sierra : 20.08 — Wie im Kurzschlaf die Welt neu geordnet wird. Alle Geschichten erzählen sich, als hätten sie sich über die kühle Hand einer Nacht gefaltet. Jede beginnende Stunde, eine Stunde vor unbekannter Landschaft. — Nachmittags dann begegnet mir im Park wieder einmal ein zentraler Satz des portugiesischen Erzählers António Lobo Antunes. Er sagte, um ein Buch zu schreiben, müsse man etwas riskieren. Ein Schriftsteller, der nichts wage, sei unaufrichtig. Ich spazierte und überlegte, was genau zu unternehmen ist, damit mein Schreiben so gefährlich werden könnte, dass ich von einem Wagnis sprechen dürfte. — Abend jetzt. Kühle Luft. Vor wenigen Minuten die Stimme der Dichterin Edna St. Vincent Millay. Sie liest ihr Poem RECUERDO. We were very tired, we were very merry, We had gone back and forth all night on the ferry. Das feine Dokument aufgehoben. Oder zu mir geholt. stop. Wie auch immer. — stop

Aus der Wörtersammlung: tango
PRÄPARIERSAAL : nachtarbeit
tango : 23.15 — Im Regen mit Tonbandgerät unter dem Schirm am See. Samstag. Augustkastanien fallen aus den Bäumen. Auf den Häuptern der Rotwangenschildkröten, die sich zu meinen Füßen arglos versammeln, als lauschten sie wie ich Magnetkopfstimmen, feuchte Häubchen von Ahornsamen. Kaum ein Mensch unterwegs. Ich dachte für einen Moment, weiß nicht wie das gekommen ist, dass ich an diesem Ort ohne Zeugen sofort den Versuch unternehmen könnte, eine der Schildkröten an ihrem Hals zu packen, sie aus dem Wasser zu heben, um sie zu Hause in der Küche mit einem Meißel zu öffnen. Auf Porzellan gebettet kurz darauf ein Reptilienhäufchen, rosafarben, feinste Streifen Schildkrötenbauches, dessen eigentliche Gestalt ich mir hinter Panzerhäuten liegend zurzeit nicht vorstellen kann. — 22 Uhr 58. Janine erzählt: > Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich nachts aufwachte und den haarlosen Kopf meines Freundes vor mir gesehen habe. Ich erschrak fürchterlich. Ich saß ein paar Minuten senkrecht im Bett, dann bin ich aufgestanden. Wir haben eine sehr schöne Küche. Ich habe von Zeit zu Zeit in der Küche kampiert. Ich habe dort gelernt und manchmal bin ich mit dem Kopf auf dem Anatomieatlas eingeschlafen. Merkwürdig, über wie viel Kraft ich doch verfüge. Ich war beim Tanzen, zweimal wandern in den Bergen, ich habe gepaukt und ich habe mit dem Skalpell gearbeitet. Ich habe vormittags und mittags und Abend für Abend in der Bibliothek gelesen. Und wenn ich nachts in der Küche eingeschlafen bin, dann waren da plötzlich sehr scharfe Bilder in meinem Kopf. Aufblitzende Fotografien, die überfallartig Angst erzeugten. Der geöffnete Mund eines Toten. Sandige Zungen. Ein hoch aufragender, dunkelroter Penis. Das zerteilte und gehäutete Gesicht einer alten Frau. Das war nicht geträumt, ich habe diese Bilder bei vollem Bewusstsein vor mir gesehen. Jetzt kommen sie mich seltener besuchen. — stop

von elefanten und ohren
tango : 20.18 — Ich besuchte im Traum ein Elefantenhaus. Kein gewöhnliches Elefantenhaus, vielmehr einen Ort, den eigenartige Elefanten bewohnten. Das waren nämlich Elefanten ohne jede Falte, sie waren so vornehm gestaltet, als wären sie von Glas geblasen, helle Augen, die sich flink bewegten, peitschende kleine, faltenlose Schwänze, lautlos schwingende, faltenlose Rüssel, riesige haarlose Körper, grau, braun, rosa. Ich saß auf einer Bank in ihrer Nähe. Vögel stürmten unter dem Kuppeldach hin und her. Sobald sie versuchten sich auf dem Rücken eines der Elefantentiere niederzulassen, rutschten sie ab und landeten auf dem Boden. Ein weiterer Vogel saß auf meiner Schulter. Der Vogel war mit einem meiner Ohren beschäftigt, hackte kleinere Portionen aus der Muschel, knurrte zufrieden vor sich hin. Sobald das Ohr, um das sich der kleine Vogel bemühte, verschwunden war, holte ich aus meiner Hosentasche ein neues Ohr, befestigte das Ohr an meinem Kopf, und schon fraß der kleine Vogel weiter vor sich hin. Einmal kostete ich heimlich von einem der Ohren, die sich in meiner Hosentasche befanden. Schmerzen hatte ich keine. — stop

