aus der Wörtersammlung: sitzen

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im pullmannwagen

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hima­la­ya : 6.46 — Seit eini­gen Stun­den sind hef­ti­ge Arbeits­ge­räu­sche, – Häm­mern, Boh­ren, Sägen -, aus dem klei­nen Raum zu ver­neh­men, der sich neben mei­nem Arbeits­zim­mer befin­det, und Män­ner­stim­men, die scher­zen und pfei­fen. Ich will das schnell erzäh­len, es han­delt sich um einen Vor­gang der Mon­ta­ge, weil zwei Hand­wer­ker damit beschäf­tigt sind, einen Eisen­bahn-Rei­se­wa­gon, genau­er, die Abteil­schei­be eines Zuges, zu ver­schrau­ben, die mir ges­tern Nach­mit­tag bei äußerst schlech­tem Wet­ter in Ein­zel­tei­len ange­lie­fert wor­den waren. Ich habe kei­nen wirk­li­chen Aus­blick auf das, was dort im Ein­zel­nen geschieht, aber ich kann das fei­ne Leder der Sit­ze des alten Pull­man­wa­gens bereits rie­chen, den ich mir wünsch­te, um dar­in jeder­zeit fah­ren und arbei­ten zu kön­nen. Ein groß­ar­ti­ges Erleb­nis soll das sein, Stun­de um Stun­de im his­to­ri­schen Wag­gon zu sit­zen und zu schau­en und zu schrei­ben oder zu schla­fen, das rhyth­mi­sche Geräusch der Schwel­len, som­mer­li­che Rhein­land­schaf­ten, die auf Bild­schirm­fens­tern vor­über­zie­hen. Die Stim­me eines Schaff­ners, der sich nach Fahr­kar­ten erkun­digt, sie kommt näher, der Mann grüßt durch das Fens­ter der Tür in mei­ne Rich­tung, immer wie­der wird er kom­men, ohne je das Abteil zu betre­ten, in dem ich sit­ze. Kin­der tol­len auf den Flu­ren her­um, jemand schreit, dass end­lich Ruhe sein soll, Tanz­mu­sik vom Nach­bar­ab­teil, Rei­sen­de ver­tre­ten sich die Bei­ne, zei­gen auf Damp­fer­schif­fe drau­ßen auf dem Fluss, auch sie sind Bild­schirm­we­sen, Drei­ßi­ger­jah­re, her­vor­ra­gend gemacht. Ein Kom­bü­sen­wä­gel­chen schep­pert vor­über, ein Bahn­hof, eine Uhr, es wird dun­kel und plötz­lich tief ste­hen­de Son­ne über den wil­den zor­ni­gen Bäu­men, die geduckt in einer Schnee­land­schaft ste­hen, bald, in weni­gen Minu­ten, wer­den wir Oslos Zen­tral­sta­ti­on errei­chen. — stop
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mr. blankfeins schweigen

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bamako : 6.45 — In der 37. Minu­te einer Film­do­ku­men­ta­ti­on, die von den Struk­tu­ren der Gold­man Sachs Bank erzählt, ereig­ne­te sich etwas sehr Merk­wür­di­ges. Lloyd Blank­fi­ne, Vor­stands­vor­sit­zen­der genau die­ser Bank, wur­de in einem Fern­seh­in­ter­view befragt. Ein äußerst scharf­zün­gi­ger Red­ner von hel­ler Stim­me, erkun­dig­te sich Mr. Blank­fi­ne zunächst bei dem Mode­ra­tor der Sen­dung, wie oft er ihn, Blank­fi­ne, im Fern­se­hen gese­hen habe? Nie! Wis­sen Sie was. Das war ver­mut­lich ein Feh­ler. Wir müs­sen uns jetzt bemü­hen, den Leu­ten zu erklä­ren, was wir tun. Sofort spitz­te sich die Lage zu. Der Mode­ra­tor der Sen­dung, der Mr. Blank­fi­ne unmit­tel­bar gegen­über­saß, parier­te mit­tels einer wei­te­ren Fra­ge, die der Ban­ker so nicht erwar­tet haben mag. Er for­mu­lier­te prä­zi­se: Ist es vor­ge­kom­men, dass ihre Invest­ment-Bera­ter einem Kun­den Anla­gen ver­kauft haben, gegen die Gold­man zur sel­ben Zeit spe­ku­lier­te? Nun geschah Fol­gen­des: Mr. Blankfine’s Augen wei­te­ten sich, er senk­te sei­nen Blick, setz­te zu einer Ant­wort an, ein Geräusch war zu hören, der Teil eines nicht erkenn­ba­ren Wor­tes, sein Mund stand leicht offen, er schwieg, er schwieg sehr gründ­lich, sie­ben Sekun­den lang, für eine übli­cher­wei­se äußerst schnell spre­chen­de und den­ken­de Per­son, die sich unter öffent­li­cher Beob­ach­tung weiß, ein bedeu­ten­der Zeit­raum. Ich habe die­se Sen­tenz des Gesprä­ches mehr­fach vor und zurück­ge­spielt, da mir Lloyd Blank­fi­ne in jenem Moment eine außer­or­dent­lich authen­ti­sche Per­sön­lich­keit gewe­sen zu sein schien. Ein Mensch, der nach ein­zel­nen Wör­tern such­te, nach einem ange­mes­se­nen Gedan­ken in sei­nem Kopf, weil sich bis­lang dort Sät­ze for­mu­lier­ten, die so auf­rich­tig waren, dass Mr. Blank­fi­ne sie nicht aus­spre­chen durf­te, um nicht für immer Scha­den zu neh­men, er selbst nicht und sei­ne Bank nicht. Ich beob­ach­te­te sein Gesicht. Drei­fach war Lid­schlag zu erken­nen, sei­ne Aug­äp­fel erweck­ten den Ein­druck, als wür­den sie wach­sen unter dem Druck eines Bli­ckes, der nicht ent­schei­den konn­te, ob er sich nach innen oder nach außen rich­ten soll­te, wäh­rend unge­heu­re, vor­be­wuss­te Rechen­leis­tung ent­fes­selt war, um viel­leicht doch einen Aus­weg zu fin­den. — stop
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rom : taschen

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marim­ba : 22.05 — Man wird viel­leicht nicht sofort bemer­ken, dass man sich in einem Jagd­ge­sche­hen befin­det. Nein, von Jägern ist auf der Piaz­za Navo­na zunächst nichts zu sehen und nichts zu hören. Ein zau­ber­haf­ter Platz, läng­lich in der Form, drei Brun­nen, eine Kir­che, und Cafés, eines nach dem ande­ren, klei­ne­re Läden, in wel­chen wir Pas­ta in allen mög­li­chen For­men und Far­ben ent­de­cken, Wei­ne, Schin­ken, Käse. Am Abend flie­gen beleuch­te­te Pro­pel­ler durch die Luft. Maler, wel­che ent­setz­li­che Bil­der pro­du­zie­ren, erwar­ten ame­ri­ka­ni­sche Kun­den, sie sit­zen auf Klapp­stüh­len im Licht ihrer Glüh­lam­pen, die sie mit­tels Bat­te­rien mit Strom ver­sor­gen. Stra­ßen­mu­si­kan­ten sind da noch, mit ihren Ban­do­ne­ons, Gei­gen, Kon­tra­bäs­sen, und Ange­stell­te der Müll­ent­sor­gung, Frau­en, jün­ge­re Frau­en in wein­ro­ten Over­alls, ihre Hän­de sind gepflegt, ihre Fin­ger­nä­gel rot lackiert. Aber jetzt, wenn man in Rich­tung jener schwarz­häu­ti­gen jun­gen Män­ner blickt, die vor einem der Brun­nen den Ver­such unter­neh­men, ihre Arbeit zu ver­rich­ten, wird es ernst. Sie haben Hand­ta­schen in allen mög­li­chen For­men auf den Boden vor sich abge­stellt, je zwei Rei­hen, Behäl­ter von Pra­da, Picard, Cha­nel, Grif­fe der­art aus­ge­rich­tet, dass man sie mit je einer Hand­be­we­gung alle­samt sofort ergrei­fen und flüch­ten kann. Eine typi­sche Ges­te, sind doch jene arm­se­lig wir­ken­den Händ­ler der Luxus­ta­schen mehr oder weni­ger flüch­ten­de Wesen. Kaum haben sie ihre Anord­nung im Fla­nier­be­zirk mög­li­cher Kun­den sorg­fäl­tigst auf­ge­baut, raf­fen sie ihre Ware wie­der zusam­men und rasen in eine der Sei­ten­stra­ßen davon, um nach weni­gen Minu­ten wie­der her­vor­zu­kom­men, wie in einem Spiel, wie auf­ge­zo­gen. Am ers­ten Abend mei­ner Beob­ach­tun­gen auf der Piaz­za Navo­na, waren nur Flüch­ten­de zu sehen, nicht aber die Jäger, eine eigen­ar­ti­ge Situa­ti­on, aber schon am zwei­ten Abend war eine jagen­de Gestalt vor mei­nen Augen in Erschei­nung getre­ten. Es han­del­te sich um einen Haupt­mann der Cara­bi­nie­ri, um einen Herrn prä­zi­se mit äußerst auf­rech­tem Gang. Er trug wei­ße Strei­fen an sei­nen Hosen, und eine Uni­form­ja­cke, tadel­los, und eine Müt­ze, sehr amt­lich, er war eine wirk­li­che Zier­de, ein Staats­mann, wie er so über den Platz schritt, hin­ter den flüch­ten­den afri­ka­ni­schen Män­ner her, aus­dau­ernd, lau­ernd, ein Ansitz­jä­ger, möch­te ich sagen, einer, der an Stra­ßen­ecken war­tet, um die Wie­der­kehr der schwar­zen Händ­ler zu unter­bin­den oder um einen von ihnen ein­zu­fan­gen und an Ort und Stel­le unver­züg­lich zu ver­spei­sen. Stop. Frei­tag­abend. stop. Eine Bie­ne über­quert zur Unzeit den Platz in süd­li­che Rich­tung, als wär sie ein Zug­vo­gel. — stop
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rom : nachtlicht