coleoptera somnia — 14 gramm
tango : 6.55 — Äußerst bemerkenswert an der Gattung der Schlafkäfer ist, dass sie unverzüglich vom Himmel stürzen, sobald sie während ihres Fluges erwachen. Warum? — stop

syrischer traum
tango : 6.15 — Ich hatte einen beunruhigenden Traum. In diesem Traum wurde mit Panzern auf protestierende Menschen geschossen. Projektile, groß wie Koffer, flogen durch die Luft. Wenn sie einen Menschen trafen, rotierten Körperteile gegen den Himmel. Überhaupt bewegte sich die Welt in diesem Traum sehr langsam, die Blätter der Bäume, Kinder, die unter Platanen Himmel und Hölle spielten, auch jene fliegenden Eisenkoffer und das Feuer, das aus den Geschützrohren der Panzer trat, alles zur Zeitlupe verzögert. Einmal saß ich auf einer Bank. Ich hielt den Kopf eines Jungen in Händen. Durch ein furchterregendes Loch in der linken Wange des Kindes spähte ich in das tobende Gesicht eines Offiziers. Das alles war mir, noch im Traum befindlich, sehr merkwürdig vorgekommen, weil die singende Stimme eines Kindes in nächster Nähe zu vernehmen gewesen war. — stop

time
tango : 22.01 — Einmal, vielleicht auf Papieren, eine Stadt äußerst langsamer Menschen besuchen, eine Stadt, deren Bürger sich unter rasenden Vögeln, rasenden Wolken, rasenden Straßenbahnen, wie in Zeitlupe bewegen. Jeder Gedanke dort ein Stundengedanke, die Stimmen der Menschen, sonore Linien, ich selbst kaum noch sichtbar, Augen, Arme, Mund, Unschärfen der Luft. — stop
![]()
herzgeschichte
hibiskus : 0.05 — Zu einer Zeit, als meine Mutter noch für mich atmete, bewegte sich zum ersten Mal mein Herz. Bald wurde ich geboren und lernte zu schweigen, zu sitzen, zu stehen und meine Schuhe zu binden, mit Kreide auf eine Tafel zu schreiben und zu lesen, und während ich diese feinen Dinge lernte, schlug immerfort mein Herz. Auch am Tag, als ich sieben Jahre alt wurde, schlug mein Herz so unbemerkt, wie an allen anderen Tagen zuvor, und ich freute mich, weil ich an diesem Tag ein Schachspiel überreicht bekam. Der kleine Junge, der mir dieses Schachspiel schenkte, war nicht zu meinem Fest für Freunde gekommen, stattdessen kam seine Mutter. Sie war blass, nein durchsichtig, sie erzählte, ihr Sohn könne nicht kommen, weil sein Herz sehr schwach geworden sei. Kurze Zeit später starb der Junge, der beinahe mein Freund geworden wäre, an dieser Nachricht. An jenem Abend, am Abend meines kleinen Festes, lebte der kleine Junge noch, und ich dachte an ihn und überlegte, was die Worte ein schwaches Herz vielleicht bedeuteten. Ich lag also auf dem Bett und hatte eine Hand auf die Brust gelegt und spürte den Bewegungen meines Herzens nach. Mit geschlossenen Augen, ich erinnere mich genau, konnte ich Erschütterungen fühlen, eine seltsame Erfahrung. Sehr lange lag ich so rücklings auf dem Bett und dachte, dass mein Herz ein starkes Herz zu sein schien, aber als ich meine Hand zur Seite legte, war mir für einen kurzen Moment, als ob mein Herz stehen geblieben war, weil ich seine Bewegungen nicht länger spüren konnte. Als ich erwachte, wunderte ich mich, dass ich noch immer lebte, obwohl ich mein Herz vergessen hatte während der Nacht. Und jetzt, da ich diese kleine Geschichte notiere, denke ich, dass ich damals vielleicht, an jenem Abend genau, damit begonnen habe, mich zu wundern. Auch heute noch, um viele Jahre älter, wundere ich mich über mein Herz, oder ich wundere mich über Straßenbahnen, dass sie existieren. Ja, sehr gerne wundere ich mich über Straßenbahnen.