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romeo : 17.52 — Das Geräusch der Gril­len auf dem Gia­ni­co­lo abends. Ich kann sie wie­der hören. 82 Meter über dem Mee­res­spie­gel, unten die Stadt, Tras­te­ve­re, Gas­sen wie gol­de­ne Adern, Kup­pel­hau­ben­lich­ter. Abend­seg­ler huschen durch Flie­gen­tür­me, schla­gen sich die Mägen voll. Es ist kurz vor zehn Uhr, Ver­lieb­te sit­zen auf den Mau­ern vor dem Abgrund, man­che rau­chen, ande­re küs­sen sich. Ein paar Kios­ke auf Rädern, Jahr­markt­bu­den, schon im Halb­schlaf am Ran­de eines bota­ni­schen Gar­tens, in dem stei­ner­ne Köp­fe wach­sen. Es ist nicht hell in Rom am Abend, die Stadt eher spär­lich beleuch­tet. Es scheint so zu sein, dass das künst­li­che Licht der­art spar­sam ein­ge­setzt wird, weil das grel­le Licht Häu­sern, Men­schen, Tie­ren zuset­zen, sie auf­lö­sen könn­te, dar­um ein beschei­de­nes Licht, nicht weiß, son­dern von einer war­men, gelb­li­chen Sub­stanz. Inge­borg Bach­mann war hier gewe­sen, sie notier­te am 18. Febru­ar 1955 in eine ihrer römi­schen Repor­ta­gen: Sieht man vom Gia­ni­co­lo auf Rom hin­un­ter, ver­merkt man, dass kein Fabrik­schorn­stein das Stadt­bild stört. Rom ist die ein­zi­ge Haupt­stadt der west­li­chen Welt ohne Indus­trie. Und doch sind in Rom in den ver­gan­ge­nen Jah­ren Unter­neh­men ent­stan­den, die eine Groß­macht im Lan­de bil­den. Es ist die Schwarz-Weiß-Indus­trie des Films in der Cine­cit­tà, die sich am Stadt­rand von Rom aus­brei­tet und heu­te in der Film­in­dus­trie des Wes­tens nach Hol­ly­wood den zwei­ten Platz ein­nimmt. — An die­sem Abend ist von dem Hügel aus, auf dem ich ste­he, von der Stadt gespei­cher­ten Lichts nichts zu erken­nen. Es ist bei­na­he dun­kel und in die­sem Dun­kel beleuch­te­te Inseln, eine Art Dun­kel wie im Kino, jenem Dun­kel, das Grau­tö­ne ent­hält, fas­zi­nie­rend, ein Dun­kel, das mit­tels Lichts aus der Film­ma­schi­ne kommt. — stop

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rom : antennenbild

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nord­pol : 2.28 — Däm­me­rung. Die Kup­pel der Peters­ba­si­li­ka plötz­lich in Sicht, wie ich um eine Häu­ser­ecke kom­me. Selt­sam blau­es Leuch­ten, als wür­de sich das abwan­dern­de Licht des Him­mels auf den Kup­fer­ble­chen des Daches spie­geln. Dann ist’s stock­fins­ter gewor­den und die Kup­pel schim­mert noch immer Blau­tür­ki­se wie zuvor. Win­zi­ge Men­schen spa­zie­ren über Bernini’s Platz, sit­zen in der war­men Abend­luft auf Brun­nen­rän­dern und Trep­pen­stu­fen, die unter Kolon­na­den den Platz umar­men. Ziem­li­che Stil­le. Kaum Tau­ben. Kei­ne Kat­zen, nicht ein­mal schläf­ri­ge Augen­lich­ter. Ein paar Män­ner arbei­ten sich pfei­fend durch Tür­me von Stüh­len. Sobald sie einen Stuhl von einem der Gebäu­de heben, wird es etwas klei­ner, bil­det eine Rei­he aus wie einen Arm, der sich an einer Schnur ent­lang aus­rich­tet, tau­sen­de war­ten­de Objek­te, auf wel­chen bald Men­schen sit­zen wer­den, die beten oder schrei­en oder ihre Stüh­le bestei­gen, weil auch ande­re bereits auf Stüh­len ste­hen. Das ist der Moment, da man als Pil­ger oder Beob­ach­ter viel­leicht sei­nen Namen heim­lich in einen der Stüh­le rit­zen möch­te oder eine Figur zeich­nen, die Ähn­lich­keit zur eige­nen Per­son auf­zei­gen wird, sodass man etwas zurück­lässt auf dem Platz, ein Anten­nen­bild um spä­ter­hin päpst­li­chen Segen aus der Fer­ne ein­fan­gen zu kön­nen. Michel­an­ge­lo heim­lich, eine Vor­stel­lung, die mög­lich ist in der Nacht im sanf­ten Later­nen­licht nahe dem Mader­no-Brun­nen, wie er sich nach Jahr­hun­der­ten wun­dert über das Blau die­ser Kup­pel, das er so nicht ange­ord­net haben mag. — stop

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gedankengang

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alpha : 6.38 — Ich gehe ein paar Schrit­te nach links, dann gehe ich ein paar Schrit­te nach rechts. Sobald ich gehe, den­ke ich in einer ande­ren Art und Wei­se, als wür­de ich noch sit­zen. Ich habe schon viel nach­ge­dacht, wäh­rend ich ging. Und ich habe schon viel ver­ges­sen, wäh­rend ich ging. Wenn ich gehe, kom­men die Gedan­ken aus der Luft und ver­schwin­den wie­der in die Luft. Wenn ich sit­ze, kom­men die Gedan­ken aus mei­nen Hän­den. Sobald ich ein­mal nicht schrei­be, ruhen mei­ne Hän­de auf den Tas­ten der Schreib­ma­schi­ne und war­ten. Sie war­ten dar­auf, dass eine Stim­me in mei­nem Kopf dik­tiert, was zu schrei­ben ist. Ich könn­te viel­leicht sagen, dass mei­ne Hän­de dar­auf war­ten, mein Gedächt­nis zu ent­las­ten. Was ich mit mei­nen Hän­den in die Tas­ta­tur der Maschi­ne schrei­be, habe ich gedacht, aber ich habe, was ich schrieb, nicht gelernt, nicht gespei­chert, weil ich weiß, dass ich wie­der­kom­men und lesen könn­te, was ich notier­te. Selt­sa­me Din­ge. Ich den­ke manch­mal selt­sa­me Din­ge zum zwei­ten oder drit­ten Mal. Gera­de eben habe ich wahr­ge­nom­men, dass es nicht mög­lich ist, zwei Zei­chen zur sel­ben Zeit auf mei­ner Schreib­ma­schi­ne zu schrei­ben, immer ist ein Zei­chen um Bruch­tei­le von Sekun­den schnel­ler als das ande­re Zei­chen. Wenn ich selt­sa­me Din­ge gedacht habe, freue ich mich. Wenn ich mich freue, kann ich nicht blei­ben, wo ich bin. Die Freu­de ist ein Gefühl, das mich in Bewe­gung ver­setzt. Ich sprin­ge auf, wenn ich saß, oder ich sprin­ge in die Luft, wenn ich bereits auf mei­nen Bei­nen stand. Dann gehe ich ein paar Schrit­te nach links, dann gehe ich ein paar Schrit­te nach rechts. Sobald ich gehe, den­ke ich in einer ande­ren Art und Wei­se, als wür­de ich noch sit­zen. — stop