adresse insuffisante
tango : 3.03 — Luftpostbriefe, feine, leichte Wesen, kehren in diesen Tagen aus Japan nach Europa zurück. Sie tragen einen Stempelzug: Adresse insuffisante. Seltsam ist, erzählt ein Freund, der mehrfach Briefe dieser Art in Händen gehalten hatte, dass Namen, Orte, Straßen der Empfänger, Brief für Brief mittels schräg geführter Striche gezeichnet worden sind. Es sind immer drei dieser Linien parallel zueinander auf das Papier über die Schrift gesetzt, als wollte man in dieser Weise zur Ansicht bringen, dass dort nichts mehr zu finden ist, keine Stadt, kein Dorf, keine Straße, kein Haus, kein Name, auch keine Hände, den Brief zu öffnen, keine Augen, den Brief zu lesen. stop — Vier Uhr fünfzehn, Dämmerung in Damaskus, Syrien. — stop
![]()
ohren gebraten
![]()
~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : OHREN
In der vergangenen Nacht hab ich von Euch geträumt. Hört zu! Wir spazierten am Atlantik an einem frühen Abend in der Dämmerung. Schnee war gefallen. Eis schindelte in der Bucht vor Coney Island, ein verrücktes Geräusch, eines, das ich nicht beschreiben kann, vielleicht weil das Geräusch so flüchtig gewesen war, dass ich nichts festhalten konnte von seiner Substanz in meiner Erinnerung, obwohl uns das Geräusch über Stunden begleitete. Ihr hattet rote Stiefel an den Füßen und wart in Pelze gewickelt, viel zu groß, sodass man Euch kaum noch sehen konnte. Einmal wachte ich auf, sah mich im Zimmer um, schlief dann sofort weiter, weil ich Euere hellen Stimmen noch hören konnte. Ihr hattet Euch in der Nähe einer fahrbaren Bude in den Schnee gesetzt. Feuer flackerten in Fässern. Unweit lag ein Walfisch im Wasser ohne Haut. Über den Flammen schaukelten Pfannen, in welchen menschliche Ohrmuscheln in der Hitze sausten. Das Krachen, das Knistern des knusprigen Fleisches zwischen unseren Zähnen begleitete mich durch den vergangenen Tag, der ein Tag gewesen war, da ich bald stündlich die Gegenwart meiner Wachohren prüfte. Nie zuvor habe ich mir vorzustellen versucht, wie ich selbst oder meine Ohren, – nein, das ist schon eine ganz andere Geschichte, die ich Euch nur dann erzählen werde, wenn Ihr mir schreiben solltet, dass ihr sie unbedingt hören wollt. Euer Louis, gute Nacht!
gesendet am
27.05.2011
8.48 MESZ
1433 zeichen

blaues heft no 10 — anatomische geschichte
tango : 2.57 – Eine anatomische Geschichte entdeckt. Sie wurde von Daniil Charms geschrieben, und zwar in ein blau eingeschlagenes Heft. Natürlich kann ich nicht sagen, ob es statthaft ist, diese Geschichte an Ort und Stelle in voller Länge wiederzugeben. Ich werde es zunächst tun, und wenn sich jemand daran stören sollte, soll er sich umgehend bei mir melden. Die Geschichte geht so: Es war einmal ein rothaariger Mann, der hatte keine Augen und keine Ohren. Haare hatte er auch keine, sodass man ihn nur bedingt einen Rotschopf nennen konnte. Sprechen konnte er nicht, denn er hatte keinen Mund. Eine Nase hatte er auch nicht. Er hatte nicht einmal Arme und Beine. Und er hatte keinen Bauch, und er hatte keinen Rücken, und er hatte kein Rückgrat, und Eingeweide hatte er auch nicht. Überhaupt nichts hatte er! Sodass man gar nicht versteht, von wem die Rede ist. Besser, wir sprechen nicht mehr von ihm. — stop
![]()