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schimpansen

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ulys­ses : 2.18 — Im Traum an Vaters Grab. Hat­te von der Ankunft des 200 Jah­re alte Kreu­zes erfah­ren, das wir Schmie­den zur Restau­ra­ti­on über­ge­ben haben. Als ich mich der Grab­stel­le nähe­re, ent­de­cke ich Mut­ter, die mit zwei wil­den Män­nern dis­ku­tiert, sie knien in der Nähe des Gra­bes auf dem Boden. Bei­de tra­gen schwe­re Schür­zen von Leder und sind behaart und ihre Ohren glü­hen und damp­fen in der feuch­ten Luft. Mut­ter will wis­sen, war­um die Schmie­de das Kreuz, das sie anlie­fer­ten, der­art tief in den Boden ver­senk­ten, dass nur noch sei­ne ver­gol­de­te Spit­ze zu sehen ist. Die Män­ner lachen fröh­lich. Das sei in Afri­ka so üblich, ant­wor­ten sie, weil wil­de Tie­re bevor­zugt an Kreu­zen die­ser his­to­ri­schen Sor­te ihr Fell rei­ben wür­den, und zwar so lan­ge, bis von dem Kreuz Vaters bald nichts mehr übrig sei. Immer wie­der deu­ten sie in den Baum, der den Grab­hü­gel über­schat­tet. Die Eiche blüht wie ein Kirsch­baum. Schim­pan­sen sit­zen in der Kro­ne und flet­schen ihre Zäh­ne. Mut­ter indes­sen beginnt, das Kreuz mit blo­ßen Hän­den wie­der aus­zu­gra­ben. — stop

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doppellunge

14

 

 

del­ta

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : DOPPELLUNGE

Heu­te, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, als ich im Park spa­zier­te, hab ich an Euch gedacht. Das war näm­lich so gewe­sen, dass ich wie­der ein­mal übte, im Wan­dern die Luft anzu­hal­ten. Ich ver­such­te 100 Meter weit zu kom­men, lang­sam, sehr lang­sam, dann etwas schnel­ler gehend. Es ist mög­lich, heu­te end­lich ist es mög­lich gewor­den. Plötz­lich frag­te ich mich, wel­che Wir­kun­gen die Übung des Luft­an­hal­tens bei Euch frü­her ein­mal gezei­tigt haben könn­te. Ich über­leg­te, ob ihr Euch über das Luft­an­hal­ten ver­stän­digt haben wür­det. Es ist immer­hin denk­bar, dass das Anhal­ten der Luft in Eue­rem Fal­le, bei der einen wie der ande­ren eine gewis­se Kurz­at­mig­keit her­vor­ge­ru­fen haben müss­te. Viel­leicht wer­det Ihr Euch erin­nern? Wenn ja, dann gebt mir recht bald Bescheid. Ich arbei­te zur­zeit sehr hart in die­sen Din­gen. Vor eini­gen Tagen habe ich mir eine Pas­sa­ge der Klei­nen Erin­ne­run­gen José Saramago’s laut vor­ge­le­sen, und zwar in der Art und Wei­se lang­sa­men Aus­at­mens. Das ist fol­gen­der­ma­ßen vor­zu­stel­len: Ich fass­te das ers­te Wort der ers­ten Zei­le des klei­nen Tex­tes ins Auge, schöpf­te Luft so tief ich konn­te und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manch­mal fra­ge ich mich, ob bestimm­te Erin­ne­run­gen wirk­lich mei­ne eige­nen sind oder viel­leicht eher frem­de, in denen ich unbe­wusst mit­ge­spielt habe. Ich las so lan­ge ich konn­te, ich las, ohne zu atmen, ich las, bis ich alle Luft ver­lo­ren hat­te. Im ers­ten Ver­such kam ich 11 Zei­len weit. Das war natür­lich nicht befrie­di­gend. Also setz­te ich noch ein­mal von vorn an, ich hat­te eine ent­spann­te Posi­ti­on des Sit­zens ein­ge­nom­men und füll­te mei­ne Brust mit Luft und begann zu spre­chen. Die­ses Mal las ich mit lei­ser Stim­me, wie geflüs­tert. Ich kam exakt 1 Zei­le, also 55 Zei­chen wei­ter. Kurz dar­auf war zu beob­ach­ten gewe­sen, wie ich mich rück­lings auf mein Sofa leg­te und den­sel­ben Text noch ein­mal hauch­te. Das lie­gen­de atem­lo­se Lesen ermög­lich­te nun eine wei­te­re Zei­le a 55 Zei­chen. Ich mach­te also klei­ne Fort­schrit­te in die­ser Kunst des Lesens, ich ver­moch­te bald die Zei­le 14 des klei­nen Tex­tes zu errei­chen in einem Zustand, da ich Wort für Wort noch mit­den­ken konn­te. Nach einer Stun­de des Übens hör­te ich für die­se Nacht auf, um in der kom­men­den Nacht­zeit fort­zu­fah­ren. — Herz­lichst grüßt Euch Euer Lou­is. Ahoi! – stop

gesen­det am
10.07.2012
22.01 MESZ
2252 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

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lichtluftnetz

9

india : 2.05 — Ich habe das Haus ver­las­sen. Es ist Nacht. Der Wind raschelt in den Blät­tern der Kas­ta­ni­en­bäu­me. Gera­de eben ist die letz­te Stra­ßen­bahn des Abends an mir vor­über­ge­fah­ren, ein lee­res Gehäu­se, nur der Fah­rer war zu sehen gewe­sen. Ich sit­ze in einem Häus­chen einer Hal­te­stel­le, weil ich nach einer Erschei­nung suche. Ich hal­te mei­nen klei­nen Com­pu­ter in der einen Hand, mit der ande­ren navi­gie­re ich den Maus­zei­ger über den Bild­schirm, auf dem schon ein paar zar­te, stau­bi­ge Fal­ter sit­zen. Wenn ich die Anwei­sung gebe, Netz­werk­ver­bin­dun­gen anzu­zei­gen, die sich in mei­ner Nähe befin­den, ist da eine, die einen beson­de­ren Namen trägt: Licht­luft­netz. Die­ses Netz­werk exis­tiert seit unge­fähr drei oder vier Wochen. Es ist mit­tels eines Pass­wor­tes geschützt. Irgend­je­mand muss also das Wort Licht­luft­netz als Bezeich­nung für ein neu­es Netz­werk ein­ge­ge­ben haben. Eine fei­ne Erfin­dung. Wenn ich auf und ab gehe, kann ich sehen, dass sich die Signal­stär­ke des Netz­wer­kes ver­rin­gert oder ver­grö­ßert, ein nicht sehr star­ker Sen­der. Ich hat­te für einen Moment die Idee, dass viel­leicht über mir in den Bäu­men eine Per­son mit einem Com­pu­ter heim­lich woh­nen könn­te. Ich habe, man wird mich viel­leicht für ver­rückt erklä­ren, geru­fen: Hal­lo! Ist da jemand? Bis­her war mein Rufen ver­geb­lich gewe­sen. Und so sit­ze ich nun ganz still und ver­su­che, mich mit jenem Netz­werk in Ver­bin­dung zu set­zen. Ich habe den Ver­dacht, dass ich bereits beob­ach­tet wer­de. Es ist eine wirk­lich schö­ne Nacht. So fried­lich. — stop
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eine geschichte die mein vater einmal las

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nord­pol : 6.46 — An einem Sonn­tag neu­lich habe ich in Tex­ten gele­sen, die ich wäh­rend der ver­gan­ge­nen Jah­re an genau die­ser Stel­le sen­de­te. Man­che die­ser Tex­te waren mir ver­traut, ande­re wirk­ten, als wären sie von einem Frem­den geschrie­ben. Gemein war ihnen, dass mein Vater sie noch mit eige­nen Augen gele­sen haben könn­te. Wie der alte Mann zu sei­nem Com­pu­ter wan­dert. Wie er auf einer Trep­pe steht, Rede an sein lin­kes Bein: Beweg Dich! Ein­mal rief mein Vater mich an. Ein Text hat­te ihm gefal­len. Es ist eigen­ar­tig, der Text, der mei­nem Vater gefal­len hat­te, erzählt heu­te noch immer die­sel­be Geschich­te und doch ist alles ganz anders gewor­den. Ich hat­te Fol­gen­des notiert: Man stel­le sich ein­mal vor, Papier­tier­chen exis­tier­ten in unse­rer Welt. Nicht etwa Tier­chen, die aus Papier gemacht sind oder ver­gleich­ba­rer Ware, son­dern tat­säch­li­che Lebe­we­sen, die so aus­ge­dacht sind, dass sie sich zu For­men ver­sam­meln, die einer Papier­sei­te ähn­lich sind. Weil die­se Lebe­we­sen, wie ich sie mir gera­de male, sehr klein sein soll­ten, sagen wir in der Flä­che so groß wie die Spit­ze einer Nadel, wür­de ein Maschi­nen­bo­gen von nicht weni­ger als zwei Mil­lio­nen Indi­vi­du­en nach­ge­bil­det sein. Jedes Papier­tier­chen, sicht­bar ganz für sich nur im Licht eines sehr guten Mikro­skops, ist nun von dem Wunsch beseelt, sich mit jeweils vier wei­te­ren Tier­chen, die es schon immer kennt, mit­tels feins­ter Ten­ta­keln zu ver­bin­den oder zu befreun­den, und zwar nur mit die­sen, so dass man von ein­deu­ti­ger Ord­nung spre­chen könn­te, nicht von einer belie­bi­gen Anord­nung. Ja, jedes der klei­nen Wesen für sich spricht von einem urei­ge­nen Ort, den es nie­mals ver­gisst. Sobald alles schön zu einer Sei­te geord­net ist, wer­den mit Licht, mit einem Licht­stift genau­er, Zei­chen gesetzt auf das leben­de Papier, indem man leich­ter Hand wie mit einem Fül­ler schreibt. Wird ein schnee­wei­ßes Tier­chen berührt vom notie­ren­den Licht, nimmt es sogleich die schwar­ze Far­be an und ver­bleibt von die­sem Schwarz, bis es von wei­te­rem Licht berührt wer­den könn­te, einem Licht natür­lich, das sehr stark sein muss, weil doch der Tag oder jede Lam­pe das Zei­chen der Nacht sofort über die Land­schaft der fili­gra­nen Kör­per schrei­ben wür­de. Ich hat­te, wäh­rend ich die­sem Gedan­ken noch auf einer gewöhn­li­chen Com­pu­ter­schreib­ma­schi­ne folg­te, die Idee, dass sie viel­leicht alle sehr schreck­haft sind, also zunächst unvoll­kom­men oder wild, dass sie, zum Bei­spiel, wenn ein Feu­er­wehr­au­to in ihrer Nähe vor­über kom­men soll­te, sofort aus­ein­an­der flie­gen in Panik, sich ver­ste­cken, um jedes für sich oder in grö­ße­ren Grup­pen an den Wän­den mei­ner Zim­mer zu sit­zen. Viel­leicht lun­gern sie auch auf Kaf­fee­tas­sen her­um oder in den Haar­blät­tern eines Ele­fan­ten­fuß­bau­mes, ja, das ist sehr gut denk­bar. Ich wer­de dann war­ten, ruhig und gelas­sen war­ten, bis sie sich wie­der beru­higt haben wer­den und zurück­kom­men, sagen wir nach einer Stun­de oder zwei. Dann wei­ter schrei­ben oder lesen oder den­ken. Und jetzt habe ich einen Kno­ten im Kopf. — stop



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